Stimme der Täter, Stimme der Opfer. "Flughunde" von Marcel Beyer


Hausarbeit, 2008

14 Seiten, Note: 1,0

Anonym (Autor)


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Stimme der Täter, Stimme der Opfer ... 3
2.1. Die Stimmen der Täter ... 4
2.2. Die Stimmen der Opfer ... 9
3. Schluss ... 12
Literaturverzeichnis ... 14

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1. Einleitung
Wäre jeder von uns dazu fähig gewesen? In seinem Roman
Flughunde
gelingt es
Marcel Beyer das viel diskutierte Thema des Nationalsozialismus in einen neuen
Blickwinkel zu rücken. Er liefert keineswegs ein weiteres Werk zur
Vergangenheitsbewältigung, sondern bringt den Leser zum Reflektieren, indem er ihm
das Unfassbare aus der Perspektive der Täter zeigt. Nüchtern und beinahe unbeteiligt
schildert der gefühlskalte Stimmenforscher Hermann Karnau die grausamen Versuche
im Lazarett und berichtet über das Sterben der Patienten in schauerlichen Details.
Nach jedem Satz wünscht man sich die zweite Erzählerstimme, Helga, zurück. Sie ist
die achtjährige Tochter des Propagandaministers Goebbels und spricht in fröhlich
kindlicher Manier von Ausflügen mit ihrem Vater und dem Zusammenleben mit ihren
Geschwistern. Doch auch bei ihr schwingt mit fortschreitender Handlung immer
häufiger die Erbarmungslosigkeit des Krieges mit. ,,Papa, was ist denn eigentlich
Entwelschung?" (Beyer 1996, 125). Die folgende Arbeit widmet sich der Stimme. Sie
untersucht die Unterschiede zwischen den Opfern und Tätern des Dritten Reiches im
Roman. Dabei werden die Erzählperspektive, die Sprache und die Wirkung auf den
Leser durchleuchtet. Erkennt man die Kriegsverbrecher bereits an ihren Stimmen? Und
können sie mit ihren eigenen ,,falschen" Stimmen leben?
2. Stimme der Täter, Stimme der Opfer
Beyers Roman
Flughunde
ist eine Textmontage aus mehreren Erzählperspektiven. Er
besteht aus neun Kapiteln, in denen 40 Mal die Stimme Hermann Karnaus, 32 Mal die
Helga Goebbels, ein Mal die der Köchin im Führerbunker und sechs Mal die eines
allwissenden, neutralen Erzählers auftauchen. Vor dem eigentlichen Beginn des
Werkes, schiebt Marcel Beyer noch ein paar Zeilen, deren Bedeutung jedoch erst am
Ende des Buches klar wird.
Die beiden Protagonisten offenbaren ihre Gedanken in einem inneren Monolog. Dabei
kommt es zu einer Grenzüberschreitung zwischen erlebenden und erzählenden Ich,
dem sogenannten eingeschobenen Erzählen. Der Satzbau ist, wie typisch für einen
inneren Monolog, an einigen Stellen elliptisch.
Es treten Parallelhandlungen auf, die einerseits aus Helgas, andererseits aus
Hermanns Sicht veranschaulicht werden. In anderen Textpassagen erkennt man
hingegen eine Kontrapunktik. Am auffälligsten ist diejenige zwischen den beiden
Hauptfiguren; Karnau spricht mit erwachsener, männlicher und Helga mit kindlicher,
weiblicher Stimme. Auch während der Sportpalastrede Joseph Goebbels kommen die
Gegensätze deutlich zum Ausdruck. Die Illusionen des begnadeten Redners werden
durch die Gedankengänge seiner ältesten Tochter zunichte gemacht. Auffällig sind
auch die vielen Kapitelverbindungen. Mehrfach stehen die einzelnen Abschnitte durch
gleiche Worte oder sogar ganze Sätze im Zusammenhang (vgl. ebd., 115/117 und
ebd., 279/283).
Der Text ist außerdem durch zahlreiche Leitmotive gekennzeichnet, die innerhalb des
Romans mehrfach unverhofft auftauchen. Der Titel
Flughunde
wurde vom Autor
bewusst gewählt und stellt bereits ein wichtiges Leitmotiv dar. Überdies tauchen der
Krieg, die Stimme, die Dunkelheit, der Atem und die Taubstummen gehäuft auf.

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Der Roman spielt in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und gewährt dem Leser auch
einen Zeitsprung in das Jahr 1992. Folglich findet eine Zeitraffung statt, da die
Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit ist. Diese Zeitraffung kommt auch deswegen
zustande, da die erzählte Zeit weiterläuft, während beispielsweise Karnau die
Ereignisse aus seiner Sicht präsentiert. Wenn nun Helga dieselben Erlebnisse aus
ihrer Perspektive schildert, ist die erzählte Zeit schon weiter vorangeschritten. Die
Frequenz ist wegen den verschiedenen Erzählern also vielfach repetitiv. Des Weiteren
versetzt eine Analepse, eine Tonaufnahme, die Karnau sich anhört, den Leser in die
Zeit zurück, in der die Kinder noch lebten.
Konstruierte Realität? So könnte man Marcel Beyers Meisterwerk wohl nennen,
welches sich als eine Mischung aus Fiktion und Realität präsentiert. Der Roman
verweist auf unzählige Episoden aus der Zeit des Dritten Reiches, diese werden jedoch
keinesfalls ausführlich erläutert, sondern nur angedeutet. Die Entwelschung, die
Sportpalastrede, die Geliebte Goebbels, den Werwolfsender und auch die Personen
gab es wirklich. Der Rest hat seinen Ursprung jedoch in Beyers Fantasie.
2.1. Die Stimmen der Täter
Die Namen der beiden Kriegsverbrecher Joseph Goebbels und Adolf Hitler werden im
Roman
Flughunde
nie ausdrücklich erwähnt, können jedoch durch eindeutige
Anhaltspunkte vom Leser erschlossen werden. Mit Ihnen auf der Täterseite befindet
sich der weniger bekannte Hermann Karnau, der ebenfalls eine historische Figur ist.
Ob sie in der Lage sind, ihre Stimmen zu verstellen, so dass man ihnen die Schuld
nicht anmerkt, oder ob man sie an ihren Lippen ablesen kann, gilt es im Folgenden
herauszufinden.
2.1.1. Hermann Karnau
Die erste Figur, die man in Beyers Roman
Flughunde
kennenlernt, ist Hermann
Karnau. Dieser widmet sein Leben ganz und gar seiner Arbeit als Tontechniker und
Stimmenforscher. Allein mit seiner Haushälterin und seinem Hund Coco bestreitet er
den Alltag, Freunde hat er nicht. Auf Außenstehende wirkt er harmlos und relativ
normal; ein bemitleidenswerter Einsiedler, der jedoch stets freundlich und
aufgeschlossen ist. Doch bei genauerer Betrachtung erkennt man Karnaus Perversion
und Gefühlskälte. Er ist besessen davon, die Stimme des Menschen zu erforschen, um
dadurch sein Wesen zu ergründen und ihn beeinflussen zu können. Dabei schreckt er
weder vor Versuchen an Tierköpfen noch an lebendigen Menschen zurück. Ohne
jegliche Gefühlsregung nimmt er die letzten Lautäußerungen von Sterbenden auf.
Menschen sind für ihn ohnehin nur Hüllen, die das Wesentliche, die Stimme, in sich
tragen.
Trotz seines Fanatismus für menschliche Laute haften an der ersten Begegnung mit
seiner eigenen Stimme, die er während einer Tonaufnahme auf einem
Kindergeburtstag hatte, ausschließlich negative Erinnerungen: ,,Dann merkte ich, dass
zu einer fremden, unnatürlichen Stimme, die aus dem Schalltrichter erklang, keiner der
Freunde in unserer Runde paßte. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, daß dies

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nur ich selber sein konnte" (ebd., 1996, 58). Er beschloss von diesem Zeitpunkt an,
diese abstoßenden Klänge, die sich gänzlich von seinem innerem Schädelklang
unterschieden, nie wieder zu vernehmen (vgl. ebd., 59).
Ansonsten möchte der Akustiker jedoch alle Laute der hörbaren Welt auf einer
Stimmkarte speichern, mit einer Ausnahme: ,,Die Stimmen dieser Kinder werden nicht
auf meiner Karte verzeichnet" (ebd., 63). Jedoch ändert er seine Meinung darüber als
er feststellt, dass die Kinder es gewohnt sind, ihre eigenen Stimmen zu hören und
deshalb nicht vor ihrer eigenen Stimme erschrecken werden, wie es ihm in seiner
Jugend erging (vgl. ebd., 90). Im Führerbunker beginnt er heimlich mit Tonaufnahmen
der Kinder und nimmt selbst ihre letzten Laute vor dem Tod in seine Sammlung auf
(vgl. ebd., 300 f).
Bereits seit seiner Kindheit ist Hermann von fledermausartigen Nachttieren verzaubert.
Er weiß, dass diese und andere Tiere einen besseren Gehörsinn haben als der
Mensch, nimmt jedoch an, dass sie Töne lediglich früher hören. Als der
Stimmenforscher jedoch erfährt, dass diese in für Menschen nicht hörbaren
Frequenzen kommunizieren, bricht seine Stimmkarte in sich zusammen (ebd., 178).
Hermann Karnau ist einer der beiden Ich-Erzähler im Roman, da er die folgenden drei
Bedingungen Stanzels erfüllt: die Mittelbarkeit des Erzählens hat ihren Ort ganz in der
fiktionalen Welt, der Ich-Erzähler ist ein Charakter der fiktionalen Welt und ,,es besteht
volle Identität zwischen der Welt der Charaktere und der Welt des Erzählens" (Stanzel
1979, 15 f). Karnau erzählt die äußere Handlung der Geschichte und ist Teil der
Diegese, deshalb kann man ihn, nach Genette, als einen extradiegetischen,
homodiegetischen Erzähler bezeichnen (vgl. Genette 1998, 163 ff).
Hermann Karnaus Erzählerstimme wirkt eher wie ein telegramartiger Bericht, fast ohne
jegliche Gefühle und Wertungen. Er verwendet hauptsächlich Parataxe, seine Sätze
bestehen teilweise nur aus ein bis zwei Wörtern und werden kaum ausgeschmückt:
,,Sechs Mann mit Kreidewagen. Linien ziehen entlang der Stege. Wo die Blindenhunde
abtreten. Abstand zwischen den Linien sechzig Zentimeter. Schulterbreite plus Hund.
Peinlich genau" (Beyer 1996, 9). Er lässt selbst das Grauen des Krieges wie eine
Nebensächlichkeit erscheinen: ,,Es ist Krieg" (ebd., 9) und berichtet über die
Menschenversuche sachlich und aus rein technisch-medizinischem Interesse, ohne
jede Äußerung der Reue oder Schuld.
Fängt Hermann Karnau jedoch an, sich über sein Spezialgebiet auszulassen, kommt
es zu einem regelrechten Gedankenfluss. Er beschreibt die Färbungen der Stimme in
allen Einzelheiten in einer gut ausformulierten Hypotaxe. Dadurch kommen seine
Leidenschaft zur Stimme und die Bewunderung der zum Teil abscheulichen Laute
deutlich zum Ausdruck:
Und wie das Kartenpergament knistert unter meinem Handballen, wie es sich wellt, da
es den Handschweiß aufsaugt, das gibt ganz neue Konstellationen von Lauten hier in
einer Ecke, klarer Vokal stößt hier auf Kehllaute, und dort wo das geschwungene
Häkchen eingezeichnet ist, da hat es einen jungen Sterbende richtig herausgehauen aus
der Lautbeherrschung (ebd., 123 f).
In nahezu allem, was er macht, kreisen seine Gedanken immer wieder um die Stimme.
Selbst wenn er mit seinem Hund Coco spielt, kann er es nicht lassen, seinen Kopf
abzutasten, um festzustellen, welche Gehirnregionen für die Bildung von Tönen und
Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Stimme der Täter, Stimme der Opfer. "Flughunde" von Marcel Beyer
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Künste und Medien)
Veranstaltung
Wer spricht? Stimmen im Text kjb
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V376293
ISBN (eBook)
9783668534421
ISBN (Buch)
9783668534438
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flughunde, Marcel Beyer, Goebbels, Nationalsozialismus, Stimme
Arbeit zitieren
Anonym (Autor), 2008, Stimme der Täter, Stimme der Opfer. "Flughunde" von Marcel Beyer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376293

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