Georg Büchner "Hessischer Landbote". Wirkungsintention und Vermittlungsstrategien


Essay, 2017
4 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

LMU München (SoSe 2017)
Verfasserin: Juliane Becker
Department für Germanistik, Neuere deutsche Literatur
Seminar: Aufruhr und Erschöpfung. Die Poetik Georg Büchners
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Meinung Poschmanns auch nicht zwingend notwendig; er kritisiert die "naiv
entgegengesetzte"
10
Vorstellung eines genuin-genialen Büchner-Textes, der von Weidig
gewissermaßen verschandelt wurde
11
und führt an, dass Büchner mit den Überarbeitungen
Weidigs zwar nicht einverstanden war, die Drucklegung und die Verbreitung aber trotzdem
unterstützte: "Dem Aus, das seinem Projekt andernfalls beschieden gewesen wäre, zog er die
Verbreitung der Schrift in der beschnittenen und mit hinzugefügtem Text versehenen Fassung
vor."
12
Dies legt den Schluss nahe, dass Büchner auch noch in der überarbeiteten Version
seine sozialrevolutionären Ziele ausreichend reflektiert sah.
Indes waren Büchner wie Weidig "Revolutionäre, die das Ziel hatten, die bäuerlichen
Untertanen des Herzogtums Hessen-Darmstadt für eine Umwälzung bestehender Verhältnisse
zu gewinnen."
13
Die Wirkungsintention des Landboten lässt sich somit wie folgt beschreiben:
er versteht sich mitnichten als ein direkter Aufruf zur Revolution
14
, sondern als eine Art
Vorbereitung auf ein bevorstehendes Zeitalter der gesellschaftlichen Veränderung. Ein Indiz
hierfür ist die Passage "Und bis der Herr euch ruft durch seine Boten und Zeichen, wachet
und rüstet euch im Geiste"
15
, welche den Akt des tatsächlichen revolutionären Agierens in die
Hände von nicht näher beschriebenen "Boten und Zeichen" legt und damit auf unbestimmte
Zeit vertagt. Auf diese Wirkungsintention konnten sich Büchner und Weidig trotz ihrer
Differenzen offensichtlich einigen, auch wenn die Meinungen bezüglich der hierfür
angemessenen Vermittlungsstrategien wohl wieder auseinandergingen.
Vermittlungsstrategien
Wie Hofmann und Kanning betonen, ist der Aufbau einer Flugschrift an eine intendierte
Wirkung ­ in diesem Fall ging es wie bereits erwähnt darum, das bäuerliche Volk zu
mobilisieren ­ geknüpft, weshalb Rhetorik und Adressatenbezug eine zentrale Rolle spielen.
16
So kombiniert der Landbote genaue statistische Angaben zu den Finanzen des Großherzugtum
Hessens ("Für das Militär wird bezahlt 914.820 Gulden (...). Für die Pensionen 480.000
Gulden."
17
), die als Argument für die Notwendigkeit einer Umwälzung der bestehenden
10
Ebd., S. 811.
11
Vgl. ebd.
12
Ebd., S. 812.
13
Hofmann/ Kanning 2013, S. 70.
14
Vgl. Fortmann 2013, S. 50.
15
Georg Büchner: Der Hessische Landbote. In: Poschmann, Henri [Hg.]: Georg Büchner. Schriften,
Briefe und Dokumente. Frankfurt a.M.: Deutscher Klassiker Verlag, 2006, S. 66.
16
Hofmann/ Kanning 2013, S. 74.
17
Büchner 2006, S. 56-57.

LMU München (SoSe 2017)
Verfasserin: Juliane Becker
Department für Germanistik, Neuere deutsche Literatur
Seminar: Aufruhr und Erschöpfung. Die Poetik Georg Büchners
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Verhältnisse dienen, mit einem erkennbar biblischen Duktus ("Es sieht aus, als hätte Gott die
Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht"
18
),
der den Leser emotionalisieren soll
19
, laut Dedner ein "Kommunikationstrick für den Umgang
mit einer bibel- und luthersprachlich geprägten Bevölkerung."
20
Ein aus einem Briefwechsel
mit Karl Gutzkow stammendes Büchner-Zitat bietet eine weitere Erklärung für diese
Vermittlungsstrategie. Büchner spricht davon, "dass es, um `die große Klasse' zu
mobilisieren, `zwei Hebel' gebe, nämlich `materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede
Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen.'"
21
Der Hessische Landbote ist somit ein Pamphlet gegen politische und soziale Missstände, das
durch eine klar durchdachte Argumentationsstrategie versucht, den Leser zu animieren, sich
seiner eigenen prekären Lage bewusst zu werden. Dies ist wiederum notwendig, um mittel-
und langfristig größere Veränderungen möglich zu machen.
18
Ebd., S. 53.
19
Vgl. Hofmann/ Kanning 2013, S. 73.
20
Burghard Dedner: "Mehr Socialist als Republikaner". Politischer und ökonomischer Egalitarismus
im Hessischen Landboten. In: Ariane Martin/ Isabelle Stauffer [Hg.]: Georg Büchner und das 19.
Jahrhundert. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2012, S. 80.
21
Fortmann 2013, S. 51.
Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Georg Büchner "Hessischer Landbote". Wirkungsintention und Vermittlungsstrategien
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Department für Germanistik, Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Seminar: Aufruhr und Erschöpfung. Die Poetik Georg Büchners
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V375785
ISBN (eBook)
9783668531970
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Büchner, Büchner, Komparatistik, Literaturwissenschaft, Hessischer Landbote, Revolution, Wirkungsintention, Rezeption, Vermittlungsstrategien, Friedrich Ludwig Weidig
Arbeit zitieren
Juliane Becker (Autor), 2017, Georg Büchner "Hessischer Landbote". Wirkungsintention und Vermittlungsstrategien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375785

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