Die Geschichte des Turmbaus zu Babel ist zum einen vor allem deshalb interessant, weil in ihr der offenkundige Gegensatz zwischen Wissen-schaft und biblischer Erzählung deutlich wird. Kinder hören von dieser Geschichte und nehmen sie als hinreichende Erklärung für die Mannigfaltigkeit von Völkern und Sprachen, mit zunehmender Bildung jedoch verliert die Turmbaugeschichte unter dem Eindruck der wissenschaftlich erforschten (und nachvollziehbaren) Sprachgeschichte an Glaubwürdigkeit. Daher stellt sich die Frage: Warum schreibt jemand so eine Geschichte nieder, und warum wurde sie als ein Zeugnis des Wirken Gottes in die Bibel aufgenommen? Das Beispiel der Turmbaugeschichte als eine der ersten Geschichten, die die Bibel erzählt, steht daher exemplarisch für einen möglichen Weg, Erzählungen der Bibel zu verstehen.
Als Basis dieser Exegese dient mir die Lutherbibel als „meine“ Bibel, zur weiteren Untersuchung des Textes richt ich mein besonderes Augenmerk auf die Übersetzung Martin Bubers. Dessen Übersetzung ist für den Laien schwer verständlich, liest man sie aber neben einer anderen gängigen Übersetzung, können sich durch seine Übersetzung noch weitere oder andere Bedeutungen des biblischen Textes ergeben. Daneben nutze ich noch die Einheitsübersetzung als „katholisches Standardwerk“, die sich der Übersetzung der Lutherbibel jedoch sehr ähnelt.
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Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Textwahrnehmung
2.1) Abgrenzung und Kontext
2.2) Übersetzungsvergleich
3) Syntaktische Analyse
3.1) Aufbau
a) Exposition
b) Selbstaufforderung der Menschen
c) Reaktion Gottes
d) Namensätiologie für Babel
e) Schema
3.2) Gefüge
3.3) Künstlerischer Ausdruck
4) Semantische Analyse
4.1) Intertextualität
4.2) Inhalt
4.3) Werthaltungen
5) Wachstumsschichten des Textes
5.1) Literarkritik
5.2) Einordnung in den historischen Kontext
6) Theologische Gesamtdeutung
7) Anhang: Genesis 11,1-9
a) Lutherbibel
b) Einheitsübersetzung
c) Übersetzung Martin Bubers
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9), um deren Ursprung, inhaltliche Struktur und theologische Aussagekraft im Kontext der Urgeschichte zu ergründen. Die Forschungsfrage fokussiert sich dabei darauf, warum diese Geschichte als Zeugnis göttlichen Wirkens in den biblischen Kanon aufgenommen wurde und wie sich die Absicht des Erzählers zwischen Strafe und vorbeugendem Handeln interpretieren lässt.
- Vergleichende Analyse verschiedener Bibelübersetzungen (Lutherbibel, Einheitsübersetzung, Martin Buber).
- Strukturelle und semantische Untersuchung mittels literarkritischer Methoden.
- Intertextuelle Bezüge zur weiteren biblischen Urgeschichte.
- Historische Einordnung und Kontextualisierung der Turmsage.
- Theologische Deutung der Erzählung als Urteil über menschlichen Hochmut.
Auszug aus dem Buch
3.3) Künstlerischer Ausdruck
Zur Analyse des künstlerischen Ausdrucks dient hier die Übersetzung Bubers, die dem Urtext wohl am nächsten kommt.
In Vers 3 findet sich zwei figura etynologica: „backen wir Backsteine und brennen wir sie zu Brande!“
Weiterhin lassen sich Wiederholungen finden. Ein Satz kommt in der Turmbaugeschichte dreimal vor, jeweils in leicht veränderter Form: „Zerstreuen übers Antlitz aller Erde.“ In Vers 4 ist zuerst den Menschen dieser Satz in den Mund gelegt, die sich dabei selbst in einer passiven Position sehen: „ ... sonst werden wir zerstreut übers Antlitz aller Erde.“ Genau dieses Geschehen, daß die Menschen versuchten zu vermeiden, wird mit denselben Worten in Vers 8 und 9 mit Gott als Urheber dieses Geschehens beschrieben: „ER zerstreute sie ... übers Antlitz aller Erde,“ „ ... zerstreut ... hat ER sie übers Antlitz der Erde.“
Die Turmbaugeschichte schließt mit einem Wortspiel in Vers 9. Im hebräischen sind die Worte Babel und das Wort für Verwirrung ähnlich, das Verb verwirren folgt hier nun kurz nach Babel. Der Name Babel wird „volksetymologisch durch einen Hinweis auf das Verb ... „vermengen“, „verwirren“ erklärt“, womit „Babel“ die Bedeutung „Verwirrung“ ergibt.“ Tatsächlich bedeutete Babel „Pforte Gottes.“
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Einführung in die Thematik der Turmbaugeschichte als Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und biblischer Erzählung sowie Erläuterung der verwendeten Übersetzungsgrundlagen.
2) Textwahrnehmung: Analyse der Einbettung der Erzählung in die jahwistische Urgeschichte und ein erster Vergleich der verwendeten Bibelübersetzungen.
3) Syntaktische Analyse: Untersuchung des formalen Aufbaus, der literarischen Schichten und der stilistischen Mittel der Erzählung.
4) Semantische Analyse: Erörterung der intertextuellen Bezüge, des inhaltlichen Gehalts und der ethischen Wertvorstellungen des Textes.
5) Wachstumsschichten des Textes: Literarkritische Betrachtung der Textgenese und Einordnung der Erzählung in ihren historischen Kontext.
6) Theologische Gesamtdeutung: Zusammenfassende Interpretation der Erzählung als Reflexion über Hochmut und das heilswillige Handeln Gottes.
7) Anhang: Genesis 11,1-9: Dokumentation der Quellentexte durch Wiedergabe der Lutherbibel, der Einheitsübersetzung und der Übersetzung Martin Bubers.
Schlüsselwörter
Turmbau zu Babel, Genesis 11, Urgeschichte, Jahwist, Bibelübersetzung, Martin Buber, Sprachverwirrung, Hochmut, Literaturkritik, Intertextualität, Gottes Handeln, Exegese, Babel, Sinear, Zikkurat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer exegetischen Untersuchung der biblischen Geschichte vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9) und analysiert deren Aufbau, Bedeutung und Entstehung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen den Vergleich verschiedener Bibelübersetzungen, die literarkritische Analyse des Textaufbaus sowie die theologische Interpretation der Erzählung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Absicht des Erzählers hinter der Turmbaugeschichte zu verstehen, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob es sich um eine Strafe oder ein vorbeugendes Handeln Gottes handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es kommen vorwiegend literarkritische und semantische Analysen zum Einsatz, ergänzt durch intertextuelle Vergleiche und die Berücksichtigung des historischen Kontextes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine syntaktische und semantische Analyse, die Untersuchung der Wachstumsschichten des Textes sowie eine abschließende theologische Gesamtdeutung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Urgeschichte, Hochmut, Sprachverwirrung, Jahwist und Babel.
Warum spielt die Übersetzung von Martin Buber eine besondere Rolle?
Die Buber-Übersetzung wird als Vergleichsbasis genutzt, da sie dem hebräischen Urtext sprachlich sehr nahesteht und durch ihre ungewohnte Wortwahl neue Bedeutungsebenen des Textes erschließt.
Wie bewertet die Arbeit den Ungehorsam der Menschen in der Erzählung?
Die Arbeit stellt fest, dass der Ungehorsam gegen den göttlichen Befehl zwar thematisiert wird, Gott jedoch nicht im Sinne von Rache straft, sondern korrigierend eingreift, um weiteren menschlichen Hochmut zu unterbinden.
- Arbeit zitieren
- Thomas Diehl (Autor:in), 2002, Der Turmbau zu Babel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3759