Der Tod bei Homer. Das Gespräch zwischen Odysseus und Agamemnon im 11. Gesang der "Odyssee"


Hausarbeit, 2010

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

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dargestellt und thematisiert wird und welche Funktion dieser innerhalb des Epos hat.
Zuerst soll der Stimmungsraum der Unterwelt genauer betrachtet werden, da er den
Rahmen für das Gespräch zwischen Odysseus und Agamemnon darstellt. Im
Anschluss daran soll die eigentliche Gesprächsanalyse stehen, immer unter der
Fragestellung der Darstellung von Tod und dessen Funktion. Grundlage der
Analysen ist die Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voss.
2
2. Darstellung des Todes in Homers Odyssee am Beispiel des
Gesprächs zwischen Odysseus und Agamemnon (11. Gesang)
2.1
Formale und inhaltliche Merkmale der Odyssee
Das in 24 Gesänge unterteile Epos ,,Odyssee" ist ein dem Homer zugeschriebenes
Werk. Es ist in Versform geschrieben und besteht aus insgesamt 12109 Hexametern.
Die eigentlichen Irrfahrten, von denen Odysseus den Phaiaken berichtet, sind in den
Gesängen 9-12 zu lesen, wobei die Totenwelt und die Gespräche mit den
Verstorbenen im 11. Gesang beschrieben werden. Gegliedert ist das Werk in zwei
Hälften: ,,die Heimkehr vor Erreichen Ithakas" (Gesang 1-12) und ,,die Heimkehr auf
Ithaka selbst" (Gesang 13-24).
3
Es ist nicht chronologisch geschrieben, sondern man
kann Erzählerwechsel, Veränderungen in der erzählten Zeit und der Erzählzeit, aber
auch Parallelhandlungen finden. Den stofflichen Hintergrund für diesen literarischen
Text bildet die Odysseus-Sage, welche auf die mykenische Zeit zurückgeht. Dies
impliziert, dass wir es hier zu keiner Zeit mit geschichtlichen Tatsachen, sondern
immer mit literarischer Fiktion zu tun haben.
4
2
Vgl. Voss (2000): S. 478-853.
3
Vgl. Latacz (1989): S. 177.
4
Vgl. DNP 5 (1998), S. 686-699, s.v. Homeros.

4
2.2
Der Stimmungsraum der Unterwelt
Die Fahrt des Odysseus bleibt nicht nur in der realen Welt, sondern führt ihn und
seine Mannschaft auch über die Grenzen der Welt hinaus an den Rand des Hades.
Nachdem Odysseus mit Kirke über seine weitere Fahrt gesprochen hatte und diese
ihm riet mit dem blinden Seher Teiresias zu sprechen, fährt er mit seinem Schiff bis
über die Grenzen des Okeanos und die Siedlungen der Kimmerer hinaus zu den
Pforten des Hades.
5
Homer beschreibt den Ort über Kirke wie folgt:
,,Wo an niedrem Gestad die Haine Persephoneias stehen, von hohen Espen und
fruchtabwerfenden Weiden, lande dort mit dem Schiff an Okeanos` tiefem Gestrudel, und dann
gehe du ein ins modrige Haus des Hades. Wo in des Acheron Strudel der Strom Pyriphlegethon
abstürzt und des Kokytos Flut, die kommt von den stygischen Wassern, dort, wo am Fels sich
vereinen die zwei lautbrausenden Ströme: Dort geh nah hinan, o Held, und, wie ich dir sage,
Grab eine Grube aus, von einer Ell` ins Gevierte."
6
Homer zeichnet hier ein Bild der Unterwelt, die sich am Ende der Welt befindet,
hinter den letzten Siedlungen der Menschen. Der Fluss Okeanos trennt die Unterwelt
von der Welt der Lebenden
7
und die Haine der Persephone, deren Bäume verwelken,
sind das erste Anzeichen auf das ,,Verwelken des menschlichen Lebens" und den
Eintritt in die Unterwelt. Diese wird als ,,modriges Haus des Hades" bezeichnet, also
als Reich des Herrschers der Unterwelt. Um Verbindung mit den Seelen der Toten
aufnehmen zu können, soll Odysseus eine Grube ausheben und zwar an der Stelle, an
der sich
Acheron, Kokytos und Pyriphlegethon vereinen. Die beiden letztgenannten
Flüsse sind Seitenarme des Styx. Jene Ströme fließen laut griechischer Mythologie
allesamt in der Unterwelt, was darauf deutet, dass sich Odysseus zum Zeitpunkt des
Aushebens der Opfergrube bereits im Hades befindet.
8
Allerdings beschreibt Homer
5
Vgl. Reucher (1989): S. 51 f.
6
Hom. Od. 10, 509-517.
7
Vgl. DNP 5 (1998): S. 51-53, s.v. Hades.
8
Vgl. Reucher (1989): S. 51 f.

5
die Unterwelt nicht weiter, so wie dies beispielsweise Vergil in seiner Aeneis
9
tut. Er
lässt das weitere Geschehen an dieser Schwelle stattfinden und die Seelen der Toten
nach der Opferung auch an die Oberfläche steigen.
2.3
Gespräch zwischen Odysseus und Agamemnon
Nachdem Odysseus die Seelen der Verstorbenen durch die Opfergrube zu sich empor
gerufen hatte, musste er diese so lange von dieser fern halten, bis Teiresias den ersten
Schluck davon genommen und ihm die Zukunft vorausgesagt hatte. Das war zum
gegenwärtigen Zeitpunkt noch sein primäres Anliegen. Erst nach diesem Gespräch
traten weitere für Odysseus bedeutsame Seelen auf, mitunter auch seine Mutter,
Elpenor und schließlich Agamemnon. Dieser kommt aber nicht allein, sondern
,,umringt von den anderen allen, welche mit ihm einst in Ägisthos` Hause Tod und
Verderben gefunden"
10
hatten. Damit wird direkt dessen ,,erbärmlichstes
Schicksal"
11
als Thema eröffnet, wie Theo Reucher es treffend formuliert, nämlich
der Tod des Siegers von Troja in seinen eigenen Hallen.
12
2.3.1
Darstellung des Todes Agamemnons
Nach einer sehr herzlichen Begrüßung zwischen den beiden einstigen Verbündeten
stellt ihm Odysseus ohne Umschweife die Frage nach seinem Tod:
,,Welches Verhängnis traf dich des langhinstreckenden Todes? Hat Poseidon dich in deinen
Schiffen bezwungen, da er schreckliches Wehn unheilvoller Winde erweckte? Oder erschlugen
dich auf dem Lande feindliche Männer, deren Rinder du raubtest und stattliche Herden der
Schafe , oder da um die Stadt und ihre Weiber fochten?"
13
9
Vgl. Verg. Aen. 6, 173-194.
10
Hom. Od. 11, 388-389.
11
Reucher (1989): S. 60, Z. 19.
12
Vgl. Reucher (1989): S. 60 f.
13
Hom. Od. 11, 398-403.

6
Mit diesen Fragen ist nicht nur das Thema Tod eröffnet, sondern auch eine
Bewertung gegeben, welche die Möglichkeiten sind, wie ein Aristokrat sterben kann.
Allerdings, und das liest sich aus der Antwort Agamemnons heraus, ist dieser eben
nicht so zu Tode gekommen, sein Ende entspricht demnach nicht dem von Odysseus
aufgestellten Ehrenkodex
14
:
,,Nicht Poseidon hat mich in meinen Schiffen bezwungen, da er schreckliches Wehn unheilvoller
Winde erweckte, noch erschlugen mich auf dem Lande feindliche Männer. Sonderns Ägisthos hat
mit Tod und Verderben geschaffen, samt dem unseligen Weib!"
15
Agamemnon ist also durch die Hand Ägisthos gefallen. Dieser ,,lud [ihn] zu Gast
und erschlug [ihn] über dem Mahl, wie einer den Stier erschlägt an der Krippe. Also
starb [er] den kläglichsten Tod"
16
Doch Agamemnon gibt nicht Ägisthos die
Hauptschuld, sondern seiner Frau Klytaimnestra. Das zeigt sich in folgenden
Worten: ,,Doch sie, die Frevel wußte vor allen, deckte sich selbst, und was an zarten
Frauen auch künftig leben wird, mit Schmach,..."
17
Außerdem schloss sie dem
sterbenden König von Mykene weder die Augen, noch den Mund, was Agamemnon
mit folgenden Worten kommentiert:
,,Nichts so Schreckliches wahrlich, nichts so Hündisches gibt es als ein Weib, das solche Dinge
brütet im Herzen, so wie sie jene ersann und beging den schmählichen Frevel, daß sie der Jugend
Gemahl hinmordete!"
18
Die Schuld Klytaimnestras steht so für Agamemnon fest. Jene Tat reiht sich damit in
die Folge der familiären Gewaltakte ein, die den Fluch des Tantalos ausmachen, von
welchem Agamemnon und auch sein Sohn Orest direkt mit betroffen war.
19
14
Vgl. Reucher (1989): S. 60 f.
15
Hom. Od. 11, 406-410.
16
Ebd. 11, 410-411.
17
Ebd. 11, 432-434.
18
Ebd. 11, 427-430.
19
Rezipiert wurde dieser Fluch beispielsweise auch durch Goethe in ,,Iphigenie auf Tauris". Im Lied
der Parzen liest man ,,Es wenden die Herrscher / Ihr segnendes Auge / Von ganzen Geschlechtern",
Goethe (1865): S. 71.
Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Der Tod bei Homer. Das Gespräch zwischen Odysseus und Agamemnon im 11. Gesang der "Odyssee"
Hochschule
Universität Erfurt  (Alte Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
8
Katalognummer
V376347
ISBN (eBook)
9783668535527
ISBN (Buch)
9783668535534
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
homer, gespräch, odysseus, agamemnon, gesang, odyssee
Arbeit zitieren
Marcus Patzer (Autor), 2010, Der Tod bei Homer. Das Gespräch zwischen Odysseus und Agamemnon im 11. Gesang der "Odyssee", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376347

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