Zurück zu mehr politischer Partizipation? Deliberative Demokratie im Spiegel reflexiver Modernisierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
23 Seiten, Note: 2.0
Ron Böhler (Autor)

Leseprobe

1
Gliederung
Seitenzahl(en)
1
Einleitung
2 - 5
2
Wichtige Vorbetrachtungen
5 - 6
3
Die Gesellschaft im Wandel: Reflexive Modernisierung
6
3.1 Versuch einer Begriffsbestimmung
6 - 7
3.2 ,,Interne Nebenfolgen der Nebenfolgen"
7
3.3 Reflexive Demokratie: Der Ruf nach Deliberation?
8
4
Teilresümee
9
5
Von Demokratie und Deliberation
9
5.1 Demokratie ­ Ein Begriff ohne eindeutige Konturen
9
5.1.1 Im Mittelpunkt: Die Volkssouveränität
9 - 10
5.1.2 Politische Partizipation zwischen Restriktion und
Direktdemokratie
10
5.2 Deliberative Demokratie im Fokus
11
5.2.1 Der Sinn von Politik ist Freiheit
11
5.2.2 Vom ,,normalen" zum ,,Better Citizen"?
11 - 12
5.2.3 Exemplarisch: Deliberation Day
12 - 13
6
Teilresümee
13
7
Deliberative Demokratie im Spiegel reflexiver Moderne
13
7.1 Probleme der reflexiven Gesellschaft durch ...
14
7.1.1 ... Globalisierung einerseits
14 - 15
7.1.2 ... und Individualisierung andererseits
15
7.2 Deliberation: Kanalisator oder Katalysator?
15 - 16
7.2.1 Dissens statt Konsens
16 - 17
7.2.2 Brauchen wir den Deliberation Day?
17 - 19
8
Schluss
19 - 20
9
Literatur- und Quellenverzeichnis
21 - 22

2
1 Einleitung
Relevanzerklärung
Das Konzept deliberativer Demokratie wurde bewusst in Abgrenzung zu liberalen
und republikanischen Demokratietheorien entwickelt.
1
Dem lag die Beobachtung zu
Grunde, dass westliche Gesellschaften zunehmend an einem Demokratiedefizit
leiden.
2
Dieser Trend ist durch den von Beck und Anderen heraufbeschworenen
Wandel moderner Industriegesellschaften ­ namentlich durch Individualisierung und
Globalisierung ­ nur verstärkt worden.
3
Insbesondere seit den Ausführungen
Habermas` über die zivilgesellschaftliche Dimension deliberativer Demokratie ist
deshalb vielfach versucht worden, Deliberation demokratietheoretisch zu
konzeptionalisieren und beispielsweise im Kontext direktdemokratischer
Bürgerpartizipation umzusetzen.
4
Direkte Demokratie ist nicht zwangsläufig die
qualitativ höherwertigere gegenüber anderen Demokratietheorien wie der liberalen
und republikanischen
5
, die den normativen Gehalt politischer Selbstbestimmung
weitestgehend übergehen und den technischen Akt der Wahl in das Zentrum ihrer
Demokratiedefinition stellen.
6
Die Frage ist daher berechtigt, welchen neuen Mehrwert deliberative Demokratie in
eine von Individualisierung und Globalisierung geprägte Gesellschaft trägt.
Entsprechende Erkenntnisse könnten den Rückschluss zulassen, dass Deliberation auf
die Entwicklungen und Veränderungen der reflexiven Moderne mit einem Zuwachs
an demokratischer Selbstbestimmung durch den Bürger antwortet. Damit würde
deliberative Demokratie tatsächlich ein potentielles Praxismodell darstellen, welches
herkömmliche Demokratietheorien ersetzen oder wenigstens zu deren Modifizierung
beitragen könnte. Sollte die Gesamtkonzeption hingegen scheitern, hat damit
deliberative Demokratie noch nicht versagt. Schwachstellen und Systemfehler
könnten daraufhin erkannt und bearbeitet werden und einzelne Aspekte der
1
Huget, Holger (2007): Assoziation, Deliberation und Zivilgesellschaft: Neuerfindung der Demokratie?, in: ebd. (Hg.):
Demokratisierung der EU: Normative Demokratietheorie und Governance-Praxis im europäischen Mehrebenensystem, VS
Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden, S. 129-200, hier: S. 149
2
Lösch, Bettina (2007): Deliberative Politik ­ Demokratisches Bewusstsein und politisches Handeln, in: Lange, Dirk und
Himmelmann, Gerhard (Hg.): Demokratiebewusstsein: Interdisziplinäre Annäherungen an ein zentrales Thema der Politischen
Bildung, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden, S. 76-86, hier: S. 76
3
Beck, Ulrich et. al (1996): Reflexive Modernisierung: Eine Kontroverse, Suhrkamp: Frankfurt am Main
4
Lösch, Bettina (2007): Deliberative Politik
Anm. 2
, S. 77
5
Abromeit, Heidrun (2004): Die Messbarkeit von Demokratie: Zur Relevanz des Kontexts, in: Politische Vierteljahresschrift, 45.
Jg., Heft 1, S. 73-93, hier: S. 84
6
Lösch, Bettina (2007): Deliberative Politik
Anm. 2
, S. 77

3
deliberativen Theorie dennoch Antworten auf die Frage liefern, wie dem
offenkundigen Demokratiedefizit westlicher Gesellschaften zu begegnen ist.
Fragen und erste Hypothesen
Die Fragestellung soll nachfolgend im Speziellen lauten: Kann die Umsetzung
deliberativer Demokratie in einer nach Ulrich Beck beschriebenen reflexiven
Moderne die Demokratiequalität erhöhen oder nicht? Diese Frage ist eng daran
gekoppelt, mit welchen Maßstäben das Individuum innerhalb einer reflexiv
gewordenen Gesellschaft an deliberative Diskurse herangehen würde.
Da davon auszugehen ist, dass der einzelne Bürger in einer zunehmend
individualisierenden Gesellschaft auf sich alleine gestellt ist und sich eventuell sogar
vom Einfluss des persönlichen Umfeldes wie Familie, Freunde, Verwandtschaft und
sozialer Gruppen loslöst, wäre es nur allzu nachvollziehbar, wenn er dem
deliberativen Diskurs nicht so offen gegenüber steht, wie dies der Begriff impliziert.
Das Individuum ist selbst direkt vom gesellschaftlichen Wandel der reflexiven
Moderne betroffen, Entscheidungs- und Wahlpräferenzen sucht er demgemäß
vermutlich nach rein persönlichen Motiven und entsprechend seiner Lebenslage aus.
Genauso aber könnte sich das selbst als isoliert betrachtende Individuum gerade aus
diesem Grund dem gemeinschaftlichen Konsens im deliberativen Prozess zuwenden,
weil er hieraus die bestmögliche Interessenakkumulation und somit Antworten auf die
sich verändernde Gesellschaft erwartet.
Das Individuum wird also vermutlich nach rein rationalen Kosten-Nutzen-Kalkülen
darüber entscheiden, ob er sich dem deliberativen Prozess öffnet oder verschließt.
Begegnet er ihm offen, könnte deliberative Demokratie angesichts neuer
gesellschaftlicher Herausforderungen einen demokratischen Mehrwert entfalten, weil
Menschen für Politik und Demokratie sensibilisiert werden. Verschließt er sich, ist
der Nutzen deliberativer Politik fraglich. Die Frage der Bereitschaft zur politischen
Partizipation sowie Interaktion wird letzten Endes in der durch Individualisierung und
Globalisierung reflexiver Modernisierung geprägten Persönlichkeitsstruktur des
Bürgers entschieden.

4
Methodik und Literaturstand
Zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragestellung müssen zunächst die
Schlüsselbegriffe definiert und eingehender analysiert werden. Was heißt reflexive
Modernisierung und worin drückt sie sich aus? Welche Auswirkungen hat sie auf das
Verhältnis von Individuum und Gesellschaft? In einem ersten Schritt soll also
zunächst die von Beck formulierte Theorie vorgestellt und beleuchtet werden.
Anschließend soll auf die Begriffe Demokratie und die deliberative Theorie
eingegangen werden. Beide stellen das Fundament für die spätere Analyse; ihre
Definition bzw. Konzeption liefert die Bezugspunkte, um deliberative Demokratie in
Beziehung zur reflexiven Moderne setzen zu können.
In einem dritten Schritt folgt die Analyse der deliberativen Demokratietheorie im
Spiegel reflexiver Moderne. Es soll kritisch hinterfragt werden, welche Auswirkungen
die Integration deliberativer Momente in eine Gesellschaft hat, die
Individualisierungs- und Globalisierungsprozessen unterworfen ist. Führt sie
notwendigerweise zur Beseitigung partizipatorischer Schranken oder ist eventuell
sogar der umgekehrte Effekt im Sinne einer Blockade des demokratischen Systems
wahrscheinlich? Diese Frage soll abschließend in der Analyse des von Ackerman und
Fishkin konzeptionalisierten Deliberation Day
7
beantwortet werden.
Sowohl über Becks Theorie reflexiver Modernisierung als auch über deliberative
Demokratie ist in der wissenschaftlichen Literatur viel geschrieben worden, auch
wenn beide bisher kaum bis gar nicht in Zusammenhang gebracht wurden. Beck
selbst hat seine Theorie über zwei Jahrzehnte wiederholt beschrieben, immer wieder
modifiziert und erweitert. In der Primärliteratur bieten die Werke ,,Die Erfindung des
Politischen"
8
sowie ,,Reflexive Modernisierung: Eine Kontroverse"
9
­ gemeinsam mit
Anthony Giddens und Scott Lash ­ den bestmöglichen Zugang; eine hilfreiche
Reflektion der Theorie stammt von Richard Münch.
10
7
Ackerman, Bruce und Fishkin, James S. (2003): Deliberation Day, in: Fishkin, James S. und Laslett, Peter (Hg.): Debating
Deliberative Democracy, Blackwell: Malden, S. 7-30
8
Beck, Ulrich (1993): Die Erfindung des Politischen, Suhrkamp: Frankfurt am Main
9
Beck, Ulrich et. al (1996): Reflexive Modernisierung
Anm.3
10
Münch, Richard (2002): Die ,,Zweite Moderne": Realität oder Fiktion?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie, Jg. 54, Heft 3, S. 417-443

5
Noch ausdifferenzierter wird in der Literatur der deliberative Demokratieansatz
behandelt: Das Konzept ist umfassend erklärt und in viele verschiedene Richtungen
entwickelt worden. Eine Besprechung der Theorie findet sich in dem Sammelwerk
von Fishkin und Laslett, ,,Debating Deliberative Democracy"
11
. Hierin ist auch ein
Ausschnitt der wohl exemplarischsten Modellierung deliberativer Theorie zu finden,
des Deliberation Day von Ackerman und Fishkin
12
. Beachtung verdient auch der Text
von Huget, der die ideengeschichtliche Entwicklung hin sowie eine ausführliche
Besprechung der deliberativen Demokratie nachzeichnet.
13
2 Wichtige Vorbetrachtungen
Deliberative Momente befinden sich bis dato in der Praxis nur wenige wieder, wenn
überhaupt nur auf regionaler Ebene.
14
Deliberation ist nach wie vor ein höchst
theoretisches Konzept, auch wenn es bereits erstmals 1980 von Joseph Bessette
erwähnt wurde.
15
Für die vorliegende Arbeit ist es dennoch nicht weniger wichtig, die
Theorie unter rein normativen Aspekten zu betrachten, nicht zuletzt auf Grund des
Fehlens empirischer Daten. Um demnach deliberative Demokratie unter rein
theoretischen Aspekten mit der Theorie von Beck in Beziehung setzen zu können,
wird die reflexive Moderne ob ihrer Streitbarkeit
16
als gegeben vorausgesetzt. Das
ermöglicht in der folgenden Analyse, den normativen Gehalt von Deliberation
bestimmen zu können und die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen.
Darüber hinaus sei erwähnt, dass es sich bei der deliberativen Konzeption von
Anbeginn nicht um eine ganzheitliche Demokratietheorie handelte, auch wenn
verschiedene Autoren versucht haben, das Konzept über seinen zivilgesellschaftlichen
Charakter hinaus auch in demokratische Institutionen hineinzutragen
17
und selbst
Habermas den Versuch unternommen hat, die deliberative Theorie von der liberalen
11
Fishkin, James S. und Laslett, Peter (2003) (Hg.): Debating Deliberative Democracy, Blackwell: Malden
12
Ackerman, Bruce und Fishkin, James S. (2003): Deliberation Day
Anm. 7
13
Huget, Holger (2007): Assoziation, Deliberation und Zivilgesellschaft
Anm. 1
14
Ansell, Christopher und Gingrich, Jane (2003): Reforming the Administrative State, in: Cain, Bruce E. et. al (Hg.): Democracy
Transformed? Expanding Political Opportunities in Advanced Industrial Democracies, University Press: Oxford, S. 164-191,
hier: S. 178-189
15
Lösch, Bettina (2007): Deliberative Politik
Anm. 2
16
Zur Diskussion z.B.: Münch, Richard (2002): Die ,,Zweite Moderne"
Anm. 10
sowie Dörre, Klaus (2002): Reflexive
Modernisierung ­ eine Übergangstheorie. Zum analytischen Potenzial einer populären soziologischen Zeitdiagnose, SOFI-
Mitteilungen Nr. 30, Juni
17
Zum Vgl. u. A.: Tulis, Jeffrey K. (2003): Deliberation between Institutions, in: Fishkin, James S. und Laslett, Peter (Hg.):
Debating Deliberative Democracy, Blackwell: Malden, S. 200-211 sowie Zurn, Christopher F. (2002): Deliberative Democracy
and Constitutional Review, in: Law and Philosophy, Vol. 21, No. 4/5, S. 467-542

6
und republikanischen Demokratietheorie abzugrenzen.
18
Huget
hat ideengeschichtlich
aufgezeigt, dass Deliberation Momente aus beiden Theorien verbindet und nicht
außerhalb dieser liegt.
19
3 Die Gesellschaft im Wandel: Reflexive Modernisierung
Nach den Vorbetrachtungen mag sich die Frage eröffnen, warum die Ausgestaltung
eines neuen Konzeptes demokratischer Bürgerbeteiligung überhaupt notwendig ist
bzw. warum herkömmliche Demokratietheorien nicht mehr ausreichen sollten, um
Macht nach eindeutig demokratischen Gesichtspunkten zu legitimieren und zu
kontrollieren. Aus diesem Grund soll zunächst erörtert werden, dass sich die
Gesellschaft seit Jahren in einem schwerwiegenden Wandel begreift, welcher die
westliche Demokratie in eine tiefe Krise gestürzt hat. Demokratie könnte daher im
Sinne verstärkter Deliberation neu gedacht werden.
3.1 Versuch einer Begriffsbestimmung
Hauptwerk über die reflexive Modernisierung bildet das gleichnamige Werk der
Autoren Beck, Lash und Giddens von 1996. Die Autoren beschreiben darin
gesellschaftliche Veränderungsprozesse, denen wir heute unterworfen sind und die zu
einem Demokratiedefizit in westlichen Gesellschaften geführt haben.
20
Beck beschreibt das Prinzip reflexiver Moderne wie folgt: ,,`Reflexive
Modernisierung´ soll heißen:
...
,,Die großen Strukturen und Semantiken
nationalstaatlicher Industriegesellschaften werden (z.B. durch Individualisierungs-
und Globalisierungsprozesse) transformiert, verschoben, umgearbeitet, und zwar in
einem radikalen Sinne; keineswegs ­ wie das Allerweltswort `reflexive´
Modernisierung nahelegt ­ unbedingt bewusst und gewollt, sondern eher unreflektiert,
ungewollt, eben mit der Kraft verdeckter (verdeckt gehaltener) `Nebenfolgen´."
21
Die Zeit seit der industriellen Revolution bezeichnet Beck daher als ,,einfache" oder
auch ,,erste Moderne".
22
Seit einigen Jahren aber begreift sich diese Gesellschaft in
18
Habermas, Jürgen (1997): Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Staates, 5.
Auflage, Suhrkamp: Frankfurt am Main, S. 359-366
19
Huget, Holger (2007): Assoziation, Deliberation und Zivilgesellschaft
Anm. 1
, hier: S. 130-147
20
Beck, Ulrich et. al (1996): Reflexive Modernisierung
Anm. 3
, S. 72-74
21
ebd.
Anm. 2
, S. 27
22
ebd.
Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Zurück zu mehr politischer Partizipation? Deliberative Demokratie im Spiegel reflexiver Modernisierung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V376501
ISBN (eBook)
9783668537798
ISBN (Buch)
9783668537804
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Partizipation, Deliberation, Deliberative Demokratie, Demokratie, Direktdemokratisch
Arbeit zitieren
Ron Böhler (Autor), 2008, Zurück zu mehr politischer Partizipation? Deliberative Demokratie im Spiegel reflexiver Modernisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376501

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