Diese Arbeit will zwar den Hegelschen Suizidbegriff darstellen, soll sich jedoch nicht damit begnügen, dies ausschließlich deskriptiv zu tun. Der Mehrwert ergibt sich erst, und gerade, aus der parallel geführten kritischen Reflexion. Im Folgenden steht die Frage zur Disposition, welchen Stellenwert der Suizid in der Hegelschen Freiheitskonzeption einnahm und wie sich Hegels Einstellung zum Thema theoretisch fundieren lässt.
"Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord", schrieb Albert Camus in "Der Mythos des Sisyphos". Kaum ein Thema der Philosophie bzw. Soziologie wird von Dichtern und Denkern über Jahrhunderte hinweg so gerne verdrängt und doch latent immer wieder aufgegriffen. Ob Antike oder Neuzeit: das Thema ist ebenso brisant wie aktuell.
Einer der bedeutendsten rechts- und naturphilosophischen Denker des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Auch Hegel hat den Suizid nie wirklich thematisiert, jedoch das freiheitliche Individuum in den Mittelpunkt seiner Grundlagen der Philosophie des Rechts aus dem Jahre 1821 (hier in der Fassung von 1986) gestellt, sodass sich zwangsläufig die Frage stellt, ob der freie Wille des Subjekts bei Hegel notwendigerweise auch den Suizid legitimiert.
Das Lebenswerk Hegels ist im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts umfassend analysiert und interpretiert worden. Einigkeit besteht indes trotzdem nicht. Auch und gerade in Bezug auf den Hegelschen Freiheitsbegriff reichen Studien von einer rein subjekt-zentrierten bis hin zu intersubjektiv-orientierten Interpretationen. Untersuchungen zum Thema Suizid im Zusammenhang mit Hegels Rechts- und Sittenlehre entfielen bis dato gänzlich; hier besteht also durchaus noch Potential in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Hegel. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die nachfolgenden Betrachtungen mehrheitlich auf Hegels "Grundlinien der Philosophie des Rechts" als Primärquelle beziehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Selbsttötung: Eine Begriffsdeutung
3 Suizid im 18. und 19. Jahrhundert
4 Freiheit des Individuums bei Hegel
4.1 Der allgemeine freie Wille
4.2 Recht und Pflicht zur Sittlichkeit
5 Selbsttötung in Hegels Rechtsphilosophie
5.1 Die Verpflichtung des Individuums sich selbst gegenüber
5.2 Die Verpflichtung des Individuums gegenüber anderen
5.3 Die Verpflichtung des Individuums gegenüber dem Staat
5.4 Hegels Notrecht – ein Ausweg?
6 Zusammenführung: Das Individuum zwischen Recht und Pflicht
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die philosophische Einordnung des Suizids innerhalb der Hegelschen Rechtsphilosophie, mit dem Ziel zu klären, ob Hegels Verständnis von Freiheit und dem freien Willen des Subjekts eine Legitimation zur Selbsttötung zulässt oder diese als illegitim ausschließt.
- Die theoretische Untersuchung des Freiheitsbegriffs bei G.W.F. Hegel.
- Die kritische Reflexion des Spannungsfeldes zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlicher Pflicht.
- Die Analyse der Stellung des Suizids in Hegels Konzept der Sittlichkeit.
- Die Prüfung der Vereinbarkeit von staatlichem Gemeinwohl und dem Recht auf den eigenen Tod.
Auszug aus dem Buch
5 SELBSTTÖTUNG IN HEGELS RECHTSPHILOSOPHIE
Dem Thema Tod im Allgemeinen sowie der Selbsttötung im Speziellen hat Hegel in seiner Rechtsphilosophie keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die von ihm entworfene gesellschaftliche Ordnung ist ein normatives Konstrukt zur Sicherstellung ausgeglichener, höchstmöglicher Freiheit aller Individuen. Das Recht, wie Hegel sagt, reglementiert das „Dasein des freien Willens“ als abstrakte Idee (§ 29). Voraussetzung ist selbstverständlich das Dasein des Individuums an und für sich. Das Ausscheiden aus der gesellschaftlichen Ordnung durch Suizid steht somit jenseits der Hegelschen Intention, das soziale Zusammenleben zu beschreiben und zu ordnen. Von weit höherer Bedeutung ist daher auch nicht der Akt der Selbsttötung als solcher, sondern die vermeintlich freie Willensentscheidung zum Ableben. Hegel bezieht sich hierauf in seiner Rechtsphilosophie nur an einer einzigen Stelle, dort jedoch eindeutig. In § 70 heißt es dazu:
„Die umfassende Totalität der äußerlichen Tätigkeit, das Leben, ist gegen die Persönlichkeit, als welche selbst diese und unmittelbar ist, kein Äußerliches. Die Entäußerung oder Aufopferung desselben ist vielmehr das Gegenteil, als das Dasein dieser Persönlichkeit. Ich habe daher zu jener Entäußerung überhaupt kein Recht, und nur eine sittliche Idee, als in welcher diese unmittelbar einzelne Persönlichkeit an sich untergegangen und die deren wirkliche Macht ist, hat ein Recht darauf, so daß zugleich, wie das Leben als solches unmittelbar, auch der Tod die unmittelbare Negativität desselben ist, daher er von außen, als eine Natursache oder, im Dienste der Idee, von fremder Hand empfangen werden muß.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die philosophische Problematik des Suizids ein und stellt die Relevanz einer Untersuchung im Kontext des Hegelschen Freiheitsbegriffs dar.
2 Selbsttötung: Eine Begriffsdeutung: In diesem Kapitel wird eine präzise terminologische Abgrenzung der verschiedenen Begriffe rund um das Thema Selbsttötung vorgenommen, um eine neutrale Analysebasis zu schaffen.
3 Suizid im 18. und 19. Jahrhundert: Der historische Diskurs wird skizziert, wobei insbesondere die Aufklärung und der Wandel von religiösen Dogmen hin zur säkularen Freiheitsfrage beleuchtet werden.
4 Freiheit des Individuums bei Hegel: Die theoretischen Grundlagen der Hegelschen Freiheitskonzeption, insbesondere das Verhältnis von Willen, Recht und Sittlichkeit, werden hier dargelegt.
5 Selbsttötung in Hegels Rechtsphilosophie: Dieses Hauptkapitel untersucht spezifisch die Position Hegels zum Suizid anhand seiner Schriften und analysiert die Verpflichtungen des Individuums auf verschiedenen Ebenen.
6 Zusammenführung: Das Individuum zwischen Recht und Pflicht: Abschließend werden die Ergebnisse synthetisiert, um das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit und den Grenzen, die Hegel durch die sittliche Ordnung setzt, zu bewerten.
Schlüsselwörter
Hegel, Rechtsphilosophie, Suizid, Selbsttötung, Freiheit, freier Wille, Sittlichkeit, Moralität, Subjektivität, Gemeinwohl, Autonomie, Pflicht, Staat, Notrecht, Individuum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die philosophische Haltung von G.W.F. Hegel zum Thema Suizid unter Berücksichtigung seines Werkes „Grundlinien der Philosophie des Rechts“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen den Freiheitsbegriff, die moralische und rechtliche Legitimität der Selbsttötung sowie die Einbettung des Individuums in das gesellschaftliche Gefüge der Sittlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob der Hegelsche Begriff des freien Willens notwendigerweise auch die Entscheidung zum Suizid legitimiert oder ob diese durch die staatliche und sittliche Ordnung ausgeschlossen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine rechtsphilosophische und theoretische Analyse, die Hegels Primärquellen kritisch reflektiert und in den historischen sowie zeitgenössischen Diskurs einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Bedeutung von Recht, Pflicht, dem Verhältnis des Individuums zu anderen und zum Staat sowie der Frage nach einer möglichen Legitimation des Suizids.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hegel, Rechtsphilosophie, Freiheit, Suizid, Sittlichkeit und Autonomie geprägt.
Wie bewertet Hegel den Suizid in § 70 seiner Rechtsphilosophie?
Hegel lehnt den Suizid explizit ab, da er das Leben als Teil der Persönlichkeit betrachtet, über das das Individuum kein willkürliches Verfügungsrecht besitzt.
Was bedeutet das Hegelsche Notrecht in Bezug auf den Suizid?
Das Notrecht erlaubt Eingriffe in das Eigentum Dritter zur Erhaltung des eigenen Lebens; der Autor hinterfragt, ob dies analog als Rechtfertigung für eine Selbsttötung in ausweglosen Lagen interpretiert werden könnte.
- Arbeit zitieren
- Ron Böhler (Autor:in), 2010, Freiheit und Suizid im Denken Hegels. Recht zu sterben oder Pflicht zu leben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376506