Deutschunterricht mithilfe des biographischen Spielfilms "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Filmintegrativer Unterricht für das 2. Schulhalbjahr in Klasse 10 an sächsischen Mittelschulen


Hausarbeit, 2017
42 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

2
gelungener, zum Nachdenken anregender Film hinsichtlich der Drogenproblematik bei
Jugendlichen ist, der jedoch, obwohl er aufklärerisch wirkt, seine Absicht als
Präventionsfilm verfehlt hat:
,,Wo das Drehbuch Präventions
pädagogik vorgibt, verfolgt
die
szenische
Realisierung
eine
fragwürdige,
weil
unglaubwürdige
Abschreckungsstrategie, die sowohl in der Drogenprävention als auch in der
allgemeinen Erziehung längst als wirkungslos erwiesen ist. Schlimmer noch: unter
Umständen kann sie sogar stimulierend wirken
"
(Koch: 1992, p. 157).
Das übergeordnete Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist es, ein didaktisches
Begleitmaterial für den Film WKVBZ vorzulegen, welches ab dem 2. Halbjahr der 10.
Kl. an sächsischen MS einsetzbar ist. Innerhalb der vorliegenden Medienanalyse soll
zunächst eine kurze Inhaltszusammenfassung
2
des Films gegeben werden.
Anschließend wird der Film medienspezifisch hinsichtlich der filmischen- und
narrativen Gestaltungsmittel analysiert, um auszuloten, welche Aspekte des Films ein
besonderes Potential für die konzipierten Unterrichtsmaterialien bieten.
1.1 Inhaltswiedergabe
,,Überall nur Pisse und Kacke"
.
3
Mit diesen Worten beginnt die Handlung und
gleichzeitig Christianes Monolog, in dem sie erklärt, wie schlimm sie das Leben in
Berlin findet. Im Alter von sechs Jahren zieht die Protagonistin Christiane mit ihren
Eltern und ihrer Schwester Sabine von dem Land in die Großstadt Berlin. Die Wohnung
befindet sich im 11. Stock eines Hochhauses und die Wohngegend ist trist, umgeben
von Beton und ohne jegliche Entfaltungsmöglichkeiten für die dort lebenden Kinder.
Christianes Mutter ist für die Versorgung der Familie verantwortlich, während der Vater
seine Frau und die Mädchen häufig schlägt. Als der Vater eines Abends beinahe seine
Frau in der Badewanne ertränkt, eskaliert der Konflikt. Daraufhin trennt sich diese und
zieht mit ihrem neuen Freund und Christiane in eine eigene Wohnung, während sich
ihre andere Tochter dazu entscheidet, mit zu ihrem Vater zu gehen. Zu Klaus, dem
neuen Freund der Mutter, hat Christiane auch kein besonders gutes Verhältnis. In der
Schule schließt sie jedoch bald Freundschaft mit Kessi, die sie bewundert und
nachahmen will. Aufgrund dessen fängt Christiane bald mit dem Rauchen an und
besucht mit ihr das Haus der Mitte, einem Jugendhaus der evangelischen Kirche.
2
Aus Platzgründen und weil es sich um keine Analyse, sondern um eine reine Inhaltswiedergabe
handelt, soll in Kap. 1.1 darauf verzichtet werden, die Informationen mit Zitaten zu belegen bzw. die
Minutenangaben im Film anzugeben.
3
Christiane F.
­
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. R.: Ulrich Edel. DE 1981. TC: 00:01:19.

3
Dort geht es jedoch keineswegs gesittet zu, denn durch den Einfluss der anderen
Jugendlichen aus Kessis Clique beginnt Christiane Haschisch zu rauchen, Pillen zu
nehmen und Alkohol zu trinken sowie die Schule zu schwänzen. Bald darauf
entdecken sie die Diskothek namens Sound für sich, wo Christiane und Kessi schnell
eine neue Clique aufbauen, zu der auch Detlef, Babsi und Stella gehören. Detlef führt
Christiane an Heroin heran. Nachdem beide im April 1976 zu einem Konzert von David
Bowie gehen, ,,snieft" Christiane erstmals Heroin.
Dieses Ereignis, welches Christiane
in die Abhängigkeit führte, geschah einem Monat vor ihrem 14. Geburtstag. An ihrem
14. Geburtstag setzt sich Christiane auf der Bahnhofstoilette ihren ersten Schuss
­
ein
Fremder ist ihr dabei behilflich. Die zweite Hälfte der Ferien verbringt das Mädchen bei
ihrer Großmutter auf dem Land, wo sie eine drogenfreie und unbeschwerte Zeit
verbringt. Doch zurück in Berlin nimmt Christiane schnell wieder Heroin und gerät in
den ,,Drogensumpf". Detlef gesteht ihr, dass er mit der Pros
titution angefangen hat, um
Geld für Heroin zu verdienen. Kurze Zeit später hat Christiane ihr erstes Mal mit Detlef.
Sie beschreibt sich in dieser Phase als glücklich und verliebt. Im Dezember 1976
berichtet das Mädchen von ihren ersten Entzugserscheinungen. Als dem Paar klar
wird, dass Detlef nicht für beide genügend Geld besorgen kann, steigt Christiane eines
Tages in das Auto eines Freiers, welcher gleichzeitig der Stammfreier ihrer
Freundinnen ist. Ihm gegenüber stellt Christiane klar, dass sie ihn lediglich mit der
Hand befriedigen werde. Das 14-jährige Mädchen hat gleichzeitig jedoch Angst, dass
der Fremde sie zum Geschlechtsverkehr zwingen wird.
Für ihren ,,Dienst" gibt der
Freier Christiane einhundert Mark und sie beschreibt ihr anschließendes Gefühl als
nahezu glücklich, da sie sich
,,
so leicht Geld
"
verdient habe, ohne dafür - wie sonst-
betteln zu müssen. Von diesem Moment an prostituiert sich auch Christiane, nur ohne
mit den Freiern de facto Geschlechtsverkehr zu haben. Als sie sich eines Tages
Zuhause Heroin spritzt und zu dem Zweck in das Bad einsperrt, bestätigen sich die
Vorahnungen der Mutter. Sie findet das Drogen-Besteck, stellt Christiane verzweifelt
zur Rede und bietet ihrer Tochter gleichzeitig an, ihr bei einem Entzug zu helfen.
Christiane willigt ein und auch Detlef macht bei dem
,,kalten
Entzug
"
in Christianes
Wohnung mit. Doch genau wie nach dem Aufenthalt bei ihrer Großmutter bleibt
Christiane nicht lange stark und beide werden wieder abhängig. Als sie aus den
Nachrichten von dem Tod eines damaligen Kumpels aus der alten Clique hört, ist
Christiane weder abgeschreckt vom Heroin, noch berichtet sie von tiefer Trauer. Noch
einmal wird das Mädchen zu ihrer Oma geschickt, nachdem sie von der Polizei

4
aufgegriffen wird. Erneut landet Christiane nach ihrer Rückkehr am Bahnhof Zoo, wo
die drogensüchtigen Minderjährigen abhängen und sich potentielle Freier suchen. Der
Tod eines anderen Freundes betrübt sie jedoch so sehr, dass sie sich daraufhin einen
Druck setzt. Detlef ist inzwischen zu einem Stammfreier gezogen. Die Beziehung der
beiden geht allmählich kaputt. Christianes Mutter weiß sich inzwischen allein nicht
mehr zu helfen und nimmt Kontakt mit einem Therapiezentrum, der sog. Scientology
Church, auf und schickt ihre Tochter zum Entzug dorthin. Oft bricht Christiane dort aus,
um sich in ihren Drogenkreisen Heroin zu spritzen, kommt jedoch immer wieder zu der
Einrichtung zurück. Hilfesuchend wendet sich Christianes Mutter schließlich an den
Vater des Mädchens. Dieser ist optimistisch, die Drogensucht seiner Tochter mit
Verboten und Pflichterfüllungen beheben zu können und nimmt sie zu sich. Doch
Christiane nutzt seine Gutgläubigkeit und Naivität aus. In der Wohngegend des Vaters
findet sie schnell die Dealer der Szene und knüpft Kontakte, um an Heroin zu kommen.
Als Christiane von der Verhaftung Detlefs erfährt, wirft sie ihre Entscheidung, mit
Freiern keinen Sex zu haben über Bord. Kurze Zeit später stirbt ihre Freundin Babsi
an einer Überdosis. Babsi war damit die bis dato jüngste Drogentote Deutschlands.
Daraufhin will sich Chri
stiane in einer Bahnhofstoilette ,,den goldenen Schuss" setzen,
überlebt ihn jedoch. Da sie weiterhin unter Selbstmordgedanken leidet, entschließt sie
sich, die Nervenklinik Bonnies Ranch aufzusuchen. Den freiwilligen Schritt bereut sie
schnell, da sie zunehmend Angst hat, dort verrückt zu werden. Christiane flüchtet von
dort und taucht wieder in der Drogen-Szene unter, bis ihre Mutter sie als vermisst
meldet. Detlef ist zu der Zeit bereits wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Die
Mutter gibt ihnen jedoch keine Chancen mehr, Zuhause zu entziehen, da sie die
Hoffnungen aufgegeben hat. Als letzte Möglichkeit sieht sie, Christiane endgültig zu
ihrer Großmutter und Tante zu schicken
, um von Detlef und den anderen ,,Fixern"
wegzukommen. Christiane wird daher gezwungen, in ein kleines Dorf bei Hamburg zu
ziehen und wird dort auf eine Realschule geschickt, welche sie jedoch bald wegen
ihrer Vergangenheit verlassen muss. Obwohl sie sich in der Schule Mühe gibt, schickt
sie der Direktor an eine Hauptschule. Der Plot endet halbwegs offen. Man erfährt
lediglich, dass Christiane einen guten Hauptschulanschluss sowie den Anschluss an
Gleichaltrige findet. Sie schafft es, dem Heroin zu entkommen, nicht zuletzt, weil sie
an keines herankommt. Jedoch raucht Christiane bei Ausflügen in die Natur mit ihren
Freunden des Öfteren Haschisch, was ihr nach eigener Aussage aber ausreicht.

5
1.2 Analyse und Interpretation des Mediums
An dieser Stelle des Kap. soll in aller Kürze eine Genrebetrachtung der Gattung
fiktionaler Spielfilm erfolgen, ehe im Anschluss daran die filmsprachlichen
Gestaltungsmittel des Werkes analysiert und interpretiert werden. Abschließend folgt
die Didaktische Reduktion auf die für die Materialien relevanten Aspekte.
Im Jahr 1975 kam es in der Literaturwissenschaft zu einer Begriffserweiterung des
Textbegriffes. Seitdem wird überwiegend in der Literatur- und Filmwissenschaft der
Film als Literatur anerkannt (Kreuzer: 1975, p. 1ff.). Der Grund dafür ist, dass der Text
seit der Begriffserweiterung
als ,,eine ve
rbale, nonverbale, visuelle und auditive
Mitteilung, die von einem Sender mittels eines Kodes an einen Empfänger gerichtet
ist" (Nöth: 2000, p. 392)
, bezeichnet wird. Nach dieser Definition Nöths kann der Film
uneingeschränkt als Text und ergo als Literatur betrachtet werden. Doch genügend
Literatur- und Filmwissenschaftler, Künstler etc. setzen Film und Literatur nicht gleich.
Das wesentliche Merkmal des Filmes, welches sich von dem literarischem Erzählen
unterscheidet, heben Leubner und Saupe treffend hervor:
,,Der Film bietet eine visuelle
Darstellung, gegebenenfalls ergänzt durch Ton/ sprachliche Elemente, sein ,Material`
sind (bewegte) Bilder; die literarische Erzählung beruht auf einer (verbal-) sprachlichen
Darstellung, ihr ,Material` ist die Sprache"
(Leubner & Saupe: 2009, p. 179). Leubner
und Saupe begreifen zwar den Film als Literatur, jedoch weise er hinsichtlich der
Gattung aufgrund seiner
,,unvermittelten Darstellung" (Ebd., p. 181) eher
Ähnlichkeiten
mit dem Drama als mit epischen Texten auf. Diese These stützt Kammerer, indem er
meint, annähernd zur Inszenierung eines dramatischen Textes sind Filme
,,Inszenierungen geschriebener Texte" (Kammerer: 2009, p. 17).
Als Kompromiss
könnte das Medium Film auch als ein
,,audiovisueller Text"
(Gast: 1996, p. 15)
bezeichnet werden,
deren Sprache eine ,,Verknüpfung von Bild, Sprache und Ton"
(Kammerer: 2009, p. 18) ist. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass der Film
de facto
keine Literatur im eigentlichen Sinne ist: ,,Das Raum
-Zeit-Kontinuum der
,bewegten Bilder`, die scheinbare Unmittelbarkeit [...] der filmischen Narration und
Rezeption, schließlich die unterschiedliche ,sprachliche` und ,schriftliche` Gestalt der
beiden Künste erschweren die direkte Gleichsetzung" (Ebd., p. 27). Fazit bleibt, der
Film ist wie Literatur (Ebd.), v. a. weil bestimmte Gestaltungselemente, bspw. die
Zeitgestaltung, ähnlich funktionieren. Demnach wird an dieser Stelle im Sinne
Kammerers geschlussfolgert, dass die Verfahren literarischer Textanalyse auf
Filmtexte übertragbar sind. Daraus folgt die eigene Behauptung, dass auch eine

6
Lehrkraft, welche überhaupt nicht in der Filmdidaktik ausgebildet, jedoch in der
literarischen Analyse geschult ist, mit dem didaktischen Material zu WKVBZ im Sinne
der
,,
Texterschließungskompetenz
"
(Ebd., p. 28) umzugehen weiß. Konkretisiert man
das Genre bezogen auf den Spielfilm WKVBZ, so lässt sich dieser der Filmbiographie
zuordnen, da nach Ganguly die authentische Darstellung von lebenden Personen
u. a. zu dessen Merkmalen zählt (Ganguly: 2011, p. 13).
Die nachfolgende Interpretation fußt auf dem Fragenkatalog nach Leubner und Saupe
(2009, p. 253ff.). Die Funktionen der Darstellungsverfahren sind an Ganguly (2011, p.
18f.) angelehnt.
Die Namen von Orten, bspw. von U-Bahnhöfen oder Straßen bleiben im Vgl. zur
Buchvorlage weitestgehend unerwähnt. So weiß der Zuschauer auch nicht, dass die
Handlung im Stadtteil Gropiusstadt spielt. Durch diese Anonymität wird das Szenario
exemplarisch gehalten. Lediglich einmal sieht der Zuschauer den Namen der U-Bahn-
Station Kurfürstendamm.
4
Ferner wird der Charakter der Gropiusstadt nicht in dem
Maß beleuchtet wie in der Literaturvorlage. Lediglich zehn Einstellungen spiegeln die
triste Gegend wider, was etwa dreißig Sekunden Spielzeit einnimmt. Auch werden die
Aufnahmen von Kreuzberg, wohin Christiane mit ihrer Mutter zieht und das in der
Romanvorlage als ,,miese Gegend" (Hermann & Rieck: 2009, p. 79
) bezeichnet wird,
weggelassen, ebenso wie die Gewalttätigkeit des Vaters. Die Diskothek Sound wird
bereits in der zweiten Szene
5
des Filmes gezeigt. Ergo umfassen die ersten fünf
Einstellungen das, was im Buch ca. 50 Seiten einnimmt.
Die Stadt Berlin wird
überwiegend mittels bewegter Kamera gezeigt. Ferner sind die Orte meist grau und
dunkel dargestellt. Auf Beleuchtung wird größtenteils verzichtet, um die triste
Wohngegend und die traurige Stimmung der perspektivlosen Jugendlichen
widerzuspiegeln. Höchstens werden Straßenlaternen oder Werbetafeln in den Straßen
grell beleuchtet. Der Rezipient erfährt die Gedankenwelt der Figuren fast ausnahmslos
über deren Außensicht. Lediglich zu Beginn
6
und in der letzten Szene des Filmes
nimmt man durch das Voice-Over, d. h. durch die Stimme aus dem Off, Anteil an
Christianes Gedanken. Dadurch wird keine besondere Nähe zu den Figuren über
deren Gedankenwelt geschaffen. Selten wird die Außensicht der Figuren auch
repräsentiert, indem der Rezipient ,,mit den Augen" einer Figur sieht, bspw. wenn
4
Christiane F.
­
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. 1981. TC: 00:22:30.
5
Ebd. TC: 00:02:25.
6
Ebd. TC: 00:01:24.

7
Christiane durch das Sound läuft und Detlef sucht, da sie sich um seine zunehmende
Drogensucht sorgt.
Durch das Sehen ,,mit ihren Augen"
soll der Rezipient sich besser
in die Protagonistin hineinversetzen können, d. h. es schafft Empathie oder
Identifikation. Die Handlung des Films (erzählte Zeit) umfasst mindestens 1 ½ Jahre,
da Christiane im Monolog der letzten Szene sagt, dass sie seit diesem Zeitraum clean
ist. Zu Beginn des Films ist sie fast 14 Jahre alt. Der Zuschauer erfährt allerdings nicht,
wie lange es dauert, bis sie endgültig zu ihrer Oma und Tante auf das Land muss. Da
die Erzählzeit jedoch 2:05 Minuten beträgt, ist WKVBZ hinsichtlich seiner
Zeitgestaltung am Ende stark gerafft, d. h. der Zuschauer sieht und hört nichts über
den Entzug auf dem Land. Die übrige Handlung ist hingegen zeitdeckend erzählt. Dass
der Entzug ausgespart wurde, suggeriert, dass es sich hierbei um einen eher
unwichtigen Teil der Handlung handelt. Im Sinne der Prävention wäre es jedoch
relevant zu zeigen, wie Chr
istiane aus ihrem ,,Drogensumpf" herauskommt, damit dem
Zuschauer hier weniger Interpretationsspielraum geboten wird. Der Film WKVBZ
beginnt mit einer Großaufnahme Christianes.
7
In ihrem Gesicht wird die Stimmung,
welche sie durch ihren Monolog über die triste Wohngegend übermittelt,
widergespiegelt. Zudem ist der Hintergrund schwarz, was dieses Bild verstärkt. Die
Darstellung des Konsums von Heroin ist ebenfalls überwiegend durch Großaufnahmen
dargestellt. Dadurch sieht der Rezipient authentisch
, wie sich die Jugendlichen ,,einen
Schuss setzen", bspw. wird gezeigt, wie das Heroin im Löffel aufgekocht wird.
Anschließend binden sie sich den Arm ab, um sich zu spritzen. Besonders oft wird
hierbei die Spritze in Groß- und Detailaufnahmen gezeigt, ebenso wie die
Einstichstellen der Arme
8
oder das Einführen der Nadel.
9
Alle diese Vorgänge sowie
die Wirkung von Heroin werden glaubwürdig dargestellt, bspw. sieht der Rezipient in
einer Szene Christiane total entspannt und gelöst, in einer anderen zitternd. Die
Wirkung der Droge wird ebenso hauptsächlich durch viele Groß- und Detailaufnahmen
von Gesichtern gezeigt, bspw. als Christiane Axel auf Heroin erlebt. Zunächst wechselt
die Nahaufnahme zu einer Großaufnahme
10
und drei Sekunden später sieht man
anhand der Detailaufnahme Axels glasige Augen. Ein anderes Beispiel dafür ist der
,,kalte Entzug", den Christiane und Detlef machen.
11
7
Christiane F.
­
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. 1981. TC: 00:01:24., Vgl. Abb. 1, Kap. 4.4.3.
8
Ebd. TC: 02:02:32., Vgl. Abb. 2, Kap. 4.4.3.
9
Ebd. TC: 01:03:02., Vgl. Abb. 3, Kap. 4.4.3., Vgl. auch TC: 00:24:36 und TC: 00:44:30.
10
Ebd. TC: 00:29:42.
11
Ebd. TC: 01:28:50.

8
Der Zuschauer sieht, wie die beiden schweißgebadet und zitternd im Bett liegen und
wie sie vor Schmerzen schreien. Durch die Großaufnahmen reagiert der Rezipient
besonders betroffen. Die emotionale Befindlichkeit der Figuren steht hierbei im
Vordergrund. Ein Beispiel dafür ist auch die Großaufnahme von Christianes Mutter,
12
nachdem sie ihre Tochter bewusstlos im Bad auffindet. Mittels der Detailaufnahmen
wird extreme Nähe hergestellt. Hierbei stehen die Details, z. B. die Spritzen symbolisch
pars pro toto, d. h. für das Ganze. Die Einstellungsgröße Halbtotale findet sich oft in
den Szenen im Sound oder am Bahnhof Zoo
13
wieder. Lediglich die bildgewichtigen
Figuren werden dann von Kopf bis Fuß gezeigt, um die Interaktionen bzw. die
Körpersprache in den Fokus zu setzen. In der Diskothek Sound werden überdies auch
des Öfteren Bilder in der Amerikanischen Einstellung gezeigt, d. h. die Figuren sind
von Kopf bis kurz über dem Knie im Bild, bspw. David Bowie wird auf seinem Konzert
überwiegend in dieser Einstellung gefilmt.
14
Dadurch wird ein ausgewogener Eindruck
von der Gestik vermittelt, hingegen spielt die emotionale Befindlichkeit hierbei keine
besondere Rolle. Selten kommen im Film WKVBZ Panoramaaufnahmen von
Landschaften oder der Stadtarchitektur vor. Zu Beginn und zwischendurch wird die
Anonymität von Berlin anhand von Fernaufnahmen gezeigt.
15
Die Schlussszene
markiert gleichzeitig die einzige Landschaftsaufnahme
16
des Films. Sie wirkt im Vgl.
zu den restlichen, traurigen Bildern des Films nahezu tröstlich und hoffnungsvoll. Die
Hoffnung wird, abgesehen von den hellen Farben, durch die Sprache verstärkt, da
Christiane monologhaft davon berichtet, dass sie ,,clean" sei.
Die Bilder im Film
WKVBZ sind fast ausschließlich aus der Perspektive der Augenhöhe aufgenommen.
Lediglich in zwei Szenen wird auch aus der Froschperspektive gedreht. Zum einen als
Christiane gekrümmt auf dem Badezimmerboden liegt und zur Tür sieht, an der ihre
Mutter klopft, zum anderen mehrmals auf dem Konzert David Bowies.
17
Christianes
Mutter wirkt dabei bedrohlich und stark, während Christiane schwach am Boden liegt.
David Bowie hingegen wirkt dominant und auch mysteriös, was durch den Nebel
untermalt wird. In dem Film WKVBZ dominiert eindeutig die bewegte Kamera.
12
Christiane F.
­
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. 1981. TC: 01:27:12.
13
Bspw. als Christiane am Bahnhof Detlef sucht und von Freiern angemacht wird. Christiane F.
­
Wir
Kinder vom Bahnhof Zoo. 1981. TC: 00:56:30.
14
Ebd. TC: 00:40:34.
15
Ebd. TC: 00:56:48, Vgl. Abb. 4, Kap. 4.4.3.
16
Ebd. TC: 02:03:23, Vgl. Abb. 5, Kap. 4.4.3.
17
Ebd. TC: 00:40:34, Vgl. Abb. 6, Kap. 4.4.3.

9
Vor allem in den Szenen am Bahnhof Zoo
18
und im Sound wird diese verwendet, z. B.
als Christiane die Treppen hinunter läuft
19
und der Rezipient ,,mit ihren Augen sieht"
(s. o.). Auch werden vereinzelt sog. Kameraschwenks mittels der bewegten Kamera
getätigt,
bspw. als sich Christiane ihren ersten ,,Druck"
setzen will, schwenkt die
Kamera von ihrem Arm zu einer Großaufnahme des Gesichts,
20
um ihre Ängstlichkeit
auszudrücken. Ferner kommen einige Kamerafahrten vor, z. B. aus Sicht der S-Bahn
21
oder eines Autos.
22
Der Zuschauer gewinnt somit den Eindruck, als würde er
mitfahren, d. h. es schafft Nähe zur Handlung. Analog funktioniert dies, wenn die
Kamera durch das Sound fährt. Bei Szenen, die mit der statischen Kamera gedreht
wurden, ist an einer Stelle ein Zoom besonders auffällig. Dieser setzt beim o. g.
Wechsel von der Großaufnahme Axels zur Detailaufnahme seiner Augen ein. Dadurch
wird eine größere Nähe vermittelt, d. h. der Zuschauer hat das Gefühl, er würde an
Christianes Stelle neben Axel sitzen und ihm in die Augen schauen. Hinsichtlich des
Darstellungsverfahrens Mise en Scène sei aus Platzgründen exemplarisch die Szene
genannt, in der David Bowie auf der Bühne steht. Durch die Licht- und
Beleuchtungsverhältnisse, durch Bowies rote Jacke und die anderen Kostüme sowie
mittels des Nebels wird eine besondere Atmosphäre geschaffen, welche die
Aufmerksamkeit des Rezipienten auf den Künstler richtet (Vgl. Abb. 6, Kap. 4.4.3).
Während der Film insgesamt durch Dunkelheit dominiert wird, transportieren hingegen
in der Bowie-Szene die wechselnden Scheinwerferlichter eine ausgelassene,
glückliche Stimmung. Mittels der Low-Key-Beleuchtung (Ganguly: 2011, p.
23)
des
Filmes, in der die Schattenführung des Bildes betont werden soll, wird eine Spannung
beim Zuschauer aufgebaut und er muss noch genauer
,,
aufpassen
"
. Ferner
symbolisiert die Dunkelheit die stete Gefahr, welche durch den Drogenmissbrauch,
sowie durch die Prostitution und Kriminalität ausgeht. Der Zuschauer verbindet mit
Dunkelheit immer etwas potentiell Gefährliches. Etwas Licht und Farbe kommt
höchstens durch die gelbleuchtende S-Bahn, die sich wie eine Schlange durch die
Dunkelheit windet oder mittels der grellen Straßenlichter bzw. Werbetafeln zum
Einsatz. Zu der Mise en Scène gehört überdies, dass Objekte eine symbolische
Bedeutung annehmen oder auf einen Sachverhalt hinweisen.
18
Ebd. TC: 00:56:30.
19
Christiane F.
­
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. 1981. TC: 00:30:12.
20
Ebd. TC: 01:03:02, Vgl. Abb. 7, Kap. 4.4.3., Vgl. hierzu Abb. 3, Kap. 4.4.3.
21
Ebd. TC: 00:03:09, Vgl. Abb. 8, Kap. 4.4.3.
22
Ebd. TC: 00:46:34.
Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Deutschunterricht mithilfe des biographischen Spielfilms "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"
Untertitel
Filmintegrativer Unterricht für das 2. Schulhalbjahr in Klasse 10 an sächsischen Mittelschulen
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Mediendidaktik
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
42
Katalognummer
V376472
ISBN (eBook)
9783668536753
ISBN (Buch)
9783668536760
Dateigröße
1089 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Drogenkonsum, Jugendliche, Berlin, Didaktik, Deutsch, Film, Biographie
Arbeit zitieren
Anja Grunow (Autor), 2017, Deutschunterricht mithilfe des biographischen Spielfilms "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376472

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