Analyse von Ludwik Flecks Denkstiltheorie und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Diskurslinguistik


Seminararbeit, 2017

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

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These:
Der Denkstil- bzw. Denkkollektivansatz von L
UDWIK
F
LECK
kann in besonders ergiebiger
Art und Weise Verwendung in der Disziplin der Diskurslinguistik finden.
Dass Sprache sowohl Wissen als auch Ansichten, Meinungen, kurzum, Denkweisen zu
transportieren im Stande ist, kann mittlerweile kaum mehr bestreitet werden. Beson-
ders in Zeiten, in denen, zumeist im politischen Kontext, eine Zunahme an sprachlicher
Schärfe beobachtet werden kann, liefert der Denkstilansatz nach F
LECK
ein hilfreiches
Instrumentarium, um sprachliche Handlungen mündlicher wie schriftlicher Art bezüglich
ihrer übermittelten Denkweisen zu untersuchen und mögliche sprachliche Reaktionen
auf Äußerungen innerhalb eines Diskurses besser zueinander in Verbindung setzen zu
können. Innerhalb dieses Thesenpapiers soll zunächst der Fleck'sche Denkstilansatz er-
örtert werden, um anschließend auf seine Bedeutung für die Diskurslinguistik eingehen
zu können. An die theoretische Betrachtung schließt sich eine oberflächliche Darstellung
eines praktischen Beispiels einer Denkstilanalyse aus dem Flüchtlingsdiskurs an.
Der Denkstil- und Denkkollektivansatz, welchen L
UDWIK
F
LECK
in seiner Entstehung und
Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache darstellt, basiert auf einem wesentlichen
Gedanken Flecks zur Konstitution wissenschaftlicher Erkenntnis und damit einhergehen-
der Tatsachen und Informationen. Freilich, dies sei bereits an dieser Stelle erwähnt, kön-
nen ,Informationen` letztlich, in einem alltagssprachlichen resp. außerwissenschaftli-
chen Kontext, auch als ,Meinungen`, ,Ansichten` oder ,Denkansichten` verstanden und
demzufolge analysiert und interpretiert werden. Für F
LECK
ist bei der Betrachtung der
Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen unabdingbar, dass Wissenschaft für ihn kein
,,formales Konstrukt", sondern vielmehr eine ,,Tätigkeit, veranstaltet von Forschungsge-
meinschaften", darstellt [F
LECK
1980, VIII]. Bereits aus dieser Formulierung seines Ver-
ständnisses von Wissenschaft lassen sich zwei wesentliche Dinge herausstellen: Einer-
seits die Tatsache, dass Wissenschaft und die ihr innewohnende Konstitution von Wis-
sen nie autark agieren können, sondern stets externen Faktoren wie beispielsweise der
Geschichte oder Politik nebenstehend sind und von eben jenen externen Faktoren be-

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einflusst werden. Zweifelsohne verweist diese Tatsache auf die Zeiten Flecks als Gefan-
gener der Nationalsozialisten in verschiedenen Konzentrationslagern ­ eine Zeit also, in
der die Wissenschaft mehr als spürbar von externen Faktoren beeinflusst, wenn nicht
gar beherrscht wurde.
Ein weiterer wichtiger Fakt besteht in der Tatsache, dass F
LECK
Wissenschaft bzw. Kon-
stituierung wissenschaftlicher Erkenntnis keineswegs als eine Arbeit einzeln agierender
Personen auffasst, sondern in ihr viel mehr eine kollektive Leistung verschiedener Ak-
teure innerhalb des wissenschaftlichen Betriebes begreift, deren Leistung, die Entde-
ckung wissenschaftlicher Tatsachen, demzufolge nur als gemeinschaftliche Leistung ver-
standen werden kann. Wissenschaft ist somit für F
LECK
externen Faktoren und deren
verschiedensten Einflüssen ausgesetzt und zugleich das Ergebnis einer kollektiven Leis-
tung der Akteure innerhalb eines Wissenschaftskollektivs, welches von F
LECK
letztlich
auch als Denkkollektiv bezeichnet wird. F
LECK
formuliert eben jenen Begriff folgender-
maßen:
,,Definieren wir ,Denkkollektiv` als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaus-
tausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger
geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes
und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles." [F
LECK
1980, 54 f.]
Innerhalb des von F
LECK
vorgestellten Konzeptes des Denkkollektivs wird mehr und mehr
ersichtlich, wie stark die Konstituierung von Wissen resp. wissenschaftlicher Erkenntnis
von sozialen Faktoren abhängig scheinen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist für F
LECK
stets
Ergebnis von Gedankenaustausch der zugehörigen Akteure innerhalb eines Wissen-
schafts- oder auch Denkkollektivs. Dieser Austausch kann zwingenderweise in keiner an-
deren Form als der des Austausches durch Sprache bestehen ­ Angehörige eines Denk-
kollektivs mit einem mehr oder weniger homogenen Denkstil tauschen sich somit inner-
halb ihres Wissenschaftskollektivs mit den Mitteln der sprachlichen Handlungen aus
(schriftlich wie mündlich). Hierbei wird, so F
LECK
, auch deutlich, inwieweit man das Vor-
handensein von denkkollektiv-typischen Sprachverwendungen (spezifische Ausdrücke
innerhalb eines Denkkollektivs) beobachten kann, wenn er folgendermaßen formuliert:

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,,Worte, früher schlichte Benennungen, werden Schlagworte; Sätze, früher schlichte
Feststellungen, werden Kampfrufe. Dies ändert vollständig ihren denksozialen Wert: sie
erwerben magische Kraft, denn sie wirken geistig nicht mehr durch ihren logischen Sinn
­[...] sondern durch ihre bloße Gegenwart." [F
LECK
1980, 59]
Verbunden mit der scheinbaren Macht der Sprache eines Denkkollektivs ist auch der
dringend zu nennende Aspekt der Zugehörigkeit (Esoterik) bzw. Nichtzugehörigkeit zu
einem Denkkollektiv (Exoterik). Es gibt stets Akteure, welche sozusagen als Eingeh-
weihte eine Denkkollektiv/Wissenschaftskollektiv angehören und eben jene, welche ge-
wissermaßen als Laien mit einem gewissen Interesse am jeweiligen Wirken des einge-
weihten Kollektivs mit eben jenem verbunden scheinen. Zwischen beiden Gruppen von
Akteuren sind interessante Wechselbeziehungen auszumachen: Einerseits werden die
Angehörigen des esoterischen Kreises des Denkkollektivs durch die Zugehörigkeit allein
zu einer Art Autorität für die Akteure innerhalb des exoterischen Kreises. Andererseits
sind die Personen(gruppen) innerhalb des esoterischen Kreises auf die Anerkennung
und Beachtung der Laien innerhalb des exoterischen Kreises angewiesen, da sonst ihr
Einfluss und auch ihr Status von wissenschaftlicher Autorität Schaden nehmen könnte.
Wie bereits bei der kurzen Erläuterung des Begriffes Denkkollektiv formuliert, herrscht
innerhalb eines Denkkollektives ein Konsens bezüglich wissenschaftlicher Ansichten
(bspw. zu Vorgehensweisen, wissenschaftlichen Methoden, An- oder Aberkennung be-
stimmter Fachrichtungen innerhalb eines Wissenschaftskollektives). Dieses konsensuale
Denken bezeichnet Fleck als den Denkstil innerhalb eines Denkkollektives, welcher ge-
wissermaßen die gedankliche (und somit auch sprachliche) Basis eines Denkkollektives
ausmacht. Der Denkstil gibt verbindliche Auskunft über Probleme, Inhalte und Metho-
den innerhalb eines Denkkollektivs. Innerhalb eines Denkkollektives gestaltet sich dieses
konsensuale Denken zweifelsohne wenig kompliziert. Treffen jedoch Angehörige zweier
verschiedener Denkkollektive aufeinander, so beschreibt F
LECK
folgende Situation:
,,Man kann nie sagen, derselbe Gedanke sei für A wahr und für B falsch. Gehören A und
B demselben Denkkollektive an, dann ist der Gedanke entweder für beide wahr oder

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falsch. Gehören sie aber verschiedenen Denkkollektiven an, so ist es eben nicht derselbe
Gedanke, da er für einen von ihnen unklar sein mu[ss] oder von ihm anders verstanden
wird." [F
LECK
1980, 131]
Es wird somit deutlich, dass es, sobald zwei verschiedene Denkstile aufeinandertreffen,
zu gewissen Unstimmigkeiten kommen kann, welche sich allein durch die Zugehörigkeit
zu verschiedenen esoterischen Kreisen verschiedener Denkkollektive begründen lassen.
Hierbei wird nun jeder der beiden Akteure so gut es geht versuchen, seinen Denkstil als
den angemessenen durchzusetzen ­ dies ist, was F
LECK
als Beharrungstendenz bezeich-
net. Diese Tendenz, auf dem vorhandenen Denkstil zu beharren, existiert aber nicht nur
beim Aufeinandertreffen zweier verschiedener Denkkollektive in Form von bspw. Per-
son X und Y. Die Tendenz, einen vorherrschenden Denkstil beizubehalten, existiert auch
innerhalb eines Denkkollektives und zeigt sich beispielsweise, wenn innerhalb einer Wis-
senschaft neue Methoden zum Erkenntnisgewinn eingesetzt oder die Inhalte eines
Denkkollektivs hinterfragt werden. Alsdann zeigen sich Bestrebungen, den bisher gel-
tenden Denkstil beizubehalten ­ F
LECK
spricht in diesem Zusammenhang gar von einem
Denkzwang ­ und mit den Bestrebungen einhergehend werden verschiedene Strategien
angewendet, um der Beharrungstendenz erfolgreich Rechnung tragen zu können. Diese
Strategien reichen von der schieren Undenkbarkeit eines Widerspruches gegen vorherr-
schende Denkstile innerhalb des Kollektivs bis hin zur Beschreibung (bekanntermaßen!)
falscher Tatsachen zur Rechtfertigung bzw. Stützung des eigenen, vorherrschenden
Denkstils [vgl. F
LECK
1980, 40].
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass F
LECK
in seiner Entstehung und Entdeckung
wissenschaftlicher Tatsachen mit den Begriffen Denkkollektiv und Denkstil zwei wichtige
Fragen aufwirft und letztlich konzeptionell beantwortet. Mit dem Begriff des Denkkol-
lektivs beschreibt er eine Antwort auf die Frage nach den wissenskonstituierenden Akt-
euren innerhalb der Felder der Wissenschaften, kurzum, er benennt die Bedingungen
zur (Nicht-)Zugehörigkeit zu einem wissenschaftlichen Kollektiv ebenso wie die Wech-
selwirkungen zwischen Eingeweihten und Außenstehenden. Mit dem Begriff des Denk-
stils, der Beharrungstendenz und den dargelegten Strategien zur Sicherung vorhandener
Denkstile gibt F
LECK
eine Antwort auf die Frage, was innerhalb eines Denkkollektivs als
Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Analyse von Ludwik Flecks Denkstiltheorie und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Diskurslinguistik
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V376442
ISBN (eBook)
9783668536906
ISBN (Buch)
9783668536913
Dateigröße
983 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig Fleck, Denkstiltheorie, Anwendungsmöglichkeit, Linguistik, Diskurs
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2017, Analyse von Ludwik Flecks Denkstiltheorie und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Diskurslinguistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376442

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