Interpretation der stoffgeschichtlichen Brüche in Friedrich Hebbels "Judith"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
17 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Zur Einführung
... 1
2. Interpretation des ,,jungfräuliche Witwe"-Paradoxons
... 2
2.1 Göttliche Berufung vs. sexuelles Motiv
... 4
2.2 Hebbels Begründung für den stoffgeschichtlichen Bruch
... 6
3. Judith zwischen Verlangen und Vergewaltigung
... 7
3.1 Interpretation der Vergewaltigungs- und Enthauptungsszene
... 7
3.2 Interpretationsmöglichkeiten zur Enthauptung Holofernes`
... 10
4. Fazit
... 13
Literatur­ und Quellenverzeichnis
... 14

1
1. Zur Einführung
Kaum eine biblische Frauenfigur wurde in Literatur, Musik und bildender Kunst so
vielfältig aufgearbeitet wie die der Judith: Antonio Vivaldi, Alessandro Scarlatti und
Wolfgang Amadeus Mozart vertonten ihre Geschichte in Oratorien, Artemisia Genti-
leschi malte sie im Akt der Enthauptung
1
, bei Gustav Klimt erscheint Judith als
femme fatale, die Brust entblößt.
2
Auch Friedrich Hebbel wählt für sein erstes Drama
Judith, die sich Holofernes entgegenstellt; bei ihm allerdings aus gänzlich anderen
Gründen als in der biblischen Ursprungsgeschichte. Im apokryphen Buch Judith ist
sie eine Witwe, "schön von Gestalt und blühend von Angesicht"
3
, die sich im Auf-
trag Gottes aufmacht, den Feldhauptmann mittels Verführung zu stürzen, um ihr
hungerndes Volk zu retten.
4
Bei Hebbel dagegen wird Judith zu einer verzweifelten,
von den Geistern ihrer Vergangenheit geplagten Frau, die von Holofernes vergewal-
tigt wird und erst dadurch die Kraft findet, ihren Peiniger zu ermorden.
Ich möchte in der vorliegenden Arbeit die zwei größten stoffgeschichtlichen
Brüche in Friedrich Hebbels Judith deuten. Dazu gehört einerseits die oben genannte
Umwandlung des einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs in eine Vergewaltigung,
außerdem aber auch das Paradoxon der "jungfräulichen Witwe", das Hebbel einführt.
Ausgehend von der ,,Manasses-Szene" im zweiten Akt werde ich darlegen, inwiefern
dieses Paradoxon für den weiteren Verlauf der Handlung verantwortlich ist. Außer-
dem möchte ich die Enthauptung Holofernes` im Kontext der vorausgegangenen
Vergewaltigung interpretieren. Welches Ziel verfolgt Hebbel bei den Änderungen,
die er vornimmt? Welche Charaktereigenschaften schreibt er seiner Judith damit zu?
Um diese Fragen zu beantworten, arbeite ich eng am Dramentext; neben der ein-
schlägigen Sekundärliteratur sollen auch die Tagebucheinträge des Autors bei der
Interpretation behilflich sein.
1
Vgl. Marion Kobelt-Groch [Hrsg.]: "Ich bin Judith". Zur Rezeption eines mythischen Stoffes.
Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2003, S. 196.
2
Vgl. ebd., S. 205.
3
Alfred Pfabigan: Die andere Bibel mit Altem und Neuen Testament. Frankfurt am Main: Vito von
Eichborn, 1991, S. 108.
4
Vgl. Barbara Schmitz: "Trickster, Schriftgelehrte oder femme fatale? Die Juditfigur zwischen bibli-
scher
Erzählung
und
kunstgeschichtlicher
Rezeption".
Entn.
www.bibfor.de.
<http://bibfor.de/archiv/04.schmitz.htm>, Erstellungsdatum: 26.07.2003, letzter Zugriff: 05.03.2017,
S. 9.

2
2. Interpretation des ,,jungfräuliche Witwe"-Paradoxons
,,Unselig sind die Unfruchtbaren, doppelt unselig bin ich, die ich nicht Jungfrau bin
und auch nicht Weib!
5
" flucht Judith im zweiten Akt und spricht damit aus, in welch
widersprüchlicher Situation sie sich befindet: zwar war sie bereits verheiratet, doch
ihr mittlerweile verstorbener Ehemann Manasses hat sie ,,nie berührt"
6
. Wie es dazu
kommen konnte, berichtet sie rückblickend ihrer Magd Mirza.
"Keine vierzehn
Jahr"
7
ist sie damals, die Hochzeitsnacht und somit auch der Ehevollzug stehen kurz
bevor. Erst voller Scham, dann erfüllt von Verlangen und Vorfreude, nähert sie sich
Manasses:
JUDITH: Nun kam Manasses, und als er mich anschaute, erst schüchtern, dann
dreist und immer dreister, als er zuletzt meine Hand faßte und etwas sagen woll-
te und nicht konnte, da war mir's ganz so, als ob ich in Brand gesteckt würde,
als ob es lichterloh aus mir herausflammte.
8
Das sich um das Wortfeld "brennen" drehende Vokabular zeigt, wie sehr Judith ihren
Ehemann körperlich begehrt. Im nächsten Abschnitt wird zudem deutlich, dass die
,,Passivität des schamvoll duldenden ,Weibes`"
9
vollständig verflogen ist: sie bittet
Manasses, die Kerzen anzulassen, um ihn weiterhin gut sehen zu können:
JUDITH: Drei Lichter brannten, er wollte sie auslöschen; "laß, laß!" sagte ich
bittend; "Närrin!" sagte er und wollte mich fassen ­ da ging eins der Lichter
aus, wir bemerkten's kaum; er küßte mich ­ da erlosch das zweite. Er schauder-
te und ich nach ihm, dann lacht' er und sprach: "Das dritte lösch ich selbst";
"schnell, schnell", sagte ich, denn es überlief mich kalt; er tat's.
10
Obwohl die Kerzen nun erloschen sind, ist es in der Kammer dank des Mondscheins
taghell. Manasses kann Judith "so deutlich, wie am Tage"
11
sehen und möchte zu ihr
kommen. Doch er bleibt stehen: "Es war, als ob die schwarze Erde eine Hand ausge-
streckt und ihn von unten damit gepackt hätte."
12
In jener Hand, die Manasses von
unten packt, manifestiert sich in meinen Augen die Verbildlichung von Impotenz.
5
Friedrich Hebbel: Judith. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2012, S. 17­18.
6
Ebd., S. 16.
7
Ebd., S. 14.
8
Ebd., S. 15.
9
Ludger Lütkehaus: Opfer der Zeit. Hebbels "Judith" und "Genoveva". Heidelberg: Carl Winter
Universitätsverlag, 1985, S. 70.
10
Hebbel 2012, S. 15.
11
Ebd.
12
Ebd.

3
Gabrijela Mecky Zaragoza weist außerdem darauf hin, dass ,,die schwarze Erde" als
,,ein Synonym für die Mutter Erde (...) steht, für die Fähigkeit, Leben zu geben und
zu nehmen. Sie ist der symbolische Uterus und das symbolische Grab."
13
Manasses
wird somit angesichts der weiblichen Urgewalt, die Judith verkörpert, gelähmt. Ihr
drängendes Zurufen, Zeichen ihrer neu erwachten, ungezügelten Sexualität, verängs-
tigt ihn noch mehr:
JUDITH: Mir ward's unheimlich; "komm, komm!" rief ich, und schämte mich
gar nicht, daß ich's tat. "Ich kann ja nicht!" antwortete er dumpf und bleiern,
"ich kann nicht!" wiederholte er noch einmal und starrte schrecklich mit weit
aufgerissenen Augen zu mir herüber, dann schwankte er zum Fenster und sagte
wohl zehnmal hintereinander: "Ich kann nicht!"
14
Wenn Manasses etwas ,,Fremdes, Entsetzliches"
15
in Judith erblickt, so sieht er die
ihm bisher unbekannte weibliche Sexualität seiner Ehefrau, die ihm Angst bereitet.
Diese Angst beruht auf der Furcht vor der entmännlichenden sexuellen Vereinigung,
die Freud in Tabu der Virginität beschreibt: ,,Der Mann fürchtet, vom Weibe ge-
schwächt, mit dessen Weiblichkeit angesteckt zu werden."
16
Zaragoza resümiert: ,,Er
setzt die Verschmelzung mit (s)einer Frau mit der Vernichtung seiner männlichen
Individuation gleich."
17
Nach der Hochzeitsnacht projiziert Manasses sein Unvermögen, seine Ehe-
frau zu befriedigen, auf Judith selbst. Schon am darauf folgenden Morgen sieht er sie
,,mit unendlichem Mitleid an"
18
, scheint ihr in den darauf folgenden sechs Monaten
mit seinen ,,Giftpfeil-Blicken" ständig Vorwürfe zu machen:
JUDITH: ,,Zuweilen ruhte sein Auge mit einem Ausdruck auf mir, der mich
schaudern machte; ich hätte ihn in einem solchen Moment erwürgen können,
aus Angst, aus Notwehr, sein Blick bohrte, wie ein Giftpfeil, in mich hinein.
19
Noch am Totenbett gibt er ihr die Schuld für die Geschehnisse in der Hochzeitsnacht.
Auf Judiths Frage, was damals geschehen sei, antwortet er: ,,Ja, ja, ja, jetzt darf ich's
13
Gabrijela Mecky Zaragoza: "Da befiehl sie Furcht und Angst..." Judith im Drama des 19. Jahr-
hunderts. Stuttgart: IUDICUM, 2005, S. 150.
14
Hebbel 2012, S. 15.
15
Ebd., S.16.
16
Sigmund Freud: Das Tabu der Virginität. In: Ders: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens und
andere Schriften. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1981, S. 35.
17
Zaragoza 2005, S. 150.
18
Hebbel 2012, S. 16.
19
Ebd.

4
dir sagen, du ­ ­"
20
, kann den Satz jedoch nicht vollenden und stirbt. Sein letztes
Wort, ,,du", verwehrt Judith die Begründung für den misslungenen Ehevollzug, weist
ihr jedoch klar die Schuld an den Begebenheiten in der ersten Nacht zu.
2.1 Göttliche Berufung vs. sexuelles Motiv
Von Selbsthass und Schuldgefühlen zerfressen ist Judith fortan davon überzeugt,
dass sie allein für ihr jungfräuliches Witwentum verantwortlich ist: ,,Meine Schön-
heit ist die der Tollkirsche; ihr Genuß bringt Wahnsinn und Tod!"
21
Verena Thoma-
Endenich unterstreicht die linguistische Verbindung zwischen Judith und der Tollkir-
sche: auch bekannt als ,,Belladonna", also ,,schöne Frau", wurde die Giftpflanze frü-
her zur Herstellung von Schönheitswassern genutzt, gleichzeitig verweist die Etymo-
logie des Gattungsnamens Atropa auf die griechische Schicksalsgöttin Atropos
22
,
,,was Judiths Schönheit den Charakter eines verhängnisvollen Fluchs und deren Trä-
gerin tragisches Potenzial zuweist."
23
Mit dem Tod Manasses` rückt zudem die Aussicht auf Nachwuchs in uner-
reichbare Ferne; ein schwerer Schlag für Judith, die die Mutterschaft als ihr einziges
Lebensziel sieht:
JUDITH: Ein Weib ist ein Nichts; nur durch den Mann kann sie etwas werden;
sie kann Mutter durch ihn werden. Das Kind, das sie ihm gebiert, ist der einzige
Dank, den sie der Natur für ihr Dasein darbringen kann.
24
Der einzige Ausweg aus dieser Nicht­Existenz ist für sie der Kampf gegen Holofer-
nes, den sie mithilfe ihrer Tollkirschen­Schönheit stürzen will.
25
Der Monolog zu
Beginn des dritten Akts suggeriert, dass Judiths Wunsch, Holofernes zu töten, einer
göttlichen Sendung entspringt: ,,in schlechten Kleidern, mit Asche bestreut"
26
sitzt
sie seit drei Tagen und Nächten in ihrem Gemach und betet. Sie kommt zu dem
Schluss, dass Gott sie auserwählt haben muss, Bethulien zu erretten:
20
Ebd., S. 17.
21
Ebd., S. 18.
22
Vgl. Verena Thoma-Endenich: Tragische Unschuld. Zur Korrelation von Politik, Religion und
Weiblichkeit im dramatischen Werk Friedrich Hebbels. München: IUDICUM, 2014, S. 31.
23
Ebd., S. 31-32.
24
Hebbel 2012, S. 17­18.
25
Vgl. ebd., S. 28.
26
Ebd., S. 24.
Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Interpretation der stoffgeschichtlichen Brüche in Friedrich Hebbels "Judith"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Theater und Nation: Die politische Bedeutung des Theaters um 1800
Note
1.0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V375778
ISBN (eBook)
9783668535121
ISBN (Buch)
9783668535138
Dateigröße
865 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judith, Friedrich Hebbel, Bibel, Stoffgeschichte, Jungfräulichkeit, Weiblichkeit
Arbeit zitieren
Juliane Becker (Autor), 2017, Interpretation der stoffgeschichtlichen Brüche in Friedrich Hebbels "Judith", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375778

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