Die Begriffe ‚Mystik‘, ‚Frömmigkeit‘ und ‚Bildung‘ werden in Bezug auf die Forschungsergebnisse von Edith Ennen und Laetitia Boehm erläutert. Auf deren Grundlage wird auch die Frage nach dem ‚Bild der Frau‘ im Mittelalter geklärt, das in der Forschung als sehr problematisch gesehen wird, da die verschiedenen zugänglichen apodiktischen Quellen nur teilweise mit der Lebensrealität übereinstimmen. Es sind kaum Quellen vorhanden, welche den weiblichen Alltagsturnus aller Stände abbilden. Historische Aufzeichnungen sind zumeist klerikalen Ursprungs – weltliche literarische Darstellungen geben zuweilen nur Wunschbilder wieder oder wollen durch Übertreibung unterhalten, während die höfische Epik nur einen Einblick in das Leben der feudalen Oberschicht zeigt und die Städterinnen und Bäuerinnen zumeist unerwähnt bleiben. Im Rahmen dieser Hausarbeit liegt die Konzentration allerdings auf den weiblichen adligen Lebensbedingungen, da Hildegard selbst dem Adel entstammte.
Auch zu Hildegards Lebensgeschichte sind leider nur wenig historisch nutzbringende Quellen, Überreste wie Traditionen zugänglich. Schon zu ihren Lebzeiten entstanden, entsprechend dem mittelalterlichen Geschichtsverständnis, um und über sie Legenden, die sich mit den Fakten verknüpften. Dadurch ist es schwierig die historischen von den legendenhaften Überlieferungen zu unterscheiden. Die sprachlichen Änderungen in Abschriften, Kopien, Kompilationen geben darüber hinaus Anlass die Quellenlage zu erläutern. Im Anschluss daran folgt ein Einblick in Hildegards Vita. Ihre Erziehung und Bildung wird geschildert, um Aufschluss über ihre eigene Lese- und Schreibkompetenz zu erlangen. Dazu wird vorwiegend die älteste Lebensbeschreibung Hildegards berücksichtigt, welche von den Mönchen Gottfried und Theoderich verfasst und von Adelgundis Führkötter in der Schrift Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen aus dem Lateinischen übersetzt und kommentiert wurde. Die Hausarbeit versucht Antworten auf folgende zentralen Fragen zu finden: Warum ließ Hildegard verschiedene Schriften verfassen? Was war Gegenstand ihrer Schriften? Warum verfasste sie in ihren späteren Jahren selbst ihre Schriften und entwickelte das Litterae ignotae und Lingua ignota? Weshalb bezeichnete sie sich selbst als ‚indocta‘? Eine weitere Frage stellt das Ausmaß ihres Einflusses auf die Gesellschaft durch ihren regen Briefwechsel dar.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Historische Rahmenbedingungen um 1200
1.1 Bedeutung und Dimension von Literalität
1.2 Weibliche Bedingungen in der mittelalterlichen Gesellschaft
2 Hildegard von Bingen
2.1 Quellenlage
2.2 Bildungs- und Lebensweg
2.3 Modalitäten und Impulse des Werks im Überblick
2.4 Adressaten und Wirkung ihres Epistolariums
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Literalität der Hildegard von Bingen unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des 12. Jahrhunderts sowie ihres individuellen Lebensweges. Ziel ist es, aufzuzeigen, inwiefern ihr schriftstellerisches Wirken sowohl als konventionell im Kontext der damaligen Mystikbewegung als auch als außergewöhnlich einzustufen ist.
- Historische und kulturelle Voraussetzungen um 1200
- Literalität und Bildung bei Frauen im Mittelalter
- Die Rolle der Visionen als Grundlage von Hildegards Werk
- Hildegards Korrespondenz und gesellschaftlicher Einfluss
- Einordnung als Universalgelehrte entgegen dem mittelalterlichen Frauenbild
Auszug aus dem Buch
2.3 Modalitäten und Impulse des Werks im Überblick
Mit dieser Botschaft Gottes begann Hildegard die Dokumentation ihrer ersten Schrift Scivias Domini – Wisse die Wege des Herrn, auf die sie mit folgenden Worten antwortete: „Und ich sagte und schrieb das nicht nach Erfindung meines Herzens oder irgendeines Menschen, sondern wie ich es in Himmelskundgebungen sah, hörte und empfing durch die verborgenen Geheimnisse Gottes.“71 Die Scivias entstand in den Jahren 1141 bis 1151 mit Hilfe ihrer Vertrauten Richardis von Stade und des Probstes Magister Volmar. Letzterer diente Hildegard bis zu seinem Tod im Jahr 1173 ergebenst als Sekretär. Er verschriftliche ihre Worte und Gedanken in der lateinischen Sprache, dessen sie in dem Maße nicht mächtig war. In ihrem Vorwort der Scivias begründete und rechtfertigte sie ihr Wirken: „Nun erschloß sich mir plötzlich der Sinn der Schriften, des Psalters, des Evangeliums und der übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testamentes“ und „eine Stimme befahl mir: Schreibe, was du siehst und hörst.“72
„Aus Furcht vor dem Gerede der Leute und dem verwegenen Urteil der Menschen“73 und da es zudem Frauen nach dem Paulinischen Diktum untersagt war zu schreiben, öffentlich zu reden bzw. zu predigen, entschloss sie sich, nachdem „Gottes Geißel [sie] auf das Krankenlager warf“ und ihrem anfänglichem Zögern „Hand ans Schreiben“74 zu legen. Die Intention zum Schreiben erhielt Hildegard demnach in ihren mystischen Visionen von Gott, die sie verstärkt in ihren gesundheitlichen Leidensphasen sah und hörte. Ihre bis dato lebenslangen Zweifel, aus Scham und Angst vor Ausgrenzung, die Gottesbotschaften kundzutun, schob sie nach mehreren schreibauffordernden Visionen, einer erneuten starken Krankheit und den Zuspruch ihres Probstes und Sekretärs Volmar beiseite.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Literalität Hildegard von Bingens ein und erläutert die Zielsetzung sowie die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
1 Historische Rahmenbedingungen um 1200: Dieses Kapitel skizziert die gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen des Hochmittelalters, wobei der Fokus auf dem Begriff der Literalität und der Rolle der Frau in dieser Zeit liegt.
2 Hildegard von Bingen: Das Hauptkapitel analysiert die Quellenlage zu Hildegard, ihren Lebensweg, die Entstehung und den Charakter ihrer Werke sowie die Bedeutung ihres Briefwechsels.
3 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und würdigt Hildegards Wirken als außergewöhnliche Leistung einer gebildeten Frau im Mittelalter.
Schlüsselwörter
Hildegard von Bingen, Literalität, Mittelalter, Mystik, Frauenbild, Schriftlichkeit, Epistolarium, Bildung, Visionen, Universalgelehrte, Klosterschule, Benediktinerin, Sprachschöpfung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Literalität – also der Lese- und Schreibkompetenz sowie der literarischen Teilhabe – der Heiligen Hildegard von Bingen im Kontext des 12. Jahrhunderts.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die historischen Rahmenbedingungen um 1200, das weibliche Rollenbild in der mittelalterlichen Gesellschaft, die Mystik als legitimatorische Grundlage ihres Schreibens sowie die Wirkung ihres Epistolariums.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Untersuchung geht der Frage nach, inwiefern Hildegards Literalität zwischen konventionellen benediktinischen Normen und einer außergewöhnlichen, eigenständigen Autorschaft einzuordnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung von Primärquellen (Briefe, Schriften) und fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Quellenlage zu Hildegard, ihren persönlichen Bildungs- und Lebensweg, die Modalitäten ihres mystischen Schaffens und die Analyse ihrer Briefe an hochrangige Zeitgenossen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Literalität, Mystik, Universalgelehrte, Schriftsprache, gesellschaftlicher Einfluss und die Rolle der Frau als Autorin im Mittelalter.
Warum bezeichnete Hildegard sich selbst als 'indocta'?
Die Selbstbezeichnung als 'indocta' (ungelehrter Mensch) spiegelt ihr Bewusstsein wider, dass sie keine formale Ausbildung in den 'artes liberales' (den freien Künsten) genossen hatte, die damals Voraussetzung für Gelehrsamkeit war.
Welche Rolle spielten ihre Sekretäre?
Da Hildegard die lateinische Schriftsprache nicht perfekt beherrschte, waren Sekretäre wie Volmar von Disibodenberg essenziell, um ihre visionären Inhalte in schriftliche Form zu bringen.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Schultjan (Autor:in), 2016, Das Leben der Hildegard von Bingen. Was war Gegenstand ihrer Schriften und Erläuterungen zu "Litterae ignotae" und "Lingua ignota", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376425