Weibliche Heldinnen im Märchen. "Finette Cendron" von Madame d'Aulnoy und "Cendrillon" von Charles Perrault im Vergleich


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...1
2. Theoretischer Hintergrund...2
2.1 Gesellschaft und Literatur im siècle classique...2
2.2 Das Frauenbild im klassischen Zeitalter...3
3. Inhaltliche Gegenüberstellung der beiden Versionen...5
3.1 Perraults Cendrillon ou la petite pantoufle de verre...5
3.2 Madame d'Aulnoys Finette Cendron ...7
4. Vergleichende Analyse...9
4.1. Familiäre Verhältnisse und soziales Milieu...9
4.2. Entwicklung und psychologische Ausgestaltung der Protagonistinnen ...10
4.3. Implizite und explizite Moral...12
5. Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit...14
6. Literaturverzeichnis...15

1. Einleitung
Eine Arbeit, die es sich zur Aufgabe macht, zwei Versionen desselben Märchens zu
vergleichen, tut gut daran, zunächst einmal zu klären, was genau ein Märchen überhaupt ist.
Das Märchen, ob als Begriff oder als Konzept, ist wohl einem jedem im Laufe seines Lebens
schon begegnet und es kann davon ausgegangen werden, dass man bei der Frage nach einer
Definition zumindest im europäischen Raum dank der Gebrüder Grimm auf recht einheitliche
Antworten stoßen wird. André Jolles lässt sich in seiner Studie Einfache Formen gar dazu
hinreißen, zu behaupten ,,[...] ein Märchen [sei] eine Erzählung oder eine Geschichte, in der
Art wie sie die Gebrüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen zusammengestellt
haben."
1
Es handelt sich also um eine kleine, formelhafte Erzählung (,,Es war einmal"/ ,,il
était une fois") mit einem klaren, linearen Bau, in welcher der Fokus in aller Regel auf einer
einzigen Person liegt. Zu Beginn wird eine Problemsituation geschildert, die im Laufe der
Handlung durch diese Hauptperson und durch die Hilfe wunderbarer und magischer Elemente
gelöst wird. Das Künstlich-Fiktive, das Nebeneinander von Wirklichkeit und
Nichtwirklichkeit, welches das Märchen von Berichten über tatsächlich Geschehenes
abgrenzt, Leichtigkeit, Linearität und das Gegenüberstellen von Gut und Böse, welches ein
belehrendes Element ergibt, zählen zu den grundsätzlichen Eigenschaften von Märchen
2
, wie
die Gebrüder Grimm sie in ihren Sammlungen verfasst haben. Doch schon lange bevor die
Gebrüder Grimm an ihrer Märchensammlung arbeiteten, entwickelte sich in Frankreich
bereits im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts mit Marie-Catherine d'Aulnoy und Charles
Perrault eine Bewegung, durch welche sich das Märchen als aktuelle Gattung und
Unterhaltungsliteratur etablieren konnte.
3
Obwohl Perrault und d'Aulnoy in etwa zur gleichen
Zeit schrieben, bestehen zwischen den Erzählungen der beiden erhebliche Unterschiede,
welche im später folgenden Vergleich unter besonderer Berücksichtigung des jeweils
zugrundeliegenden Frauenbildes untersucht werden sollen.
Um diesen Vergleich der beiden unterschiedlichen Versionen des Aschenputtel-Märchens von
Madame d'Aulnoy und Charles Perrault auf einen fruchtbaren Boden zu stellen, soll im
folgenden theoretischen Teil dieser Arbeit zunächst auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund
1 Jolles, André: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz
Tübingen (1982), S. 213.
2 Vgl. Lüthi, Max: Märchen (1996), S. 1ff.
3 Vgl. Hühn, Hemut/Matuschek, Stefan: Das aufgeklärte Märchen: Eine europäische Erfolgsgattung von Mme
d'Aulnoy und Perrault bis zu den Gebrüdern Grimm. In: Fabula 55 (2004), S. 2.
1

der französischen Klassik und seine wichtigsten Aspekte eingegangen werden. Besonders im
Fokus steht hier das derzeit herrschende Frauenbild und die generelle Rolle der Frau im
klassischen Jahrhundert in Frankreich. Der im Hauptteil folgende Vergleich der beiden
Märchen folgt der Leitfrage, inwiefern die beiden Schriftsteller das Frauenbild innerhalb ihrer
Märchen verarbeiten und an welche Art von Publikum sich diese Erzählungen richten.
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Gesellschaft und Literatur im siècle classique
Helga Krüger stellt in ihrer Studie zu Charles Perrault und seinen Märchen fest, dass ,,das
Märchen nicht nur durch den Zugriff des analytischen Forschers, sondern in ebenso starkem
Maße durch den Märchenerzähler sowie das zuhörende Publikum assoziativ aufgefüllt wird,"
4
weshalb eine Interpretation folglich in extremem Maße von der Erzählsituation abhängig ist.
Um also den später folgenden Vergleich der beiden Aschenputtel-Märchen von Charles
Perrault und Marie-Catherine d'Aulnoy, die beide zur Zeit der französischen Klassik wirkten,
zu gewährleisten, wird es an dieser Stelle notwendig, den zeitgeschichtlichen Hintergrund und
die damals herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse genauer zu betrachten. Durch welche
Eigenschaften zeichnet sich die aristokratische Gesellschaft um Ludwig XIV also aus? Eines
der zentralen Merkmale dieses Zeitalters war die veränderte Stellung des Adels gegenüber
dem König. Nachdem sich die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Adel unter der
Regierung Heinrich IV verschärft hatte und die Fronde zusammenbrach, war die
Vorherrschaft des Königtums gegenüber dem Adel als zentrale Macht endgültig errungen.
Laut Bergner bedeutete die Verhofung als sozialer Prozess ,,die königliche Strategie, den Adel
zwecks besserer Kontrolle an einem zentralen Ort, dem Königshof, zu konzentrieren."
5
Diese
hohe Konzentration adeliger Männer und Frauen an ein und demselben Ort und deren Zwang
zur friedlichen Koexistenz führte laut Bergner sowohl zur Verfeinerung der sozialen
Umgangsformen, als auch zu der Entwicklung eines neuen elitären Gesellschaftsideals,
welches rational beherrschte und ästhetisch gefällige Umgangsformen verlangte.
6
Diese
Rationalität wird schließlich zum Kennzeichen schlechthin des klassischen Zeitalters und
entwickelt sich zu dem epochentypischen Ideal der honnêteté. Es meint primär
4 Krüger, Helga: Die Märchen von Charles Perrault und seine Leser (1969), S. 29.
5 Bergner, Georg: Gesellschaft und Moral der Klassik im Spiegel der ,,Princesse de Clèves" von Mme de La
Fayette (1988), S. 17.
6 Vgl. Bergner, S. 17.
2

,,Anständigkeit, Schicklichkeit und Rechtschaffenheit",
7
sei aber laut Grimm nicht eindeutig
zu definieren, da sich ,,hinter diese[m] schillernde[n] Begriff die komplexe
Entwicklungsgeschichte eines idealtypischen gesellschaftlichen Verhaltens innerhalb eines
langen, bewegten historischen Zeitraums"
8
verberge. Geprägt wurde das Konzept und der
jenes umschreibende Begriff durch Nicolas Faret, der in seinem Handbuch L'honnête homme
ou L'art de plaire à la cour praktische Ratschläge für den sozialen Aufstieg am Hof gibt
9
und
eine Reihe von Eigenschaften beschreibt, die den honnête homme auszeichnen. Als die
zentrale Kategorie seines honnêteté Konzepts erweist sich das plaire des Hofmenschens, also
das allgemeine Gefallen seiner Mitmenschen, welches ihm erst durch diese Anpassung einen
sozialen Aufstieg ermöglicht. Ein ähnlich strenges Konzept, welches auf das plaire abzielt,
lässt sich auch für die Literatur beobachten. Die sogenannte doctrine classique, dessen für
Kunst und Literatur geltenden Normen besonders anschaulich in Nicolas Boileaus Werk Art
poétique (1674) zusammengefasst sind, bildet einen Regelkanon, der auf das Prinzip der
clarté abzielt. Literatur hatte hiernach den Regeln der vraisemblance (Wahrscheinlichkeit)
und der bienséance (Angemessenheit) zu folgen, um im Sinne der Klarheit und Einheit
Unwahrscheinliches und Abstruses ebenso wie Ungehöriges und Unmoralisches zu
verwerfen
10
. Die gesellschaftliche Funktion dieser Regelpoetik liegt im plaire et instruire
(gefallen und belehren), wobei das plaire als Mittel zur Erreichung des instruire zu betrachten
ist. So wird die Aussage der Dichtung als das Wesentliche bestimmt, welchem sich das
Ästhetische unterordnet.
11
2.2 Das Frauenbild im klassischen Zeitalter
Im folgenden Kapitel dieser Arbeit soll das Frauenbild, welches zu der oben beschriebenen
Zeit galt, und die Entwicklung dessen Veränderung beschrieben werden. Einen
entscheidenden Impuls zur Veränderung des traditionellen misogynen Frauenbildes
12
gibt die
sich besonders im klassischen Zeitalter herausbildende Salonkultur, die außerdem auch
,,wichtige Aspekte der Literatur und Kultur des >grand siecle,"
13
wie auch jenen des
7 Grimm, Jürgen: Das >klassische Jahrhundert. In: Grimm, Jürgen (Hg.): Französische Literaturgeschichte
(1999), S. 142.
8 Grimm, Jürgen: Französische Klassik (2005), S. 143.
9 Vgl. Ebd.
10 Stackelberg von, Jürgen: Kleine Geschichte der französischen Literatur (1990), S. 48.
11 Vgl. Grimm (2005), S. 170.
12 Vgl. Grewe, Andrea: Die französische Klassik. Literatur, Gesellschaft und Kultur des 17. Jahrhunderts
(1998), S. 53.
13 Grimm 2005, S. 122.
3

honnêteté-Ideals, entscheidend förderte und prägte. In diesen, vornehmlich von Frauen
betriebenen Salons, tummelten sich die einflussreichsten Schriftsteller des Zeitalters und es
wurde diskutiert ,,über literarische Neuerscheinungen, Fragen der Lebensführung, die Stellung
der Frau in der Gesellschaft und über Kindererziehung."
14
Auch unsere Schriftstellerin Marie-
Catherine d'Aulnoy zählte zu den Gästen dieser Salons. Die Salonkultur hat nun insofern
einen tiefen Einfluss auf das Frauenbild, als die Frau hier ,,die Möglichkeit erhält, am
kulturellen Leben teilzunehmen, sich selbst dadurch zu bilden ­ bis hin zur eigenen
schriftstellerischen Tätigkeit ­ und ihrerseits Einfluss auf die kulturelle Entwicklung
auszuüben."
15
Trotz alledem ist die, wie Grimm betont, seit dem Mittelalter bestehende
>querelle des femmes noch nicht entschieden.
16
In diesem Streit um die gesellschaftliche
Stellung der Frau wird sie ,,unter Rückbezug auf den biblischen Schöpfungsmythos [...] dem
Mann untergeordnet, gleichgestellt oder gar übergeordnet, mehrheitlich jedoch als
minderwertiges, hinterhältiges, des Denkens unfähiges Wesen diskreditiert."
17
Das typische
Frauenbild der Epoche wird von François de Grenaille in seinem Traktat L'honnête fille
(1639) entworfen, welches sich wie der Titel bereits suggeriert, an dem weiter oben
beschriebenen honnêteté-Ideal von Nicolas Faret orientiert. Diesem zufolge ist die honnête
femme die jugendliche Variante einer sich den Normen der bienséance anpassenden Frau, die
weitestgehend auf individuelle Bedürfnisse verzichtet.
18
Höfer und Reichardt betonen jedoch,
dass bei dem Versuch,
,,
das männliche Kulturideal des honnête homme auf die Frau zu übertragen, ihre Fixierung auf
Heirat und Haushalt zu lockern, stattdessen ihrer Leistungsfähigkeit in Musik, Philosophie,
Geschichte und Literatur Geltung zu verschaffen, so wurde die honnête femme doch stärker als
ihre männliche Entsprechung auf Frömmigkeit, Keuschheit und Sittsamkeit, also die traditionelle
Frauenrolle verpflichtet und konnte sich nicht als gleichberechtigtes Leitbild neben dem honnête
homme durchsetzen."
19
14 Ebd., S. 125.
15 Grewe, S. 53.
16 Vgl. Grimm 2005, S. 125.
17 Vgl. Ebd.
18 Vgl. Ebd., S. 126.
19 Höfer, Anette/Reichardt, Rolf: Honnête homme, Honnêteté, Honnêtes gens. In: (Hgg.) Reichardt,
Rolf/Schmitt, Eberhard: Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820. Heft 7 (1986),
S. 16.
4
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Weibliche Heldinnen im Märchen. "Finette Cendron" von Madame d'Aulnoy und "Cendrillon" von Charles Perrault im Vergleich
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Romanistik)
Veranstaltung
Perraults Märchen
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V375664
ISBN (eBook)
9783668529793
ISBN (Buch)
9783668529809
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charles Perrault, Madame d'Aulnoy, Märchen, Volksmärchen, 17. Jahrhundert, siècle classique, Vergleich, Cendrillon, Aschenputtel, Cinderella, Frauenbild, französische Klassik
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Weibliche Heldinnen im Märchen. "Finette Cendron" von Madame d'Aulnoy und "Cendrillon" von Charles Perrault im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375664

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