Adliges Selbstverständnis und Verarmung von Adelsfamilien zu Zeiten höfischer Ideale


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung ... 3
2. Das adlige Selbstverständnis zu Zeiten höfischer Ideale ... 6
2.1. Finanzielle Anforderungen an den Adel am Beispiel des Hofzeremoniells ... 7
2.2 Mahnungen zur wirtschaftlichen Vernunft in von Hohbergs ,,Georgica Curiosa Aucta"
... 10
3. Folgen der am höfischen Ideal orientierten Lebensweise ... 12
4. Fazit ... 15
5. Anhang: Quellen- und Literaturverzeichnis ... 17

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1. Einleitung
,,Armer Adel" ­ dies mag zuerst anmuten wie ein Paradoxon, assoziiert man mit dem Adel doch
primär einen extravaganten Lebensstil, der ein Bild von beeindruckenden Anwesen, einer gro-
ßen Dienerschaft, kostspieligen Kunstsammlungen und exklusiver Kleidung hervorruft.
Kurz gesagt: Der Adel als elitärer Stand steht im Allgemeinen für Privilegien und einen dis-
tinktiven Lebensstil, durch den er seine Stellung gegenüber anderen Gesellschaftsschichten
zum Ausdruck bringt.
Aus diesem Grund erscheint es wenig überraschend, dass in der Adelsforschung vielfach über
adlige Eliten geschrieben wird, welche sich auch nach dem Ende der Ständegesellschaft auf ihr
Selbstverständnis beriefen und bei der Unternehmung, ihre exklusive Stellung beizubehalten,
reüssierten.
1
Verschiedene Beispiele lassen erkennen, dass es einem Großteil der Adligen gelang, als erfolg-
reiche Gutsbesitzer zu agieren, die von Agrarkonjunkturen und den wirtschaftlichen Auf-
schwüngen in der Frühen Neuzeit profitierten, sich erfolgreich im Bergbau engagierten, hohe
Verwaltungsämter bekleideten oder als Kreditgeber für Landesherren fungierten und somit ihre
Stellung behaupteten.
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Jedoch gerät vielfach aus dem Blickfeld, dass Armut im Adel mindestens genauso verbreitet
war, wie Reichtum. Das Bestehen der Ständegesellschaft legte dem Adel Verpflichtungen auf,
wie das Verbot der Ausübung bürgerlicher Berufe. Gerade zu Zeiten sich wandelnder Rahmen-
bedingungen, wie beispielsweise während des sogenannten Merkantilismus des späten 17. Jahr-
hunderts, reichten die traditionellen Einkommensquellen des Adels nicht mehr aus, was nega-
tive finanzielle Auswirkungen zur Folge hatte.
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Der Adel war jedoch trotzdem darauf bedacht, seine exklusive Stellung aufrecht zu erhalten
und um sich weiterhin von anderen Ständen distinguieren zu können, gerade zu Zeiten vorherr-
schender höfischer Ideale, stellte er einen standesgemäßen Lebensstil vor ökonomische
Vornunft.
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1
Vgl.: Braun, Rudolf: Konzeptionelle Bemerkungen zum Obenbleiben: Adel im 19. Jahrhundert, in: Wehler,
Hans-Ulrich (Hg.): Europäischer Adel 1750-1950, Göttingen 1990, S. 87-95.
2
Vgl.: Schirmer, Uwe: Der Adel in Sachsen am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Frühen Neuzeit. Be-
obachtungen zu seiner Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft, in: Keller, Katrin (Hg.): Geschichte des sächsi-
schen Adels, Köln u.a. 1997, S. 53-70.
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Vgl.: Stollberg-Rilinger, Barbara: Handelsgeist und Adelsethos. Zur Diskussion um das Handelsverbot für den
deutschen Adel vom 16. Jahrhundert bis zum 18. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Historische Forschung 15 (1988),
S. 273-309.
4
Vgl.: Sikora, Michael: Der Adel in der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2009, S. 113-114.

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Im Kontext der Forschung zu adligen Eliten kommt die Frage auf, warum Armut einige Adels-
familien traf. Inwiefern war das adlige Selbstverständnis in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun-
derts ein Indikator für die Verarmung zahlreicher Adelsfamilien? Welche Rolle spielten die
höfischen Ideale mit ihrem Anspruch eines aufwendigen Lebensstils oder die gesellschaftlichen
Konventionen, wie das Ausübungsverbot bürgerlicher Berufe im Adel, bei der Verarmung des-
sen?
In der Adelsforschung wird das Thema ,,Armer Adel" im Gegensatz zur adligen Elitenbildung
weniger ausführlich behandelt, sodass benannte Thematik zwar berücksichtigt wird, jedoch zu
den Forschungen über einflussreiche und wohlhabende Adelsfamilien eine Minderheit dar-
stellt. Barbara Stollberg-Rilinger macht in ihrem Aufsatz deutlich, dass sich das Handelsverbot
aus finanzieller Sicht negativ auf den Adel auswirkte, da seine traditionellen Einnahmequellen
aufgrund sich wandelnder Rahmenbedingungen nicht mehr ausreichten. Überdies erläutert
diese, dass das Selbstverständnis den Adel dazu verleitete, Handel ausschließlich zur Deckung
der Kosten für die Aufrechterhaltung seines Guts zu verwenden, jedoch nicht zur Erzielung von
Gewinn, was zu Zeiten höfischer Ideale, während der die finanziellen Anforderungen an den
Adel immens anstiegen, enorme Belastungen bedeutete.
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Jedoch geht diese nicht speziell auf
die Verarmung adliger Familien ein und gibt keinen detaillierten Einblick darüber, wie diese
damit umgingen.
Ronald G. Asch wird in seinen Ausführungen expliziter und stellt ebenfalls die adlige Denk-
weise, gekennzeichnet durch eine verschwenderische Lebensweise, hohe Investitionen in den
Schlösserbau oder in teure Kunstsammlungen, heraus.
Zu konstatieren bleibt jedoch auch hier, dass möglich Folgen der Armut lediglich allgemein
angerissen werden und es keine ausführliche Vorstellung darüber gibt, was genau die Folgen
der Verarmung waren und wie sie sich auf das Leben der betroffenen Adelsfamilien auswirkten.
Allerdings verschafft Asch einen guten Einblick über adlige Denkweisen und stellt steigende
finanzielle Anforderungen aufgrund des höfischen Ideals in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun-
derts heraus.
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Die Armut im Allgemeinen erweist sich hingegen als weitaus detaillierter er-
forscht und die Forschungsliteratur gibt somit auch einen guten Einblick in die Armut der Frü-
hen Neuzeit, jedoch wird der Adel in diesem Forschungsfeld nicht berücksichtigt.
7
5
Vgl.: Stollberg-Rilinger, Handelsgeist und Adelsethos, S. 273-309.
6
Vgl.: Asch, Ronald G.: Ständische Stellung und Selbstverständnis des Adels im 17. und 18. Jahrhundert, in: ders.
(Hg.): Der europäische Adel im Ancien Régime. Von der Krise der ständischen Monarchien bis zur Revolution
(ca. 1600-1789), Köln u.a. 2001, S. 3-45.
7
Vgl.: Sachße, Christoph / Tennstedt, Florian (Hg.): Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 1: Vom
Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, 2., verb. und erw. Auflage, Stuttgart 1998.

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Im Folgenden soll die Fragestellung dadurch beantwortet werden, indem ein Einblick in adlige
Lebensweisen gegeben wird und das adlige Selbstverständnis sowie der damit verbundene fi-
nanzielle Aufwand unter anderem anhand der Vorgaben für adlige Kavaliere in Julius Bernhard
von Rohrs ,,Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der Privat-Personen" herausgearbeitet
werden. Von Rohr gibt genaue Einblicke über die Erwartungen an Adelsträger und den damit
verbundenen Aufwand. Eine grundlegende Verpflichtung des Adels bestand beispielsweise da-
rin, sein Vermögen bedenkenlos in distinktive Mittel, unter anderem Kleidung, zu investieren,
um dem Landesherren gegenüber und seinem Stand entsprechend aufzutreten.
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Ziel der Arbeit ist es folglich, aufzuzeigen, dass Armut im Adel von weitaus größerer Bedeu-
tungen war, als bislang in der Forschung berücksichtigt. Es soll herausgearbeitet werden, dass
das adlige Selbstverständnis zu Zeiten vorherrschender höfischer Ideale zur Überschuldung vie-
ler Adelsfamilien führte und gerade reichsunmittelbare Niederadlige, wie der Graf von Mont-
fort, aufgrund des Selbstverständnisses immensen finanziellen Belastungen ausgesetzt waren,
die sie existenziell bedrohten.
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Darüber hinaus soll aufgezeigt werden, dass neben den hohen Anforderungen, wie sie in von
Rohrs Werk skizziert werden, auch gegenteilige Modelle gibt, die auf eine vorausschauende
und optimale Bewirtschaftung des adligen Landguts gerichtet sind und Ratschläge für die Ver-
meidung von Armut erteilen. Dies geschieht unter Zuhilfenahme der ,,Georgica Curiosa Aucta"
von Wolf Helmhardt von Hohberg.
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Vgl.: Rohr, Julius Bernhard von: Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der Privat-Personen, Welche Die
allgemeinen Regeln/ die bey der Mode, den Titulaturen, dem Range, den Complimens, den Geberden, und bey
Höfen überhaupt, als auch bey den geistl. Handlungen, in der Conversation, bey der Correspondenz, bey Visi-
ten,Assambleen, Spielen, Umgang mit Dames, Gastereyen, Divertissemens, Ausmeublirung der Zimmer, Klei-
dung, Equipage u.s.w. Insonderheit dem Wohlstand nach von einem jungen teutschen Cavalier in Obacht zu neh-
men, vorträgt, Einige Fehler entdecket und verbessert, und sie hin und wieder mit einigen moralischen und histo-
rischen Anmerckungen begleitet, Berlin 1728.
9
Vgl.: Hermann, Susanne: Die Durchführung von Schuldenverfahren im Rahmen kaiserlicher Debitkommissionen
im 18. Jahrhundert am Beispiel des Debitwesens der Grafen Montfort, in: Sellert, Wolfgang (Hg.): Reichshofrat
und Reichskammergericht. Ein Konkurrenzverhältnis, Köln u.a. 1999, S. 111-129.
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Vgl.: Hohberg, Wolf Helmhardt von: Georgica Curiosa Aucta. Das ist: Umständlicher Bericht und klarer
Unterricht Von dem Adelichen Land- und Feld-Leben/ Auf alle in Teutschland übliche Land- und Haus-
Wirthschaften gerichtet/ hin und wieder mit vielen untermengten raren Erfindungen und Experimenten
versehen/ einer mercklichen Anzahl schöner Kupfer gezieret/ und in Zweyen absonderlichen Theilen/ deren
jeder in Sechs Büchern bestehet/ vorgestellt: Also und dergestalt/ daß in dem Ersten Theil Der Landgüter
Zugehörungen und Beobachtungen/ wie sich Christliche Hausvätter und Hausmütter in ihrem gantzen
Beruff . Durch ein Mitglied der Hochlöbl. Fruchtbringenden Gesellschafft aus Liecht gegeben, Nürnberg
1687.

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Die Arbeit endet mit einer Reflektion über die herausgearbeiteten Erkenntnisse, welche in ei-
nem Fazit zueinander in Beziehung gesetzt werden.
2. Das adlige Selbstverständnis zu Zeiten höfischer Ideale
Während die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts durch kriegerische Auseinandersetzungen, unter
anderem dem Dreißigjährigen Krieg von 1618-1648, geprägt war, boten sich dem Adel bei-
spielsweise Karrierechancen im Militärapparat, um seine Stellung im Ständesystem zu definie-
ren. Nach besagten Kriegszeiten jedoch, also während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts,
ist aufgrund des kulturellen Wandels hin zum höfischen Ideal auch eine Auswirkung auf das
adlige Selbstverständnis zu erkennen. Verwiesen im 16. Jahrhundert ein großes Anwesen sowie
eine große Dienerschaft auf eine hohe soziale Stellung, so galt dies nun als ein Mittel der Re-
präsentation und zur Deutlichmachung der Zugehörigkeit zum adligen Stand.
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Infolgedessen war es von zunehmender Bedeutung, seinen Status durch Bildung, also in Form
von Bibliotheken, oder durch die Anschaffung exklusiver Kunstsammlungen zum Ausdruck zu
bringen.
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Die Ausstrahlungskraft höfischer Ideale, wie Versailles oder auch die Habsburger Monarchie
sie darstellten, verleiteten auch einen Großteil des Landadels dazu, sich dieser Lebenswelt an-
zupassen und seine regionale Bindung gegen einen dem höfischen Ideal angepassten Lebensstil
zu tauschen. Dies vollzog sich unter anderem darin, dass auch die Landadligen sich zusehends
an der Kultur der Hauptstadt orientierten und dementsprechend ihren Lebensstil ausrichteten,
zu erkennen unter anderen am Bau von Schlössern, die nach höfischen Vorbild errichtet wurden
und somit auch die Kultur der Hauptstadt in ländlichen Regionen sichtbar machten.
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Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Distinktion gegenüber nichtadligen Schichten an
Bedeutung erlangte, sodass Räumlichkeiten der bäuerlichen Bediensteten in beachtlicher Dis-
tanz zum Anwesen errichtet wurden und große Parks den adligen Wohnsitz vom umliegenden
Dorf trennten. Überdies wurden höfische Verhaltensweisen in den Alltag des Landadels inte-
griert, um sich verstärkt von den bäuerlichen Bediensteten abzugrenzen.
4
Das adlige Selbstverständnis zeichnete sich somit dadurch aus, dass es den Angehörigen dieses
Standes ein aufwendiges Leben vorschrieb und primär zum Ziel hatte, die Zugehörigkeit zu
1
Vgl.: Asch, Ronald. G.: Ständische Stellung und Selbstverständnis des Adels im 17. und 18. Jahrhundert, S. 17-
20.
2
Vgl.: Ebd., S. 21.
3
Vgl.: Ebd.: S. 24.
4
Vgl.: Ebd., S. 24-25.
Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Adliges Selbstverständnis und Verarmung von Adelsfamilien zu Zeiten höfischer Ideale
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V375639
ISBN (eBook)
9783668529939
ISBN (Buch)
9783668529946
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
adliges, selbstverständnis, verarmung, adelsfamilien, zeiten, ideale
Arbeit zitieren
Florian Wilhelm (Autor:in), 2016, Adliges Selbstverständnis und Verarmung von Adelsfamilien zu Zeiten höfischer Ideale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375639

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