Der Interpretationismus und seine Kritik. Abel versus Shusterman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Abels hermeneutischer Universalismus

3. Kritik
3.1 Kritik an Abel im Speziellen
3.2 Kritik am Universalismus – Richard Shusterman

4. Resümee

5. Literatur

1. Einleitung

Interpretation ist, wie der Titel schon besagt, der zentrale Begriff, mit dem sich diese Arbeit auseinander setzen will. Klassisch entwickelt wurde er vor allem an Gesetzestexten, der Bibel und natürlich an der Dichtung. Heute allerdings verbindet man häufig mit Interpretation einen Begriff, der weiter ist. In diesem weiteren Sinne spricht man davon, dass Interpretation etwas ist, das Welt konstruiert. In der Philosophie wird die Position bezeichnenderweise Interpretationismus genannt.

Diese Arbeit möchte sich näher mit dem Anliegen und den Argumenten des Interpretationismus beschäftigen. Dies soll exemplarisch an Günter Abels Text Interpretations-Welten[1] geschehen. Bei einer genauen Analyse wird deutlich, dass einige problematische Annahmen dem Konzept des Interpretationismus zugrunde liegen. Diese gilt es herauszuarbeiten und vorzustellen.

Um die Kritik am Interpretationismus zu untermauern wird Richard Shusterman herangezogen. In seinem bekannten Text Vor der Interpretation[2] kritisiert er die Position des Universalismus, die radikale Variante des Interpretationismus, welche auch Abel vertritt.

Ich will versuchen, die jeweilige Argumentation der beiden Texte nachzuvollziehen und ihre wichtigen Thesen herausstellen. Einige Argumente sollen dabei eine nähere Betrachtung erfahren.

2. Günter Abels hermeneutischer Universalismus

„Alles was ist, ist Interpretation, und Interpretation ist alles, was ist.“ (Abel, S. 11) Dies ist wohl die wichtigste und entscheidende These in Günter Abels Text. Er vertritt einen radikalen Interpretationismus, auch Universalismus genannt.

Er ist der Meinung, dass die Welt beziehungsweise reale Gegenstände unabhängig von einer Interpretation über keine eigene Existenz verfügen. Er glaubt nicht,

[...] daß 'die Welt' etwas fertig Vorgefundenes ist, daß sie aus sich-selbst-identifizierten Gegenständen besteht, daß sie selbst es ist (und nicht unser Denken), die sich in Dinge, Ereignisse und Arten einteilt, und daß sie Die Eine Welt ist. (Abel, S. 1)

Die Welt in der wir leben ist eine Interpretation, man lebt nicht in der Wirklichkeit. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Nur dadurch, dass es Interpretation gibt, gibt es diese Welt. Interpretationen sind also nicht bloße Deutungen einer Wirklichkeit, sonder sie sind weltkonstruierend. Nur eine Welt, die wir selbst durch Interpretation gemacht haben, können wir überhaupt verstehen. „Wie aber machen wir Welten? In Prozessen der Um-, Neu- und Weiter-Interpretation.“ (Abel, S. 2) Dies ist für Abel einer der Gründe, warum die Welt, in der wir leben eine Interpretation sein muss. Ein weiterer wichtiger Grund, der noch einmal sehr genau Abels Denkprozess verdeutlicht, lautet:

Daß es keine Fakten gibt, kann selbst kein Faktum sein, sondern muß Interpretation sein. Man kann Fakten nicht auf Fakten zurückführen. Das, was als ein Faktum gilt, steht notwendigerweise innerhalb eines Interpretations-Horizontes, den es instantiiert. (Abel, S. 1)

Abels transzendentaler Interpretationismus wird auch dadurch deutlich, dass er ein dezidiert ontologisches Anliegen verfolgt.

Was überhaupt und die Weise, wie es als seiend oder nicht-seiend gilt, ist bereits eine interne Funktion des Interpretationssystems, das wir verwenden. (Abel, S. 1)

Es ist also klar, dass Abel den Begriff Interpretation nicht im Sinne einer Hermeneutik verstanden wissen will. Sein Begriff ist allumfassend:

Er wird darüber hinaus und vor allem als Grundcharakter derjenigen Prozesse konzipiert, in denen wir ein (kleingeschriebenes) etwas als ein bestimmtes (und dann großgeschriebenes) Etwas phänomenal diskriminieren, in unseren grundbegrifflichen System identifizieren und re-identifizieren, durch Zeichenschemata klassifizieren und in bezug auf eine so formierte Welt dann auch Meinungen, Überzeugungen und sogar ein Wissen haben können. Interpretation im Sinne aneignender Deutung ist eine, nicht die einzige und nicht die basalste Ausprägung und Erscheinungsform der ursprünglich-produktiven, in den kategorialisierenden Funktionen selbst sitzenden Interpretativität. (Abel, S. 2)

Interpretieren als diskriminierende Fähigkeit – dies hat Abel zweifelsohne von Nietzsche übernommen.

Nietzsche ist der erste, der den Interpretationsbegriff von der Textinterpretation loslöste und umfassend erweiterte. Nietzsche verfolgt mit dem Interpretationsbegriff einen anthropologischen Ansatz, für ihn ist Interpretation eine notwendige Fähigkeit, um überhaupt überleben zu können.

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten [...]. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, das Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das im erborgten Glanze Leben, [...] so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingehaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends zur Wahrheit, sondern begnügt sich Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen.[3]

Interpretation beginnt also schon bei der Wahrnehmung. Es ist nicht möglich, den Gegenstand selbst wahrzunehmen, sondern lediglich seine Wirkung. Wenn man etwas wahrnimmt, hat man schon interpretiert. Man kommt nicht an das Ding selber, das Interpretandum, heran, nur an seine „Oberfläche“ (Nietzsche, S. 370). Der Mensch will diese Wahrheit des Dings auch nicht erfahren, er ist „[...] gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt.“ (Nietzsche, S. 372) Das Leben ohne Wahrheit ist das angenehmere.

Diskriminieren bedeutet nun bei Nietzsche gleichsetzen beziehungsweise differenzieren. Objekte werden in ihren Teilen selbst als Gleichsetzen des Nichtgleichen oder als differenzieren des Gleichen aufgefasst. Nietzsche erläutert dies am Beispiel des Begriffs Ehrlichkeit.

Wir wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die die Ehrlichkeit hiesse, wohl aber von zahlreichen individualisirten, somit ungleichen Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formulieren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem Namen: die Ehrlichkeit. (Nietzsche, S. 374)

Interpretation findet bei Nietzsche auf allen Ebenen statt: bei der Wahrnehmung, Sprache und Produktion. Er verneint, dass man die Dinge an sich kennen kann, aber dass diese Dinge existieren, stellt er nicht in Frage, sie sind nur für den Menschen rätselhaft.

Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen [...] und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das rätselhafte X des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut aus. (Nietzsche, S. 373)

Anders verhält es sich, wie wir gesehen haben, bei Abel. Für ihn existieren die Dinge an sich nicht. Er meint, „[...] daß die Grenzen meiner Interpretation die Grenzen meiner Welt und meines Sinns bedeuten bzw. daß es die Interpretation ist, die unsere Welt ‘erfüllt’ [...].“ (Abel, S. 2)

Abels Aufsatz ist eine Antwort auf Hans Lenk, der einen methodologischen Interpretationismus vertritt.[4] Abel möchte sich von ihm insofern abgrenzen, als dass er die von Lenk propagierte bescheidenere Variante des Interpretationismus als nicht konsequent genug zurückweist. Innerhalb der Strömung des Interpretationismus gibt es also auch unterschiedliche Ansichten, vor allem darüber, wie weit der Interpretationismus verfolgt werden soll. Auch Lenk, ähnlich wie Nietzsche, möchte sich nicht darauf einlassen, zu behaupten, dass es keine realen Gegenstände gibt. Für ihn stellt der Interpretationismus lediglich eine geeignete Methode dar, wie man mit der Wirklichkeit umgehen sollte.

Abel vertritt also eine ziemlich radikale und provokative Meinung, die auch Hans Lenk immer wieder dazu veranlasste, auf Abels Aufsätze zu reagieren.

Den Begriff der Diskriminierung hat Abel zwar von Nietzsche übernommen, jedoch sieht er ihn mit einem Problem behaftet. Der Begriff Diskriminieren diskriminiert nicht gut. Deshalb möchte Günter Abel eine Untergliederung des Interpretationsbegriffs vornehmen. Interpretation ist der Oberbegriff für alle Tätigkeiten. Es ist deshalb nötig, eine interne Unterscheidung zu treffen, das heißt Unterbegriffe und Typen der Interpretation festzulegen und damit genauer zu spezifizieren. Doch möchte er damit kein System etablieren, denn ein System ist etwas feststehendes, invariables. Es verhält sich vielmehr so,

daß sich die Interpretationsverhältnisse einer Kalkülisierung entziehen, daß die praktischen Gründe für Präferenzen zwischen einzelnen Interpretationen nicht einem Algorithmus folgen und daß der Systemgedanke weder vorausgesetzt noch impliziert werden kann. (Abel, S. 3)

[...]


[1] Abel, Günter: Interpretations-Welten. In: Philosophische Rundschau, Jg. 96 (1989), S. 1-19.

[2] Enthalten in: Shusterman, Richard: Vor der Interpretation. Sprache und Erfahrung in Hermeneutik, Dekonstruktion und Pragmatismus. Wien 1996, S. 67-98.

[3] Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. In: derselbe, Kritische Gesamtausgabe, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Dritte Abteilung, Zweiter Band: Nachgelassene Schriften 1870-1873. Berlin, New York 1973, S. 370.

[4] Vgl. z.B. Lenk, Hans: Interpretationskonstrukte. Zur Kritik der interpretatorischen Vernunft. Frankfurt am Main 1993.

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Details

Titel
Der Interpretationismus und seine Kritik. Abel versus Shusterman
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V37574
ISBN (eBook)
9783638368711
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretationismus, Kritik, Abel, Shusterman, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Karin Neumann (Autor:in), 2005, Der Interpretationismus und seine Kritik. Abel versus Shusterman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37574

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