Die Rolle der Schauspieler/ Schauspielerinnen in Antonin Artauds "Theater der Grausamkeit"


Seminararbeit, 2017
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Antonin Artauds Theater der Grausamkeit
II.I Grausamkeit und wie sie wirkt
II.II Techniken des Theaters der Grausamkeit

III Die Schauspieler_innen im Theater der Grausamkeit
III.I Der_die Schauspieler_in als Marionette
III.II Die Beziehung Schauspieler_in – Zuschauer_in
III.III Gefühlsathletik

IV Conclusio

V Quellenangabe
V.I Primärquelle
V.II Sekundärquellen

I Einleitung

Diese Arbeit soll das Ziel haben, die Theatertheorie Antonin Artauds des Theaters der Grausamkeit vorzustellen, um die Rolle und Funktion der Schauspieler_innen in diesem Theater bestimmen zu können. Dabei wird so vorgegangen, dass im ersten Teil dieser Arbeit ein Überblick über Artauds Theorien und Konzepte gegeben wird, um in den nächsten Punkten im speziellen die Charakteristika, Ziele und angewandten Techniken des Théâtre de la cruauté herauszuarbeiten. Als Primärquelle werden hierbei seine Aufsätze aus dem Werk „Le théâtre et son double“ verwendet. Erst nach dieser Untersuchung ist es möglich, in den abschließenden Kapiteln dieser Arbeit die Rolle der Schauspieler_innen auszumachen und an Artauds Theorien festzumachen. Gefragt wird hierbei nach deren Techniken und besonders der damit einhergehenden Wirkungserzeugung den Zuschauer_innen gegenüber: Wie können Schauspieler_innen Theater der Grausamkeit umsetzen?

II Antonin Artauds Theater der Grausamkeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand sich Europa in einer regelrechten Kulturkrise wieder: ein radikaler kultureller Wandel auf Grund der Industrialisierung im 19. Jahrhundert statt, die das Alltagsleben umwälzte. Wahrnehmung, Verhalten sowie Denk- und Handlungsmuster wurden neu erfunden und spiegelten sich so auch in den künstlerischen Bewegungen wieder.[1]

Auch Antonin Artaud fand innerhalb dieses Umschwungs die Wurzeln seiner neuen Theatertheorien: Artauds Theaterreformen entstanden aus seinem Wunsch und der Forderung heraus, die Vorstellung der Meisterwerke des Theaters, „die einer sogenannten Elite vorbehalten sind und die die Menge nicht versteht“[2], zu verwerfen und Theater zu etwas Zugänglichem, Unmittelbaren und dem Volk Entsprechendem zu machen.[3] Es galt, semiotische Systeme und deren Verwendung zu reformieren, um die Menschen zurück zu ihrer Vollkommenheit zu führen und sie aus der Krise zu befreien. Das Publikum soll in allen seinen Sinnen angesprochen werden.[4]

Der Schauspieler soll seine Gefühle nicht über das Wort, sondern über Schrei und Atem zum Ausdruck bringen. Im Körper des Zuschauers sollten dieselben Punkte angesprochen werden, an denen sich die Gefühle im Körper des Schauspielers äußerten.[5]

Artaud kritisiert vor allem die literarische Festlegung des Theaters, die nicht mehr der Zeit entspreche. Dem Publikum sei antrainiert worden, Theater sei erzählende Lüge und Illusion – und das seit der Renaissance. Theater errege nicht mehr und hinterlasse, vor allem auf Grund der strikten Trennung von Schauspiel und Publikum, keinen Eindruck. Es gehe nur noch um die Kunst der Kunst willen, den voyeuristischen Akt des Publikums für die Dauer der Vorstellung. Artaud will weg von dieser geschriebenen Poesie, die dem Theater bis dahin inne ist und schlägt daher eine neue Form des Theaters, das Theater der Grausamkeit, vor.

II.I Grausamkeit und wie sie wirkt

Bei der Manie, alles herabzusetzen, die wir heutzutage allesamt haben, hat das Wort ‚Grausamkeit‘ (…) für jedermann so viel wie ‚Blut‘ bedeutet. Doch ‚ Theater der Grausamkeit ‘ bedeutet zunächst Theater, das für mich selbst schwierig und grausam ist.[6]

Die Grausamkeit steht nicht für physische Grausamkeit, die untereinander angetan werden kann. Artaud meint eine metaphysische Grausamkeit,

(…) welche die Dinge uns gegenüber üben können. Wir sind nicht frei. Und noch kann uns der Himmel über den Kopf fallen. Und das Theater ist dazu da, uns zunächst einmal dies beizubringen.[7]

Theater soll als Wirklichkeit bestimmt sein, in der reale Aktionen passieren und ausgeführt werden. Wirklichkeit sei grausam, wodurch auch die künstlerische Darstellung grausam gestaltet werden soll.[8] Die grausame Wirklichkeit, dass Menschen nicht frei sind, gilt es ihnen vor Augen zu halten: ihr Dasein ist eingeschränkt durch Gefühle wie Hilflosigkeit, Angst und Hass. Theater soll wachrütteln und berühren, auf allen Sinnesebenen, und so als Seelentherapie für immer in uns inne bleiben. Theater der Grausamkeit bedarf sich an der Grenzerfahrung zwischen (Schau-)spiel und Wirklichkeit, was Theater zu einem Moment des Lebens macht.[9] „Das heißt: zwischen Theater und Leben wird es keine reinliche Scheidung, keine Unterbrechung mehr geben.“[10]

II.II Techniken des Theaters der Grausamkeit

Artaud schlägt für die Umsetzung unter anderem vor, die Methode der Psychoanalyse anzuwenden, in welcher die zu behandelnde Person „die äußere Haltung desjenigen Zustandes einnehmen muß [sic!], in den man ihn zurückführen möchte“[11]. Es gilt also, das Publikum bis zu diesem Stadium zu berühren. Dies soll mit Hilfe der kommunikativen Kraft der Gebärde passieren, die das Publikum zum Teil des Organismus macht und die Grausamkeit miterfahren lässt. Artaud bringt hierbei den Vergleich auf, dass Musik nicht etwa auf Schlangen wirkt, weil sie geistig Vorstellungen hervorruft, sondern weil die Schlangen die Schallwellen über die Erde spüren und so Teil des Organismus werden – wie das Publikum im Theater der Grausamkeit.[12]

Angestrebt wird dieser Vorgang vor allem durch Artauds neue, ausgedehnte Definition der Sprache, und zwar der Literatur entzogen, auf der Bühne. Diese soll sich als eine „Art von Sprache zwischen Gebärde und Denken wieder[…]finden“[13], welche sich aus dem gesamten (Theater)raum zusammensetzt. Artaud spricht hier von den Elementen der Laute, der Haltung, der Gegenstände, des Lichts und der Figuren. All diese Organe der Sprache bilden ein symbolisches Konstrukt, das Artaud mit Hieroglyphen vergleicht, das es zum Ziel hat, eine Metaphysik zu erschaffen.[14] Den Sprachorganen schreibt Artaud spezielle Charakteristika und Aufgaben zu. So sollen Musikinstrumente ihre Anwendung im Dingzustand finden oder Klänge produzieren, die als ungewohnt empfunden werden. Keine Dekoration soll es geben, sondern Gegenstände, Kostüme und überdimensionale Puppen, die als Symbole dienen, welche wiederum eine Art Verfremdung hervorrufen sollen, aus dem das bereits genannte Wachrütteln der Zuschauer_innen resultieren soll.[15]

Wir gedenken das Theater vor allem auf das Schauspiel zu stellen, und in das Schauspiel werden wir einen neuen Begriff von angewandtem Raum auf allen möglichen Ebenen und allen Stufen der Perspektive oben wie unten einführen.[16]

Als Instrumente dieses Schauspiels dienen die Schauspieler_innen als personnages hiéroglyphes[17] (Symbolfiguren), die durch Gestik und Mimik eine impulsive, instinktive Semiotik des Körpers sprechen, was sie zum depersonalisierten Organ des Theaters der Grausamkeit machen.[18]

III Die Schauspieler_innen im Theater der Grausamkeit

Dass dem_der Schauspieler_in in Artauds Theater der Grausamkeit eine bedeutende Rolle zugeschrieben wird, wurde bereits in den ersten Kapiteln ersichtlich: Er_sie wird als das Instrument des Regisseurs_der Regisseurin betrachtet und erlangt durch die gegebene Lebendigkeit einen Sonderstatus in der Sprache des Theaters der Grausamkeit. Im Folgenden wird die Rolle der Schauspieler_innen und deren Funktion in Hinsicht auf verschiedene Aspekte genauer betrachtet.

[...]


[1] Vgl. FISCHER-LICHTE, Erika (Hg.in): TheaterAvantgarde. Wahrnehmung – Körper – Sprache, Tübingen; Basel: Franke 1995, S. 1.

[2] ARTAUD, Antonin: Das Theater und sein Double, übersetzt ins Deutsche von Gerd Henning, Frankfurt/Main: S. Fischer 1969, S. 79.

[3] Vgl. Ebd. S. 79.

[4] Vgl. SUGIERA, Malgorzata: „Artaud und Witkiewicz. Zwei Theatermodelle des 20. Jahrhunderts“, in: Fischer-Lichte, Erika (Hg.in): TheaterAvantgarde. Wahrnehmung – Körper – Sprache, Tübingen; Basel: Franke 1995, S. 369-371.

[5] Ebd. S. 374.

[6] ARTAUD 1969, S. 84f.

[7] Ebd. S. 85.

[8] HOCKE, Thomas: „Artaud und Weiss. Untersuchung zur theoretischen Konzeption des ‚Theaters der Grausamkeit‘ und ihrer praktischen Wirksamkeit in Peter Weiss‘ ‚Marat/Sade‘“, Diss. Freie Universität Berlin, Philosophie und Sozialwissenschaften 1977, S. 30.

[9] Vgl. ARTAUD 1969, S. 89-93.

[10] Ebd. S. 135.

[11] ARTAUD 1969, S. 86.

[12] Vgl. Ebd. S. 79-87.

[13] Ebd. S. 95.

[14] Vgl. Ebd. S. 96.

[15] Vgl. Ebd. 102f.

[16] Ebd. S. 133.

[17] BLÜHER, Karl Alfred: Antonin Artaud und das ‚Nouveau Théâtre‘ in Frankreich, Tübingen: Gunter Narr Verlag 1991, S. 89.

[18] Vgl. ARTAUD 1969, S. 140.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Schauspieler/ Schauspielerinnen in Antonin Artauds "Theater der Grausamkeit"
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V375613
ISBN (eBook)
9783668545991
ISBN (Buch)
9783668546004
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antonin Artaud, Theater der Grausamkeit, Theatertheorie, Schauspieler, Schauspielerinnen, Techniken des Théâtre de la cruauté, Le théâtre et son double
Arbeit zitieren
Susanna Herman (Autor), 2017, Die Rolle der Schauspieler/ Schauspielerinnen in Antonin Artauds "Theater der Grausamkeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375613

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Rolle der Schauspieler/ Schauspielerinnen in Antonin Artauds "Theater der Grausamkeit"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden