Burnout und Bologna. Auswirkungen der Hochschulreform auf die Gesundheit der Studierenden in Deutschland


Hausarbeit, 2015

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1
Gliederung
1.
Einleitung
1
2.
Das
Burnout-Syndrom
3
3.
Die
Bologna-Reform
7
3.1.
Die Ziele der Bologna-Reform
7
3.2.
Die Implementierung der
Bologna-Reform in Deutschland
9
4.
Die Reform und ihre Folgen
12
5.
Fazit
20
6.
Literatur
22
7.
Anhang
24

1
1.
Einleitung
Bereits in meinem ersten Semester erlebte ich etwas, das ich in dieser Form in 13 Jahren
Schule nie erlebt hatte: in der Nacht vor meiner ersten Klausur lag ich stundenlang wach,
wälzte mich herum, wurde geweckt von meinem rasenden Herz und dem Gefühl
absoluter Hilflosigkeit. Am nächsten Morgen schleppte ich mich zur Klausur. Mein
Magen fühlte sich an wie ein riesiger Knoten. Ich hatte seit über 18 Stunden nichts
gegessen und doch bereitete mir auch nur der Anblick von Essen Würgreiz und Übelkeit.
Die Klausur ging nur 90 Minuten, eine echt Umstellung von dem vier-stündigen Abitur,
umspannte jedoch 12 Wochen Vorlesung. Drei Monate Hören, Mitschreiben, Lesen,
Wiederholen und nun kam es auf diese 90 Minuten an.
Ich bestand die Klausur, gut sogar, ebenso wie die meisten anderen und doch
hielt diese Angst an. Ich ging zum Arzt. Lies mein Herz überprüfen, da die Panik oft nicht
mehr nur in der Nacht vor der Prüfung kam, sondern teilweise auch nur bei dem
Gedanken an sie. Ich lernte und hatte meist Erfolg. Ich wollte mein Studium durchziehen
­ in Regelstudienzeit natürlich ­ auch wenn ich nach dem zweiten Semester mehr und
mehr das Gefühl hatte, dass meine Uni mir nicht die Möglichkeiten bot, die ich wählen
wollte, obwohl sie doch existierten! Dann kam das vierte Semester und die
Prüfungsphase. Sechs Klausuren und eine Hausarbeit, alle innerhalb von 2 ½ Wochen.
Dannach eine halbe Woche frei bevor das Pflichtpraktikum beginnen sollte. Kein
Schieben, keine zweite Chance, schließlich konnte ich das Praktikum nicht einfach
sausen lassen. Ich schlief kaum, lernte viel, habe heute das Gefühl kaum noch etwas
davon zu wissen. Ich hatte kein Burnout, aber ich zeigte auf jeden Fall Symptome und
der Gedanke an einen Therapeuten füllte mich mit Sehnsucht und Hoffnung. Der
Moment, in dem es für mich besser wurde, war, als ich während dieser Zeit beschloss
aufzugeben. Nicht das Studium, aber die Erwartungen, die ich an mich hatte, die die
Modulordnung an mich hatte und, wie ich überall hörte, auch mein zukünftiger
Arbeitgeber. Ich beschloss weniger Stress zu haben, sagte zumindest die Hausarbeit ab
und nahm mir vor, mir mehr Zeit zu nehmen. Acht Semester. Zeit für die Kurse, die mich
interessierten, anstatt nur meine Modulprüfungsordnung abzuarbeiten, Zeit Sachen zu

2
lesen, die nicht Teil eines Kurses waren und Zeit, die Sachen, die ich machen musste, mit
Muße und Konzentration zu erledigen.
Ich bin vielleicht nicht der ,,Normalfall", aber in den drei Jahren meines Studiums
ist mir auch klar geworden, dass ich nicht alleine bin. Mehr als einer meiner Freunde
bzw. Freundinnen ist in Therapie. Einige haben auf Grund von studienbezogenen
Problemen bereits die Psychosoziale Beratung aufgesucht. Stress und Unwille in Bezug
auf das Studium bekomme ich fast jeden Tag mit.
Meine Eltern und viele meiner Lehrer_innen erzählten gerne aus ihrer
Hochschulzeit. Vom Lernen und von der Universität. Wie sie Sachen entdeckten und
ausprobierten. Ich freute mich auf mein Studium. Ich hatte nicht erwartet, dass es mich
an den Rand meiner psychischen Kapazität bringen würde.
Diese Hausarbeit ist trotz alledem kein Selbststudium, keine Reflexion meiner
Erfahrung. Meine Erfahrung brachte mir die Thematik näher, mein Interesse gilt nun
jedoch allgemein dem Zusammenhang zwischen der Hochschulreform der letzten 15
Jahre, auch als Bologna-Reform oder Bologna-Prozess bekannt, und einer psychischen
Symptomatik, die zwar nicht klar beschrieben, aber doch immer umweltbedingt ist. Ob
und wie die während der Bologna-Reform verabschiedeten Neuerungen mit dem
Entstehen der Burnout-Symptomatik bei Studierenden zusammenhängt, ist Thema
dieser Hausarbeit. Dabei will ich nicht für das alte Magister/Diplom System werben. Es
geht nicht darum, ob Bologna eine falsche Reform war, sondern nur was ihre Folgen
sind.
Dafür erläutere ich erst einmal die Ziele der Bologna-Reform und dann, wie diese
in Deutschland umgesetzt wurden. Ich beschränke mich hier vor allem deshalb auf
Deutschland, um die Hausarbeit einerseits in einem Rahmen zu halten und andererseits,
weil die Implementierung sich in verschiedenen Bologna-Staaten durchaus mal stärker,
mal schwächer unterscheiden kann. Des Weiteren formuliere ich mit der Hilfe von
Fachliteratur eine Erklärung, was Burnout überhaupt ist. Im letzten Teil verbinde ich die
Erkenntnisse über die Reform in Deutschland, mit Statistiken und Studien zur Situation
der Studierenden sowie theoretischen Überlegungen zu Reform und Burnout.

3
2. Das Burnout-Syndrom
Burnout ist keine Krankheit, auch wenn sie in den Medien und im Volksmund oft so
bezeichnet wird. Viel mehr ist Burnout ein Syndrom mit einem komplizierten und
komplexen Krankheitsbild, dessen Verlauf und Symptome sowohl vom Individuum wie
auch von dessen Situation abhängen. Gerade deshalb ist es schwierig eine klare und
allumfassende Definition von Burnout zu formulieren, oder auch nur einen
allgemeingültigen Krankheitsverlauf zu skizzieren.
Im Folgenden halte ich mich bei Definition und Erklärung stark an die
vereinfachte Erklärung von Barbara Krautz, Heike Schiebeck und Jörg Schülke, sowie an
das Fachbuch zum Burnout-Syndrom von Matthias Burisch. Ziel ist es, das Syndrom und
seinen Verlauf, sowie Faktoren der Person und der Umwelt kurz aber prägnant zu
umreißen.
Der Begriff ,,to burn out" stammt aus dem Englischen und beschreibt den Prozess
mentaler Ermüdung, der vergleichbar mit dem Ausbrennen eines Feuers ist. Bereits
Shakespeare gebrauchte den Begriff 1599 in seinem Gedicht Der verliebte Pilger
1
. Als
Bezeichnung für ein psychologisches Syndrom wurde der Begriff Anfang der 1970er
Jahre durch die Psychologen Herbert Freudenberge und Christina Maslach
popularisiert.
2
Beide hatten unabhängig voneinander Menschen in sozialen Tätigkeiten
untersucht. Freudenberg, der in einer Klinik für Drogenabhängige arbeitete, fiel auf, dass
viele der oft jungen, freiwilligen Mitarbeiter_innen der Klinik, nach einem Jahr
signifikant an Motivation, Hingabe und Energie verloren. Burnout verwendete er als
Bezeichnung für diesen speziellen Fall von Entkräftung.
3
Etwas später ­ 1976 ­
untersuchte Maslach wie Sozialarbeiter mit emotionaler Erregung umgehen. Maslach
bemerkte, dass poverty lawyers den Term ,,Burnout" als Bezeichnung für das Phänomen
der steigenden Erschöpfung, des wachsenden Zynismus und des abnehmenden
Einsatzes unter ihren Kollegen benutzten und übernahm den Term in ihre Forschung. Zu
1
vgl. Schaufeli & Buunk, 311.
2
vgl. Burisch, 5. (5. Auflage).
3
vgl. Schaufeli, 312.

4
Anfang wurde angenommen, dass Menschen in care Berufen einer besonderen
Gefährdung ausgesetzt waren, die schlussendlich zum Burnout führte. Dies wurde
erklärt durch die oft schwierige und emotionale Arbeit, mit wenig langfristigen Erfolgen
und dem Anspruch für jeden Fall das Beste zu geben, sowie die Nähe zu den Klienten.
4
In den folgenden Jahren fand man jedoch auch bei vielen anderen Berufsgruppen, wie
Managern und Fluglotsen und sogar in Paarbeziehungen Burnout-Fälle
5
. Burnout war
demnach nicht auf die ,,hilflosen Helfer" beschränkt und war nicht konkret mit einer
bestimmten Berufsgruppe verknüpft.
So breit wie Umstände und Fälle des als Burnout bezeichneten Syndroms
gefächert sind, ist es nicht überraschend, dass es bis heute keine allgemeingültige
Definition von Burnout gibt. Ein Aspekt in dem die meisten Definitionsversuche
übereinstimmen, ist jedoch die Interaktion von Person und Situation. Wie die frühe
Annahme des berufstypischen Syndroms bereits andeutet, wird Burnout durch
Belastung ausgelöst. Die Belastung löst Stress aus, ein weiterer oft genannter Aspekt im
Zusammenhang mit Burnout. Ein gewisses Maß an Stress ist im Alltag normal und sogar
förderlich, dies gilt jedoch nur solange der Stress richtig bewältigt wird
6
. Bei Burnout ist
das nicht der Fall. Die gescheiterte Bewältigung führt zu Kontrollverlust und dem Gefühl
von Hilflosigkeit, mit anderen Worten: Autonomieverlust.
Die Wichtigkeit der subjektiven Autonomie, also die empfundene, nicht
unbedingt reale Autonomie, betont auch Burisch. Nach ihm wollen Menschen
,,entscheiden können, welche Ausschnitte der Außen- und Innenwelt sie auf welche
Weise wie gründlich unter Kontrolle halten wollen, wann sie das tun wollen und vor
allem mit welchem Kosten-Nutzen-Verhältnis."
7
Subjektive Autonomie haben könnte
man also auch mit ,,sein Leben im Griff haben" übersetzen.
Dass nicht jede Person unter bestimmten Umständen diese subjektive
Autonomie einbüßt, zeigt die Wichtigkeit des Individuums. Schließlich könnte die
Bewältigung auch erfolgreich sein. Die psychische Widerstandsfähigkeit Belastungen zu
4
vgl. Burisch, 5. (5. Auflage).
5
vgl. Burisch, 6. (5. Auflage).
6
vgl. Krautz, Schiebeck, Schülke, 22.
7
Burisch, 134. (5. Auflage).

5
verarbeiten, bezeichnet man als Resilienz. Diese ist sowohl eine psychische Anlage wie
auch eine erlernte Fähigkeit. Eine hohe Resilienz hilft also auch mit erhöhter Belastung
umzugehen
8
. Das Gegenstück dazu ist Vulnerabilität. Günter Clauß definiert
Vulnerabilität so: ,,Herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen der
Person-Umwelt-Beziehungen. Sie ist biologisch und psychologisch zu verstehen, kann
ererbt, angeboren oder erworben sein und bedeutet ein Risiko für die lebenslange
Persönlichkeitsentwicklung."
9
Während eine erhöhte Resilienz sich positiv auf
Belastungsbewältigung auswirkt, senkt eine erhöhte Vulnerabilität diese Fähigkeit.
Ein weiterer Grund warum Burnout sich schlecht definieren lässt, ist dass es
keine spezifische Symptomatik hat
10
. Wie bei einer Erkältung gibt es viele mögliche
Symptome, die nicht in jedem Fall vorhanden sein müssen, manche Symptome schließen
sich sogar aus. Alle möglichen Symptome aufzuzählen würde den Rahmen dieser Arbeit
sprengen. Burisch selbst fasst die Symptomatik in sechs Gruppen mit Unterkategorien
und Unterpunkten zusammen. Diese sechs Gruppen geben bereits eine Vorstellung von
der Komplexität der Symptomatik. Die Gruppen sind: 1. Warnsymptome der
Anfangsphase mit a) Überhöhtem Energieeinsatz oder b) Erschöpfung; 2. Reduziertes
Engagement a) für z.B. Klienten, b) für andere allgemein, c) für die Arbeit und d) erhöhte
Ansprüche; 3. Emotionale Reaktion/Schuldzuweisung mit a) Depression und/oder
Aggression; 4. Abbau a) der kognitiven Leistungsfähigkeit, b) der Motivation, c) der
Kreativität und/oder d) Entdifferenzierung; 5. Verflachung des a) emotionalen Lebens,
b) sozialen Lebens und/oder c) geistigen Lebens; 6. Psychosomatische Reaktionen wie
Schlafstörungen, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit, etc.; 7. Verzweiflung.
11
Allein diese komprimierte Zusammenstellung sprengt schon jeden Rahmen. Es ist in
diesem Zusammenhang außerdem wichtig zu erwähnen, dass Burnout von den
deutschen Kassen nicht als Krankheit anerkannt wird. Sie erscheint so nur als
Zusatzdiagnose auf den Krankenschein
12
. Als Hauptdiagnose wird dann ein Symptom
8
vgl. Krautz, Schiebeck, Schülke, 24f.
9
Clauß, 513.
10
vgl. Burisch, 25ff. (5. Auflage).
11
Burisch, 25f. (4 Auflage).
12
vgl. Krautz, Schiebeck, Schülke, 19.

6
des Burnouts wie Depression, Angststörung, Anpassungsstörung oder Nervenschwäche
verwendet.
Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Burnout und Bologna. Auswirkungen der Hochschulreform auf die Gesundheit der Studierenden in Deutschland
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Hochschulpolitik im Bundesstaat. Von Bologna zur Exzellenz
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V376355
ISBN (eBook)
9783668536562
ISBN (Buch)
9783668536579
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochschulpolitik
Arbeit zitieren
Sian Birkner (Autor), 2015, Burnout und Bologna. Auswirkungen der Hochschulreform auf die Gesundheit der Studierenden in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376355

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