Der Freitod als Privileg des Humanen. Jean Amerys "Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod"


Seminararbeit, 2017

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ­ Suizid als gesellschaftliche Kontroverse...1
2. J
EAN
A
MÉRY
:Hand an sichlegen. Ein Diskurs über den Freitod...3
2.1. J
EAN
A
MÉRY
­ ein biographischer Abriss...3
2.2. Zusammenhänge zwischen Leben und Werk Amérys...5
3. Hand ansich legen ­ ein Diskurs über denFreitod (1974)...8
3.1. Zum Begriff des 'Freitod'...8
3.2. Freitod als Moment der personell-intentionalen Egalität...12
3.3. Freitod als Moment der Natürlichkeit...15
3.4. Freitod als Moment der Freiheit...19
4. EigeneBetrachtungenzueinigen Ausführungen Amérys...21
5. Literaturverzeichnis...25

1.Einleitung ­ Suizid als gesellschaftliche Kontroverse
KaumeinPhänomenscheintbisheutesoumstritten,sokontroversund
gleichsam so ungeklärt wie das des menschlichen Suizids. Schon allein bei der
Verwendung der Benennungen zeichnen sich Kontroversen ab. 'Suizid',
'Selbstmord', 'Selbsttötung' oder gar 'Freitod' ­ all diese Bezeichnungen tauchen
auf, wenn sich ein Mensch das eigene Leben nimmt. Viel strittiger gestaltet sich
die Einordnung eben dieses Phänomens des menschlichen Daseins. Ist er
natürlich oder unnatürlich, rational oder irrational, oder ist er vielleicht sogar die
höchste Form des Ausdrucks menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung? Gibt
es triftige und nicht-triftige Gründe für einen Menschen, aus eigener Kraft und
durch selbsttätiges Handeln aus dem Leben zu scheiden?JeanAmérysDiskursüberdenFreitod kannohneZweifelalseinesder
Standardwerke bezeichnet werden, welches sich in selten eindringlicher wie
eindeutiger Art und Weise mit der Frage nach dem Wesen wie der moralischen
wie rationalen Akzeptanz des Freitodes auseinandersetzt und letztlich eine
radikale Losung verkündet. Nicht zuletzt deswegen wurde der Essayband Amérys
nach seinem Erscheinen äußerst kontrovers diskutiert und sein Autor umso
schärfer kritisiert, da man ihm unterstellte, er habe mit seinem Diskurs ein nahezu
romantisch-verklärendes Bild des Suizidenten inszeniert und stifte dadurch
insgeheim gar zur Selbsttötung an. Doch, war resp. ist diesen Vorwürfen zu
glauben? Handelt es sich bei Amérys Schrift tatsächlich um eine Verharmlosung
des Suizids oder viel mehr um einen Versuch der Rehabilitierung der Klasse der
Suizidenten, einen Versuch, sie aus dem Dunkel des Kranken, des Unnormalen
zu befreien und sie als normale Menschen und ihren Tod als einen normalen Teil
der Gesellschaft anzusehen?Die vorliegende Arbeit wird einenVersucheinerAuseinandersetzungmitdiesen
Fragen darstellen, indem sie zentrale Thesen aus Jean Amérys Diskurs über den
Freitod darzulegen und moralphilosophisch zu diskutieren versucht.1

Nach kurzen Ausführungen zu Jean Amérys Vita sollen die zentralen Thesen
seines Diskurs über den Freitod dargestellt und anschließend moralphilosophisch
diskutiert werden.Bereits einleitend sei angemerkt, dass sich die vorliegende Arbeit nicht mit dem
ärztlich-assistierten Suizid auseinandersetzen wird. Vielmehr soll das Phänomen
des Suizids von Menschen in den Vordergrund gerückt werden, welche sich nicht
in einem Stadium einer nicht heilbaren Krankheit befinden. Somit soll diese Arbeit
einen Versuch darstellen, Amérys generelle Position zur Selbsttötung ­ oder
Freitod ­ darzulegen und eben diese zu erörtern.Eine Form des Todes, des Aus-dem-Leben-Scheidens, welche sowohl im
philosophischen als auch gesellschaftlichen Diskurs stets für Kontroversen zu
sorgen im Stande scheint. Zwischen kompletter Ablehnung und ausnahmsloser Befürwortung findet sich
innerhalb der Diskussionen eine immense Vielzahl verschiedener, unterschiedlich
radikaler Positionen. Grund genug, sich in der nun folgenden Arbeit einer der wahrscheinlich
radikalsten Haltungen zum Freitod zu widmen: Dem Freitod als Ausdruck
höchstmöglicher menschlicher Freiheit.2

2. J
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A
MÉRY
: ,, Hand an sich legen. Ein Diskurs über den Freitod"
2.1.J
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MÉRY
­ ein biographischer Abriss
J
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mag zu den wenigen Philosophen und Essayisten zählen, bei denen
sich biographische Themen wie ein Leitfaden durch das Werk zu ziehen
scheinen. Themen wie Freiheit, aber auch das Thema Tod und, damit
einhergehend, die Freiheit des Individuums auch in Fragen des Lebensendes
erklären sich vielleicht ausschließlich aus seinem bewegten Leben.Geboren 1912 als Hanns Mayer in Wien, kam er in den 20er-Jahren des 20.
Jahrhunderts mit Künstlern wie Musil, Canetti und anderen in Kontakt. 1938 floh er nach dem Anschluss Österreich an Deutschland nach Belgien, und
unterstütze den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Im Zuge seiner
Widerstandstätigkeit wurde er 1940 festgenommen und i darauf folgenden Jahr
im Kriegsgefangenenlager Gurs in Südfrankreich inhaftiert. Aus dieser Haft
konnte er jedoch fliehen und setzte seine Tätigkeit als Widerstandskämpfer
gegen die Nazis in Belgien fort. 1943 wurde er jedoch erneut verhaftet und sah
sich der Folter der Nationalsozialisten ausgesetzt, bevor 1944 ins
Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Den Alltag im Lager beschrieb
er in seinem Essay ,,An den Grenzen des Geistes" wie folgt:
,,Das Lagerleben erforderte vor allem körperliche Gewandtheit und einen
notwendigerweise hart an der Grenze der Brutalität liegenden
physischen Mut. Mit beidem waren die Geistesarbeiter nur selten
gesegnet, und die moralische Courage, die sie oft anstelle der
körperlichen einsetzen wollten, war keinen Pfifferling wert."
1
Letztlich, als die Armee der Sowjetunion immer näher rückte, wurde er über
mehrere KZs letztlich in das Lager Bergen-Belsen überführt, welches im April
1945 von der britischen Armee befreit wurde. Über diese Befreiung schrieb A
MÉRY
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J
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MÈRY
: An den Grenzen des Geistes. In: Jenseits von Schuld und Sühne.
Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart, Klett-Cotta, 1977, 2. Aufl. 1980, S. 22
3

Folgendes:
,,Wir kamen entblößt aus dem Lager, ausgeplündert, entleert,
desorientiert ­ und es hat lange gedauert, bis wir nur wieder die
Alltagssprache der Freiheit erlernten. Wir sprechen sie übrigens heute
noch mit Unbehagen und ohne rechtes Vertrauen in ihre Gültigkeit."
2
Zurück in Belgien betätigte er sich zunächst als Feuilletonist, letztlich erschienen
aber auch essayistische Schriften. Einer dieser Essays, welcher 1969 unter dem
Titel ,,Der ehrbare Antisemitismus" erschien und die fehlende
Auseinandersetzung Nachkriegsdeutschlands mit den Verbrechen der
Nationalsozialisten thematisierte, brachte ihm innerhalb der Bundesrepublik
hohes Ansehen ein.1974 beging A
MÉRY
einen Suizidversuch, welcher jedoch misslang: Er wurde von
seinem Freund gefunden und letztlich durch medizinische Hilfe gerettet ­ eine
Rettung, welche er selbst weniger als Hilfe, denn als gewaltsamen Akt gegen
seine Selbstbestimmung begriff. 1978, zwei Jahre nach Erscheinen seines Buches ,,Hand an sich legen. Diskurs
über den Freitod folgte ein zweiter Suizidversuch Amérys, welcher letztlich
erfolgreich war ­ er verstarb an einer Überdosis Schlaftabletten.Bereits aus diesem kurzen, vielleicht zu kurzen Draufblick auf die Vita Amérys
zeigt sich, inwieweit das Thema der Freiheit und Selbstbestimmung eine hohe
Wichtigkeit für ihn besaß. Vertiefende Betrachtungen zu Verknüpfungen zwischen
seinem Leben und seinem Diskurs über den Freitod sollen im nun folgenden
Abschnitt erläutert werden.2
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: An den Grenzen des Geistes. In: Jenseits von Schuld und Sühne.
Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart, Klett-Cotta, 1977, 2. Aufl. 1980, S. 45
4

2.2.Zusammenhänge zwischen Leben und Werk Amérys
Ausgehend von den erfolgten Ausführungen zur Biographie Amérys, lässt sich
das vorliegende Gespräch, welches zunächst 1976, also nach Erscheinen des
Diskurs über den Freitod gekürzt in der ZEIT und 1978, zwei Wochen nach
Amérys Suizid in ausführlicherer Form im SPIEGEL erschien, keinen Zweifel
daran, welche starken Auswirkungen vor allem die Inhaftierungen und
Folterungen durch die Nationalsozialisten auf den zu behandelnden Autor gehabt
haben müssen. Überraschenderweise stellt Améry zu Beginn des Gespräches
jedoch fest, dass ,,die Idee des Freitods mir [A
MÉRY
] von Kindheit an geläufig war,
mich eigentlich immer begleitet hat, [...], natürlich auch mit Schrecken erfüllt
hat".
3
Auch in Zeiten der Widerstandsbewegung habe, so A
MÉRY
weiter, der Gedanke
an den Freitod für ihn immer eine Rolle gespielt, so äußert er beispielsweise:
,,Zum Beispiel war ich entschlossen, [...], da[ss], hätte ich eine Waffe
gehabt, ich den ersten Gestapomann erschieße und dann mich."
4
Auch in der späteren Einzelhaft, verbunden mit den drastischen Folterungen
durch die Nationalsozialisten, kam A
MÉRY
der Gedanke daran, sich das Leben zu
nehmen. Hier allerdings weniger aus Angst vor den körperlichen und seelischen
Verwundungen durch die Marter der Folter ­ viel mehr war es die Angst, er
könnte ,,unter der Folter Adressen preisgeben. [...] Ich habe gewu[ss]t, wenn das
jetzt lange genug geht, dann würde ich das [sic!] wahrscheinlich preisgeben."
5
Umso interessanter erscheint es, dass das Thema der Selbsttötung im Lager
Auschwitz für A
MÉRY
in einer geradezu kontrastiven Beziehung eine Rolle zu
spielen schien, wenn er im vorliegenden SPIEGEL-Gespräch folgende
Beschreibung liefert:
3SPIEGEL 44/1978, 2334SPIEGEL 44/1978, 2365Ebd..
5

,,Später im KZ hab' ich die Zwangssituation, die man als solche hätten
empfinden können, nicht als solche empfunden, sondern eigentlich als
eine Herausforderung, durchzuhalten und zu überstehen. Also: Ihr sollt
mich nicht haben. Mein Tod soll meine Sache sein."
6
Hier erscheint die Verweigerung dagegen, seinem Leben und dem damit
verbundenen Leiden als Häftling eines Konzentrationslagers der
Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, geradezu wie eine Kampfansage an (hier
im Speziellen) die Verbrecher des NS wie auch (generell) an jegliche
gesellschaftlich konventionell bedingten Versuche, die Freiheit des Individuums
bezüglich einer der zentralen, wenn nicht gar der Frage überhaupt, zu
beschneiden. Dadurch, dass A
MÉRY
wie er berichtete, während seiner Haft in den
verschiedensten Konzentrationslagern den Gedanken der Selbsttötung stets
negierte, zeigt sich der Zusammenhang, welcher seiner Ansicht nach zwischen
Freiheit und Freitod bestehen mag. Gewiss, neu sind die Vorstellungen, welche
er in seinem Diskurs über den Freitod darlegt, freilich nicht, wie er selbst betonte
,
jedoch zeigt sich innerhalb seiner Schrift eine interessante Mischung aus
einerseits poetischer Schriftstellerei und Beschreibung und zugleich vehementer,
nahezu radikaler Thesen, den Prozess des Freitodes betreffend. Letztlich
formuliert er im benannten SPIEGEL-Gespräch sein Hauptanliegen wie folgt:
,,Wir gehen in einem Leben, das uns zum Tode verurteilt, dem Scheitern
entgegen, und das Bewu[sst]sein dieses notwendigen letzten Scheiterns
kann einen Menschen aufstehen machen gegen das Gesamtgeschick,
gegen die Gesamtschöpfung, um zu sagen: Nein, nicht das Geschick,
sondern ich mache es und ich will kein Ziel, ich will die Ziele alle nicht,
die ihr mir da propagiert."
7
Im Folgenden soll auf einige der Thesen Amérys eingegangen werden, welche er
in seinem Diskurs über den Freitod offenlegt. Hierbei sollen folgende Aspekte
besondere Berücksichtigung in der Vorstellung wie auch in der sich daran
anschließenden Auseinandersetzung mit ihnen finden:
6SPIEGEL 44/1978, 2367SPIEGEL 44/1978, 246
6
Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Freitod als Privileg des Humanen. Jean Amerys "Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V376440
ISBN (eBook)
9783668536371
ISBN (Buch)
9783668536388
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freitod, privileg, humanen, jean, amerys, hand, diskurs
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2017, Der Freitod als Privileg des Humanen. Jean Amerys "Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376440

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