Die Anzeichen und Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes in Deutschland


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition der politischen Medialisierung

3. Die Anzeichen einer Medialisierung des Wahlkampfes

4. Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes
4.1. Folgen für die Wahlkampfführung
4.2. Folgen für das Wählerverhalten
4.3. Amerikanisierung des Wahlkampfes

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach Pfetsch und Marcinkowski (2009) ist im 21. Jahrhundert jede Demokratie auch automatisch eine Mediendemokratie. Denn Medieneinflüsse auf die Politik „werden allgemein als selbstverständlich unterstellt“[1]. In einer Zeit der partizipativen Medien und gesteigertem Medieninteresse der Rezipienten gewinnen die Massenmedien immer mehr Bedeutung für die Demokratie und die Politik. Im Zusammenhang mit diesem Einfluss der Medien auf die Politik wird auch von einer „Medialisierung der Politik“ gesprochen[2]. Trotz einer Uneinigkeit in der Wissenschaft über die Definition dieses Begriffes, gibt es sowohl optimistische, als auch pessimistische Annahmen zum politischen Medieneinfluss. Nach Schulz (2009) gibt es auf der einen Seite Befürchtungen problematischer Folgen der Einflussnahme, auf der anderen Seite Erwartungen und Forderungen politischer Einflussnahme durch die Medien. Medien in diesem Gewand seien „ein wesentlicher Aspekt der Demokratietheorie“[3]. In dieser Arbeit soll nach dem Versuch einer umfassenden Definition des Begriffes der „Medialisierung der Politik“ auch diese Ambivalenz politischer Medienwirkungen genauer beschrieben werden. Im Besonderen soll danach auf die Medialisierung des Wahlkampfes in Deutschland als Teilbereich der Politik eingegangen werden. Die differenzierte Sichtweise auf die politische Medialisierung im Allgemeinen soll dabei später die Definierung möglicher Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes ermöglichen. So sprechen Blumler und Gurevitch (1995) beispielsweise von „immer unappetitlicher geführten politischen Kampagnen, einer Reduzierung von Argumenten auf Slogans und Schmähungen und einer übertriebenen Personalisierung und Dramatisierung im politischen Journalismus“[4]. Ob dies die einzige Folge politischer Medienwirkungen auf den Wahlkampf ist, oder diese auch positive Auswirkungen haben, soll in Punkt 4 dieser Arbeit untersucht werden. Wagner (2005: 11) sieht in der zunehmenden Medialisierung des Wahlkampfes die Suche von Parteien nach neuen Wegen, um vom Wähler wahrgenommen zu werden[5]. In diesem Zusammenhang wird auch von einem amerikanischen oder amerikanisierten Wahlkampf in Deutschland gesprochen, welcher von Wagner (2005) genauer untersucht wurde und in dieser Arbeit auch in Kapitel 4.3. weiter erläutert wird. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf eine mögliche Weiterentwicklung des politischen Medienwirkungsprozesses, insbesondere der Wahlkampfführung in Deutschland, gegeben.

2. Definition der politischen Medialisierung

Laut Pontzen (2005) wurde für den Medialisierungsbegriff bisher weder in der Politik-, noch in der Kommunikationswissenschaft eine einheitliche Definition gefunden. Er erklärt das Prinzip der Medialisierung der Politik nach dem „Dependenzparadigma“, welches eine Tendenz der zunehmenden Unterwerfung politischer Akteure „unter die Eigengesetzlichkeiten des medialen Systems“ beschreibt[6]. Auch Sarcinelli (2013) stellt die Frage, inwiefern Politik in der Wahrnehmung ihrer zentralen Funktionen durch diese Dependenz an Autonomie einbüßt[7]. Laut Sarcinelli (1998: S. 678 f.) umfasst die Medialisierung im Kontext politischer Kommunikation „(1) die wachsende Verschmelzung von Medienwirklichkeit und politischer wie sozialer Wirklichkeit, (2) die zunehmende Wahrnehmung von Politik im Wege medienvermittelter Erfahrung sowie (3) die Ausrichtung politischen Handelns und Verhaltens an den Gesetzmäßigkeiten des Mediensystems“[8]. Medialisierung bietet einerseits die Chance zu mehr Publizität und Transparent der Politik, andererseits werden aber auch Plebiszitarisierungstendenzen und ein Trend zur „Stimmungsdemokratie“ kritisiert[9]. Diese Ambivalenz der optimistischen und pessimistischen Annahmen auf Mikro-, Meso- und Makroperspektive politischer Medienwirkungen wird von Winfried Schulz (2006) genauer definiert. Vorteile des Medieneinflusses auf politische Organisationen und Systeme aus meso- und makroperspektivischer Sicht sind beispielsweise „die Erweiterung der Kanäle und Formate für politische Kommunikation“, die „Politikvermittlung durch Massenkommunikation“ und eine „Selektion und Definition politisch relevanter Probleme (Agenda-Setting)“[10]. Pessimistische Annahmen für Folgen dieses Einflusses sind eine „Entertainisierung und Trivialisierung politischer Kommunikation“, eine „Entauthentisierung der Politik“ und die „Entsachlichung und Personalisierung von Wahlkampagnen“[11]. Besonders auf den letzten Punkt soll in Kapitel 4 dieser Arbeit noch ausführlicher eingegangen werden. Mikroperspektivische Vorteile, also die Annahmen zum positiven politischen Medieneinfluss auf den Bürger, sind u.a. „politische Meinungsbildung anhand von Argumenten im Mediendiskurs“ und eine „politische Sozialisation durch Vermittlung politischer Werte und Verhaltensmodelle“[12]. Pessimistische Annahmen des Einflusses auf den Bürger sind beispielsweise die „Personalisierung des Wählerverhaltens“ und „Politikverdrossenheit“[13]. Insgesamt zeigt sich laut Sarcinelli (2013: S. 95) hinsichtlich der Einflusspotenziale von Medien auf die Politik ein differenzierungsbedürftiges Bild[14]. Besonders bei der Untersuchung des Einflusses der Medien auf den Wahlkampf in Deutschland soll in dieser Arbeit solch eine differenzierte Sicht angewendet werden.

3. Anzeichen einer Medialisierung des Wahlkampfes

Winfried Schulz (2006) definiert die Medialisierung des Wahlkampfes als „solche Veränderungen, die aus Interpendenzen zwischen Medien und Wahlkampagnen resultieren, insbesondere zwischen dem Medienwandel und dem Wandel der Wahlkampfführung“[15]. Er stellt vier Veränderungen der Kampagnen im Prozess der Medialisierung fest:

- Die Erweiterung der raum-zeitlichen Grenzen der Wahlkampfführung,
- die Substitution der nicht-medialen Kampagnenakitivitäten durch den Medienwahlkampf,
- die Integration spezifischer Medienfunktionen und Medienformate in die Kampagnenorganisation durch Verschmelzung medialer und nicht-medialer Aktivitäten
- und die Anpassung der Wahlkampfführung an die Medienlogik, „insbesondere an die Aufmerksamkeitsregeln und Darstellungsformate des Fernsehens“[16].

Diese Veränderungen seien trotz der Möglichkeit dieser Unterscheidung aber alle miteinander verbunden[17].

Die Erweiterung der raum-zeitlichen Grenzen der Wahlkampfführung wurde zum ersten Mal bei der flächendeckenden Verbreitung des Radios in den USA durch die empirischen Daten der Erie-County-Studie (Lazarsfeld, Berelson und Gaudet 1944) verdeutlicht. Das Radio wurde zu der Zeit für die Wähler zur wichtigsten Informationsquelle, da der Wahlkampf im Radio den Hörern das Gefühl gab, selbst dabei zu sein, und den Wahlkampf dramatischer erscheinen ließ, als in der Presse[18]. Das Fernsehen steigerte diese Wahrnehmung bei den Wählern und löste somit das Radio als Leitmedium ab[19]. Nach Einführung des Internets wurde erneut die Reichweite der Kampagnen gesteigert, auf, theoretisch, ein „globales Auditorium“[20]. Das Internet spielt hier besonders für die Individualisierung der Wahlkampagnen eine große Rolle, da es zum einen den einzelnen Kandidaten eine Darstellung der eigenen Persönlichkeit in beispielsweise sozialen Netzwerken ermöglicht, zum anderen den Wählern die Möglichkeit gibt, sich nach eigenen Präferenzen selbstständig über Partei und Kandidaten zu informieren[21].

Die von Schulz beschriebene Substitution der nicht-medialen Kampagnenaktivitäten durch den Medienwahlkampf zeigt sich zum Beispiel in dem Rückgang von Wahlkundgebungen der prominenten Kandidaten und lässt sich auch erklären durch die Verschiebung der Informationsquellen der Wähler von den persönlichen Kontakten, wie auf Parteiveranstaltungen, zu den Massenmedien[22].

Das dritte Anzeichen einer Medialisierung des Wahlkampfes ist nach Schulz die Verschmelzung medialer und nicht-medialer Aktivitäten, wobei hier nach Themen- und Personenebene unterschieden werden kann[23]. Auf der Themenebene bedeutet dies eine Ausrichtung der Kampagneninhalte nach in der Medienagenda dominierenden Themen. Auf der Personenebene zeigt sich diese Verschmelzung u.a. durch Medienmonitoring, Gegnerbeobachtung und Ermittlungen der Wählerstimmung und Wahlabsichten[24].

Das letzte von Schulz definierte Anzeichen der Medialisierung des Wahlkampfes, die Anpassung der Walkampfführung an die Medienlogik, zeigt sich an den typischen Merkmalen moderner Wahlkämpfe, wie zum Beispiel an fernsehgerechten Inszenierungen von Wahlparteitagen, oder am Engagement von Medienberatern für die Aufbesserung des Medienimages der Kandidaten.

Neben Winfried Schulz hat auch Daniel Pontzen (2005) Indikatoren der Medialisierung festgelegt, welche teilweise identisch oder vergleichbar mit denen von Schulz sind. Die 7 Indikatoren sind: ein Bedeutungszuwachs der Medien, ein Bedeutungszuwachs der Darstellungspolitik, die explizite Orientierung an der Medienlogik, die Dominanz des Fernsehens, eine Professionalisierung der Kommunikation, die Offenheit politischer Akteure gegenüber den Medien und die Medienaktivität der Abgeordneten[25]. Der Bedeutungszuwachs der Medien und die Dominanz des Fernsehens spiegeln sich in der Erweiterung der raum-zeitlichen Grenzen der Wahlkampfführung nach Schulz wieder, auch wird die Anpassung an die Medienlogik, bzw. die Orientierung an dieser, in beiden Untersuchungen erwähnt. Die Medienaktivität der Abgeordneten und die Offenheit politischer Akteure nach Pontzen werden von Schulz durch die Substitution der nicht-medialen Kampagnenaktivitäten durch den Medienwahlkampf beschrieben. Pontzen (2005) veranschaulicht seine Annahmen zusätzlich an Hand des Verlaufs und der Ergebnisse des Bundestags-Wahlkampfes von 2005. Für die gewachsenen Chancen neugegründeter Parteien, sich mittels Orientierung an den medialen Funktionsgesetzen konkurrenzfähig auf dem politischen Markt zu positionieren, sei die damalige Neugründung der Linkspartei beispielhaft[26]. So löse „die konsequente Bedienung zentraler Nachrichtenfaktoren wie Prominenz (in Person der polarisierenden Charaktere Oskar Lafontaine und Gregor Gysi) und Konflikt (in Form zugespitzter Rhetorik) ein großes Mediales Echo“ aus, und verstärke infolgedessen die Aufmerksamkeit, die der Partei zuteilwird[27]. Auch sieht Pontzen in der fortschreitenden Talkshowisierung, der Bedienung von Nachrichtenfaktoren zur Generierung von Aufmerksamkeit und dem kalkulierten Aufbau eines bestimmten Images der Wahlkandidaten eine Bestätigung seiner Thesen[28].

4. Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes

Die Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes werden hier zunächst nach Winfried Schulz eingeteilt in „4.1. Folgen für die Wahlkampfführung“ und „4.2. Folgen für das Wählerverhalten“, um diese möglichst differenziert darzustellen. Es soll auch versucht werden, weitere Folgen aus anderen Quellen dieser Aufteilung zuzuordnen, auch um die unter Punkt 2 beschriebenen Ambivalenz der politischen Medialisierung zu verdeutlichen.

4.1. Folgen für die Wahlkampfführung

Schulz (2006) unterscheidet positive und negative Folgen der politischen Medialisierung im Wahlkampf. So sieht er einerseits eine Erweiterung der der Formen und Kanäle der Kampagnenkommunikation und eine Professionalisierung des Kampagnenmanagements als Vorteile dieser Entwicklung[29]. Dem gegenüber steht, als Folge der gesteigerten Anforderungen an das Kampagnenmanagement, ein erhöhter Bedarf an Professionalisierung, welcher wiederum die Tendenzen der Medialisierung durch eine Nutzung der durch den Medienwandel eingetretenen Möglichkeiten verstärkt[30]. Diese Tendenzen der Medialisierung werden von Pontzen (2005) als Einflussnahme der Medien auf die Festlegung der politischen Tagesordnung, auf die Definition von politischen Problemen sowie auf den zeitlichen Ablauf politischer Prozesse definiert[31]. Im Zusammenhang mit diesem Einfluss wird auch von der „Agenda-Setting-Hypothese“ gesprochen[32]. Ein konkretes Beispiel für die Professionalisierung des Wahlkampfmanagements ist die Instrumentalisierung und Inszenierung von politischen Ereignissen, wie die Haushaltsdebatten im Bundestag, um das Medieninteresse zu steigern[33]. Aber auch die Entsachlichung und Entauthentisierung von Kampagnen und eine Personalisierung des Politischen werden als Folgen der politischen Medialisierung für die Wahlkampfführung gesehen[34].

4.2. Folgen für das Wählerverhalten

Die möglichen Folgen einer Medialisierung des Wahlkampfes für das Wählerverhalten nach Schulz (2006: 45) entsprechen größtenteils der mikro-perspektivischen Sicht auf die Folgen der Medialisierung der Politik im Allgemeinen, welche in Kapitel 2 kurz beschrieben wurden. Wagner (2005: 77) definiert die Wähler, bzw. die Öffentlichkeit, als „Empfänger vermittelter Informationen“ und teilt sie in drei Gruppen ein: eine latente Öffentlichkeit der Nichtteilnehmer, eine passive Öffentlichkeit von sporadisch teilnehmenden Bürgern und eine aktive Öffentlichkeit, gleichzusetzen mit der politischen Elite und den Entscheidungsträgern[35]. Der größte Teil dieser Informationsempfänger ist nach Jäckel (2005: 52) eine „eher beobachtende Öffentlichkeit“, welche sich hauptsächlich durch die Massenmedien informiert[36]. Eben diese größere Verfügbarkeit von Informationsressourcen in den Medien durch die politische Medialisierung sieht auch Schulz (2006: 45) als eine positive Folge dieses Einflusses. Durch die erhöhte Präsenz der Politik in den Massenmedien besteht auch die Möglichkeit einer Aktivierung oder politischen Sozialisation der unpolitischen Wähler[37]. Negative Auswirkungen auf das Wählerverhalten sind unter anderem eine mögliche Fernsehdependenz des Wählers, also die hauptsächliche Nutzung des Fernsehens als Informationsquelle, die Personalisierung des Wählerverhaltens, welche mit der Personalisierung des politischen im Allgemeinen zusammenhängt und die Abhängigkeit einer politischen Entscheidung von einer Person und nicht einer Partei oder eines Parteiprogramms bedeutet, und die Möglichkeit der Politikverdrossenheit des Wählers[38].

Zu beachten ist bei der Darlegung der Folgen eines medialisierten Wahlkampfes aber, dass hierzu häufig noch langfristig angelegte Untersuchungen und empirische Daten fehlen, bzw. unvollständig sind. So hat Schulz selbst beispielsweise seine These der gesteigerten Politikverdrossenheit als Folge der Medialisierung widerlegt, nachdem er in diesem Zusammenhang Daten über die Demokratiezufriedenheit der deutschen Bürger nach Kepplinger (1998) und Mauer (2003) analysiert hat[39].

4.3. Amerikanisierung des Wahlkampfes

Im Zusammenhang mit den Folgen der Medialisierung, bzw. Mediatisierung, oder Modernisierung der Politik wird auch immer wieder von einer zunehmenden „Amerikanisierung“ dieser gesprochen[40]. Sarcinelli (2011) beschreibt Amerikanisierung als „systemübergreifende Konvergenzentwicklung im Verhältnis von Politik und Medien“, welche insbesondere Bezug nehme auf generelle Entwicklungslinien der Politikvermittlung innerhalb und außerhalb von Wahlkämpfen[41]. Uneinigkeit über diesen Begriff herrscht besonders zwischen Diffusionstheoretikern, welche diese Entwicklung als Annäherung an US-amerikanische Kommunikationsmuster sehen, und Modernisierungstheoretiker, die die USA lediglich als Vorreiter in diesem Strukturwandel zwischen Medien und Politik sehen[42]. Jochen Wagner (2005) geht auf diese Frage nach Amerikanisierung oder Modernisierung, speziell mit Blick auf deutsche Wahlwerbekampagnen, genauer ein. Allerdings beschreibt auch er Schwierigkeiten in der Analyse bedingt durch fehlende empirische Untersuchungen und offene Forschungsbereiche[43]. Er vergleicht in seinen Untersuchungen die Entwicklung der politischen Kommunikation in beiden Ländern, überprüft die Amerikanisierungsannahme deutscher Kampagnen als Gegenpart zum Modernisierungsmodell anhand von Beispielen und führt einen Systemvergleich der beiden Staaten durch[44]. Nach Auswertung der Ergebnisse kommt er zu dem Schluss, dass die beiden politischen Systeme zu unterschiedlich für eine Adaption amerikanischer Wahlkampfelemente nach der Amerikanisierungsthese seien[45]. Trotz einiger ähnlicher Entwicklungen in den Wahlkampagnen in beiden Staaten, sei keine Amerikanisierung nach oben genannter Definition festzustellen. Merkmale dieser, wie zum Beispiel eine Image-Fixierung, strategische Produktentwicklungen und Zielgruppen-Marketing seien bei deutschen Wahlkampagnen nicht nachweisbar[46]. Auch Sarcinelli (2011) kommt in seinen Ausführungen zu dem Schluss, dass der Amerikanisierungsthese der allgemeine Modernisierungsbegriff zugrunde liegt. So beschreibt er die Amerikanisierung als „selektive Übernahme US-amerikanischer Muster als Leitbild und Zielvorstellung der Modernisierung“[47]. Laut Wagner (2005: 410) agieren die deutschen Parteien eher zurückhaltend und als ideologische Institutionen denn als „erweiterte kommunikations- und werbetechnische Unterstützungsplattform für den Wahlsieg der Kandidaten“[48] wie amerikanische Parteien. Eine Änderung dieser Situation, bzw. eine eindeutige Amerikanisierung, sei in absehbarer Zeit nicht zu erwarten[49].

5. Fazit und Ausblick

Bei Betrachtung der Ergebnisse aus den Kapiteln 3 und 4 fällt besonders auf, dass für eine eindeutige Untersuchung der Medialisierung des Wahlkampfes in Deutschland häufig empirische Daten und langfristige Analysen zu diesem Thema fehlen. Laut Sarcinelli (2006) gehören die Folgen der Medialisierung für die Wahlkampfführung zu den „am intensivsten untersuchten Feldern der politischen Kommunikationsforschung“[50]. Uneinigkeit herrscht besonders darüber, ob die Auswirkungen dieses Einflusses der Medien eher positiv oder negativ zu bewerten sind. Sarcinelli und Geisler (2002) beurteilen diese Ambivalenz als „Steigerung der Reichweite bei Verlust der ,Tiefe‘“[51]. Sie sehen das „Modernisierungsdilemma“ des politischen Systems in dem „vermeintlichen Zwang zur permanenten Steigerung medialer Thematisierungskompetenz bei gleichzeitiger Ungewissheit über den Thematisierungserfolg“[52]. Dennoch hat Winfried Schulz in seinen Untersuchungen einige Annahmen zu negativen Auswirkungen widerlegen können. Insbesondere die angeblich durch die politische Medialisierung ausgelöste Politikverdrossenheit der Bevölkerung sieht er stattdessen durch das kritische Urteil der Bevölkerung über die Regierung ausgedrückt. Wahlkämpfe würden diesen Negativtrend sogar bremsen[53]. Insgesamt lässt sich aber ein rascher, durchgreifender Wandel der Wahlkommunikation im Zusammenhang mit dem Medienwandel feststellen. Auch wenn die beträchtlichen Folgen dieser Veränderung nicht eindeutig als positiv oder negativ zu bewerten sind, so ist es dennoch sinnvoll diese zu diskutieren, besonders im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen. Sarcinelli und Geisler fordern beispielsweise zur Verhinderung eines „entpolitisierten Schaulaufens politischer Promis“, als Folge der zunehmenden Modernisierung, eine Anpassung und Förderung der „Beteiligungsdemokratie“[54]. Und Daniel Pontzen prognostizierte 2005 nach ausführlicher Untersuchung der politischen Medialisierungstendenzen einen „Gegentrend hin zu einer neuen Nüchternheit in der politischen Klasse“, welche sich „wieder mehr auf die politische Kernarbeit konzentrieren“ werde[55]. Aktuelles Beispiel hierfür ist das zurückhaltende Verhalten von Angela Merkel in den Medien, verglichen mit dem „Medienkanzler“ Gerhard Schröder.

[...]


[1] Schulz, Winfried (2009). Politischer Medieneinfluss: Metamorphosen des Wirkungskonzepts. In Macinkowski, Frank, & Pfetsch, Barbara (Hrsg.), Politik in der Mediendemokratie (S.104). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[2] Pontzen, Daniel (2006). Nur Bild, BamS und Glotze? Medialisierung der Politik aus Sicht der Akteure. Hamburg: LIT Verlag.

[3] Vgl. Schulz (2009) S.104.

[4] Blumler, Jay G., Blumler, Jay, & Gurevitch, Michael (1995). The Crisis of Public Communication. Zitiert nach Schulz (2009) S. 104.

[5] Wagner, Jochen (2005). Deutsche Wahlwerbekampagnen made in USA? Amerikanisierung oder Modernisierung bundesrepublikanischer Wahlkampagnen (S.11). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[6] Vgl. ebd. S. 28.

[7] Vgl. Sarcinelli, Ulrich (2013). Legitimation durch Kommunikation?. In Korte, Karl-Rudolf, & Grunden, Timo (Hrsg.), Handbuch Regierungsforschung (S. 93 – 102). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[8] Vgl. Jarren, Otfried, & Sarcinelli, Ulrich (1998). Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Schulz (2009).

[11] Ebd.

[12] Vgl. Schulz (2009) S. 105.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Sarcinelli (2013) S. 95.

[15] Schulz, Winfried (2006). Demokratie in der Mediengesellschaft. In Imhof, Kurt, Blum, Roger, Bonfadelli, Heinz, & Jarren, Otfried (Hrsg.), Demokratie in der Mediengesellschaft. Mediensymposium Luzern (Band 9, S. 42). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[16] Vgl. ebd. S. 42 f.

[17] Vgl. ebd. S. 42

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd. S. 43

[22] Vgl. ebd. S. 43, zitiert nach Kepplinger und Maurer (2006) S. 61 f.

[23] Vgl. ebd. S. 44

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Pontzen (2005) S. 83 – 105.

[26] Vgl. ebd. S. 174

[27] Vgl. ebd. S. 175

[28] Vgl. ebd. S. 176

[29] Vgl. Schulz (2006) S. 45.

[30] Vgl. ebd.

[31] Vgl. Pontzen (2005) S. 52, zitiert nach Jarren (1994) S. 32.

[32] Vgl. ebd. S. 52 und Wagner (2005) S. 72 f.

[33] Vgl. Schulz (2006) S. 46.

[34] Vgl. Pontzen (2005) und Schulz (2006).

[35] Vgl. Wagner (2005) S. 77.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. Schulz (2006) S. 45 und Schulz (2009) S. 105.

[38] Vgl ebd. (2006) S. 45.

[39] Vgl. ebd. 2006 S. 53 f.

[40] Vgl. Esser, Frank, & Sülflow, Michael (2014). Visuelle Kandidatendarstellung in Wahlkampfbeiträgen deutscher und amerikanischer Fernsehsender – Image Bites, Rollenbilder und nonverbales Verhalten. Publizistik, 59, 285-306. Und Wagner (2005) S. 51.

[41] Vgl. Sarcinelli, Ulrich (2011). Wahlkampfkommunikation: Modernisierung von Wahlkämpfen und Modernisierung von Demokratie. In ders. (Hrsg.), Politische Kommunikation in Deutschland. Medien und Politikvermittlung im demokratischen System (S. 225 – 246) . Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[42] Vgl. ebd.

[43] Vgl. Wagner (2005) S.21.

[44] Vgl. ebd. S. 9.

[45] Vgl, ebd. S. 403.

[46] Vgl. ebd.

[47] Vgl. Sarcinelli (2011) S. 234.

[48] Vgl. Wagner (2005) S. 410.

[49] Vgl. ebd.

[50] Sarcinelli, Ulrich (2006). Zur Entzauberung von Medialisierungseffekten: Befunde zur Interpendenz von Politik und Medien im intermediären System. In Imhof, Kurt, Blum, Roger, Bonfadelli, Heinz, & Jarren, Otfried (Hrsg.), Demokratie in der Mediengesellschaft (S. 117 – 122). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[51] Vgl. Geisler, Alexander, & Sarcinelli, Ulrich (2002). Die Demokratie auf dem Opferaltar kampagnenpolitischer Aufrüstung?. In Machnig, Matthias (Hrsg.), Politik – Medien – Wähler. Wahlkampf im Medienzeitalter (S. 153 – 163). Opladen: Leske + Budrich.

[52] Vgl. ebd.

[53] Vgl. Schulz (2006) S. 55.

[54] Vgl. Sarcnicelli, Geisler (2002) S. 163.

[55] Pontzen (2005) S. 181.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Anzeichen und Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes in Deutschland
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V375924
ISBN (eBook)
9783668523593
ISBN (Buch)
9783668523609
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlkampf, Mediatisierung, Amerikanisierung, Politische Kommunikation, Deutschland, Anzeichen, Folgen, Medialisierung
Arbeit zitieren
Marie Lechtenberg (Autor), 2014, Die Anzeichen und Folgen der Medialisierung des Wahlkampfes in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375924

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