Ausschlaggebend für die folgenden Untersuchungen, die sich mit dem Prinzip des Weiblichen in den Grimmschen Märchen beschäftigen, wie es sich in den mannigfaltigen Erscheinungsformen der Großen Mutter niederschlägt, war die Archetypenlehre von C.G.Jung. Dabei soll es sich weniger um eine tiefenpsychologische Märcheninterpretation handeln, wie sie z.B. Eugen Drewermann geliefert hat , als um eine vergleichende Untersuchung der archetypischen Motiven, die mit dem weiblichen Prinzip zusammenhängen. Jung hat darauf hingewiesen, dass die Märchenmotive, die in zahlreichen Abwandlungen parallel bei verschiedenen Völkern auftauchen, eine Manifestation des kollektiven Unbewussten sind. Als solche sind dann die Märchenmotive nicht isoliert zu betrachten, sondern in breiteren Zusammenhängen der Mythologie der griechisch-römischen Antike, aber auch der östlichen Kulturen, um nur die wichtigsten Bezugspunkte zu nennen, auf die sich die Archetypenanalyse stützt.
In der Grimmschen Märchensammlung begegnen wir einer Schar Gestalten, die dem Archetyp der Großen Mutter zuzuordnen sind. Da der Begriff des weiblichen Prinzips sehr umfangreich ist, soll er hier nicht in seinem ganzen Spektrum dargestellt werden. Weitgehend unberücksichtigt bleiben z.B. die Jungfrauen und Prinzessinnen, die als Verkörperungen der Anima in den Märchen eine durchaus wichtige Bedeutung haben. Unser Augenmerk wird sich vorwiegend auf die weiblichen Figuren richten, die das personifizierte Prinzip des Mütterlichen vertreten. Die zentrale Gestalt dieses Umfeldes ist die Große Mutter. Diese Bezeichnung scheint, unter allen verwandten Begriffen, wie z.B. Mutter Erde, Mutter Natur, die gute oder schlechte Mutter, am ehesten das auszudrücken, was das eigentliche Faszinosum dieses Archetyps ausmacht, nämlich den merkwürdigen Doppelcharakter dieser Gestalt. Natürlich ist die Große Mutter ein Abstraktum, das an sich nicht untersucht werden kann. In den Märchen kommen meistens Figuren vor, die einige positive oder negative Aspekte des Weiblichen darstellen.
Die Archetypenlehre Jungs wird uns in diese Problematik einführen; ein zweiter Grundstein sei mit den Erforschungen von Erich Neumann gelegt, die sich mit dem Archetyp des Großen Weiblichen in allen seinen Erscheinungsformen auseinandersetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Archetypenlehre C.G.Jungs
3. Das doppelte Gesicht der Großen Mutter
4. Die Große Mutter als Schicksalsmacht
5. Die bedrohliche Muter…
5.1 Die Todesmutter
5.2 Die Mutter, die es gut meint
6. Die hegende Mutter
6.1 Die lebensfördernden Tiergestalten
6.2 Die allmächtige Herrin der Unterwelt
7. Zwischen Gut und Böse: Die Teufelin
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Prinzip des Weiblichen in den Märchen der Brüder Grimm durch die Anwendung der Archetypenlehre von C.G. Jung. Das primäre Ziel ist es, den merkwürdigen Doppelcharakter der "Großen Mutter" – als lebensspendende und zugleich zerstörerische Macht – anhand archetypischer Motive zu analysieren und in einen mythologischen sowie tiefenpsychologischen Kontext einzuordnen.
- Der Archetyp der "Großen Mutter" und sein Doppelcharakter
- Schicksalsbestimmung durch weibliche Figuren (Moiren, Spinnerinnen)
- Die "bedrohliche Mutter" als Todesmutter und Hexe
- Die "hegende Mutter" und lebensfördernde Aspekte
- Die Teufelin als ambivalente Figur zwischen Gut und Böse
Auszug aus dem Buch
3. Das doppelte Gesicht der Großen Mutter
Wenn man überhaupt vom Charakter eines Archetypus sprechen kann, dann ist es in dem uns vorliegenden Fall besonders problematisch, und zwar aufgrund der gerade gegensätzlichen Wesenszüge, die die Große Mutter in sich vereinigt. Jung schreibt dem Mütterlichen die magische Autorität des Weiblichen zu, die Weisheit jenseits des Verstandes, das Gütige und Hegende, gleichzeitig aber auch das Geheime, Finstere, Verführende, Vergiftende und Angsterregende. Die Gegensätzlichkeit dieser Eigenschaften macht geradezu das Wesen der Mutter aus, die als die Liebende und die Schreckliche über das Schicksal ihrer Sprösslinge waltet, indem sie ihnen das Leben geben, aber auch nehmen kann. Diese Gegensätzlichkeit wird in unserer Zeit als ein nur schwer begreifbares Paradox empfunden, das sich aber allmählich auflöst, wenn wir seinen Ursprüngen nachgehen.
Erich Neumann erklärt in seinen Untersuchungen über den Archetyp der Großen Mutter, dass die paradoxe Gegensätzlichkeit in früheren Zeiten als Einheit erfahren wurde. Er spricht von einem „Urarchetypus“, der in der Frühphase der menschlichen Bewusstseinsentwicklung vor der Differenzierung in die einzelnen Archetypen entstanden ist, und der gleichzeitig positive und negative Eigenschaften in sich verbindet. „Erst in dem Prozess der Differenzierung der archetypischen Phänomene im Laufe der Bewusstseinsentwicklung wurden die gute und die böse Göttin meist als voneinander verschiedene Mächte verehrt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den theoretischen Fokus auf die Archetypenlehre von C.G. Jung zur Untersuchung des weiblichen Prinzips in den Grimmschen Märchen.
2. Die Archetypenlehre C.G.Jungs: Dieses Kapitel erläutert die Begriffe des kollektiven Unbewussten und des Archetyps als psychologische Strukturen, die Märchenmotive maßgeblich beeinflussen.
3. Das doppelte Gesicht der Großen Mutter: Hier wird die paradoxe Natur des Mutter-Archetyps als Einheit aus gütigen und zerstörerischen Wesenszügen analysiert.
4. Die Große Mutter als Schicksalsmacht: Die Analyse konzentriert sich auf die schicksalbestimmende Funktion weiblicher Figuren, insbesondere in Verbindung mit dem Spinnvorgang und den Mondphasen.
5. Die bedrohliche Muter…: Dieses Kapitel widmet sich den negativen Aspekten des Mutter-Archetyps, wie Hexen und Stiefmütter, die gezielt Zerstörung verursachen.
6. Die hegende Mutter: Hier wird die positive, lebensfördernde Seite der Großen Mutter beleuchtet, die sich in ratgebenden oder helfenden Figuren zeigt.
7. Zwischen Gut und Böse: Die Teufelin: Das Kapitel untersucht die Teufelin als eine ambivalente Figur, deren Mütterlichkeit das Böse ihrer Herkunft mildert.
8. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die verschiedenen Aspekte des Mutter-Archetyps zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, diese Gestalten im Kontext der Bewusstseinsentwicklung zu sehen.
Schlüsselwörter
Große Mutter, Archetyp, C.G. Jung, Grimmsche Märchen, kollektives Unbewusstes, Schicksalsmacht, Todesmutter, Hegende Mutter, Teufelin, Ambivalenz, Tiefenpsychologie, Mythologie, Märchenmotive, Spinnen, Symbolik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das weibliche Prinzip in den Grimmschen Märchen unter Rückgriff auf die Archetypenlehre von C.G. Jung, wobei der Fokus auf dem Doppelcharakter der "Großen Mutter" liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der duale Charakter der Muttergestalten, die Schicksalssymbolik, die Unterscheidung zwischen bedrohlichen und hegenden mütterlichen Aspekten sowie deren mythologische Wurzeln.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, zu zeigen, dass die vermeintlich gegensätzlichen Rollen der „guten“ und „bösen“ Mutter archetypisch als Einheit verstanden werden können, die den Entwicklungsstand des menschlichen Bewusstseins widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine tiefenpsychologische und kulturhistorische Analyse der Märchenmotive im Vergleich mit mythologischen Gestalten angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zur Schicksalsbestimmung, den bedrohlichen Aspekten wie Todesmüttern und Hexen, sowie den hegenden Aspekten der Großen Mutter, ergänzt durch die Figur der Teufelin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Große Mutter, Archetyp, Ambivalenz, kollektives Unbewusstes, Schicksal, Märchen, Mythologie und tiefenpsychologische Deutung.
Wie unterscheidet sich die "Todesmutter" von der Schicksalsspinnerin?
Die Schicksalsspinnerin wirkt unpersönlich und als Teil eines unabwendbaren Schicksals, während die Todesmutter oder Hexe oft gezielt und zerstörerisch gegen den Helden agiert.
Warum spielt die Zahl Drei bei den Schicksalsgottheiten eine Rolle?
Die Dreizahl spiegelt die Trinität von Jungfrau, Mutter und Greisin wider, die in Verbindung mit den Mondphasen und den verschiedenen Lebensstadien des Weiblichen steht.
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- Barbora Sramkova (Author), 1997, Das Janusgesicht der Großen Mutter. Eine Untersuchung der Grimmschen Märchensammlung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37660