Die Einführung von Ottilie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ als zentrale Schlüsselfigur der Todesproblematik

Konstruktion von Literatur. Leben unter dem Aspekt des Todes


Hausarbeit, 2009

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt
1.
Themenbegründung
3
2.
Ottilie als Schlüsselfigur der Todesproblematik
4
2.1
Die Einführung der Ottilie
4
2.2 Drei Merkmale
5
2.2.1 Die Außensicht - Das Bild der Ottilie
5
2.2.2 Reaktion statt Aktion - Passivität statt Aktivität
6
2.2.3 Ottilies Gebärde
8
3.
Schluss
9
4.
Literaturverzeichnis
11

3
1. Themenbegründung
Liebe ist ein zentraler Bestandteil des Lebens, wenn nicht sogar der zentralste.
Schon immer sind Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: Warum
leben wir? Was ist unsere Bestimmung, was unser Ziel? Und ist es nicht eine
befriedigende Antwort, wenn wir sagen: Liebt man wirklich aufrichtig und
wird man auch so geliebt, dann hat man den Sinn des Lebens zu einem nicht
unwichtigen Teil erkannt. Aus diesem Grund ist die Liebe auch immer wieder
ein Thema in der Literatur; egal, in welche Epoche man schaut, egal, in
welchen Kulturkreis man blickt: Liebe wird immer verarbeitet, da sie
allgegenwärtig ist. Doch die Liebe tritt nicht immer nur allein auf. Häufig hat
sie einen Mitspieler ­ einen mindestens genauso zentralen Begriff: den Tod.
Denn genau wie die Liebe gehört auch der Tod als ein fester Bestandteil zum
Leben. Und so finden sich auch in der Literatur immer wieder Bilder, die
Beispiele für die Verbindung dieser beiden Begriffe darstellen: Romeo und
Julia, die erst im Tode endgültig zueinander finden; auch Tristan und Isolde
trifft ein ähnliches Schicksal. Werther begeht Selbstmord, weil es ihm
unmöglich erscheint, seine Liebe zu Lotte erfüllt zu sehen und auch in seinen
,,Wahlverwandtschaften" liefert Goethe eines der wohl eindrücklichsten und
intensivsten Todessymbole der Weimarer Klassik, wenn nicht gar überhaupt -
Ottilie. Das besondere an ihr ist, dass sich ihr Sterben über das gesamte Werk
erstreckt, sehr zäh und quälend dargestellt wird und schließlich im Tod sein
Ergebnis findet. Doch kann man sogar so weit gehen und sagen, dass dieser
schon zu Beginn des Romans in der betont indirekten Einführung von Ottilie
über die Briefe der Vorsteherin und ihres Gehilfen angelegt ist?
In dieser Arbeit soll eben diese Frage in den Mittelpunkt der Betrachtung
gerückt werden: Eine Analyse der beiden Briefe, der Vorsteherin und des
Gehilfen, soll klären, in wie weit eine bewusste Konstruktion der notwendigen
Elemente, die zum Tod Ottilies führen, bereits in der Figurenexposition
vorliegt? Kann man diese also als Vorausdeutung
1
betrachten? Zu diesem
Zweck soll in einem ersten Schritt analysiert werden, wie Ottilie überhaupt in
die Handlung eingeführt wird und in einem nächsten Schritt sollen drei ob ihrer
besonderen Ausdruckskraft ausgewählte Aspekte genauer beleuchtet werden.
1
Vgl.: Eicher/Wiemann (2001): S. 111.

4
2. Ottilie als Schlüsselfigur der Todesproblematik
2.1 Die Einführung der Ottilie
Ottilie wird als die vierte, und damit letzte Person der ,,Wahlverwandten"
eingeführt, also als ein rein funktionales Element, nicht als menschliche
Bereicherung.
2
Goethe lässt den Leser daran teilhaben. Er setzt mit der
Handlung nicht erst zu dem Zeitpunkt ein, als bereits alle für die Handlung
relevanten Personen anwesend sind, sondern lässt den Leser eben dieses
Zusammenkommen miterleben. Dies ist charakteristisch, denn so kann er
bereits viele psychologische und soziale Aspekte der Beziehungen
untereinander, aber auch der einzelnen Individuen darstellen, die
möglicherweise für die weitere Handlung entscheidend werden. Allerdings ist
die Methode nicht diese, dass uns klar definierte, unmittelbare Porträts und
Steckbriefe der jeweiligen Personen offeriert werden, sondern Goethe stellt die
Personen im Handeln dar.
3
Eine Sonderstellung nimmt hier Ottilie ein. Sie ist nämlich die einzige Person,
die nicht handelnd eingeführt wird. Man erfährt vieles über sie erst einmal
durch Charlotte, die Eduard von ihr erzählt. Allerdings geschieht dies nicht aus
dem Antrieb heraus, etwas über Ottilie zu berichten, sondern nur ergänzend zu
der Information, dass Charlotte ihre Tochter Luciane in eine Pension gegeben
hat.
4
Wesentlich zentraler sind jedoch die Briefe der Vorsteherin über Ottilie.
Über den ersten spricht Charlotte mit Eduard
5
, den zweiten reicht sie ihm. In
jenem ist es auch noch nicht einmal die Vorsteherin selbst, die über Ottilie
berichtet, sondern diese Aufgabe wird ihrem Gehilfen zu Teil.
6
Es handelt sich
insgesamt demnach um eine Einführung der Ottilie, die ausschließlich über
Menschen erfolgt, die in irgendeiner Weise direkt oder indirekt mit ihr zu tun
haben.
7
Elisabeth Herrmann beschreibt diese Darstellung sehr treffend:
2
Vgl.: Herrmann (1998): S. 161.
3
Vgl.: François-Poncet (1951): S. 45 f..
4
Vgl.: Goethe (1983): Buch 1, Kap. 1, S. 7.
5
Vgl.: Ebd.: Buch 1, Kap. 3, S. 25 f..
6
Vgl.: Ebd.: Buch 1, Kap. 5, S. 40 ff..
7
Vgl.: Herrmann (1998): S. 156 f..

5
,,Nicht die lebendige Gegenwart des Mädchens spricht für sich, sondern
die Meinung anderer spricht über die Abwesende. Ottilie erscheint
zunächst als Bild, das die anderen von ihr haben, bevor sie selbst
erscheint."
8
Dies ist die Ausgangsbeobachtung, auf der alle weiteren Beobachtungen fußen.
2.2 Drei Merkmale
2.2.1 Die Außensicht ­ Das Bild der Ottilie
Wie bereits erwähnt, ist dies eines der wichtigsten und zentralsten
Charakteristika der Ottilienbeschreibung. Sie wird von anderen beschrieben
und charakterisiert, obwohl sie nicht präsent ist. Susanne Konrad spricht von
einer weiblichen Imago-Gestalt
9
, als welche sie konstituiert wird.
10
Diese
Beschreibung ist sehr treffen, da die Bedeutung des Begriffs Imago an nicht
mehr lebende Personen gekoppelt ist, was in Ottilies Fall einmal mehr zutrifft,
wie sich in den Abschnitten ,,Reaktion statt Aktion - Passivität statt Aktivität"
und ,,Ottilies Gebärde" einmal mehr zeigen wird. Nur in den wenigsten
Momenten wird sie wirklich aktiv als Subjekt mit einer eigenen, wenn auch
nicht vollständig entwickelten Persönlichkeit, über die sie aber definitiv
verfügt. Ihr Problem, dass sie nicht im Stande ist, sich anderen zu erklären,
trägt sicherlich einen Teil eben dazu bei, aber auch dazu, dass ihre
Mitmenschen über sie urteilen, und man so fast ausschließlich über ein von
außen erzeugtes Bild von ihr verfügt.
11
Was es heißt, dass andere sich ein Bild
8
Herrmann (1998).: S. 157, Z. 6-8.
9
Imago: ,,Unter diesen Dingen, die für die Infantilzeit von größter Bedeutung waren, spielen
die Eltern die einflußreichste Rolle. Auch wenn die Eltern schon längst tot sind und alle
Bedeutung verloren haben könnten und sollten, indem sich die Lebenslage der Kranken seither
vielleicht total verändert hat, so sind sie dem Patienten doch noch irgendwie gegenwärtig und
bedeutsam, wie wenn sie noch am Leben wären. Die Liebe und Verehrung, der Widerstand, die
Abneigung, der Haß und die Auflehnung der Kranken kleben noch an ihnen durch Gunst oder
Mißgunst entstellten Abbildern, die öfters mit der einstmaligen Wirklichkeit nicht mehr viel
Ähnlichkeit haben. Diese Tatsache hat mich dazu gedrängt, nicht mehr von Vater und Mutter
direkt zu sprechen, sondern dafür den Terminus ,Imago` von Vater und Mutter zu gebrauchen,
indem es sich in solchen Fällen nicht mehr eigentlich um Vater und Mutter handelt, sondern
bloß um deren subjektive und öfters gänzlich entstellte Imagines, die im Geiste des Kranken
ein zwar schemenhaftes, aber einflußreiches Dasein führen."
Jung, Carl-Gustav (1995), § 305, S. 159 f..
10
Vgl.: Konrad (1995): S. 173 f..
11
Vgl.: Ebd.: S. 173 f..
Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Einführung von Ottilie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ als zentrale Schlüsselfigur der Todesproblematik
Untertitel
Konstruktion von Literatur. Leben unter dem Aspekt des Todes
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V376343
ISBN (eBook)
9783668535046
ISBN (Buch)
9783668535053
Dateigröße
982 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebe, Leben, Tod, Sinn, Bestimmung, Ziel, Literatur, Wahlverwandtschaften, Goethe, Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Ottilie
Arbeit zitieren
Marcus Patzer (Autor), 2009, Die Einführung von Ottilie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ als zentrale Schlüsselfigur der Todesproblematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376343

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