Ist ein Leben ohne leidenschaftliche Liebe nur halb gelebt? Kann Liebe die Zeit anhalten oder bewirkt sie im Gegenteil, dass die Zeit regelrecht verfliegt? Sollte jeder Augenblick sinnlich ausgekostet werden oder sollte man sich Zeit lassen und nichts überstürzen? In Liebesgedichten tauchen auch solche Fragen auf, die die Liebe in ihrer Abhängigkeit von der Zeit oder ihre Fähigkeit, die Zeit zu beeinflussen, thematisieren.
Im Folgenden soll geklärt werden, in welchem Verhältnis in Andrew Marvells Gedicht To His Coy Mistress Liebe und Zeit zueinander stehen. Zuerst muss allerdings ein Überblick darüber gegeben werden, welche Liebeskonzepte in den vorangegangen Epochen die englische Lyrik geprägt haben, um in einem zweiten Schritt zu untersuchen, wie der Sprecher in Marvells Gedicht mit diesen Konventionen verfährt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorüberlegungen
2. Von der höfischen zur modernen Liebe
3. Das Verhältnis von Liebe und Zeit in To His Coy Mistress
3.1 An age at least to every part
3.2 Thy beauty shall no more be found
3.3 Now let us sport us while we may
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht das komplexe Spannungsfeld zwischen Liebe und Zeit in Andrew Marvells berühmtem Gedicht „To His Coy Mistress“. Ziel der Untersuchung ist es, die rhetorischen Strategien und die unterschiedlichen Liebeskonzepte freizulegen, mit denen der Sprecher versucht, seine Angebetete von einer sofortigen sexuellen Vereinigung zu überzeugen.
- Analyse des petrarkistischen Liebeskonzepts im Kontrast zum modernen, bürgerlichen Verständnis.
- Untersuchung der metaphorischen Darstellung von Zeit als zerstörerische Kraft.
- Interpretation der drei argumentativen Abschnitte des Gedichts.
- Deutung der erotischen Symbolik und der „Carpe-Diem“-Motivik.
- Abgrenzung von Marvells Ansatz gegenüber anderen „Metaphysical Poets“ wie John Donne.
Auszug aus dem Buch
3.3 Now let us sport us while we may
Im dritten Abschnitt folgt die Schlussfolgerung, die der Sprecher aus seinen bisherigen Ausführungen zieht. Mit „therefore“ eingeleitet, nennt er die für ihn einzige mögliche Konsequenz: Die beiden müssen sich in leidenschaftlicher Liebe vereinen (vgl. Z. 37). Im letzten Teil des Gedichtes ist kein Spott mehr zu finden. Stattdessen nimmt die Dramatik zu, der Sprecher intensiviert seinen Appell. Gleich dreimal verwendet er das Wort „now“ (Z. 33, 37, 38), um seiner Angebeteten zu verdeutlichen, dass sie sofort handeln müssen. Auch die Tatsache, dass in den ersten fünf Zeilen dreimal die Konjunktion „while“ erscheint (Z. 33, 35, 37), steigert die Dynamik des Textes. Die dritte dieser Konstruktionen führt dabei das so genannte Carpe-Diem-Motiv ein, wenn auch in abgewandelter Form. Dem Sprecher geht es nicht um Lebensgenuss im Allgemeinen, sondern um leidenschaftliche Liebe im Besonderen. Zwar will auch der Sprecher in Marvells To His Coy Mistress die Gegenwart dafür nutzen, doch kann dabei von ruhiger Gelassenheit nicht die Rede sein. Gierig strebt er nach Leidenschaft und Erfüllung.
Diese Gier des Sprechers steigert sich genau wie seine erotische Energie zuweilen bis zur Gewalttätigkeit. Die Wörter „devour“ (Z. 39), „tear“ und „rough strife“ (Z. 43) zeigen genau wie die Metapher der Raubvögel (vgl. Z. 38) ein solches Potenzial. Was die Raubvögel als Sinnbild für das liebende Paar bedeuten, wird besonders deutlich, wenn man sie mit dem sonst häufig mit der Liebe in Verbindung gebrachten Vogel, der (Turtel-)Taube, vergleicht. Tauben sind friedliche Vögel, die in der Nähe des Menschen leben. Raubvögel hingegen gelten als stark, unabhängig und verglichen mit Tauben als gewalttätig; sie haben Krallen an ihren Klauen und scharfe Schnäbel. Wenn Marvell sein Paar nun mit diesen Tieren vergleicht, dann verhindert auch das Adjektiv „am’rous“ (Z. 38) nicht, dass etwas von dieser animalischen Kraft übrig bleibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorüberlegungen: Die Einleitung steckt den theoretischen Rahmen ab, indem sie das Verhältnis von reeller und psychologischer Zeit definiert und das Ziel der Arbeit formuliert.
2. Von der höfischen zur modernen Liebe: Dieses Kapitel skizziert den Wandel der Liebeskonzepte vom petrarkistischen Ideal hin zur modernen, diesseitsorientierten Sichtweise der Metaphysical Poets.
3. Das Verhältnis von Liebe und Zeit in To His Coy Mistress: Dieser Hauptteil analysiert die drei argumentativen Stufen des Gedichts, in denen der Sprecher verschiedene Zeit- und Liebesmodelle kombiniert.
3.1 An age at least to every part: Analyse des ersten Abschnitts, der mit einer unrealistischen Zeitvorstellung operiert, um das höfische Ideal der langsamen Werbung zu verspotten.
3.2 Thy beauty shall no more be found: Untersuchung des zweiten Abschnitts, in dem die Zeit als unaufhaltsame Bedrohung durch den Tod dargestellt wird.
3.3 Now let us sport us while we may: Analyse der abschließenden Konsequenz des Sprechers, der durch das Carpe-Diem-Motiv zur unmittelbaren, leidenschaftlichen Vereinigung drängt.
4. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse verdeutlicht, dass Liebe im Gedicht als Rebellion gegen die Vergänglichkeit fungiert.
Schlüsselwörter
Andrew Marvell, To His Coy Mistress, Liebe, Zeit, Petrarkismus, Metaphysical Poets, Carpe Diem, Vergänglichkeit, Tod, Liebeskonzepte, Literaturwissenschaft, Lyrik, Sinnlichkeit, Leidenschaft, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Liebe und Zeit in Andrew Marvells Gedicht „To His Coy Mistress“ und analysiert, wie der Sprecher verschiedene Liebeskonventionen nutzt, um seine Angebetete zu überzeugen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Wandlung der Liebesauffassungen vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit sowie die Darstellung von Zeit als sowohl abstraktes als auch existentielles Phänomen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Marvell durch die rhetorische Verknüpfung von Liebeskonzepten und Zeitannahmen eine Argumentationslogik entwickelt, die in der körperlichen Vereinigung eine Antwort auf den nahenden Tod findet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse, bei der sowohl formale Aspekte wie Metrum und Wortwahl als auch geistesgeschichtliche Kontexte berücksichtigt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die drei argumentativen Abschnitte des Gedichts: den Rückzug in das unrealistische Ideal, die Konfrontation mit der Endlichkeit und den Appell zum unmittelbaren Handeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Autor und dem Titel sind vor allem „Petrarkismus“, „Carpe Diem“, „Metaphysical Poets“ und „Zeitkonzepte“ zentrale Begriffe der Untersuchung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen reeller und psychologischer Zeit eine Rolle?
Die Arbeit betont, dass in der Lyrik meist die psychologische Zeit – das subjektive Empfinden des Zeitvergehens – gemeint ist, da dieses für die emotionale Dringlichkeit des Sprechers entscheidend ist.
Welche Bedeutung kommt der „Raubvogel-Metapher“ im dritten Abschnitt zu?
Die Metapher dient dazu, die gesteigerte Intensität und die fast gewaltsame Entschlossenheit des Sprechers zu verdeutlichen, sich der Zeit durch ein „Verschlingen“ der Augenblicke zu widersetzen.
Wie interpretiert die Autorin die „gates of life“?
Die Autorin diskutiert diese Metapher als Übergang von einer Welt in die andere, wobei sie insbesondere die erotische Konnotation als körperliche Vereinigung betont.
- Arbeit zitieren
- Ulrike Wronski (Autor:in), 2005, Das Verhältnis von Liebe und Zeit in Andrew Marvells Gedicht 'To His Coy Mistress', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37693