Freitod und Todessehnsucht. Ein Lebens- und Zeitgefühl im Umkreis Rainer Maria Rilkes


Masterarbeit, 2013
83 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

3. Freitod und Todessehnsucht
... 24
3.1 Über den Freitod ... 24
3.1.1 Ursachen des Freitods ... 28
3.1.2 Der Freitod in der Literatur ... 31
3.2 Über die Todessehnsucht ... 34
3.2.1 Ursachen der Todessehnsucht ... 36
3.2.2 Todessehnsucht in der Literatur ... 38
4. Freitod und Todessehnsucht in der Lyrik Rainer Maria Rilkes
... 39
4.1 Das Stunden-Buch ... 41
4.2 Das Buch der Bilder ... 43
4.3 Neue Gedichte ... 45
4.4 Requiem ... 46
4.5 Duineser Elegien ... 47
4.6 Weitere Gedichte ... 50
4.7 Freitod und Todessehnsucht in der Lyrik Rainer Maria Rilkes? ... 51
5. Freitod und Todessehnsucht in Stefan Zweigs Die Welt von Gestern
... 51
5.1 Die Welt der Sicherheit ... 52
5.2 Die Schule im vorigen Jahrhundert ... 54
5.3 Eros Matutinus ... 57

5.4 Heimkehr nach Österreich und Wieder in der Welt ... 59
5.5 Freitod und Todessehnsucht in Stefan Zweigs Die Welt von Gestern?
... 60
6. Freitod und Todessehnsucht in der Lyrik Georg Trakls
... 62
6.1 Sebastian im Traum ... 66
6.2 Sonstige Veröffentlichungen zu Lebzeiten und Nachlass ... 67
6.3 Freitod und Todessehnsucht in der Lyrik Georg Trakls?
... 71
7. Freitod und Todessehnsucht als Lebens- und Zeitgefühl im Umkreis Rilkes?
72
8. Literaturverzeichnis
... 77

1
1. Einleitung
Freitod und Todessehnsucht als Lebens- und Zeitgefühl im Umkreis Rilkes
, ein Titel,
der am Anfang eine kleine Erklärung nötig macht. Mit Umkreis ist nicht der nähere
Kreis um Rilke gemeint, sondern der zeitliche Umkreis in dem Rilke gelebt hat, also die
Zeit zwischen seiner Geburt und seinem Tod. Rilkes Lebenszeit wurde als Zeitrahmen
gewählt, da sein Leben sich mit dem vieler anderer berühmter Menschen überschneidet
und er ist so bekannt, dass jeder in etwa weiß, wann er gelebt hat und wann er gestorben
ist, während das bei literarischen Strömungen oftmals nicht der Fall ist. Rilkes Leben
als zeitlicher Rahmen bietet auch eine gewisse Flexibilität, durch die man nicht so fest
an bestimmte Zeitpunkte gebunden ist, wie bei der Verwendung selbst gewählter
Zeitabschnitte, aber der Zeitrahmen ist trotzdem noch fest genug, um ein zeitliches
Ausufern des Themas zu verhindern.
Die Frage dieser Arbeit ist nun, ob im genannten zeitlichen Rahmen Freitod und Todes-
sehnsucht so prägnant vorkommen, dass sich hierbei schon von einem Lebens- und
Zeitgefühl sprechen lässt, welches viele Menschen und die Zeit entscheidend mitgeprägt
hat. Es kann natürlich auch sein, dass es sich hierbei bloß um literarische Motive han-
delt und die Menschen weder Todessehnsucht noch das Verlangen gespürt haben, sich
umzubringen. Es stellt sich also die Frage, ob Literatur und Gesellschaft der Zeit bei
diesen beiden Themen Hand in Hand gehen oder ob sie völlig auseinanderklaffen und
man genannte Phänomene vorrangig als bloße literarische Motive vorfindet, während
sie in der Gesellschaft bloß ein irrelevantes Nischendasein führen. Dass ausgerechnet
zwei eher suizidale Phänomene für die Fragestellung gewählt wurden, lässt sich damit
erklären, dass sowohl die Todessehnsucht als auch der Freitod den Menschen schon seit
Jahrhunderten begleiten und entsprechend vielfach literarisch bearbeitet wurden und
auch viele Personen dadurch fast gestorben oder wirklich gestorben sind. Dies führt
dann zu der Frage, ob es bestimmte Zeiten gibt, in denen diese Phänomene auch als Le-
bens- und Zeitgefühl auftreten, aber da nicht sämtliche Zeiträume untersucht werden
können in dieser Arbeit, liegt der Fokus auf der Zeit, in der Rilke lebte.
Im Verlauf dieser Arbeit werden die Begriffe Freitod, Suizid und Selbsttötung gleich-
bedeutend behandelt, die jeweilige Begriffswahl impliziert also keine bestimmte Hal-
tung bezüglich des Aktes. Auch wird von Suizidären und Suizidanten die Rede sein.
Von Ersteren spricht schon Jean Améry in seinem Buch Hand an sich legen. Er be-
zeichnet damit Personen, die sterben wollen, egal ob sie erst davor sind oder ob es

2
schon einen missglückten Versuch gab. Mit Suizidanten hingegen werden die Menschen
bezeichnet, die es geschafft haben ihr Leben zu beenden. Diese Unterscheidung soll
helfen präziser an die Thematik herangehen zu können.
Die Arbeit behandelt drei große Komplexe, die auf mehrere kleine Punkte aufgeteilt
sind. Begonnen wird mit einem eher allgemeinen Blick auf die verschiedenen Gescheh-
nisse dieser Zeit, danach folgt ein Extrablick auf den 1. Weltkrieg, da dieser ein beson-
ders prägendes Ereignis war. Hiernach soll es um eine besonders prägende Persönlich-
keit aus der Wissenschaft dieser Zeit gehen, Sigmund Freud. Den Abschluss dieses
Blocks bildet ein Blick auf eine besonders auffällige literarische Strömung, der Expres-
sionismus. Dieser wurde aus den unterschiedlichen Strömungen dieser Zeit gewählt, da
er ein Beispiel dafür ist, welche Wirkung die Umwelt auf die Entstehung von Literatur
haben kann.
Es folgt ein Block zu den Themen Freitod und Todessehnsucht. Beide Phänomene wer-
den erst allgemein behandelt, danach wird ein Blick auf die Ursachen geworfen, die den
Menschen dazu bringen sich umzubringen oder die Sehnsucht nach dem Tod zu fühlen.
Abschließend soll es dann um diese Phänomene als literarische Motive gehen. Dem
Freitod wird dabei mehr Platz eingeräumt, da dieser in der Literatur weitaus häufiger
vorkommt.
Der letzte Block behandelt die Werke dreier berühmter Literaten dieser Zeit, Rainer
Maria Rilke, Stefan Zweig und Georg Trakl. Dabei wird zuerst ein Blick auf die Lyrik
Rilkes geworfen um zu sehen, ob sie die genannten Phänomene beinhaltet und wenn ja,
in welchem Umfang. Ähnlich wird das Vorgehen bei Zweig sein, jedoch wird es hierbei
um seine Autobiographie Die Welt von Gestern gehen. Sein Leben wird nicht im Fokus
liegen, sondern das gesellschaftliche Leben zu dieser Zeit, welches er in seinem Buch
beschreibt. Den Abschluss bildet Trakls Lyrik, die genau so untersucht werden soll wie
die Dichtung Rilkes. Diese drei Dichter wurden gewählt, da sie zu den bekanntesten
Literaten dieser Zeit gehören und es soll damit auch die Versteifung auf eine literarische
Strömung verhindert werden, damit deutlich werden kann, dass Freitod und Todessehn-
sucht sich nicht auf eine bestimmte Strömung beschränken als Motive, sondern überall
in der Literatur der Zeit verbreitet sind.
Abschließend soll dann die Frage geklärt werden, ob zu Rilkes Lebzeiten Freitod und
Todessehnsucht wirklich ein allgemeines Lebens- und Zeitgefühl darstellen.

3
2. Allgemeines über Leben und Welt zur Zeit Rilkes
Rilke lebte zu einer Zeit, die von ständiger Veränderung geprägt war, die sich nur
schwer in ein einziges Wort fassen lässt. Es war eine Zeit der Extreme, in der
,,Krieg
und Frieden, Nationalismus und Kosmopolitismus, Gewalt und Gewissen, Individua-
lismus und Kollektivismus, Kontinuität und Revolution
"
1
nebeneinander existierten,
eine Zeit mit vielen positiven, aber auch negativen Veränderungen, um die es im ersten
Teil gehen soll. Es werden natürlich nicht alle Änderungen aufgegriffen, es handelt sich
nur um eine Auswahl erwähnenswerter Veränderungen, entsprechend können auch
nicht alle Möglichkeiten des Umgangs der Menschen mit dieser Zeit aufgegriffen wer-
den. Als besonders negativer Vorfall für die Menschen ist hierbei der 1. Weltkrieg, der
im zweiten Teil behandelt werden soll. Eine solche Zeit hat auch viele Menschen, die
verändernd und prägend auf sie einwirken, einer davon ist Sigmund Freud, der im drit-
ten Teil thematisiert werden soll, mit besonderem Blick auf den Todestrieb und im
letzten Teil dieses Kapitels wird der Expressionismus als literarisches Symptom dieser
Zeit aufgegriffen werden.
2.1 Positive und negative Veränderungen
Am Anfang des 20. Jahrhunderts war das Deutsche Reich dabei sich weltweit einen Na-
men zu machen und anderen Ländern ihren Rang abzulaufen, beispielsweise war es da-
bei
,,Großbritannien an industrieller Kapazität zu überholen"
2
und die deutsche
Bevölkerung hatte auch
,,diejenige Frankreichs weit hinter sich gelassen"
3
. Das deut-
sche Heer galt
,,allgemein als das beste der Welt"
4
und auch
,,die deutsche Wirtschaft
wurde fast überall, und zumal in den USA, als Vorbild betrachtet
"
5
. Wobei Deutschland
nicht allein so hervorstach zu dieser Zeit, ganz Europa fiel mit seiner
,,scheinbar unan-
gefochtenen Überlegenheit
"
6
und dem
,,fortgesetzten Höhenflug der Wissenschaft"
7
weltweit auf. Es waren somit nicht nur die Deutschen, die sich großer Veränderungen
und Fortschritte rühmen konnten. Aber eine gewisse Euphorie und die Hoffnung
1
Cheval, René: Romain Rolland und Stefan Zweig, eine europäische Freundschaft. In: Scheichl, Sigurd
Paul (Hrsg.): Österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts: französische und österreichische Beiträge;
Innsbruck: Inst. f. Germanistik, 1986; S. 119
2
Nolte, Ernst: Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert: von Max Weber bis Hans Jonas.; Berlin: Propyläen,
1992; S. 33
3
Nolte, S. 33
4
Nolte, S. 33
5
Nolte, S. 33
6
von der Dunk, Hermann W: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, 1; Darmstadt: Wissenschaftl.
Buchges., 2004; S. 77
7
von der Dunk, S. 77

4
Deutschland als Weltmacht zu sehen, zog durch das ganze Volk, denn allen fiel auf,
,,daß Deutschland ein gewaltiger Industriestaat geworden ist, der sich den Weltmarkt
erobert
"
8
.
Wie schon erwähnt, gab es nicht nur in Deutschland große Fortschritte und erwähnens-
werte Errungenschaften. So hatte etwa 1901
,,die erste Autofernfahrt von Paris nach
Berlin stattgefunden
"
9
, wodurch verstärkt deutlich wurde welche Möglichkeiten das
Automobil im Bereich der Reisen und für die Reiselustigen bietet und bieten wird.
Auch kam es zu großen Fortschritten in der Telekommunikation
,,durch Bildtelegraphie
und drahtlosen Nachrichtenempfang
"
10
. Trotzdem sollte es noch eine ganze Weile bis
die Telekommunikation den Brief als Kommunikationsmittel ablösen würde.
Auch das Bildungswesen änderte sich, denn
,,die allgemeine Schulpflicht war überall
eingeführt worden
"
11
, wodurch
,,das allgemeine Bildungsniveau stieg"
12
und die Auf-
stiegschancen für alle Schichten erhöht wurden. Bildung war damit nicht mehr nur ein
Privileg der reichen Leute, sondern konnte von allen genutzt werden. Nicht nur durch
Bildung sollte die Situation der Menschen verbessert werden, auch
,,das weitere Zu-
rückdrängen der bittersten Armut und die Verbesserung der menschenunwürdigen Zu-
stände in Fabriken und Armenvierteln
"
13
verhalf den Menschen zu besseren Lebensum-
ständen. Entsprechend war
,,überall in den reicheren Nationen"
14
ein
,,Streben nach ei-
nem Leben in Bequemlichkeit, Gesundheit und Muße
"
15
zu beobachten. Die Menschen
wollten raus aus einem armen Leben voll Arbeit und Krankheit, die persönliche Situa-
tion sollte sich endlich verbessern. Und es gab auch einen nicht zu übersehenden Schritt
in die Richtung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, denn in Finnland zogen
,,die ersten Frauen in das Parlament ein"
16
.
Beim Aufstieg kam den Nationen
,,das Wachstum der Industrie"
17
zu Hilfe,
,,die Zu-
nahme der gesamten industriellen Produktion zwischen 1880 und 1913 wird auf das
Dreifache des Wachstums der Weltbevölkerung geschätzt
"
18
, was viele Arbeitsplätze
8
Nolte, S. 35
9
Nolte, S. 41
10
Nolte, S. 42
11
von der Dunk, S. 78
12
von der Dunk, S. 79
13
von der Dunk, S. 78
14
Gilbert, Martin: Geschichte des 20. Jahrhunderts, 1, 1900
­ 1918.; München: List, 1997; S. 117
15
Gilbert, S. 117
16
Nolte, S. 41
17
von der Dunk, S. 78
18
von der Dunk, S. 79

5
und auch höhere Löhne mit sich brachte. Dies zeigt sich etwa daran,
,,die Kaufkraft der
Arbeiterschicht hatte sich schon seit ungefähr 1875 erhöht
"
19
, was ohne höhere Löhne
und mehr Arbeitsplätze nicht möglich gewesen wäre. Und auch die, die nicht so viel
hatten, wurden nicht außen vorgelassen, denn
,,über Kaufhäuser in den Großstädten
erreichte der Warenstrom auch die Wohnungen der weniger Begüterten
"
20
. Es konnte
also schon zu dieser Zeit nach Herzenslust eingekauft werden und
,,der wachsende
Wohlstand ließ auch die Ansprüche steigen
"
21
.
Rilke hatte also das Glück, dass sein Leben
,,in eine Periode der Hochkonjunktur fiel,
die 1894 begonnen hatte, eine Periode explosiver Entwicklungen, was wissenschaftliche
Entdeckungen, Bevölkerungswachstum und die Ausbreitung von Städten anging
"
22
,
nicht zu vergessen der starke Wachstum der Wirtschaft und die sich damit erhöhende
Kaufkraft. Nun könnte man meinen, dass der Mensch damals in einer goldenen Zeit
lebte. Jedoch klagt beispielsweise Beyschlag
,,den praktischen Materialismus der Zeit
und den Mammonismus an, die in der Sozialdemokratie und bei den Oberen Zehntau-
send vorherrschen
"
23
. Und trotz der ganzen Fortschrittsbegeisterung zeigt sich,
,,daß
auch die optimistischsten Progressivisten nicht frei von Zweifeln und Ängsten waren
"
24
.
Die Zeit kann also nur auf den ersten Blick als golden beschrieben werden.
Ein sehr deutliches Zeichen für die Negativität der Zeit ist die Tatsache, dass
,,sich seit
1898 eine Kette von Kriegen wahrnehmen
"
25
lässt. So im Jahr 1898 als
,,die Vereinigten
Staaten einen Krieg gegen Spanien
"
26
führten, wobei sie Spanien
,,die wichtigste seiner
Kolonien, Kuba
"
27
, nahmen, was nicht zu Verbesserungen der Beziehungen zwischen
Spanien und den USA führte. Auch Europa blieb nicht frei von kriegerischen Ausei-
nandersetzungen, denn
,,1911 drohte wegen der zweiten Marokkokrise erneut ein Krieg
zwischen Deutschland und Frankreich
"
28
, der jedoch noch einmal abgewendet werden
konnte. Trotzdem wird deutlich, dass der weltweite Frieden sehr instabil war, denn
,,Krieg und Zerstörung begleiteten jedes Jahr dieses Jahrhunderts"
29
, weshalb ständig
,,gewaltsamer Tod, Konflikte, Aufruhr und Zerstörung in vielen Gegenden der Welt zu
19
von der Dunk, S. 78
20
von der Dunk, S. 79
21
von der Dunk, S. 84
22
von der Dunk, S. 69
23
Nolte, S. 35
24
Nolte, S. 22
25
Nolte, S. 37
26
Nolte, S. 37
27
Nolte, S. 37
28
Nolte, S. 39
29
Gilbert, S. 337

6
verzeichnen
"
30
waren. Diese Geschehnisse können rückblickend sogar die Vermutung
aufkeimen lassen,
,,der Weltkrieg sei bloß das letzte und unvermeidbare Glied dieser
Kette gewesen
"
31
, als mussten diese kleinen Kriegsherde irgendwann zu einem riesigen,
weltweiten Kriegsherd werden. Entsprechend waren auch die technischen Fortschritte
ein zweischneidiges Schwert, da
,,ab August 1914 alle vorhandene Technik und Kultur
in den Dienst des Krieges gestellt
"
32
wurde. Die Fortschritte dienten somit nicht nur
dem Wohlstand der Menschen, sondern auch als Möglichkeit zur Bekämpfung von
Feinden.
Auch die Kirchen hatten mit Problemen zu kämpfen, denn denn
,,ein Dogma nach dem
anderen war im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts weggeschwemmt oder unterhöhlt
worden
"
33
, wodurch die Kirche als moralische Instanz immer mehr an Glaubwürdigkeit
verlor, womit auch die alten Werte immer stärker an Wirkkraft verloren. Und auch
,,Evolutionslehre und Darwinismus machten endgültig kurzen Prozeß mit der Schöp-
fungsgeschichte samt Sündenfall und traditionellen Vorstellungen von der Bestimmung
des Menschen
"
34
, wodurch die Kirche den Menschen auch keinen wirklichen Sinn mehr
im Leben geben konnte. Sie hatte ihren Status als Instanz für Moral und Sinngebung
verloren, entsprechend sind
,,Säkularisierung und Abwendung von der Kirche"
35
zwei
deutliche negative Folgeerscheinungen für die Kirchen. Das bedeutete für diejenigen,
,,die Zeugen der ständigen wissenschaftlichen und technischen Fortschritte waren und
deren tiefgreifende Auswirkungen auf ihr tägliches Leben spürten, konnte die Kirche
nicht mehr die Instanz sein, die ihnen als Ratgeber in moralischen und auch praktischen
Fragen in ihrem Alltag zur Seite stand
"
36
.
Auch das steigende Bildungsniveau und die allgemeine Schulpflicht führten nicht nur
zu positiven Folgen, denn eine immer stärkere Angleichung der verschiedenen Schich-
ten führte zum Gefühl, dass
,,die alten, vertrauten Merkmale dieser Unterschiede und
Gegensätze verschwunden waren
"
37
. Somit war beispielsweise der Junge aus der
Arbeiterschicht nicht mehr automatisch dümmer als der Sohn des Mannes aus der Ober-
schicht, da er sich nun bilden und sogar aufsteigen konnte. Und auch die Generation, die
30
Gilbert, S. 51
31
Nolte, S. 37
32
Nolte, S. 42
33
von der Dunk, S. 134
34
von der Dunk, S. 134
35
von der Dunk, S. 134
36
von der Dunk, S. 139
37
von der Dunk, S. 84

7
diese neuen Bildungsmöglichkeiten hautnah miterleben durfte, war nicht hellauf davon
begeistert, denn sie
,,war geprägt von den Enttäuschungen, die sie im ,,Lande der Bil-
dung
" erlebt hatte"
38
. Die allgemeine Schulpflicht brachte somit nicht automatisch ein
glücklicheres und besseres Leben.
Auch der angebliche Aufschwung war nicht so deutlich zu spüren, wie es auf den ersten
Blick aussehen mag, denn
,,in ganz Europa herrschte Armut"
39
, weshalb ständig nach
Lösungen für dieses Problem gesucht wurde. Und auch die Arbeiterschicht schien von
der wirtschaftlichen Explosion nicht sehr viel zu spüren, denn
,,in allen Industriestaaten
war eine wachsende Unzufriedenheit innerhalb der Arbeiterschaft zu beobachten
"
40
.
Entsprechend kam es 1907 zu sozialen Unruhen
,,in allen wohlhabenden und industri-
ellen Staaten
"
41
. Die Verbesserung der Lebensqualität schien auf sich warten zu lassen,
denn
,,im Untergrund brodelte das soziale Elend"
42
und
,,Börsenspekulation,
Sozialdarwinismus und feudalistisches Protzentum waren am Werk
"
43
, alles Zeichen
dafür, dass die Ambitionen zur Verbesserung der Leben aller nicht wirklich stark waren.
Viele wollten bloß ihr eigenes Leben verbessern, oftmals auf Kosten anderer.
Die Arbeit an sich veränderte sich auch, denn
,,die Person arbeitet zunehmend mehr
individualistisch, nicht gemeinschaftlich
"
44
, was dazu führt, dass andere Personen
zunehmend als
,,Objekt und Konkurrenten"
45
angesehen werden. Die Folgen dieses
Wandels sind deutlich,
,,das Gemeinschaftsgefühl wird zerstört, die kleinste soziale
Einheit stellt nach Bell nicht mehr die Gruppe, sondern der einzelne Mensch dar
"
46
. Es
kommt also zu einem Verlust zwischenmenschlicher Bindungen, es verbreitet sich die
,,Vereinsamung und Vereinzelung des Individuums in einer zunehmend sich formieren-
den Massengesellschaft
"
47
. Verschlimmert wird dies noch durch die Erhöhung des Tem-
pos des Lebens,
,,in der Hast und im Gehetztwerden sah man die typischsten Merkmale
der neuen Zeit
"
48
, wodurch auch die Zeit fehlte um Ruhe zu finden. Die Zeit überrollte
38
Glaser, Hermann: Literatur des 20. Jahrhunderts in Motiven, 2, 1918
­ 1933; München: Beck, 1979; S.
10
39
Gilbert, S. 187
40
Gilbert, S. 67
41
Gilbert, S. 186
42
Glaser (1979), S. 112
43
Glaser, Hermann: Literatur des 20. Jahrhunderts in Motiven, 1, 1870
­ 1918; München: Beck, 1978; S.
19
44
Krebs, Wolfgang: Zukunftserleben und Selbsttötung: Wandel von Phantasien, Hoffnungen,
Erwartungen.
; Frankfurt am M.: Lang, 1982; S. 120
45
Krebs, S. 120
46
Krebs, S. 120
47
Glaser (1979), S. 51
48
von der Dunk, S. 206

8
den Menschen sozusagen, denn
,,die Dynamik schien unbegrenzt, Veränderungen un-
aufhaltsam
"
49
. Hinzu kam, dass die Menschen in einer Gesellschaft lebten, in der
,,Emp-
findsamkeit, Einfühlungsvermögen, personale Sensibilität nur noch geringe Chancen
"
50
hatten. Die Umwelt konnte somit einem innerlich nicht abgehärteten Menschen großen
Schaden zufügen.
Entsprechend negativ waren auch die Einschätzungen der Menschen dieser Zeit, denn
all diese negativen Punkte verstärkten
,,unverändert pessimistische Erwartungen, wobei
der Verlust traditioneller Bindungen, die Vermassung und Nivellierung in einer ver-
städterten Gesellschaft und der Geist eines dumpfen, seelenlosen Materialismus als
beunruhigendste Symptome gebrandmarkt wurden
"
51
. Dies zeigt sich auch an der
Literatur, deren
,,Motive sind mehr düster denn heiter eingefärbt"
52
, wodurch deutlich
wird,
,,das ,,Jahrhundert der Angst" hat auch die Literatur in ihren Motiven bestimmt"
53
.
Wobei dies nur eingeschränkt richtig ist, natürlich gab es auch heitere und positive Lite-
ratur, genauso wie es viele Menschen gab, die positiv gestimmt nach vorne geblickt
haben. Jedoch war dies nicht ganz so leicht in
,,dieser Welt selbstgefälliger Spießbür-
gerlichkeit, imperialistischen Hurra-Patriotismus, religiöser Verflachung, künstlerischen
Epigonentums
"
54
. Trotzdem suchten die Leute nach Möglichkeiten mit den Problemen
dieser Zeit umzugehen.
2.1.1 Der Umgang der Menschen mit den Problemen
Eine beliebte Möglichkeit war die Kritik und die Anklage all der negativen Dinge dieser
Zeit. So kam es etwa zur
,,Kritik an der Verdinglichung der menschlichen Existenz, am
Materialismus und an der Herrschaft der Technik
"
55
, eine Art Aufruf sich abzuwenden
vom ganzen Technisierungswahn und sich wieder auf das Menschliche zu besinnen,
aber auch auf die alten Werte, denn es wurde auch oft der
,,Verlust höherer Werte"
56
kritisiert. Dieser Verlust verstärkte
,,bei vielen Menschen wiederum das Verlangen nach
religiöser Kraft
"
57
, denn der Wegfall der Kirche als sinngebende Instanz hatte zu einer
Art Vakuum geführt. Entsprechend blühten die zahlreichen Ersatzreligionen dieser Zeit,
49
von der Dunk, S. 77
50
Glaser (1979), S. 51
51
von der Dunk, S. 77
52
Glaser (1978), S. 7
53
Glaser (1978), S. 7
54
Glaser; Hermann: Wege der deutschen Literatur: eine geschichtliche Darstellung.; Frankfurt/M; Berlin:
Ullstein, 1992; S. 464
55
von der Dunk, S. 172
56
von der Dunk, S. 172
57
von der Dunk, S. 143

9
zu denen beispielsweise auch die Literatur Rilkes oder der Nihilismus Nietzsches ge-
hörten.
Literatur wurde aber nicht nur genutzt um daraus eine Religion zu erschaffen, sie war
auch ein Mittel um der Welt entfliehen zu können. Entsprechend gab es bei der
,,Unter-
haltungsliteratur, die keine besonderen Anforderungen an Bildung, Geschmack und
Denkvermögen stellt, einen gewaltigen Aufschwung
"
58
. In diesen Geschichten
,,gelten
die vertrauten Normen und die gängigen moralischen Maßstäbe
"
59
, sie stellen damit die
alte Welt dar, bevor die Modernisierung den Verfall aller Normen und Werte mit sich
brachte, entsprechend erfüllt diese Literatur
,,in gewisser Weise Wunschträume"
60
des
Lesers. Der sehnte sich nach den guten, alten Werten und diese fand er in den entspre-
chenden Texten.
,,Diese Lektüre befreite für einen Augenblick aus der Tretmühle, wo-
bei sie die Sensationslust befriedigte, die moralischen Normen aber bestätigte.
"
61
Die
Leser konnten somit raus aus der Monotonie ihres Lebens, sie konnten Spannung erle-
ben und nebenbei wurde ihre Sehnsucht nach dem Vergangenen erfüllt. Es musste also
nicht immer die hochgeschätzte Literatur, wie etwa das Werk Rilkes, sein, um
,,der At-
mosphäre der Ratlosigkeit, Unsicherheit und Verzweiflung
"
62
zu entfliehen.
Und eine weitere Möglichkeit des Umgangs mit dieser Zeit macht auch schon Durk-
heim in seinen Studien zum Suizid deutlich, er
,,sieht im Verlust von Haltestrukturen
und von verbindlichen Werten
­ als Folge der Desintegration des Einzelnen ­ eine ent-
scheidende Vorbedingung für das gehäufte Auftreten von Selbsttötungen
"
63
. Viele ha-
ben sich der Probleme der Zeit einfach entledigt, indem sie sich ihres eigenen Lebens
entledigt haben. Dies wird auch deutlich am gesteigerten Interesse am Freitod zu dieser
Zeit, denn
,,die starke Präsenz von Suizidfällen in der Tagespresse ist ein Indikator für
das Interesse der Zeitgenossen, das dadurch nochmals stimuliert und verstärkt wurde
"
64
.
Auch die Wissenschaft interessierte sich sehr dafür, es war
,,ein Thema, das zu Beginn
des 20. Jahrhunderts auch zahlreiche wissenschaftliche Kongresse
"
65
beschäftigte.
58
von der Dunk, S. 195
59
von der Dunk, S. 195
60
von der Dunk, S. 195
61
von der Dunk, S. 199
62
Nolte, S. 202
63
Krebs, S. 125
64
Baumann, Ursula: Vom Recht auf den eigenen Tod: die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20.
Jahrhundert.
; Weimar: Böhlau, 2001; S. 227
65
Mischler, Gerd: Von der Freiheit, das Leben zu lassen: Kulturgeschichte des Suizids.; Hamburg:
Europa-Verl., 2000; S. 134

10
2.2 Der 1. Weltkrieg
2.2.1 Vor dem 1. Weltkrieg
Wie weiter oben erwähnt, gab es schon vor dem Weltkrieg regelmäßig kriegerische
Auseinandersetzungen und auch der Frieden war nur sehr instabil, weshalb
,,die Angst
vor einem Krieg im öffentlichen Bewußtsein virulent war
"
66
. Die Leute sahen die
Vorzeichen und hatten die Befürchtung, dass es einen Krieg geben könnte. Auch die
Politik war
,,bestimmt von den allgemeinen gesellschaftspolitischen Tendenzen der
Zeit, die nicht zuletzt im Zeichen von imperialistischer Interessenvertretung, nationalis-
tischer Machtpolitik und dynamischem Rüstungswettlauf standen
"
67
. Durch die imperia-
listischen Interessen
,,traten die um Schutz und Förderung ihrer Volkswirtschaften be-
mühten Nationalstaaten zunehmend selbst als imperialistische Akteure auf den Plan und
gerieten dadurch auch untereinander in vielfältige Konflikte
"
68
. Somit wird deutlich,
dass der Imperialismus einer der Konfliktherde war, die den Krieg vorbereiteten. Vor
allem Deutschland fiel dabei sehr auf, denn
,,dabei trat insbesondere das Deutsche Reich
als kolonialistischer Nachzügler mit seinem neuen weltpolitischen Streben nach einem
,,Platz an der Sonne" besonders aggressiv in Erscheinung."
69
Das Deutsche Reich strebte aber nicht nur nach imperialistischem Weltruhm, sondern
wollte allgemein anerkannt sein als streitbare Weltmacht. Entsprechend baute man in
der Nordsee eine große Seeflotte auf, um
,,in der Nordsee eine große Auseinanderset-
zung mit der englischen Flotte bestehen zu können
"
70
, wodurch
,,der maritime
Rüstungswettlauf der Vorkriegszeit
"
71
in Gang gesetzt wurde. Dazu vollzog auch noch
,,der Nationalismus einen deutlichen Formwandel"
72
, was dazu führte, dass jene
Nationalisten,
,,begleitet von der Ausbildung ideologisierter Selbst- und Feindbilder,
ihren Vorrang in Europa und der Welt
"
73
überall verbreiteten. Dadurch wurde auch das
Weltmachtdenken der einzelnen Nationen noch verstärkt und das Misstrauen gegenüber
den europäischen Nachbarn wuchs aufgrund der propagandierten Feindbilder. Ver-
schärft wurde die ganze Situation noch dadurch,
,,dass die Militärdoktrin der Zeit gera-
66
Gilbert, S. 95
67
Kruse, Wolfgang: Der Erste Weltkrieg.; Darmstadt: WBG (Wiss. Buchges.), 2009; S. 6
68
Kruse, S. 7
69
Kruse, S. 7
70
Kruse, S. 7
71
Kruse, S. 7
72
Kruse, S. 7
73
Kruse, S. 7

11
dezu im Zeichen eines
,,Kultes der Offensive" stand"
74
. Trotzdem
,,waren in der Vor-
kriegszeit alle ernsthaften außenpolitischen Konfliktsituationen immer wieder so weit
befriedet worden, dass ein großer europäischer Krieg vermieden werden konnte
"
75
. Es
bestand anfänglich also noch kein großes Interesse an einem weitreichenden, großen
Krieg. Der eigentliche Stein des Anstoßes
,,war schließlich das politische Handeln in
der Julikrise
"
76
. Dieser Krise war ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger in
Sarajewo vorausgegangen. Der Höhepunkt war dann der Beginn des 1. Weltkriegs, wo-
durch auf der ganzen Welt der Frieden für mehrere Jahre nur noch ein schöner Traum
war, der der Realität des Krieges weichen musste.
2.2.2 Die Menschen und der 1. Weltkrieg
Der Beginn des Krieges hatte
,,die negativen oder als negativ empfundenen Kennzei-
chen der Moderne mit so viel Nachdruck und Klarheit herausgestellt
"
77
, womit
,,die
Vorstellungen von menschlichem Fortschritt und historischer Aufwärtsentwicklung als
Lüge
"
78
entlarvt worden waren. Trotzdem zeigt sich,
,,dass die Stimmung der Bevölke-
rung bei Kriegsbeginn viele Ausprägungen und Facetten hatte, die sich nach sozialen,
regionalen, religiösen und politischen Kriterien durchaus unterschieden
"
79
, weshalb
man weder von einem einheitlichen Aufjubeln, noch von einem einheitlichen Aufschrei
sprechen kann.
So wurde der Kriegsbeginn von den jungen Leuten als ein positives Ereignis angesehen.
Dies wird beispielsweise dadurch deutlich, dass
,,sich nach Kriegsbeginn eine beträcht-
liche Zahl von noch nicht wehrpflichtigen jungen Männern freiwillig zum Kriegsein-
satz
"
80
meldete. Dabei handelte es sich nicht um kriegswütige Burschen mit geringer
Bildung,
,,überwiegend handelte es sich dabei um Gymnasiasten und Studenten, die ihre
Entscheidung oft im nationalen Überschwang trafen, dabei aber auch einem sozialen
Anpassungsdruck ausgesetzt waren, der die Abstinenz vom Kriegseinsatz mit Feigheit,
mangelnder Männlichkeit etc. gleichsetzte
"
81
. Es war also die sogenannte Bildungselite,
die sich so für den Kriegseinsatz begeisterte, obwohl doch gerade diese eigentlich laut-
stark dagegen hätte protestieren müssen, da Bildung eigentlich ein Mittel sein sollte
74
Kruse, S. 8
75
Kruse, S. 10
76
Kruse, S. 10
77
Nolte, S. 123
78
Glaser (1979), S. 70-71
79
Kruse, S. 18
80
Kruse, S. 58
81
Kruse, S. 58

12
gegen den Krieg. Jedoch waren
,,die ideologischen und sozialen Wirkungen des Natio-
nalismus, des Sozialdarwinismus und der sozialen Militarisierung des gesellschaftlichen
Lebens
"
82
hier schon so tief eingedrungen, dass sie nur freudig in den Krieg ziehen
konnten. Und wer nicht wollte, tat es aufgrund des gesellschaftlichen Druckes. Aber
nicht nur das trieb die Jugend an, denn
,,aus dem grauen sinnentleerten Alltag heraus
lechzten sie nach dem Delirium der Tat
"
83
und sie sahen
,,im Krieg die Möglichkeit zum
Ausbruch aus einer inhaltsleer, verwaltet und lebensarm begriffenen, von den Vätern
beherrschten Gesellschaft
"
84
. Sie wurden somit nicht nur von den Einwirkungen der
Gesellschaft angetrieben, sondern auch von einem starken inneren Wunsch nach Frei-
heit und Veränderung. So wurde der Krieg
,,zu etwas Heiligem erklärt, zum notwendi-
gen reinigenden Feuer, aus dem eine neue Menschheit hervorgehen sollte
"
85
. Der An-
fang des Krieges bedeutete für die Jugend das Ende des Alten und den Aufbruch in ein
neues, besseres Leben.
Aber nicht nur die Jugend sprühte vor Begeisterung.
,,Die hochgehenden Wogen einer
nationalistischen Begeisterung in jeder europäischen Hauptstadt und in Zehntausenden
Kleinstädten und Dörfern
"
86
waren nicht zu übersehen, denn
,,begeisterte
Menschenmassen begrüßten hier die Verkündung der Kriegserklärungen
"
87
.
,,Die
Lebensangst, die mit dem Aufbruch in den Ersten Weltkrieg noch einmal verdrängt
wurde
"
88
, konnte die kampfbegeisterten Massen nicht mehr zurückhalten und negative
Gedanken wurden gegen abenteuerliche Vorstellungen von großen Heldentaten ge-
tauscht, denn
,,der Krieg wurde zwangsläufig um so stärker romantisiert, je länger der
Frieden andauerte und der Krieg in die Vergangenheit rückte
"
89
. Für diese Menschen
war ein Krieg keine lebensfeindliche Angelegenheit voller Leichen und Qualen, sondern
mehr eine Art Abenteuer wie man es in entsprechender Heldenliteratur vorfindet. Die
Begeisterung der Bevölkerung ließ sich nicht mehr stoppen,
,,jeder auch nur ansatz-
weise gemachte Versuch, den Krieg zu begrenzen, wurde durch die zunehmende Emo-
tionalisierung der Masse der Bevölkerung quer durch alle Gesellschaftsschichten un-
möglich gemacht
"
90
. Der Krieg füllte das vorhandene Vakuum, er brachte Sinn und Halt
82
Kruse, S. 19
83
Glaser (1978), S. 56
84
Kruse, S. 19
85
von der Dunk, S. 249
86
Gilbert, S. 407
87
Kruse, S. 18
88
Glaser (1978), S. 62
89
von der Dunk, S. 251
90
Gilbert, S. 403

13
in die Leben und
,,die nationale Gesinnung ließ gar keinen anderen Schluß zu als den,
daß das Recht auf der Seite des eigenen Volkes war
"
91
, weshalb man kein schlechtes
Gewissen haben musste, wenn man gegen den Feind in den Krieg zog, da dieser so-
wieso im Unrecht war.
Aber der Kriegsbeginn hatte nicht nur Jubel hervorgerufen. So
,,wiesen die zumeist von
der Arbeiterbewegung organisierten kriegsgegnerischen Veranstaltungen überall eine
weit größere Massenbeteiligung auf
"
92
, wodurch deutlich wird, dass es auch viele
Kriegsgegner gab, die keine Ambitionen hatten in den Kampf zu ziehen. Jedoch war das
kriegsgegnerische Denken eher weniger in den Großstädten und größeren Städten ver-
treten,
,,vor allem trat die Distanz zur Kriegsbegeisterung aber jenseits der zentralen
Orte deutlich zu Tage
"
93
. Anscheinend war es in größeren Städten schwieriger gegen
den Krieg zu sein, was wohl vor allem an den herrschenden Schichten gelegen haben
mag, denn
,,eine gegen den Krieg gerichtete Stimmung fand sich unter allen kriegsfüh-
renden Mächten, doch wo immer sie sich öffentlich äußerte, wurde sie sehr schnell von
der Obrigkeit zum Schweigen gebracht
"
94
. Kriegskritische Äußerungen waren somit vor
allem zum Beginn des Krieges schwierig zu äußern, da die Staatsmacht diese als Be-
drohung ihrer Kriegspläne ansah. Aber auch Kriegsbefürworter machten den Kriegs-
gegnern das Leben schwer, da sie vom Nationalismus und Kriegsjubel derart berauscht
waren, dass sie taub für jede noch so kleine Kritik waren und für sie jeder, der nicht am
Krieg teilnahm, ein Feigling war, was schon am Beispiel des Drucks für die jungen
Leute deutlich gemacht wurde.
Aber nicht nur Jubel und Kritik begleiteten den Kriegsbeginn, denn
,,viele Menschen
wurden von Panik ergriffen, was sich nicht zuletzt in einem Sturm auf die Sparkassen
und verbreiteten Hamsterkäufen, aber auch einer wachsenden Zahl von Selbstmorden
äußerte
"
95
. Dies macht deutlich, dass es viele Menschen gab, die sich bewusst waren,
welche Folgen ein Krieg hatte. Im Laufe des Krieges erkannten auch viele andere die
Folgen, denn
,,diese plötzliche und ungeheure Vermehrung von alltäglichen Sorgen und
persönlichem Leid
"
96
öffnete vielen die Augen, wodurch die Menschen im Kriegsver-
lauf immer stärker angewidert waren vom Krieg und das Ende immer stärker herbei-
91
von der Dunk, S. 262
92
Kruse, S. 18
93
Kruse, S. 21
94
Gilbert, S. 438
95
Kruse, S. 22
96
von der Dunk, S. 322

14
sehnten. Entsprechend stieg auch wieder die Zahl der Freitode, die anfänglich durch den
Krieg zurückgegangen war. Auffällig dabei ist,
,,die regelmäßig vorkommenden
Selbsttötungen wurden verschwiegen
"
97
. Vermutlich sollte damit verhindert werden,
dass die Bevölkerung sich an diesen Personen ein Vorbild nimmt und die Zahlen durch
den Nachahmungseffekt noch stärker steigen. Doch auch mit dem Ende des Krieges am
11. November 1918 wurde die Situation für die Leute nicht besser, denn
,,die ungeheu-
ren Blutopfer, die ihn gekennzeichnet hatten, sollten noch Nachwirkungen auf die fol-
genden Generationen haben
­ auf persönlicher, politischer und psychischer Ebene."
98
Vor allem für die Deutschen war die Nachkriegszeit eine belastende Zeit, denn das
Deutsche Reich wurde als Hauptschuldiger angesehen und es
,,hatte mit 1,8 Millionen
die meisten Gefallenen zu beklagen
"
99
. Die Folgen des 1. Weltkrieges gehen also weit
über ihn hinaus und haben danach noch viele Opfer gefordert.
2.3 Über Sigmund Freud
Freud hatte großen Einfluss auf die Menschen seiner Zeit, denn
,,Sigmund Freuds Lehre
vom Unbewußten und Triebhaften, seine Entlarvung des Bürgerlich-Sittlichen und Ab-
wehr der Allmacht des Rationalen, seine Vitalisierung der seelischen Prozesse und seine
Deutung der Träume bedeuteten eine Revolution der Lebensinterpretation
"
100
. Er gab
den Menschen die Hoffnung,
,,daß nunmehr zum erstenmal der uralte Traum von der
Herrschaft des Menschen über sich selbst, vom Primat der Rationalität verwirklicht
werden könne
"
101
. Entsprechend wurde die Psychoanalyse
,,zum Religionsersatz für
Teile der städtischen Mittel- und Oberschichten
"
102
, da die Leute bemerkten,
,,daß die
Psychoanalyse eine umfassende Erklärung des menschlichen Erlebens und Verhaltens
bietet, daß sie besonders tiefe und geheimnisvolle Wahrheiten enthüllt und daß ihre the-
rapeutischen Wirkungen besonders gründlich sind
"
103
. Dabei waren die meisten Anhä-
nger
,,mittelständische Intellektuelle ohne ausgeprägte religiöse, politische oder weltan-
schauliche Interessen und Bindungen
"
104
. Freuds Theorien wurden somit zum Füllmate-
rial für das Sinnvakuum der Zeit, statt an Gott glaubte man an die Psychoanalyse.
97
von der Dunk, S. 288
98
Gilbert, S. 639
99
Gilbert, S. 639
100
Martini, Fritz: Expressionismus. In: Friedmann, Hermann (Begr.) / Mann, Otto (Hrsg.): Deutsche
Literatur im zwanzigsten Jahrhundert, 1, Strukturen.
; Bern; München: Francke, 1967; S. 258
101
Fromm, Erich: Sigmund Freud: seine Persönlichkeit und seine Wirkung.; München: Deutscher
Taschenbuch-Verl., 1995; S. 112
102
Fromm, S. 134
103
Eschenröder, Christof T.: Hier irrte Freud: zur Kritik der psychoanalytischen Theorie und Praxis.;
München: Urban und Schwarzenberg, 1984; S. 190
104
Fromm, S. 125-126

15
Trotzdem nahm er auch teil an der Zerstörung alter Erkenntnisse, da seine Theorien
über das Unbewusste
,,das rationalistische Bild von einem menschlichen Intellekt, der
unbeschränkt und unangefochten die Bühne beherrscht
"
105
, zerschlugen. Seit Freud wis-
sen wir,
,,daß das Subjekt nicht Herr seiner selbst und schon gar nicht der vernünftigste
Regisseur seiner Geschichte, daß vielmehr die Geschichte Tummelplatz blind wütender
Unvernunft ist
"
106
, was für viele Leute eine unvorstellbare Erkenntnis darstellte, da es
nicht sein konnte, dass der Mensch nur eine Marionette seiner Triebe sein soll. Auch
setzte er sich aktiv für eine
,,größere Offenheit und Ehrlichkeit in bezug auf die
menschliche Sexualität
"
107
ein, was jedoch nicht so einfach war, denn
,,für das Bürger-
tum, das seine Erziehung in der Viktorianischen Zeit empfangen hatte, waren Freuds
Aussagen über infantile Sexualität, über die pathologischen Folgen der Sexualverdrän-
gung und Ähnliches schwere Verstöße gegen unerschütterliche Tabus
"
108
, da Sexualität
etwas war, worüber nicht geredet wurde. Freud brachte den Menschen somit einerseits
einen neuen Sinn und half vielen psychisch Kranken, aber er griff auch veraltete Vor-
stellungen und Werte an, weshalb er mitverantwortlich ist für den Verfall des Alten.
Da er sich mit solchen öffentlichkeitswirksamen Themen auseinandersetzte, war er
schon zu Lebzeiten ein sehr bekannter Mann gewesen und
,,mit vielen bedeutsamen
Persönlichkeiten seiner Zeit stand Freud im regen Kontakt
"
109
. Allgemein griff er sehr
viele Themen auf, wie etwa
,,Alltag, Liebe, Krieg und Tod, das Unbewußte und Be-
wußte, Trieb und Verdrängung, Wünsche und Ängste, Normalität und Neurosen,
Kunst, Literatur, Mythos, Märchen, Religion, Gesellschaft, Kultur und einiges mehr
"
110
.
Freud war auch so sehr von sich überzeugt, dass er es nicht als störend empfand,
,,wenn
seine Ergebnisse, vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus gesehen, ab-
surd erschienen
"
111
, beispielsweise sollen alle
,,als Kind auf Blutschande und Mord
gesonnen haben
"
112
. Er ging sogar so weit, dass er
,,in der von ihm geschaffenen
psychoanalytischen Bewegung ein Werkzeug zur Errettung und Eroberung der Welt für
105
Fromm, S. 138
106
Vietta, Silvio: Probleme
­ Zusammenhänge ­ methodische Fragen. In: Vietta, Silvio / Kemper, Hans-
Georg: Expressionismus.; München: Fink, 1997; S. 145
107
Eschenröder, S. 183
108
Fromm, S. 132
109
Schmidt-Hellerau, Cordelia: Einleitung von Cordelia Schmidt-Hellerau. In: Freud, Sigmund /
Cordelia, Schmidt-Hellerau (Hrsg.): Das Lesebuch: Schriften aus vier Jahrzehnten.; Frankfurt am Main:
S. Fischer, 2006; S. 13
110
Schmidt-Hellerau, S. 9
111
Fromm, S. 8
112
Nolte, S. 305
Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Freitod und Todessehnsucht. Ein Lebens- und Zeitgefühl im Umkreis Rainer Maria Rilkes
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Note
1,8
Autor
Jahr
2013
Seiten
83
Katalognummer
V376533
ISBN (eBook)
9783668537590
ISBN (Buch)
9783668537606
Dateigröße
913 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rilke, Zweig, Trakl, Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig, Georg Trakl, Expressionismus, Freitod, Todessehnsucht
Arbeit zitieren
Hannes Höbald (Autor), 2013, Freitod und Todessehnsucht. Ein Lebens- und Zeitgefühl im Umkreis Rainer Maria Rilkes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376533

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