Wilfried Härles Stellung zur Soteriologie. Heil, Erwählung und Glauben


Essay, 2016
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsklärung

2. Erscheinungsformen und Wesen des Heils

3. Die Frage der Prädestination

4. Die Rolle des Glaubens

5. Liebe als Lebenspraxis des Glaubens durch die Heil erfahrbar wird

6. Gesellschaftliche Lebenspraxis des Glaubens

7. Liebe als Konsequenz des Glaubens

Schluss

8. Quellenverzeichnis

8.1 Literaturverzeichnis

Einleitung

In diesem Essay soll zur Soteriologie Härles Stellung bezogen werden. Dies beginnt mit einer Konkretisierung der zu behandelnden Begrifflichkeiten und der damit verbundenen Fragestellungen. Im ersten Teil wird es allgemein um das Heil gehen und um die Frage, in welchen Formen es auftritt und was genau sein Wesen ist. Danach wird im Bezug auf das Heil die Rolle der Erwählung und des Glaubens erörtert. Im letzten Teil geht es vor allem um die Auswirkungen des Heils. Besonders das Thema der Liebe und der guten Werke wird hierbei untersucht. Die Zwischenüberschriften sollen helfen, sich innerhalb des Essays zu orientieren. Dennoch soll zwischen den einzelnen Punkten ein Zusammenhang hergestellt werden. Im Allgemeinen wurde die Gliederung Härles übernommen, nur wurden dabei einige Zwischenüberschriften zusammengefasst.

1. Begriffsklärung

Härle definiert dieSoteriologieals den Gehalt des Evangeliums von Jesus Christus. Als Voraussetzung für die Notwendigkeit dieser Thematik ist zum einen die Schöpfungslehre gegeben, und zum anderen die Hamartiologie. Die Schöpfungslehre allein würde keine Voraussetzung für die Soteriologie bieten, da erst mit dem Auftreten der Sünde ein Erretten vom Zustand des Unheils notwendig geworden ist. Neben diesen beiden Voraussetzungen für die Notwendigkeit der Beschäftigung mit der Soteriologie nennt Härle noch die Eschatologie, als die Konsequenz der Heilslehre. Neben diesem Rückblick und der Vorausschau liegt der Schwerpunkt im folgenden um den Gehalt der Heilslehre selbst. Dabei muss beachtet werden, dass es sich bei dem Heilsgeschehen um einen Prozess handelt. Härle wählt bewusst für das Kapitel der Soteriologie in seinem Dogmatikbuch die Überschrift: „Die versöhnte Welt.“[1]Damit will er die Differenz zwischen dem schon erlangtem Heil und der ausstehenden Vollendung beschreiben. DennVersöhnungdrückt aus das eine Entzweiung überwunden ist, aber nicht automatisch der perfekte Zustand wiederhergestellt ist. So beschreibt Härle schon mit der Überschrift den Prozess des Heilsgeschehens. Die Macht der Sünde und des Bösen sind zwar ein für alle male durchbrochen, doch sie wurde noch nicht beseitigt, und so steht die Vollendung noch aus. Erst dann wird das Böse und die Sünde vollständig beseitigt sein. Darin besteht auch die Spannung zwischen dem direkt erfahrbaren Heil und der eschatologischen Aussicht des Heils. Denn Erlösung, Befreiung, Erneuerung und ein Herrschaftswechsel finden mit Eintreten in das Heil sofort statt, finden jedoch keine Vollendung. So sind diese Begriffe für die Beschreibung des Heils ungeeignet, weil sie sich erst in der Vollendung des Heils vollständig entfalten. Gleichzeitig ist allerdings auch der Begriff der Versöhnung deswegen unbefriedigend, weil er die beginnende Erlösung, Befreiung, Erneuerung und den Herrschaftswechsel nicht zum Ausdruck bringt. Doch da sich diese Spannung zwischen dem schon Beginnendem und dem noch Ausstehenden nicht auflösen lässt, arbeitet Härle weiterhin mit dem Begriff der Versöhnung.[2]Härle benutzt auch deshalb diese gut greifbare Überschrift, da der Begriff des Heils sehr unspezifisch ist. Das deutsche WortHeilkommt vom griechischen σωτηρία, was mit Errettung, Heil oder Erhaltung übersetzt werden kann.[3]Es beschreibt also gleichzeitig den Zustand des erfüllten, beglückenden und ewigen Lebens, aber auch den Vorgang der Errettung vom Unheil. Weitere Assoziationen die das deutsche Wort Heil aufgrund seiner Geschichte mit sich bringt, oder die durch die Wortverwandtschaft zur Heilung entstehen, gibt das griechische Substantiv σωτηρία nicht her. So wird es also im weiteren Verlauf notwendig sein die Begriffe Heil und Unheil genauer zu definieren und deren Wesen und Erscheinungsformen zu erhellen.[4]

2. Erscheinungsformen und Wesen des Heils

Bei der konkreteren Beschreibung von verschiedenen Erscheinungsformen des Heils greift Härle am Beispiel von 1. Kor 1,30 exemplarisch einige heraus. Dabei fällt auf, dass es sich dabei auch um eine differenzierte Beschreibung der Sünde handelt. Denn Heil in einer bestimmten Erscheinungsform ist eine Reaktion auf das entsprechende Unheil. So kann man diesen Abschnitt als kleinen Exkurs in die Hamartiologie Härles betrachten. Als erste Form der Sünde bzw. des Unheils nennt er dort die Täuschung. Interessant ist, dass hierin auch eine Analogie zum Sündenfall besteht. Dort gelang es der Schlange auch durch Täuschung die Trennung von Gott zu erzielen. Die Sünde liegt dabei in dem Selbstbetrug, dass eigene Handeln als richtig zu betrachten. Härle nennt hier eine zweite Form der Selbsttäuschung, die man auch schon als einen Schritt zum Heil bezeichnen könnte. Dabei handelt es sich um das Erkennen das etwas nicht stimmt, aber noch nicht um die Erkenntnis was genau es ist. Hier ist wieder die Verbindung zum Konflikt zwischen beginnendem Heil und der Vollendung hergestellt. Denn Erkenntnis ist eine Erscheinungsform des Heils, wird aber nie alles aufdecken können was nicht stimmt[5]. Hier wird auch zum ersten Mal in Härles Ausführungen deutlich, dass der Heilsprozess auch durchaus erschreckend sein kann. Denn die Erkenntnis bringt neben der Befreiung auch einen schmerzhaften Prozess mit sich[6]. Die zweite Definition von Sünde ist die gestörte Beziehung zu Gott durch menschliches Fehlverhalten. In diesem Fall kann man das Heil als Versöhnung oder als Rechtfertigung verstehen. Wichtig ist, dass keine menschliche Leistung dafür nötig ist und auch keine dafür ausreichend wäre. Die Wiederherstellung der Beziehung Gott-Mensch passiert durch das gnädige Wohlwollen Gottes.[7]Neben der Rechtfertigung könnte man auch die von Härle als Wiedergeburt oder Vergöttlichung beschriebene Erscheinungsform des Heils als Reaktion auf die zerstörte Gott-Mensch- Beziehung verstehen. Denn dabei geht es um die Heiligung, die zum Ziel hat, Gott zu gehören und Anteil an ihm zu haben. In diesem Punkt geht es also auch um einen Herrschaftsanspruch.[8]Der Anteil am Wesen Gottes zeichnet sich durch das Teilhaben an der göttlichen Liebe und durch das Wirken des Heiligen Geistes im Menschen aus. Die Trennung von Gott wird also durch Rechtfertigung und durch den Herrschaftswechsel überwunden. Die letzte Definition für die Erscheinungsformen des Unheils beschreibt die Gefangenschaft und Abhängigkeit, welche die Sünde mit sich bringt. Dieser Macht der Sünde steht die Kraft der Liebe Gottes, die sich in Jesus manifestiert und als die stärkere Kraft erwiesen hat, entgegen. Auch hier ist wieder festzuhalten, dass die Macht der Sünde gebrochen ist, auch wenn die Sünde immer noch Auswirkungen im nicht vollendeten Leben eines Menschen hat.[9]

Das Einteilen in verschiedene Erscheinungsformen des Heils bzw. des Unheils ist allerdings nur als Verstehenshilfe sinnvoll. In der Praxis der Seelsorge können so z.B. gut Problem (Unheil) und Lösungsangebot Gottes (Heil) beschrieben werden. Doch dogmatisch betrachtet gibt es nur ein Wesen des Heils und auch des Unheils. Denn Befreiung kann nur mit Erkenntnis gekoppelt sein, und die wiederum führt auf dem Weg der Heiligung zur Versöhnung mit Gott. Die Erscheinungsformen vermischen sich also, da sie alle auf verschiedenen Formen des Unheils reagieren und doch zum einen Wesen des Heils führen.[10]Das Wesen des Unheils ist zusammengefasst die Macht der Sünde, die durchaus verschiedene Facetten hat, aber immer die Beziehung Gott-Mensch zerstören will. Diese Macht der Sünde ist zwar durch den Sühnetod Jesu am Kreuz gebrochen, aber nicht aus der gefallenen Welt beseitigt. So liegt in dieser omnipräsenten Macht der Sünde auch die Notwendigkeit für das Heil, das zuerst ein Prozess zur Überwindung von Unheil ist. Darin liegt auch schon die Erklärung, warum einmalige Durchbruchserfahrungen mit dem Heil Gottes auf die nichts mehr folgt, gefährlich sind. Denn weil die Sünde nicht beseitigt ist, bleibt das Überwinden des Unheils ein lebenslanger Prozess, der mit wachsender Erkenntnis durchaus intensiver und schmerzlicher werden kann. Doch in diesem ganzen Prozess, indem viele Formen des Unheils zu bekämpfen sind, bleibt das Ziel und damit das Wesen des Heils, das gleiche, nämlich den Menschen zu seiner Bestimmung, der Beziehung mit Gott, zurückzuführen. Dafür ist immer ein grundsätzliches Bejahen und Rechtfertigen des unvollkommenen Menschen durch Gott notwendig.[11]Auch wenn dieser Weg des Heils, wie gerade ausgeführt, ein Prozess ist, der keine einmalige Durchbruchserfahrung bringt, so spricht die Bibel dennoch von einer Wiedergeburt. Hierin besteht eine große Spannung die sich kaum auflösen lässt. Die unbefriedigende Antwort ist, dass Heil sowohl den Charakter einer Entwicklung, als auch eines radikalen Neuwerdens hat.[12]Härle versucht dies zu erklären, indem er den Menschen grundlegend über seine Beziehungen definiert. So wäre die wiederhergestellte Gottesbeziehung, die das Wesen des Heils ist, zugleich auch der Vorgang ein anderer Mensch zu werden. Es bleibt jedoch die Frage, ob nicht auch die Beziehung Mensch-Gott nicht genauso ein Prozess ist wie die Heiligung. Denn mit der Erklärung Härles ist die Wiedergeburt ein Vorgang auf Beziehungsebene, der ein radikales Neuwerden und eben keinen Prozess bedeutet. Eine Erklärung die nahe liegt, wäre die Stellung des Menschen. Mit der Wiedergeburt im Sinne einer Bekehrung ändert sich der Status der Beziehung von Gott zum Menschen radikal durch die Neuwerdung zum Kind Gottes. Dieses Recht Kind Gottes zu sein, besteht unabhängig vom Prozess der Heiligung, welche die Beziehung vom Menschen zu Gott inkludiert. Härle stellt allerdings noch eine weitere interessante Frage. Wie es zu dieser Einsicht kommen kann das die Gottesbeziehung die Daseinsbestimmung ist. Auch darauf ist die Antwort recht unbefriedigend. Denn der Mensch kann das nicht erkennen. Da alles im Menschen von der Sünde verdorben ist, kann ein solcher Gedanke nicht gedacht werden. Es braucht einen Impuls von außen.[13]Das kann das Gesetz sein,[14]was den Kontrast zwischen Ist und Soll im Leben aufzeigt, oder ein Zuspruch der Güte Gottes, dass er einen Menschen ohne Vorleistung und ohne anrechnen der Schuld annimmt. In beiden Fällen braucht es den Impuls von außen und das Bekennen von innen, was sich auch durch die Sündenerkenntnis zeigt. An dieser Stelle wird Heil vom dogmatischen Begriff zur Praxis. Wie kann dieser Impuls von außen aussehen? Wie kann man einem Menschen die Güte Gottes und den Unterschied von Ist uns Soll aufzeigen? All diese Fragen müssen in der Evangelisation für eine bestimmte Zielgruppe bedacht werden. Die Ausführung Härles zur Sündenerkenntnis möchte ich hier allerdings noch hervorheben. Er schreibt, dass Sündenerkenntnis schon damit erfüllt ist, wenn ein Mensch erkennt, dass er mit Gott in Beziehung leben will. Denn diese Erkenntnis ist schon ein Abwenden vom Unheil, der Täuschung und der Sünde ein Leben ohne Gott zu führen. Diese Schlussfolgerung ist gerade für Lebensübergabe in der Seelsorge maßgebend. Der Mensch, der ein Leben in Beziehung mit Gott beginnen möchte, muss nicht sofort eine möglichst große Anzahl an Sünden benennen können, denn dieses Erkennen und die Befreiung davon bleibt ein Prozess. Entscheidend ist die Erkenntnis nicht ohne Gott Leben zu wollen und die damit verbundene Abwendung vom grundsätzlichen Wesen des Unheils, der Trennung von Gott.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Unheil in all seinen Erscheinungsformen, die Beziehung Gott-Mensch verhindern will. Aus den verschiedenen Erscheinungsformen des Unheils entspringt die jeweilige Reaktion des Heils, die immer zum Wesen und Ziel hat, die Beziehung Gott-Mensch wiederherzustellen. Dies erfolgt durch ein Bejahen Gottes des sündigen Menschen. und durch die Erkenntnis des Menschen, dass er im Unheil ist. Diese Veränderung ändert den Zustand des Menschen, dennoch bleibt die Vollendung des Heils im irdischen Leben aus, warum es ein Prozess der Heiligung bleibt.

3. Die Frage der Prädestination

Wie oben erläutert kann kein Mensch von sich aus zu einer solchen Erkenntnis kommen, dass die Beziehung zu Gott Heil bedeutet. Dafür ist immer der Impuls von außen und das Bejahen und Rechtfertigen Gottes nötig. Die Frage die sich dabei herausstellt ist, ob Gott manche Menschen zum Heil und andere zum Unheil erwählt hat, und welche Selbstbestimmung der Mensch dabei hat.[15]Aus der Feststellung, dass Gott Menschen aus Gnade zum Heil erwählen muss, da der Mensch es nicht selbst wirken kann, folgt auch die Schlussfolgerung, dass die Menschen, die er nicht zum Heil erwählt hat, automatisch für die Verwerfung bestimmt sind. Dies entspricht der Lehre der doppelten Prädestination.[16]Härle kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis und schließt sich damit der Konkordienformel an, die besagt, dass wenn Gott mit den Gefäßen des Zorns Geduld hat, spricht dies dagegen, dass er sie zur Verwerfung bestimmt hat[17]. Neben diesem Argument spricht auch das Wesen Gottes, dass er Liebe ist, gegen die Erwählung, zur Verwerfung. Vielmehr will Gott, dass allen Menschen geholfen werde. Doch so wie die göttliche Liebe niemanden ausschließt, muss sie doch ausschließen, was mit der Liebe unvereinbar ist[18]. Die Konkordienformel beschreibt, dass Menschen also selbst schuld sind wenn sie die Bestimmung zum Heil verweigern, indem sie sich mit dem Unheil identifizieren[19]. Härle geht hier einen Schritt weiter und trennt ganz klar zwischen dem Menschen, der unverdient zum Heil erwählt ist, und der Verwerfung seiner Sünden. Dabei betont er, dass Gottes Wesen der Liebe dabei kein Geschöpf ausschließt.[20]

[...]


[1]W. Härle, Dogmatik, 4. Auflage, Berlin/ Boston 2012, 506.

[2]Vgl. ebd., 506.

[3]Elberfelder Studienbibel, mit Sprachschlüssel und Handkonkordanz, Witten 2009, 2084.

[4]Vgl. Härle, a.a.O., 507.

[5]Vgl. Härle, a.a.O., 508.

[6]Vgl. ebd., 509.

[7]Vgl. ebd., 510.

[8]Vgl. ebd., 510.

[9]Vgl. ebd., 512.

[10]Vgl. ebd., 513.

[11]Vgl. Härle, a.a.O., 514.

[12]Vgl. ebd., 515.

[13]Vgl. ebd., 516.

[14]Vgl. ebd., 518.

[15]Vgl. Härle, a.a.O., 519.

[16]Ebd., 519.

[17]Vgl. ebd., 520.

[18]Vgl. ebd., 521.

[19]Vgl. ebd., 522.

[20]Ebd., 521.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wilfried Härles Stellung zur Soteriologie. Heil, Erwählung und Glauben
Hochschule
Theologisches Seminar Adelshofen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V375854
ISBN (eBook)
9783668523494
ISBN (Buch)
9783668523500
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soteriologie, Härle, Heil, Analyse, Glauben, Erwählung
Arbeit zitieren
David Rümmler (Autor), 2016, Wilfried Härles Stellung zur Soteriologie. Heil, Erwählung und Glauben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375854

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