In meiner Arbeit im Kontext des Seminars „Kindsmord in der Literatur und im Lied“ werde ich der Frage nachgehen, wie sich die Thematik des Kindsmords in traditionelleren literarischen Formen gestaltet und wie diese Darstellung moderne Werke beeinflusst hat. Welche Motive und Techniken haben sich entwickelt und verändert, welche sind gleichgeblieben und von welchen grenzen sich neuere Kindsmord-Darstellungen ab? Diese und weitere Fragen werde ich am Beispiel von Bertolt Brechts Ballade „Von der Kindsmörderin Marie Farrar“ untersuchen, die ich mit zwei historischen Moritaten, „Die Geschichte der Kinds-Mörderin M. H. von T.“ und „Das erwachte Gewissen oder Die böse Mutter“ vergleichen möchte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse: Brechts Ballade und die Tradition der Moritat
3. Vergleich: Die Darstellung des Kindsmords in historischen Moritaten
3.1. Die Geschichte der M. H. v. T.
3.2. Das erwachte Gewissen oder Die böse Mutter
4. Zusammenfassung, Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung des Kindsmords im Vergleich zwischen Bertolt Brechts Ballade „Von der Kindsmörderin Marie Farrar“ und traditionellen historischen Moritaten, um zu analysieren, ob Brechts Werk als „moderne Moritat“ klassifiziert werden kann und wie sich der Fokus von der Anklage des Individuums hin zur Sozialkritik verschoben hat.
- Literarische Motivgeschichte des Kindsmords
- Analyse von Brechts Ballade „Von der Kindsmörderin Marie Farrar“
- Kontrastierung mit der Tradition des Bänkelsangs
- Vergleich mit historischen Moritaten wie „Die Geschichte der M. H. v. T.“
- Sozialkritische Dimensionen und die Technik der Umkehr
Auszug aus dem Buch
2. Analyse: Brechts Ballade und die Tradition der Moritat
Bertolt Brechts Ballade „Von der Kindsmörderin Marie Farrar“ entstand im Jahr 1922 (Pietzcker 172). Unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges und der Novemberrevolution 1918 sowie im Kontext der jungen Weimarer Republik und dem Deutlichwerden des Elends der urbanen Unterschichten begann sich Brecht von Bürgertum und Tradition ab - und Proletariat zuzuwenden (Pietzcker 1974: 172). Diese ideologische und soziopolitische Wendung lässt sich in seinem literarischen Werk nachvollziehen und zeichnet sich somit auch in der Ballade „Von der Kindsmörderin Marie Farrar“ ab (Pietzcker 1974: 172): Er kehrt traditionelle Formen und Motive um (Pietzcker 1974: 182; 186) und zeigt ein leidendes, verlassenes Individuum (Pietzcker 1974: 172; 196). Brecht protestiert hier durch die Technik der Umkehr gegen eine Gesellschaft, in der ein Schicksal wie das der Marie Farrar möglich ist, doch lässt er den Protest (noch) als solchen stehen und ergänzt ihn nicht mit einem Aufruf zur Aktion gegen die angeklagte Gesellschaft (Pietzcker 1974: 195; 182-183; 186).
Der Titel der Ballade selbst lässt bereits keinen Zweifel darüber, was sich ereignen wird (Pietzcker 1974: 205) und vor allem, wer die Täterin ist – das erste Attribut, das der Leser mit dem Namen Marie Farrar verbunden sieht, ist „Kindsmörderin“. Das Gedicht setzt sich aus neun Strophen á 10 Zeilen zusammen. Der Reim folgt dem Schema a-b-a-b-c-d-e-d-f-f, mit Ausnahme der Strophen 5 (a-b-a-b-c-d-c-d-f-f) und 8 (a-b-a-b-a-c-d-c-f-f). Beim Metrum handelt es sich um einen unregelmäßigen Jambus. Die recht regelmäßige Form ist wohl Brechts Wahl geschuldet, das Gedicht als Ballade zu verfassen. Er bricht diese durch zahlreiche Enjambements und Versschlüsse auf (z.B. in Strophe 8 durch ein dreimaliges „sagt sie“, was den Berichtsfluss bewusst stört; Pietzcker 1974: 197; oder durch Zerreißen eines ganzen Wortes: Übel/keit; Pietzcker: 190; 204), wodurch meiner Meinung nach der Leser durch die bewussten Pausen zu immer wieder neuer Aufmerksamkeit für das Erzählte gedrängt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfrage, die den Kindsmord als literarisches Motiv in den Kontext der Sozialkritik stellt.
2. Analyse: Brechts Ballade und die Tradition der Moritat: Eingehende Untersuchung von Brechts Ballade, wobei die Technik der Umkehr als Mittel zur Anklage der mitleidlosen Gesellschaft herausgearbeitet wird.
3. Vergleich: Die Darstellung des Kindsmords in historischen Moritaten: Gegenüberstellung von Brechts Werk mit historischen Moritaten, um Unterschiede in der Intention (Anklage des Täters vs. Kritik der Gesellschaft) aufzuzeigen.
3.1. Die Geschichte der M. H. v. T.: Analyse eines historischen Beispiels, das den Kindsmord im Kontext eines Sündenfalls und der Bestrafung betrachtet.
3.2. Das erwachte Gewissen oder Die böse Mutter: Untersuchung eines weiteren historischen Falls, der durch eine explizite religiöse Moral und eine klare Schwarz-Weiß-Malerei geprägt ist.
4. Zusammenfassung, Fazit: Synthese der Ergebnisse mit dem Resultat, dass Brechts Werk aufgrund der gezielten Neuinterpretation traditioneller Merkmale als „moderne Moritat“ bezeichnet werden kann.
Schlüsselwörter
Kindsmord, Bertolt Brecht, Marie Farrar, Moritat, Bänkelsang, Sozialkritik, literarische Tradition, Umkehrtechnik, Mitleidlosigkeit, Individuum, Gesellschaftskritik, Exempel, Lyrik, Literaturgeschichte, Weimarer Republik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie das literarische Motiv des Kindsmords von traditionellen Moritaten bis hin zu Bertolt Brechts Ballade über Marie Farrar verarbeitet wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die literarischen Gattungen Bänkellied und Ballade sowie die soziopolitische Einbettung des Kindsmord-Motivs im historischen und modernen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Autorin möchte untersuchen, ob Brechts Ballade als eine „moderne Moritat“ begriffen werden kann, indem sie die Gemeinsamkeiten und radikalen Unterschiede zur traditionellen Form herausarbeitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse und ein komparativer Vergleich (Vergleich von Brechts Text mit historischen Quellen) durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine detaillierte Analyse von Brechts Ballade und einen direkten Vergleich mit zwei historischen Moritaten, wobei insbesondere der Wandel in der Rollenverteilung und Intention beleuchtet wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören „Technik der Umkehr“, „sozialkritischer Protest“, „Bänkelsang“, „Exempelcharakter“ und „mitleidlose Gesellschaft“.
Wie unterscheidet sich Brechts Darstellung von der traditionelleren Moritat?
Während traditionelle Moritaten den Täter als Negativbeispiel für ein sündiges Individuum brandmarken, nutzt Brecht das Schicksal der Mörderin, um die gesellschaftlichen Umstände und die Mitleidlosigkeit der sozialen Ordnung anzuklagen.
Welche Rolle spielt die Religion in den untersuchten Texten?
In historischen Moritaten dient Religion der moralischen Einordnung und dem Aufruf zur Buße; bei Brecht hingegen werden religiöse Anspielungen eher als intertextuelles Mittel genutzt, um eine kritische Distanz zur gesellschaftlichen „Norm“ herzustellen.
- Quote paper
- Katharina Wilhelm (Author), 2014, "Von der Kindsmörderin Marie Farrar" von Bertolt Brecht. Eine moderne Moritat?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375792