Sprachliche Kürzung im Gedicht. Analyse an ausgewählten Beispielen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1
Inhalt
A. Vorbemerkungen ... 2
B. Analyse der sprachlichen Kürzung im Gedicht
­
aufgezeigt an ausgewählten Beispielen
... 3
1. Besonderheiten im Gedicht ... 3
1.1
Tendenz zu relativer Kürze: Textkürze ... 3
1.2
Kriterien und Charakteristika ... 4
1.3
Semantische Dichte
­
Vieldeutigkeit des Gedichts ... 5
1.4
Syntagmatische Ereignislosigkeit und paradigmatische Einfachbestimmung ... 6
1.5
Komprimierte Sprache - Bildsprache ... 7
2. Analyse ausgewählter Gedichttexte ...10
2.1
Johannes R. Becher ,,Mensch stehe auf"
...10
2.2
Erich Kästner ,,Sachliche Romanze"
...14
2.3
Schülergedicht ...16
C. Abschließende Gedanken ...19
D. Literatur ...20

2
A.
Vorbemerkungen
Unsere Sprache dient uns in erster Linie zur Kommunikation und zum gegenseitigen
Austausch von Informationen. Diese Kommunikation erfolgt durch die Bildung von
autosemantischen und synsemantischen Sprachzeichen
. ,,Verstehen und verstanden
wer
den" ­
gerade in einem guten und erfolgreichen Gespräch innerhalb einer
Kommunikationssituation sollte dies oberste Prämisse sein. Dennoch lässt sich in unserer
Sprache immer wieder eine Tendenz zur sprachlichen Kürzung erkennen, indem die
Sprecher nur ,,so
informativ wie nötig" agieren.
Es werden dann häufig Elemente, die das
Sprachsystem zwar zur Verfügung stellt und die auch notwendig wären, um Informationen
gut und vollständig zu übermitteln, bewusst oder unbewusst nicht gebracht oder
weggelassen. Man will dadurch Zeit und Raum sparen. Und egal ob in gesprochener oder
geschriebener Sprache, der Rezipient wird durch ein Weglassen von Elementen nicht
vollständig informiert und erhält durch die sprachlichen Kürzungen interpretatorischen
Freiraum.
Gerade in der Lyrik ist Kürze ein Charakteristikum und sprachliche Kürzung ein Phänomen,
das in Gedichten in den verschiedensten Formen auftritt und vor allem aus ästhetischen
Gründen angewendet wird. Ein Gedicht ist demnach eine besonders dichte oder verdichtete
Form von Aussage. Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Formen der sprachlichen
Kürzung im Gedicht darzustellen und deren Funktionsweisen zu erläutern. So wird in einem
ersten, theoretischen Teil der Arbeit auf die Besonderheiten von Gedichttexten eingegangen.
Hierbei sollen zuerst die grundlegenden Kriterien und Charakteristika aufgezeigt werden und
in einem zweiten Schritt das Prinzip der semantischen Dichte und der daraus resultierenden
Vieldeutigkeit näher betrachtet werden. Schließlich wird der Verdichtungsprozess des
Gedichts analysiert. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit konkreten, ausgewählten
Beispielen von Gedichttexten, anhand derer, verschiedene Formen und Effekte der
sprachlichen Kürzung im Gedicht unter die Lupe genommen werden. Gedichte werden auf
sprachlicher Ebene sowohl syntaktisch als auch semantisch analysiert.
Allgemein ist festzuhalten, dass in der Sprachwissenschaft nur sehr begrenzt Forschungen
und Untersuchungen zur sprachlichen Kürzung in der Lyrik vorhanden sind. Aus diesem
Grund werde ich für die Analyse der Gedichttexte vor allem Ergebnisse und Methoden der
Literaturtheorie zur Lyrik heranziehen und in erster Linie auch eigene Methoden verwenden.

3
B.
Analyse der sprachlichen Kürzung im Gedicht
­
aufgezeigt an ausgewählten
Beispielen
1.
Besonderheiten im Gedicht
Ein Gedicht ist ein Gedicht aus der Großgattung der Lyrik, einer der drei traditionellen
Großgattungen. Als solche sind Texte dieser Gattung gekennzeichnet durch eine
unmittelbare Gestaltung innerseelischer Vorgänge im Dichter, sie dienen in erster Linie dem
Gefühlsausdruck. Sprachlich zeigen sie Merkmale wie Rhythmus, der sich häufig am Metrum
orientiert oder in Reimen zeigt. Sprachliche Kürze erscheint in Gedichten aber in mehrfacher
Weise und in den verschiedensten Formen und Erscheinungen: als semantische Dichte, als
komprimierte Sprache (z.B. sprachliche Bilder, Metaphern) und formal in verkürzten Sätzen
oder dem beschränkten Gesamtumfang des Textes (Schmidt-Thieme, S.489). Diese
Merkmale werden im Folgenden näher beschrieben und im zweiten Teil der Arbeit an einigen
konkreten Beispielen deutlich gemacht.
1.1 Tendenz zu relativer Kürze: Textkürze
Die Tendenz zu einer relativen Textkürze, die für die Lyrik typisch ist, ist ein oft genanntes
und besonders zentrales Kriterium. Im Vergleich mit der durchschnittlichen Wortwahl bzw.
Rezeptionsdauer eines Dramas oder eines Romans wird die Knappheit und Gedrängtheit
des lyrischen Textmaterials sehr deutlich (Müller-Zettelmann, S. 73). Die Tendenz zur Kürze
im Gedichttext stellt demnach ein zentrales quantitatives Merkmal dar. Neben diesem
quantitativen und rein formalen Merkmal der Textkürze lässt sich die Verdichtung,
Lakonisierung und Sinnkonzentration als ein weiteres Merkmal der Verkürzung im
Gedichttext beobachten. Diese Besonderheit in der Lyrik bezieht sich aber in erster Linie auf
den tieferen Sinngehalt des Gedichts und stellt damit kein rein quantitatives Merkmal dar.
Auf diesen Punkt wird aber in Kapitel 1.3 noch näher eingegangen.
Die lyriktypische Kürze ist also eine formale Eigenschaft, die über alle Epochen hinweg als
zentral gilt und die für eine große Anzahl der heute als Gedicht angesehenen Texte
zukommt. Logische Konsequenz dieser Textkürze ist eine quantitative Beschränkung des zur
Verfügung stehenden Wortmaterials. Der lyrische Text ist dazu gezwungen, Sinn und
Bedeutung nicht mittels der Technik epischer Breite, also auf horizontaler, sondern in
platzsparender Weise vor allem auf vertikaler Ebene zu vermitteln (Müller-Zettelmann, S.74).
Die Textkürze bedingt im Gedicht eine Verdichtung des Sinngehalts innerhalb einer
begrenzten Anzahl von sprachlichen Zeichen. So können beispielweise Verben oder

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unnötige Verknüpfungen herausfallen, die wiederum eine Dereferentialisierung des lyrischen
Textes mit sich bringen. Eindeutige Bezüge und Zusammenhänge fallen weg und es lassen
sich keine eindeutigen Referenzketten mit Verweisausdrücken und Bezugsausdrücken
bilden. Im praktischen Teil der Arbeit wird dies noch näher analysiert.
Eine zentrale Besonderheit des Gedichts ist also die Textkürze. In diesem Zusammenhang
stellt sich auch die Frage, ob diese relative Kürze des Gedichttextes auch die Wirkung auf
den Rezipienten beeinflusst. Hierbei scheint es einleuchtend, dass der Rezipient bei der
Lektüre nicht durch Einbrüche von Elementen der Außenwelt gestört wird oder unterbrochen
wird und so eine gewisse Intensivierung des Leseerlebnisses zu beobachten ist. Das heißt
im Umkehrschluss, dass gerade durch begrenzten zeitlichen und textuellen Raum eine sehr
große Intensität der Wirkung des Gedichts auf den Rezipienten erreicht wird. Somit liegt eine
weitere Ursache für die Verdichtung und Sinnkonzentration der Gedichte ebenfalls in der
Textkürze, vor allem aus rezeptionsästhetischer Perspektive (Müller-Zettelmann, S.76).
1.2 Kriterien und Charakteristika
Bevor auf die Dichte und die Vieldeutigkeit des Gedichts noch näher eingegangen wird,
muss noch geklärt werden, wie diese Kürze im lyrischen Textmaterial entsteht und welche
Kriterien und Charakteristika sie beeinflussen. Lyrische Texte unterscheiden sich zunächst
vor allem durch ihre strenge formale Form erheblich von der Prosa. Hier sind Verse,
Versmaß, Strophenform und Reime als die klassischen poetischen Mittel hervorzuheben.
Weitere Merkmale, die dann aber vor allem zur Kürze beitragen sind beispielsweise
sprachliche Ökonomie (Prägnanz) und Subjektivität. Ein Gedicht hat trotz seiner relativen
Textkürze meist einen sehr hohen Bedeutungsgehalt, sodass prägnante Formulierungen und
der Verzicht von Füllwörtern und inhaltsleeren Floskeln typisch sind. Auch eine sehr
subjektive Anlage des Textes durch den Autor lässt dem Leser sehr viele Freiräume für die
Interpretation. Ein weiteres Merkmal, dass zur Kürze des lyrischen Textes beiträgt, ist die
Aufhebung geltender grammatischer Regeln. Hier spielt eine nicht alltägliche und
ungewöhnliche Anordnung von Wörtern, Wortgruppen und Sätzen und eine Abweichung von
der normalen Syntax eine große Rolle. In den meisten Gedichten bedeutet diese
antisyntaktische Tendenz jedoch kein chaotisches Neben- und Nacheinander, sondern die
Wörter treten nach einer eigenen poetischen Regularität auf. In der Interpretation gilt es dann
diese zu ermitteln und ihre Funktion zu beschreiben (Burdorf, S.135). Dennoch lassen sich
hierfür aber bei lyrischen Texten keine allgemeingültigen Regeln aufstellen.
Neben offenen Formmerkmalen können Merkmale eines Gedichts auch verborgen und damit
für den Rezipienten nicht sofort ersichtlich sein. Beispielsweise kann eine bestimmte

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Silbenanzahl eines Verses angelegt oder bestimmte Positionen im Gedicht durch bestimmte
Buchstaben festgelegt sein. Solche inneren, verborgenen Regeln tragen häufig ebenfalls zur
Kürze des Textes und zur Wahl bestimmter, teils sogar antisyntaktisch angeordneter Wörter
und Wortgruppen bei. Zudem sind vor allem in der neueren Lyrik eine Aufwertung und ein
großer Einfluss der graphischen Gestaltung im Gedicht zu erkennen (z.B. Figurengedichte).
1.3 Semantische Dichte
­
Vieldeutigkeit des Gedichts
Die Semantik als Teil der Semiotik spielt in den Gedichten eine sehr große Rolle, da die
Beziehungen zwischen Ausdruck und Inhalt häufig nicht eindeutig sind. Generell werden
Gedichte und ihr Sinngehalt häufig als vieldeutig, mehrdeutig, offen und unbestimmt
bezeichnet (Jaumann, S.1). Hier stellt sich aber nun die Frage, was genau mit diesen
Kennzeichnungen gemeint ist.
Der lyrische Text ist zunächst einmal eine besonders dichte oder verdichtet Form von
Aussage. Der Autor erstrebt hier durch ein Minimum an sprachlichen Zeichen ein Maximum
an Mitteilung. Der sprachliche Prozess der Verdichtung erfolgt also durch das Weglassen
von Verben oder unnötigen Verknüpfungen im Gedicht. Dadurch sind keine eindeutigen
Referenzen im Text nachweisbar und die Aussage und der Sinngehalt werden verschoben
und verschlüsselt wiedergegeben. Häufig werden auch bewusst Mittel wie Polysemie
angewendet, um den Sinn zu verschieben oder zu verschlüsseln. Ein Verständnis dieses
Verdichtungsprozesses auf der Autorenseite ist hilfreich, denn der Rezipient auf der anderen
Seite interpretiert, indem er diesen Prozess des Verdichtens umkehrt, die verdichtete Form
in einer interpretierenden Paraphrase quasi wieder auf eine normalsprachliche Ebene bringt.
Je höher der Grad der Verdichtung, desto schwieriger gestaltet sich diese Aufgabe für den
Leser. Einen Gedichttext zu verstehen ist somit ein Prozess, der im Hintergrund immer drei
Komponenten beinhaltet: den Autor, der etwas in Worte fasst, und seine umfangreiche,
tiefsinnigere Aussage, mit möglichst wenigen sprachlichen Zeichen im Gedicht ,,verdichtet"
wiedergibt, den Text als versprachlichte aber verschlüsselte Intention des Autors und den
Leser, der diesen rezipiert. Der Leser rezipiert den Gedichttext und versucht auf Basis der
Textvorgabe und seiner eigenen Erfahrungswelt den Text zu verstehen und zu interpretieren,
also den Sinngehalt des verdichteten und dadurch schwer zu verstehenden Textes zu
ergründen (Jaumann, S.1).
Der Gedichttext stellt demzufolge die ,,Kurzform" dar, während
die Interpretation des Lesers, der die verdichtete Aussage des lyrischen Textes hier wieder
auf eine normalsprachliche Ebene bringt, sozusagen die ,,Vollform" des Gedich
ttextes ist.
Das folgende Schema veranschaulicht den Prozess des Verdichtens innerhalb der
Dreiecksbeziehung zwischen Autor, Text und Leser nochmals.

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Das Gedicht kann demnach also als eine grundsätzlich mehrdeutige Botschaft angesehen
werden, als Mehrheit von Signifikaten (Bedeutungen), die in einem Signifikanten
(Bedeutungsträger) enthalten sind (Burdorf, S. 156). Ein so verstandener Text hat zwar eine
materielle Form, eine sprachliche Struktur, aber die Vielfalt seiner Bedeutungen bleibt auf
der Textebene zunächst unbestimmt und wird erst in der Rezeption realisiert. Er weist
demzufolge Leerstelen auf, die durch die Vorstellungen und Assoziationen des Lesers
besetzt werden müssen.
1.4
Syntagmatische
Ereignislosigkeit
und
paradigmatische
Einfachbestimmung
Ein Kennzeichen lyrischer Texte ist es, die dargestellten Sachverhalte nur mit dem
Allernotwendigsten auszufüllen. Bei der Betrachtung lyriktypischer Phänomene kann man
zwischen einer syntagmatischen und einer paradigmatischen Kürzung und Verknappung des
Dargestellten unterscheiden.
Vergleicht man die Lyrik mit der Epik, so weist beispielsweise der traditionelle Roman eine
Ereignishaftigkeit auf, indem zahlreiche mehr oder weniger spektakuläre, Spannung und
Interesse erregende äußere Vorkommnisse dargestellt werden. Die Lyrik kann aufgrund der
tendenziellen Kürze nicht im gleichen Maße wie der erzählende Text Ereignisketten
Abb. 1: Der Verdichtungsprozess im Gedicht
Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Kürzung im Gedicht. Analyse an ausgewählten Beispielen
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V375759
ISBN (eBook)
9783668530010
ISBN (Buch)
9783668530027
Dateigröße
1098 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Textgrammatik, Sprachwissenschaft, Lyrik, Gedicht, Sprachliche Kürzung, Semantik, Isotopie, Ebene
Arbeit zitieren
Michael Hüttinger (Autor), 2012, Sprachliche Kürzung im Gedicht. Analyse an ausgewählten Beispielen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375759

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