Franz Fühmanns Dichtung "Die Fahrt nach Stalingrad". Kunstwerk oder Schundwerk?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

17 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

1
1. Einleitung
Franz Fühmann
,,tritt mit Gedichten erstmals in die literarische Öffentlichkeit"
1
, wozu
auch seine 1953 erschienene Dichtung Die Fahrt nach Stalingrad gehört. Zwar hat er
schon vorher verschiedenste Gedichte und Texte verfasst, jedoch wurden diese nur im
relativ kleinen Kreis veröffentlicht. Dies ist bei diesem Werk ganz anders, denn
,,für
sein Poem Die Fahrt nach Stalingrad erhält er 1955 in Warschau eine Goldmedaille der
Weltfestspiele und im März 1956 den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie
der Künste der DDR
"
2
. Mit dieser Art Text folgt er einem Trend der Zeit, denn
,,die
betont autobiographische Vergangenheitsbewältigung im lyrischen Genre teilt Fühmann
mit anderen Dichtern seiner Generation
"
3
. Trotzdem gelingt es Fühmann mit seinem
Werk aus der Masse herauszustechen, was einerseits an der Form der Dichtung gelegen
haben mag, andererseits aber auch damit,
,,daß niemand mit seinen Versen so hart ins
Gericht ging wie er
"
4
. Er setzt sich in diesem Werk rigoros mit seiner nationalsozialisti-
schen Vergangenheit auseinander.
Obwohl es sich um einen preisgekrönten Text handelt, hat er später
,,kaum eine der po-
etischen Arbeiten
"
5
durchgehen lassen, weshalb das Werk,
,,trotzdem es seine erste um-
fangreiche Dichtung ist, die diesen Namen verdient, nicht aufgenommen
"
6
wurde in die
Werksausgabe. Entsprechend ist Die Fahrt nach Stalingrad kein Text, der heutzutage
noch groß gelesen wird. Trotzdem soll er in der folgenden Arbeit genauer untersucht zu
werden.
Zuerst werden die Teile des Textes genauer untersucht, in denen der Erzähler über seine
Vergangenheit spricht und diese reflektiert. Dabei sollen Textteile auch in Zusammen-
hang gebracht werden mit der allgemeinen historischen Situation und der Biographie
Fühmanns. Anschließend soll der Dualismus innerhalb des Textes untersucht werden,
gefolgt von der Frage, ob der Text eine Autobiographie darstellt. Hernach soll geguckt
werden, ob sich schon Elemente des späteren Fühmann in diesem Werk wiederfinden
1
Krätzer, Jürgen: Nachdenken über das Wesen der Kunst und die Rolle des Künstlers: ein Versuch Franz
Fühmanns zur Bestimmung der eigenen künstlerischen Konzeption
; Leipzig: Pädag. Hochsch., Diss.,
1987, S. 19
2
Richter, Hans: Franz Fühmann. Ein deutsches Dichterleben; Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, 1992, S.
159
3
Krätzer, S. 50
4
Wittstock, Uwe: Franz Fühmann; München: C.H.Beck, 1988, S. 31
5
Wittstock (1988), S. 31
6
Decker, Gunnar: Franz Fühmann - Die Kunst des Scheiterns. Eine Biographie; Rostock: Hinstorff,
2009, S. 118

2
lassen. Abschließend soll dann die Frage geklärt werden, ob Die Fahrt nach Stalingrad
nur ein Schundwerk oder doch ein Kunstwerk ist.
2. Erinnerungen an den 2. Weltkrieg
Der Erzähler befindet sich in Russland während des zweiten Weltkriegs, so beschreibt
er die Situation folgendermaßen:
,,Stahl her von der Steppe, Stahl von der Wolga her,
Stahl auf Stahl aufeinanderstosend
"
7
. Überall um ihn herum ist also Krieg und er ist
,,unter ihnen: Die verirrte Jugend, die in den Tod geht."
8
. Hierbei spricht er nicht nur
von sich selbst, sondern von der Jugend allgemein, die sich
,,dem System zur Verfügung
stellt und mitmacht
"
9
. Das Wir findet öfters Verwendung um deutlich zu machen, dass
nicht nur er Teil des Ganzen ist, sondern viele andere Personen genauso freiwillig mit-
machen. Er verdeutlicht sogar, wer ihn begleitet. Es sind
,,Bauernsöhne, Arbeiterjungen,
Lehrlinge, Gärtnerburschen, Jungakademiker
"
10
, deren freiwilligen Einsatz, so war auch
Fühmann
,,als Sechzehnjähriger voller Begeisterung in den SA-Reitersturm eingetre-
ten
"
11
, der Erzähler noch einmal extra erwähnt. Sie alle werden
,,ohne Unterschied von
,,Stand, Beruf, Alter" zu Kämpfern für eine gemeinsame Idee (das neue, junge
Deutschland) und zum Teil einer (Erwachsenen)Bewegung (der nationalsozialistischen
Bewegung)
"
12
gemacht. Der Erzähler ist auch ein Teil davon, er gibt offen zu:
,,Ich bin
ein Soldat, und der Führer wird es schon wissen.
"
13
Dieses Bekenntnis, verstärkt durch
den Hinweis auf den allwissenden Führer, verdeutlicht die allgemeine Situation, es wird
nicht gedacht und reflektiert, Hitler hat das Denken übernommen und der Erzähler folgt
diesen Gedanken blind, denn er glaubt,
,,Hitler wolle zwar ein großes Reich aller Deut-
schen, aber ansonsten nichts als Frieden
"
14
. Diese Weigerung zu denken wird von ihm
später noch einmal deutlich im Dialog mit Hanna angesprochen:
,,Laß uns nicht mehr
denken, du bist mein Mädel, und ich bin Soldat
"
15
.
7
Fühmann, Franz: Die Fahrt nach Stalingrad. Eine Dichtung. Schriften an die deutsche Nation; Berlin:
Aufbau-Verlag, 1953, S. 9
8
Fühmann, S. 10
9
Hafenegger, Benno / Fritz, Michael: Sie starben für Führer, Volk und Vaterland: die Hitlerjugend;
Frankfurt a. M.: Brandes und Apsel, 1993, S. 31
10
Fühmann, S. 10
11
Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR; Leipzig: Kiepenheuer, 1997, S. 333
12
Hafenegger / Fritz, S. 34
13
Fühmann, S. 10
14
Richter, S. 109
15
Fühmann, S. 17

3
Während seines Urlaubs berichtet er von einem Vorfall bei dem
,,die Eskortierenden
eine Gruppe von Häftlingen mit rotem Winkel zu Brei
"
16
schlagen, während er von
oben zuschaut, wie die russischen Gefangenen grausam zu Tode geprügelt werden. Ent-
sprechend dem nationalsozialistischen Denken reagiert der unansehnliche Ehrengast,
der sich auch im Raum aufhält, auf dieses Schauspiel. Solange die Gräuel für Deutsch-
land geschehen, sind sie für ihn in Ordnung. Aber auch der Erzähler wehrt sich nicht
wirklich gegen dieses menschenverachtende Denken, so sagt er:
,,Und fühlte Wider-
spruch in mir; doch kaum gefühlt, war er erstickt
"
17
. Er geht sogar so weit, dass er sich
von den Mördern unten abhebt, denn
,,wir hatten uns die Hände gewaschen voller Un-
schuld
"
18
, weil
,,wir hackten nicht selbst in die Leiber, nein, wir sahn nur zu, wir lie-
ßen
's nur geschehn"
19
. Dieses schonungslose Selbstbekenntnis schließt er mit:
,,Und
immer sahen wir die rettende Rechtfertigung
"
20
. Er hat nie gemordet und sieht sich so-
mit als völlig unschuldig. Dies stellt für viele eine Art Rettung dar und erinnert an die
Aussage, dass man nichts von der ganzen Sache mitbekommen hat, die häufig nach dem
2. Weltkrieg fiel um somit jegliche Schuld von sich abzuweisen. Dass dies jedoch nur
eine Art Selbstbetrug ist, wird deutlich an der Formulierung
,,rettende Rechtferti-
gung
"
21
, bei der der Zweifel mitschwingt, dass es doch nicht so ist. Dieser Satz lässt
sich somit als eines von vielen Beispielen der ständig in den Text eingeflochtenen
Selbstkritik anführen.
Während des Krieges stößt der Erzähler auf verschiedene Unstimmigkeiten, die dem
propagandistischen Bild widersprechen. Überall, wo er hinkommt, findet er
,,nur Haß
und Front
"
22
, denn
,,überall wo er als Eroberer hinkommt, wird er als Feind angese-
hen
"
23
, was im Gegensatz zu den Nachrichten und Plakaten, die Hitler als Befreier prei-
sen, steht. Dies verwundert ihn, da er glaubt, sie wären gekommen
,,um die Menschen
von dem Terror der politischen Kommissare und dem Zwangssystem der Kolchose zu
befreien
"
24
, weshalb die Bevölkerung eigentlich dankbar reagieren müsste. Auch sagt er
über die Texte, die er zu dieser Zeit schreibt:
,,Ich schrieb vom Untergang, von Verhee-
16
Fühmann, S. 13
17
Fühmann, S. 14
18
Fühmann, S. 19
19
Fühmann, S. 19
20
Fühmann, S. 19
21
Fühmann, S. 19
22
Fühmann, S. 21
23
Decker, S. 77
24
Decker, S. 76

4
rungen, Sintfluten
"
25
. Eigentlich hätte er
,,schreiben müssen von Heldentum und von
Frührot
"
26
, immerhin wird der Krieg
,,als ein nationaler Heilungsprozeß (Erlösung ­
Zukunft)
"
27
propagiert. Diese Textstelle gehört zu jenen, die sehr deutlich machen, dass
es sich bei dem Erzähler um Fühmann selbst handelt, denn
,,eine gleiche Unstimmigkeit
ist in seiner von Untergangsstimmung geprägten Lyrik der vierziger Jahre zu verzeich-
nen, die im Gegensatz zu seiner und der allgemeinen Siegesgewißheit des faschistischen
Deutschlands stand
"
28
. Dies ist etwas,
,,was der Autor später immer wieder als
Merkwürdigkeit herausgekehrt hat
"
29
. Ein sehr deutliches Indiz also für die
Gemeinsamkeit von Autor und Erzähler.
Hinzu kommen noch Hinweise von außen, dass sich die Soldaten auf dem falschen Weg
befinden. So heißt es:
,,Und es standen Helden auf, und die Städte lagen so wie Tafeln
breit vor ihnen, und darauf schrieben sie die Wahrheit.
"
30
Dass dies vom Erzähler als
Wahrheit bezeichnet wird und die entsprechenden Personen als Helden, zeigt, wie die
Erinnerungen immer wieder wertend kommentiert werden. Es sind jedoch nicht nur die
Sowjets, die solche Nachrichten verbreiten, auch unter den Deutschen befinden sich
Personen, die dieses Denken weitergeben. Zu diesen gehört Hanna. Bei einem Heimat-
urlaub erfährt der Erzähler:
,,Hanna war nicht mehr. Man flüsterte, daß sie erschossen
wurde als Volksverräterin.
"
31
Die Ursache für diesen Tod
,,bildet der Erlaß des
Reichsführers SS zur
,,Bekämpfung jugendlicher Cliquen"
32
, womit
,,das Verhalten der
Jugendlichen, die mit den NS-Normen in Konflikt gerieten, auf eine politische Ebene
gestellt
"
33
wurde.
,,Wer mit diesen Gesetzen in Berührung kam, war ,,Staatsfeind" oder
Hochverräter, dem unter Umständen die Todesstrafe drohen konnte.
"
34
Somit muss
Hanna, trotz ihres jungen Alters, für ihre Einstellung sterben, ähnlich der Partisanin,
deren wissendes Lächeln zur Verwirrung beim Erzähler geführt hat. Trotzdem will er
,,immer noch glauben, aber es hat längst etwas Zwanghaftes bekommen"
35
, angesichts
der verschiedenen Szenen, die die Propaganda und das Weltbild in Frage stellen.
25
Fühmann, S. 23
26
Fühmann, S. 24
27
Hafenegger / Fritz, S. 15
28
Krätzer, S. 23
29
Richter, S. 111
30
Fühmann, S. 29
31
Fühmann, S. 30
32
Hellfeld, Matthias von / Klönne, Arno: Die betrogene Generation: Jugend in Deutschland unter dem
Faschismus; Quellen u. Dokumente
; Köln: Pahl-Rugenstein, 1985, S. 298
33
Hellfeld / Klönne, S. 299
34
Hellfeld / Klönne, S. 299
35
Decker, S. 79

5
Im weiteren Verlauf folgen Informationen, die den zeitlichen Fortlauf der Handlung
verdeutlichen:
,,Eine Kommission erscheint, um die Greise und Kinder im Volkssturm
zu organisieren.
"
36
Der Volkssturm,
,,der per Erlaß des Führers vom 25. September
1944 geschaffen wird
"
37
stellt die Schlussphase des Krieges dar, bei dem Jugendliche
und Rentner
,,zum Teil direkt in Kampfhandlungen eingesetzt"
38
werden. Deutlich wird
damit, dass sich die dargestellte Kriegszeit langsam ihrem Ende nähert, entsprechend
ausgebrannt sind die Kriegsteilnehmer:
,,Es gibt keine Jugend mehr, nur Graues, ausge-
höhlt, verbrannt und verkrüppelt, des Denkens bar
"
39
. Es wird nur noch gekämpft, weil
gekämpft werden muss. Auch eine Begebenheit seiner Biographie verschweigt Füh-
mann nicht:
,,Schwarz, verfault mein Bein im Stroh, voll Eiter"
40
. Er bezieht sich dabei
auf eine Verletzung an seinem Bein.
,,Auf dem schwierigen Weg über die thessalischen
Berge und durch Serbien entwickelt sich aus einer Verletzung am rechten Fuß eine
schwere Phlegmone.
"
41
Deshalb geht es für ihn mit einem Lazarettzug zu
,,einer sächsi-
schen Kleinstadt
"
42
, genauer gesagt Jena. Dort wird der Erzähler später in einem Wald,
in den er sich nach einem Bombenangriff geflüchtet hat, von russischen Soldaten aufge-
griffen. Fühmann beendet in der Dichtung seine Kriegsteilnahme damit etwas früher als
es eigentlich der Fall war, wodurch auch noch einmal deutlich wird, dass es ihm nicht
darum geht eine reine, authentische Autobiographie zu verfassen.
3. Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft
,,Und zum zweitenmal fuhr ich nach Rußland, nun in die Gefangenschaft"
43
. Bevor der
Erzähler jedoch auf die Gefangenschaft zu sprechen kommt, spricht er über seine To-
desangst:
,,Tötet uns endlich! Zieht die Hoffnung nicht aufs Leben länger hin"
44
. Es
zeigt sich
,,das Bild eines zunächst an den Rand der Verzweiflung getriebenen, ab-
grundtief Enttäuschten, der dann auf das Schlimmste gefaßt zu sein versucht
"
45
, denn
die Gefangenschaft galt für die Soldaten als
,,Vorspiel zu neuem Leid, neuen Qualen
36
Fühmann, S. 32
37
Hafenegger / Fritz, S. 98
38
Hellfeld / Klönne, S. 194
39
Fühmann, S. 32
40
Fühmann, S. 33
41
Richter, S. 117
42
Fühmann, S. 33
43
Fühmann, S. 37
44
Fühmann, S. 38
45
Richter, S. 119
Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Franz Fühmanns Dichtung "Die Fahrt nach Stalingrad". Kunstwerk oder Schundwerk?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Note
1,8
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V376397
ISBN (eBook)
9783668534704
ISBN (Buch)
9783668534711
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Fühmann, DDR-Literatur, Die Fahrt nach Stalingrad
Arbeit zitieren
Hannes Höbald (Autor), 2012, Franz Fühmanns Dichtung "Die Fahrt nach Stalingrad". Kunstwerk oder Schundwerk?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376397

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