Die Kafka-Rezeption bei Günter Kunert und ihr Einfluss auf die Wahrnehmung in der DDR


Bachelorarbeit, 2011

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt
1.
Themenbegründung
1
2.
Kafkas ,,Erbe" oder ,,ein anderer K.": Zur Spezifik der Kafka-
Rezeption bei Günter Kunert am Beispiel ausgewählter
Werke von 1960 bis 1975
4
2.1
Forschungsstand
4
2.2
Zur Spezifik des Kafkaschen Schreibens
6
2.3
Zur Kafka-Rezeption in der DDR
8
2.3.1
Gab es eine Kafka-Rezeption in der DDR?
8
2.3.2
Zur Kafka-Rezeption bei Günter Kunert
10
2.3.2.1 Eine kurze Darstellung des Lebens und Wirkens von Günter
Kunert in der DDR
10
2.3.2.2 Zur Spezifik des Werks von Günter Kunert (1960 bis 1975)
11
2.3.2.3 Zusammenfassung
14
2.4
Analysen
14
2.4.1
Interfragmentarium (zu Franz K.s Werk), 1962
14
2.4.2
Zentralbahnhof, 1968
19
2.4.3
Dornröschen, 1973
24
3.
Schluss
28
4.
Literaturverzeichnis
30
5.
Anhang
32

1
1. Themenbegründung
,,Hier steige ich manchmal an öden Nachmittagen herunter, wenn ich die
Augen schließe. Zögernd wandere ich an den Mauern aus Büchern entlang,
dort einen Band herausziehend, hier eine Broschüre aufschlagend: alle
älteren und neueren Autoren sind anwesend: von Catull bis Kafka."
1
Günter Kunert begibt sich in diesem Auszug aus der ,,Geheimen Bibliothek"
an einen imaginären Ort, der wohl vielen Schriftstellern einen zentralen Platz
für ihr künstlerisches Wirken bedeutet. Sie betreten ihn ständig, wenn sie
schreiben und grübeln, da Literatur nicht ohne andere Literatur auskommt:
,,Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen
Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren,
einander in Frage stellen."
2
, wie Roland Barthes einmal feststellte. Und so
haben jedes gelesene Wort, jeder Satz und jedes Buch eine starke
Auswirkung auf das, was man als Künstler in einem neuen Werk produziert.
In der Literaturwissenschaft wird das, was Barthes beschreibt, als
Intertextualität bezeichnet. Über diese lässt sich schließlich erkennen, wie
stark beispielsweise ein Autor wie Günter Kunert Schriften eines Franz Kafka
gelesen, verarbeitet und möglicherweise für sein eigenes Werk genutzt hat.
Besondere Relevanz erhält jene Problematik vor dem Hintergrund der Kafka-
Rezeption in der DDR. Liest man dazu Sekundärliteratur, stößt man sehr
schnell auf die Aussage, dass ,,das Werk Franz Kafkas [...] von den
Kulturfunktionären der DDR bis in die 70er Jahre hinein [...] abgelehnt und
aus dem offiziellen ,Erbe`-Kanon ausgeschlossen [wurde]."
3
Dies erschwert
für Schriftsteller einen Kontakt mit den Texten jenes Autors und damit auch
eine Verarbeitung in eigenen Werken.
In dieser Arbeit soll sich mit genau diesen Fragen auseinandergesetzt
werden: Welche Rolle spielt Günter Kunert innerhalb der Kafka-Rezeption in
der DDR und auf welche Weise hat er Kafkas Texte für sein eigenes
Schreiben genutzt; sprich, lassen sich einfache intertextuelle Bezüge
1
Kunert, Günter (1979): S. 72.
2
Barthes, Roland (2000): S. 190 f.
3
Winnen, Angelika (2006): S. 11, Z. 6-8.

2
erkennen oder üben sogar ganze Kafkasche Stimmungsräume einen
Einfluss auf Kunerts Schreiben aus?
Um dieser Frage nachzugehen soll zuerst der Stand der Forschung
bezüglich jener Thematik beleuchtet werden. Daran anschließen wird sich
eine Analyse dessen, was man überhaupt unter Kafkaschem Schreiben
versteht. Nur ein klares Verständnis des Spezifischen in Kafkas Texten kann
eine gute Grundlage für intertextuelle Untersuchungen sein.
Aufbauend darauf schließt sich ein theoretischer Abriss an, der die Frage
nach der Kafka-Rezeption in der DDR inklusive dem Leben und Wirken
Günter Kunerts und der Spezifik seines Schreibens in den Mittelpunkt rückt.
Vor allem in Bezug auf die immer wieder aufkommende Annahme, es habe
keine oder nur eine sehr geringe Auseinandersetzung mit Kafkas Werk
gegeben, soll zuerst hinterfragt werden, warum sich dann aber immer wieder
Bezüge bei Schriftstellern wie Günter Kunert finden lassen. Ausgehend
davon soll im nächsten Punkt auf das Leben und Wirken Günter Kunerts
eingegangen werden. Dies ist für die Frage nach dessen Rolle innerhalb der
Kafka-Rezeptionsgeschichte in der DDR ausschlaggebend. Da ob des
Umfangs dieser Arbeit allerdings nicht Kunerts gesamtes Werk von 1949 bis
1990 nach intertextuellen Bezügen durchsucht werden kann, muss sich
sowohl zeitlich als auch inhaltlichen auf einen Teil seines Werks spezialisiert
werden. Dafür erweist sich vor allem seine späte Frühphase, wie sie in dieser
Arbeit bezeichnet werden soll, von 1960 bis 1975, als überaus interessant:
Diese ist charakterisiert durch das Lyrikfragment ,,Interfragmentarium (Zu
Franz K.s Werk)" von 1962, einen Paradigmawechsel innerhalb der Semantik
seiner Texte und mündet in einen von Elke Kasper als Mythos-Phase
4
beschriebenen Abschnitt. Die Relevanz dieser späten Frühphase ergibt sich
damit aus zweierlei Gründen: Einerseits verschiebt sich Kunerts Fokus auf
der semantischen Ebene vom Lokalen und Örtlichen hin zu einem
weltoffenen und globalen Blick (mit dem vereinzelten Individuum im Kern)
deutlich in Richtung Kafkascher Stimmungs- und Inhaltskonstruktionen,
andererseits fällt diese Phase immer noch in die Zeit hinein, in der Winnens
Feststellung, bis in die 70er Jahre hinein wurde Kafka aus dem ,,Erbe"-Kanon
der DDR gestrichen, noch über Gültigkeit verfügt. Genau diese Phase deckt
4
Vgl. Kasper, Elke (1995): S. 95.

3
damit den für die eingangs gestellte Frage ergiebigsten und interessantesten
Abschnitt in Kunerts Kafka-Rezeption während der DDR-Zeit ab.
Nachdem die theoretischen Grundlagen geklärt sind, schließen sich im
dritten großen Teil dieser Arbeit praktische intertextuelle Analysen an, die auf
Grundlage Kunertscher Texte der späten Frühphase zu finden sind. Anhand
dieser soll einerseits die eingangs gestellte Frage beantwortet werden und
andererseits auch be- oder gegebenenfalls widerlegt werden, was im
theoretischen Teil dieser Arbeit dargestellt wurde.

4
2. Kafkas ,,Erbe" oder ,,ein anderer K.": Zur Spezifik der Kafka-
Rezeption bei Günter Kunert am Beispiel ausgewählter Werke
von 1960 bis 1975
2.1 Forschungsstand
Beschäftigt man sich mit der Kafka-Rezeption im Allgemeinen, so wird man
mit einer Unmenge an Sekundärliteratur konfrontiert, die wiederum in sich
sehr unterschiedlich ist: Oftmals wird in den Aufsätzen die Rezeption nach
geografischen, nicht selten aber auch nach historischen Aspekten
differenziert. Außerdem werden Probleme in den Mittelpunkt gerückt, die sich
mit den unterschiedlichen Textausgaben der Rezipienten befassen. Darüber
hinaus findet man häufig eine Fokussierung auf die Analyse des
Verhältnisses von Rezipient und Werk.
5
Begrenzt man seinen Blick allerdings auf die Aufsätze innerhalb der
Forschungsliteratur, die sich mit der Kafka-Rezeption in der DDR
auseinandersetzen, so findet man plötzlich nur noch sehr wenige Texte. Als
eine der letzten Veröffentlichungen kann Angelika Winnens Buch ,,Kafka-
Rezeption in der Literatur der DDR. Produktive Lektüren von Anna Seghers,
Klaus Schlesinger, Gert Neumann und Wolfgang Hilbig" aus dem Jahr 2006
genannt werden. Sie versucht, die Kafka-Rezeption in der DDR auf
literarischer Basis zu beleuchten, verfällt aber an einigen Stellen in
kulturpolitische Schlussfolgerungen, welche sie aus ihren Annahmen zieht.
6
Allerdings ist eine solche Verfahrensweise innerhalb der Forschungsliteratur
nicht selten der Fall, wie sie bereits in ihrer Einleitung schreibt. So gäbe es
sehr viele Texte, die vor allem den kulturpolitischen Umgang mit Kafkas
Werken erforschen würden. Dies resultiert ihrer Ansicht nach vor allem aus
dem starken Zusammenhang zwischen Ästhetik und Politik/Kultur innerhalb
der Texte Kafkas.
7
Solcherlei Zusammenhänge sind immer wieder auf den
unterschiedlichen Kafka-Konferenzen diskutiert worden, aus denen
5
Vgl. Fromm, Waldemar (2008): S. 250.
6
Vgl. dazu vor allem Winnen, Angelika (2006): ,,Kafkas Werk in der ,Reisebegegnung`", S. 66. Hier
argumentiert sie, Seghers hätte ihr Weltbild einer ,,sozialistischen Menschengemeinschaft" in ihre
,,Reisebegegnung" einfließen lassen.
7
Vgl. Winnen, Angelika (2006): S. 15.

5
schließlich wiederum Sekundärtexte entstanden sind. Besonders
hervorzuheben ist hier die Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice im Jahr 1963.
Rezipiert wurden die Ergebnisse dieser darüber hinaus im Jahr 2008 auf
einer Konferenz, die wiederum am Austragungsort jener von 1963 stattfand.
Auch hier stand, wie bereits 1963, die Frage nach der politischen
Ausdeutung der Kafkaschen Texte im Zentrum.
8
Allerdings soll in dieser Arbeit auf solche Diskussionen nicht eingegangen
werden, da sie einerseits bereits in großer Menge geführt worden sind und
sich andererseits gegen einen Literaturbegriff
9
sträuben und diesen
unwissenschaftlich machen. Es wird ausschließlich eine literarische Analyse
der intertextuellen Bezüge zwischen Kunerts und Kafkas Texten stattfinden.
In diesem Bereich existiert insgesamt nur sehr wenig Sekundärliteratur.
Winnen stützt sich in ihren Ausführungen vor allem auf Karlheinz Fingerhut.
Dieser hat 1985 einen Aufsatz mit dem Titel ,,Produktive Kafka-Rezeption in
der DDR" veröffentlicht, der in einem Sammelband im Rahmen des Kafka-
Symposiums erschien. Hier findet eine explizite literarische Analyse der
Auseinandersetzung mit Kafkas Texten in der DDR statt. Fingerhut will in
seinen Forschungen zwei hochproduktive Phasen der literarischen Kafka-
Rezeption ausgemacht haben, nämlich die 30er und 40er Jahre auf der
einen, und die 60er und 70er Jahre auf der anderen Seite. Diese seien
geprägt von vielen gemeinsamen Tendenzen einzelner Rezipienten in ihrem
Umgang mit Kafka-Texten. Grund dafür sei ein gemeinsamer historischer
und kultureller Erfahrungskontext.
10
Diese Feststellung unterstützt die
Gewichtung der Analysen in dieser Arbeit auf die Phase der 60er und 70er
Jahre, nicht nur aus dem Grund heraus, dass scheinbar vermehrt Kafka
rezipiert wurde, sondern auch, weil Kunert selbst in dieser Phase einen
Fokuswandel vollzieht.
11
Bezüglich der Forschungslage zum Verhältnis ,,Kunert-Kafka" gibt es
wiederum einige Schriften. Hier sei zum einen auf Se-Hoon Kwons Studie
,,Die moderne Schreibweise in den Werken von Franz Kafka und Günter
8
Vgl. Winnen, Angelika (2006): S. 20 f.
9
Vgl. Kohlschmidt, Werner u. Mohr, Wolfgang (1959): Literatur und Ästhetik. S: 79 f.
10
Vgl. Winnen, Angelika (2006):. S. 16.
11
Vgl. dazu Kapitel 2.3 ,,Zur Spezifik des Werks von Günter Kunert".

6
Kunert"
12
verwiesen, welche allerdings stark kulturpolitisch argumentiert,
aber auch auf Irene Heidelberger-Leonards Aufsatz ,,Von der Gewißheit der
Ungewißheit. Der Leser Günter Kunert zwischen Montaigne und Kleist"
13
,
welcher 1991 im Sammelband ,,Text und Kritik, Heft 109, Günter Kunert"
erschienen und sehr stark literarisch ausgerichtet ist. Auch Elke Kasper hat
sich um eine literarische Analyse vor allem zwischen Kunerts
,,Interfragmentarium" und Kafkas ,,Prozess" bemüht.
14
Schließlich geht auch
Angelika Winnen in ihrem Buch ,,Kafka-Rezeption in der Literatur der DDR"
im Abschnitt ,,Kafka als unerwünschtes Vorbild für Schriftsteller" auf den
Zusammenhang zwischen Kunert und Kafka ein, verfällt aber sehr schnell
wieder in kulturpolitische Interpretationen.
15
2.2 Zur Spezifik des Kafkaschen Schreibens
Sich an Franz Kafka zu orientieren und intertextuelle Bezüge zu seinem
Werk herzustellen kann auf mehrerlei Art und Weise geschehen: Indem man
einerseits einen direkten Verweis herstellt, wie dies in Kunerts
,,Interfragmentarium (Zu Franz K.s Werk)" passiert. Eine andere Möglichkeit
besteht darin, sich auf indirekte Weise Spezifika des Kafkaschen Schreibens
zu Nutze zu machen. Dazu bedarf es jedoch einer sehr genauen Kenntnis
dessen, was überhaupt das Besondere im Schreiben Franz Kafkas ist. Mit
dieser Thematik hat sich Hans H. Hiebel in seinem Buch ,,Franz Kafka: Form
und Bedeutung" ausführlich befasst. Das Kapitel ,,Kafkas gleitende
Metaphern und paradoxe Weltinnenräume: Die Grundfiguren"
16
soll diesem
Abschnitt der Arbeit als Grundlage dienen.
Hiebel gliedert das Charakteristische in Kafkas Schreiben in drei
Grundfiguren: a) die sich verästelnde Paradoxie, b) die vielbezügliche,
gleitende Metaphorik und c) das Ineinander bzw. der Zirkel von Innen und
Außen. Aus der Kombination dieser drei Grundfiguren resultiert die allseits
bekannte kafkaeske Rätselhaftigkeit. Allen drei Figuren ist das ,,epochale
12
Vgl. Kwon, Se-Hoon (1996).
13
Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene (1991).
14
Vgl. Kasper, Elke (1995): S. 47 ff.
15
Vgl. Winnen, Angelika (2006): S. 22 ff.
16
Vgl. Hiebel, Hans H. (1999).
Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Kafka-Rezeption bei Günter Kunert und ihr Einfluss auf die Wahrnehmung in der DDR
Hochschule
Universität Erfurt  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
36
Katalognummer
V376334
ISBN (eBook)
9783668535749
ISBN (Buch)
9783668535756
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kafka-rezeption, günter, kunert, einfluss, wahrnehmung
Arbeit zitieren
Marcus Patzer (Autor), 2011, Die Kafka-Rezeption bei Günter Kunert und ihr Einfluss auf die Wahrnehmung in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376334

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