Freiheit und Suizid im Denken Hegels. Recht zu sterben oder Pflicht zu leben?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 1.0

Ron Böhler (Autor)


Leseprobe

Gliederung
Seite(n)
1
Einleitung... 2 - 3
2
Selbsttötung: Eine Begriffsdeutung... 3 - 4
3
Suizid im 18. und 19. Jahrhundert... 4 - 5
4
Freiheit
des Individuums bei Hegel ... 5
4.1
Der allgemeine freie Wille ... 6 - 7
4.2
Recht und Pflicht zur Sittlichkeit ... 7 - 8
5
Selbsttötung in Hegels Rechtsphilosophie ... 8 - 9
5.1
Die Verpflichtung des Individuums sich selbst gegenüber ... 9 - 10
5.2
Die Verpflichtung des Individuums gegenüber anderen ... 11 - 12
5.3
Die Verpflichtung des Individuums gegenüber dem Staat ... 12 - 13
5.4
Hegels Notrecht ­ ein Ausweg? ... 14
6
Zusammenführung: Das Individuum zwischen Recht und Pflicht 14 - 16
7
Bibliografie... 17
1

1
E
INLEITUNG
,,Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord",
schrieb Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos. (1961: 9) Kaum ein Thema der
Philosophie bzw. Soziologie wird von Dichtern und Denkern über Jahrhunderte
hinweg so gerne verdrängt und doch latent immer wieder aufgegriffen. Ob
Antike oder Neuzeit: das Thema ist genauso brisant wie aktuell. Sofern es denn
überhaupt angegangen wird. Einer der bedeutendsten rechts- und
naturphilosophischen Denker des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war Georg
Wilhelm Friedrich Hegel. Auch Hegel hat den Suizid nie wirklich thematisiert,
jedoch das freiheitliche Individuum in den Mittelpunkt seiner Grundlagen der
Philosophie des Rechts
aus dem Jahre 1821 (hier in der Fassung von 1986
1
)
gestellt, sodass sich die Frage zwangsläufig stellt, ob der freie Wille des Subjekts
bei Hegel notwendigerweise auch den Suizid legitimiert.
Für die zeitgenössische politische Theorie mag Hegels Werk, so
argumentiert Bernd Ladwig, ,,nicht mehr Teil unserer Welt" sein (2009: 32).
Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Hegel eine strenge Gegenwartsanalyse der
sozialen Verhältnisse seiner Zeit vorgenommen hat und darauf basierend eine
normative Gesellschaftsordnung zeichnete, die heute schwerlich Bestand hätte
(Honneth 2001: 42-43). Selbst, wenn dieser Schluss zutrifft, bedeutet das nicht,
dass Hegels Werk ad acta gelegt werden kann oder sollte. Was aber ist Teil
seiner Philosophie und heute noch brauchbar als Teil unserer Welt? Zu vielen
Themen hat Hegel Gedanken entwickelt, die heute nach wie vor und besten
Gewissens einer Reflexion zugeführt werden können: Krieg, Sklaverei, Religion,
aber eben auch der Suizid.
Die Selbsttötung ist ein häufiges Motiv in der klassischen Literatur, seit
der Antike bis in die heutige Gegenwart hinein; man denke nur an Sophokles´
Antigone
(ca. 442 v. Chr.), Shakespeares Romeo und Julia (1597), Goethes Die
Leiden des jungen Werthers
(1774) oder auch Kafkas Das Urteil (1912). Es hat die
Zeiten überdauert und ist doch immer ein Randthema geblieben, marginalisiert
und tabuisiert. Auch Hegel selbst war mit dem Thema in seinem näheren
sozialen Umfeld durchaus konfrontiert. Heinrich von Kleist, ein Bekannter
Hegels, nahm sich am 21. November 1811 am Berliner Wannsee das Leben, da
1
Alle folgenden Zitate beziehen sich auf diese Fassung.
2

war Hegel gerade Rektor eines Gymnasiums in Nürnberg. Selbst wenn er
Gedanken über Selbsttötung ­ gerade im Zusammenhang mit seiner Konzeption
von Sittlichkeit ­ entwickelt haben sollte, so finden sich dazu in seiner
Rechtsphilosophie
kaum Hinweise.
Diese Arbeit soll sich nicht damit begnügen, den Suizidbegriff bei Hegel
ausschließlich deskriptiv darzustellen. Der Mehrwert ergibt sich erst, und
gerade, aus der parallel geführten kritischen Reflexion. Im Folgenden steht die
Frage zur Disposition, welchen Stellenwert der Suizid in der Hegelschen
Freiheitskonzeption einnahm und wie sich Hegels Einstellung zum Thema
theoretisch fundieren lässt.
Das Lebenswerk Hegels ist im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts
umfassend analysiert und interpretiert worden. Einigkeit besteht indes trotzdem
nicht. Auch und gerade in Bezug auf den Hegelschen Freiheitsbegriff reichen
Studien von einer rein subjekt-zentrierten (Vgl. Menke 1996) bis hin zu
intersubjektiv-orientierten Interpretationen (Vgl. Honneth 2001; Kim 1996).
Untersuchungen zum Thema Suizid im Zusammenhang mit Hegels Rechts- und
Sittenlehre entfielen bis dato gänzlich; hier besteht also durchaus noch Potential
in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Hegel. Es liegt in der Natur der
Sache, dass sich die nachfolgenden Betrachtungen mehrheitlich auf Hegels
Grundlinien der Philosophie des Rechts
als Primärquelle beziehen.
2
S
ELBSTTÖTUNG
:
E
INE
B
EGRIFFSDEUTUNG
Da Hegel in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (1986) selbst kaum
Bemerkungen zur Moralität und Legitimität des Suizids macht, ist zunächst eine
allgemeine Definition notwendig, um zu verdeutlichen, worauf sich der Begriff
überhaupt bezieht und wie er in einen Kontext zu den Schriften Hegels gesetzt werden
kann.
Für das durch eigene Hand eingeleitete Ableben einer Person sind mithin viele
Zuschreibungen geläufig: Selbstmord, Freitod, Selbsttötung sowie Suizid. Bereits der
Begriff Selbstmord ist nicht frei von Wertung. Er impliziert einen Akt von Moralität,
besser die Negation jener Moralität, nämlich ,,Du sollst nicht töten.". Héctor Wittwer
beispielsweise weist zu Recht auf die Widersinnigkeit dieser Begrifflichkeit hin, weil
man allgemein unter Mord ,,die heimtückische Tötung eines Menschen gegen dessen
3

Willen" versteht (2009: 85). Es ist höchst zweifelhaft, inwiefern ein Individuum im
Wissen der Tat gegen sich selbst tatsächlich heimtückisch agieren kann. Von
Menschen mit Zwangserkrankungen, deren freier Wille zur Selbsttötung fraglich ist,
einmal abgesehen, kann zudem der Wille zur Tat am eigenen Leib nicht zugleich
gegen den Unwillen der Person zu dieser Tat stehen. Mit der Begriffsdeutung des
Mordes wird also der Suizid als ein ethisch nicht zu rechtfertigender und somit
keineswegs moralisch legitimierter Akt diskreditiert.
Auch der Begriff Freitod ist in diesem Zusammenhang vorbelastet und daher
problematisch. Er bezeichnet die Herbeiführung des eigenen Todes mittels ,,freier"
Willensentscheidung durch einen Menschen. Tatsächlich steht das
Selbstbestimmungsrecht im Mittelpunkt dieser Betrachtung, jedoch ignoriert der
Begriff des Freitodes die zumeist auftretenden äußeren Umstände und Katalysatoren,
die zur Selbsttötung führen können. Spätestens im Falle der passiven und aktiven
Sterbehilfe gleitet der Begriff des Freitodes in eine Grauzone über, in der Mord und
Selbsttötung nicht mehr eindeutig voneinander zu unterscheiden sind.
Aus diesem Grund wird im Folgenden auf die weitaus neutraleren Begriffe
Suizid bzw. synonym Selbsttötung zurückgegriffen (siehe dazu auch Steinvorth 2003).
Beide definieren die Beendigung des eigenen Lebens ohne implizites Werturteil.
3
S
UIZID IM
18.
UND
19.
J
AHRHUNDERT
Nach Jahrhunderten religiösen Dogmatismus infolge der christlichen Prägung des
Abendlandes
2
wurde die Unantastbarkeit des Lebens von den Denkern der
Aufklärung um Charles de Montesquieu und David Hume, die sich ausdrücklich für
das Recht der Selbsttötung aussprachen, ab Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals
wieder in Frage gestellt (Holderegger 2003: 9). So verteidigte Hume in seinem Essay
Über den Freitod aus dem Jahr 1777 die Selbsttötung als einen ­ unter bestimmten
Umständen ­ Akt im eigenen Interesse (2009: 21). Auch fügt ,,[e]in Mensch, der aus
dem Leben tritt, [...] der Gesellschaft keinen Schaden zu. Er hört lediglich auf, Gutes
zu tun; was, wenn es ein Unrecht ist, ein solches der geringsten Art darstellt." (ebd.:
20) Schließlich noch verneint Hume auch eine Pflichtverletzung gegenüber Gott.
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Im 13. Jahrhundert beispielsweise schrieb Thomas von Aquin: ,,Sich selbst zu töten ist ganz und
gar unerlaubt. [...] Erstens liebt jedes Wesen von Natur aus sich selbst; und daher kommt es, daß
jedes Wesen von Natur aus sich selbst im Sein zu erhalten sucht [...]. Daß also einer sich selbst
das Leben nimmt, ist gegen den Naturtrieb und gegen die Liebe, mit der jeder sich selbst lieben
muß." (zitiert nach: Wittwer 2009: 89)
4

Der deutsche Theologe Johann Sailer verfasste, quasi als Reaktion auf Hume´s
Schrift, ein Manifest mit dem Titel Über den Selbstmord. Für Menschen, die nicht
fühlen den Werth, ein Mensch zu sein (1785). Der von ihm betitelte ,,Menschenfeind"
Selbstmord (ebd.: Instruktion) sei demnach abzulehnen, weil die Selbsttötung erstens
im Widerspruch zum natürlich Selbsterhaltungstrieb stehe und zweitens das
allgemeine Menschengefühl negiere. (ebd.: 3-15) Auch Hegels Weggefährten
Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte lehnten den Suizid unter Verweis auf die
Moralität ab. Beide argumentieren, dass das Leben Selbstzweck sei, weil nur der
Lebende seine moralische Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen erfüllen kann
(Wittwer 2009: 90-91).
Einige Jahrzehnte nach Hegels Rechtsphilosophie veröffentlichte der
französische Soziologe Émile Durkheim die wohl bis dahin bedeutendste
Untersuchung zum Thema. In seinem Werk Le Suicide. Étude de sociologie von 1897
unterschied er letztlich vier Motive zum Suizid, die sich im Spannungsfeld zwischen
zunehmender Individualisierung und wachsender Verreglementierung der damaligen
französischen Gesellschaft offenbarten (Durkheim 2009). Allerdings unternahm
Durkheim eine empirische Analyse, die weitestgehend frei von normativer Wertung
ist.
Mit dem Eintreten in das Zeitalter der Aufklärung wurde das Thema Suizid
durchaus neu bewertet und diskursiv erörtert. Die Unantastbarkeit des Lebens war
nicht länger unantastbar. Vor allem aber war aus der Frage der Legitimation vor Gott
eine säkulare Frage nach den Zugeständnissen und Grenzen individueller Freiheit
geworden.
4
F
REIHEIT
DES
I
NDIVIDUUMS BEI
H
EGEL
Hegel hat in seiner Rechtsphilosophie den Versuch unternommen, eine auf
Gerechtigkeit hin ausgerichtete Gesellschaftsordnung zu konzipieren, die jedem der
ihr angehörenden Individuen die Voraussetzungen schafft, seinen freien Willen
bestmöglich auszuleben (Honneth 2001: 7-17). Die Frage nach der Legitimation des
Suizids im Hegelschen Denken ist also vorrangig eine Frage nach der Legitimation
infolge der dem Menschen zugestandenen Willensfreiheit. Dieser Frage soll im
Folgenden nachgegangen werden.
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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Freiheit und Suizid im Denken Hegels. Recht zu sterben oder Pflicht zu leben?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V376506
ISBN (eBook)
9783668537675
ISBN (Buch)
9783668537682
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freiheit, suizid, denken, hegels, recht, pflicht
Arbeit zitieren
Ron Böhler (Autor), 2010, Freiheit und Suizid im Denken Hegels. Recht zu sterben oder Pflicht zu leben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376506

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