Individuum und Menschenbild in Praxistheorie und Neo-Institutionalismus. Ein Vergleich


Seminararbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

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Inhalt
1.
Einleitung ... 3
2.
Praxistheorie: Das Habitus-Konzept ... 5
3.
Neo-Institutionalismus: Die Rational Choice Theory... 7
4.
Vergleich: Praxistheorie und Neo-Institutionalismus in ethnographischen Beispielen ... 9
4.1
Die Rolle des Individuums ... 9
4.2.
Das Menschenbild ... 12
5.
Zusammenfassung, Fazit ... 13
6.
Literaturverzeichnis ... 15

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1.
Einleitung
Ob Philipe Bourgois und Jeff Schonberg die Injektionsgewohnheiten weißer Heroinab-
hängiger in San Francisco beschreiben (2007: 11) oder James M. Acheson die Maß-
nahmen aufzählt, die Hummerfischer in Maine etabliert haben, um den Bestand der
Hummer dauerhaft zu sichern (2006: 242) ­ hier wird ein bestimmtes Menschenbild
vermittelt, und das Individuum als Handlungsakteur auf verschiedene Weise gedeutet
bzw. konzipiert. Während Bourgois und Schonberg die Habitustheorie heranziehen, um
das Verhalten ihrer beforschten Gruppe zu erklären (2007: 15 ff.), nutzt Acheson für
diesen Zweck die Rational Choice Theory (2006: 247 ff.). Diese beiden Konzepte un-
terscheiden sich stark voneinander und kritisieren zum Teil gerade das jeweils andere
Menschenbild ­ so wirft Bourdieu, der Begründer des Habitus-Konzepts (Schwingel
2000: 57), der Rational Choice Theory ,,überspitzt gesagt" (Schwingel 2000: 51) z.B.
vor, sie konstruiere den individuellen Akteur als Buchhalter, der vor jeder Handlung
das für ihn optimale Kosten-Nutzen-Verhältnis berechnet und nach diesem handelt
(Schwingel 2000: 51).
Ist diese Kritik berechtigt? Wenn nicht, wie sieht der Neo-Institutionalismus, dessen
Teil die Rational Choice Theory ist (Ensminger 1998: 778 ff.), dann den ,,Menschen"?
Und welche Art von Menschenbild liegt dem Habitus-Konzept und damit Bourdieus
Praxistheorie zu Grunde? Was für eine Rolle spielt das Individuum generell in diesen
beiden unterschiedlichen Konzepten?
Diese und weitere Fragen werde ich in der folgenden Arbeit, die ich im Kontext des
Seminars ,,Aktuelle Theorien" verfasse, behandeln. Dazu untersuche ich zunächst
Bourdieus Praxistheorie, genauer das Habitus-Konzept, und die Rational Choice Theory
im Kontext des Neo-Institutionalismus, um auf dieser Basis das in den beiden Konzep-
ten vorhandene Menschenbild bzw. die Rolle, die sie dem Individuum zuschreiben, ver-
gleichen zu können. Den Vergleich werde ich, um einen zu starken Fokus auf die Theo-
rie zu vermeiden, an den oben beschriebenen konkreten ethnographischen Beispielen
vollziehen. Bourgois und Schonbergs Forschung in San Francisco arbeitet wie beschrie-
ben mit dem Konzept des Habitus, während Acheson sich in seiner Arbeit in Maine an
der Rational Choice Theory orientiert. Abschließend werde ich meine Ergebnisse zu-
sammenfassen und versuchen, zu einem Fazit bezüglich der Frage zu gelangen, was für
ein Menschenbild diese beiden Ansätze vermitteln und welche Rolle das Individuum in
ihnen spielt.

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Die beiden ethnographischen Arbeiten dienen mir als Hauptquellen. Weiterhin zentral
sind Jean Ensmingers Abhandlung über den Neo-Institutionalismus sowie die Arbeit
von Markus Schwingel zu Bourdieus Werk, um die Ansätze theoretisch fundiert unter-
suchen zu können.
Um den Rahmen der Arbeit einzuhalten, werde ich mich innerhalb des Neo-
Institutionalismus und der Praxistheorie jeweils nur auf die Rational Choice Theory
bzw. das Habitus-Konzept konzentrieren und z.B. eine Behandlung von Bourdieus Pra-
xisbegriff selbst (Vgl. Schwingel 2000 Kap.3) oder die Rolle von Institutionen im Neo-
Institutionalismus (Vgl. Ensminger 1998) weitgehend ausklammern. Bourdieus Konzept
des Feldes werde ich ebenfalls nicht ausreichend untersuchen können, auch wenn es
nach Schwingel zur Theorie des Habitus gehört, da sich die beiden Begriffe wechselsei-
tig bedingen (2000: 74, 75) und das Feld auch bei einer Analyse des Habitus auf der
Mikroebene des Individuums auf denselben bezogen werden muss, da diese beiden
Theoriebestandteile gerade die ,,Opposition von Individuum und Gesellschaft"
(Schwingel 2000: 79) überwinden sollen. Ich verweise hier daher für nähere Erläuterun-
gen zum Feldbegriff lediglich auf die Seiten 73 ­ 79 bei Schwingel (2000) und das Ka-
pitel 3.3. bei Fuchs-Heinritz und König. Auch die Collective Action Theory bzw. den
methodologischen Individualismus hätte ich bei einer umfangreicheren Arbeit bei einer
Beschreibung der Rolle des Individuums im Neo-Institutionalismus herangezogen (Vgl.
hierzu Ensminger 1998 Kap.4). Einige Ergebnisse der Untersuchung zu Cultural Group
Selection (v.a. dass Konsensentscheidungen zu Lasten des Individuums gehen, während
sie der Gruppe nutzen, siehe Ensminger 1998: 783) werden weiter bei der Betrachtung
des ethnographischen Falls hintergründig eine Rolle spielen. Beginnen werde ich nun
mit der Untersuchung von Bourdieus Habitus-Konzept, um eine theoretische Basis für
den späteren Vergleich der ethnographischen Arbeiten zu bilden.

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2.
Praxistheorie: Das Habitus-Konzept
Schwingel sieht in der Habitustheorie das ausgeführt, was für Bourdieu ,,an Individuen in
ihrer Eigenschaft als soziale Akteure soziologisch relevant ist" (2000: 57). Das Habitus-
Konzept ist ein Bestandteil der Theorie der Praxis, da es auch als ,,Theorie des Erzeu-
gungsmodus der Praxisformen gelten kann" (Schwingel 2000: 58). Gleichzeitig ist es aber
auch ,,Theorie der praktischen Erkenntnis der sozialen Welt", da es hilft zu verstehen, wie
Akteure ihre soziale Praxis ,,wahrnehmen, erkennen, erfahren" (Schwingel 2000: 58).
Durch den Habitus können Menschen an der sozialen Praxis teilnehmen und diese hervor-
bringen (Fuchs-Heinritz und König 2011: 11). Die Diversität des Habitus-Begriffs lässt
sich an der Anzahl seiner möglichen Bedeutungen erkennen: Schwingel nennt Anlage,
Haltung, Erscheinungsbild, Lebensweise oder Gewohnheit als potenzielle Begriffe (2000:
58). Soziale Akteure haben nach Bourdieu ,,systematisch strukturierte Anlagen", die essen-
ziell für ihre Praxis bzw. das Denken über diese Praxis sind (Schwingel 2000: 58). Im Ge-
gensatz zu beispielsweise rationalistischen Handlungstheorien sieht Bourdieu den Men-
schen nicht als einen, der nach einem freien, selbst gewählten Entwurf handelt, sondern als
,,gesellschaftlich geprägten Akteur" (Schwingel 2000: 59). Er geht also davon aus, dass der
Habitus dieses Akteurs (und nicht der Akteur selbst) durch die Gesellschaft vorbestimmt
ist und dass diese Vorbestimmtheit seine aktuellen und zukünftigen Handlungen mitstruk-
turiert ­ aber nicht das einzige Prinzip des Handelns bildet (Schwingel 2000: 59). Wichtig
zu erwähnen ist weiter, dass der Habitus nur die Grenzen möglicher bzw. unmöglicher
Praktiken festlegt, nicht die Praxis an sich ­ Bourdieu spricht hier von ,,geregelter Improvi-
sation" (Schwingel 2000: 67, 68). Am Bespiel des Kleinbürgers, der einer bildungsbürger-
lichen Praxis nacheifert und sich dennoch so als typisch kleinbürgerlich zu erkennen gibt,
wird deutlich, dass der Habitus Praktiken nicht so sehr inhaltlich, sondern vielmehr die Art
und Weise ihrer Durchführung bestimmt (Schwingel 2000: 68). Der Habitus ist weiterhin
historisch bedingt, also nicht angeboren, sondern sowohl auf individuellen, als auch kol-
lektiven Erfahrungen basierend (Schwingel 2000: 60). Laut Schwingel können bei einer
Untersuchung drei Aspekte des Habitus unterschieden werden: den sensuellen Aspekt (also
Wahrnehmungsschemata, die Denkschemata, zu denen auch Ethos, Geschmack und ,,All-
tagstheorien" zählen, und die Handlungsschemata, die die konkreten Praktiken der Akteure
dann hervorbringen (2000: 60, siehe auch Fuchs-Heinritz und König 2011: 113). Diese
sind in der Praxis miteinander verbunden und nur in der Analyse zu trennen (Schwingel
2000: 60, 61). Die drei Schemata sind zudem unbewusst (ihre Entstehungsgeschichte ist
den Akteuren nicht mehr bekannt) und implizit (Schwingel 2000: 61; Fuchs-Heinritz und

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König 2011: 115, 121; Beispiel: Erst wenn man sie bzw. die Praxis einem Fremden erklä-
ren muss, formuliert man vorher nicht bedachte Regeln,
Fuchs-Heinritz und König 2011:
117). Sie sitzen so fundamental im Körper und Geist des Akteurs fest, dass sie sogar moto-
rische Abläufe bestimmen und so die gesamte ,,menschliche Existenzweise von Grund auf
prägen" (Schwingel 2000: 62). Somit unterscheidet sich Bourdieu stark z.B. von den ratio-
nalistischen Handlungstheorien, denn er sieht den Menschen fast als Automaten, und nicht
als vernünftig kalkulierenden Akteur (Schwingel 2000: 62, 63; Fuchs-Heinritz und König
2011: 112, 113). Schwingel stellt fest, dass man bei der Betrachtung des Habitus nicht nur
das handelnde Individuum fokussieren sollte, sondern immer auch seine spezifische Positi-
on innerhalb der sozialen Strukturen der Gesellschaft, durch die er bestimmt wird, im Blick
haben muss (2000: 63). Auf Grundlage dieser Position lassen sich in der Folge unter-
schiedliche Habitusformen von verschiedenen Akteuren bzw. Klassen von Akteuren er-
kennen, da Habitusformen auch von ,,klassenspezifischen Faktoren" bestimmt sind
(Schwingel 2000: 63, 64; Fuchs-Heinritz und König 2011: 113). Allerdings sind sie auch
bei Angehörigen derselben Klasse nur ähnlich, nicht identisch, da jedes Individuum eine
,,im Detail unterschiedliche Position" besitzt (Fuchs-Heinritz und König 2011: 131). Als
Soziologe untersucht Bourdieu ohnehin eher kollektive Praxisformen, da er individuelle
nur als ,,mehr oder minder typische Varianten" derselben sieht (Schwingel 2000: 70). Für
ihn liegt die Individualität von Praktiken eher darin, wie die Individuen den gruppen ­ oder
klassenspezifischen Spielraum nutzen, also welche der für sie möglichen Praktiken ausge-
wählt werden (Schwingel 2000: 70). Individualität besteht laut Schwingel in der Habitus-
theorie also ,,im akteurspezifischen Arrangement der materiellen und kulturellen Bedin-
gungen, denen ein Akteur [...] unterliegt" (2000: 70). Der Habitus kann sich weiterhin,
etwa während der (sozialen) Laufbahn eines Individuums ändern und ist daher ständig (in-
nerhalb der verfügbaren ökonomischen und kulturellen Ressourcen und Bedingungen eines
Individuums, Vgl. Schwingel 2000 Kap.4 bzw. Fuchs-Heinritz und König Kap. 3.4. zu
Bourdieus Kapitalbegriff) im Wandel (Schwingel 2000: 64; Fuchs-Heinritz und König
2011: 131).
Nach der Untersuchung von Bourdieus Habitus-Konzept im Hinblick vor allem auf den
Habitus des Individuums und das zu Grunde liegende Menschenbild werde ich nun die Ra-
tional Choice Theory unter denselben Gesichtspunkten durchleuchten, um dann mithilfe
dieser theoretischen Basis die Rolle des Individuums und das Menschenbild in den zwei
ethnographischen Berichten zu betrachten.
Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Individuum und Menschenbild in Praxistheorie und Neo-Institutionalismus. Ein Vergleich
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Aktuelle Theorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V375798
ISBN (eBook)
9783668535206
ISBN (Buch)
9783668535213
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Praxistheorie, Neo-Institutionalismus, Menschenbild, Individuum, habitus, rational choice theory, bourdieu, ethnologie, postmoderne
Arbeit zitieren
Katharina Wilhelm (Autor), 2014, Individuum und Menschenbild in Praxistheorie und Neo-Institutionalismus. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375798

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