Peter Ulrichs Integrative Wirtschaftsethik


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,0
Anonym (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundbegriffe der Ethik und der Ansatz integrativer Wirtschaftsethik

3. Grunddimensionen der Ökonomismuskritik
3.1 Sachzwang des Wettbewerbs
3.2 Moral des Marktes

4. Grundorientierung lebensdienlichen Wirtschaftens
4.1 Wirtschaften und gutes Leben
4.2 Wirtschaften und gerechtes Zusammenleben

5. Orte der Wirtschaftsethik
5.1 Wirtschaftsbürgerethik
5.2 Unternehmensethik
5.3 Ordnungsethik

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Peter Ulrich, geboren am 19.05.1948, ist ein Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsethiker. An der Universität St. Gallen war er Gründer und Leiter des ersten Lehrstuhls für Wirtschaftsethik.1 Im folgenden Beleg wird Ulrichs wirtschaftsethische Philosophie und insbesondere sein Ansatz der Integrativen Wirtschaftsethik vor- gestellt. Zuerst werden die Grundbegriffe und Grundannahmen von Ulrichs Ethikauffassung sowie sein integrati- ver Ansatz vorgestellt. Darauf folgen die wesentlichen Kritikpunkte am herrschenden Ökonomismus sowie die Grundorientierungen lebensdienlichen Wirtschaftens. Die Orte von Ulrichs integrativer Wirtschaftsethik werden anschließend durch die Wirtschaftsbürgerethik, die Unternehmensethik und die Ordnungsethik beschrieben. Der Beleg schließt mit einem Fazit.

2. Grundbegriffe der Ethik und der Ansatz integrativer Wirtschaftsethik

Bevor Peter Ulrich den Aufbau seines wirtschaftsethischen Ansatzes erläutert, bestimmt er Grundbegrifflichkeiten und verdeutlicht seine Annahmen über die Moral des Menschen. Moralität bezeichnet er als Grundbedingung der menschlichen Existenz, als Teil der conditio humana. Der Mensch verhält sich stets nach willentlichem Handeln, die aus der natürlichen Gegebenheit besteht, dass er einen eigenen Willen herausbildet und sich eine Meinung zu seiner Umwelt bilden kann.2 Dass praktisch jeder Mensch über ein moralisches Bewusstsein verfügt, führt er zu- rück auf die Wechselwirkung zwischen der Unausweichlichkeit der moralischen Gefühle, dem affektiven Moment und der Unbestreitbarkeit des Moralbewusstseins, dem kognitiven Moment. Ersteres ist determiniert durch Gefüh- le, wie Mitleid, Solidarität oder Gerechtigkeit, die nicht direkt steuerbar sondern nur erfahrbar sind. Zweiteres bestimmt sich durch die individuelle Sozialisation und die geltende Moral der Gemeinschaft, in der wir leben.3

Für Ulrich werden Entscheidungen, ob etwas recht oder unrecht ist, grundsätzlich aus geltenden moralischen Normen abgeleitet. Begegnen sich jedoch unterschiedliche Moralkonzepte und kommt es daher zu moralischen Konflikten, können diese entweder durch Macht oder durch gute Gründe gelöst werden. An dieser Stelle wird Ulrichs diskursethische Ausrichtung sichtbar. Möchte man von einer rücksichtslosen Machtlösung absehen, müs- sen sich Konfliktbeteiligte als Mitglieder einer gleichen moralischen Gemeinschaft verstehen, um anschließend eine gerechte, friedliche Lösung zu finden.4 Zu dieser tragfähigen Lösung kommt es nur, wenn jeder Einzelne die Legitimität, also die Berechtigung, seiner eigenen Ansprüche prüft. Den Ausschlag für gutes Handeln sollen dem- nach gute Gründe geben.5 Grundsätzlich sieht Ulrich dieses Prinzip am besten ausgearbeitet in den Ansätzen der Goldenen Regel, über den unbeteiligten Beobachter bei Adam Smith, den Kategorischen Imperativ bei Kant bis hin zur Diskursethik von K.-O. Apel und Habermas, da in allen Ansätzen der Ethos der Gegenseitigkeit und der gedankliche Rollentausch zum Ausdruck kommen.6 Darüber hinaus setzt sich für Ulrich der Kern des humanisti- schen Moralprinzips aus vier Grundbestimmungen zusammen, die begründen, dass eine gewisse zwischen- menschliche Logik unter den Menschen existiert und sie damit zur Reflektion des eigenen Handelns bewegt:

1. die prinzipiell gleiche Schutzbedürftigkeit und Verletzlichkeit aller Menschen,
2. ihre Fähigkeit, sich gedanklich in andere Menschen hineinzuversetzen,
3. die daraus resultierende Reziprozität legitimer moralischer Ansprüche und
4. die rationale Verallgemeinerbarkeit, das Abstraktionsvermögen bezüglich dieses moralischen Reziprozi- tätsprinzips (Universalisierungsprinzip).7

Ausgehend von diesem Ethikverständnis entwickelt Ulrich eine Wirtschaftsethik, die als eine Vernunftethik des Wirtschaftens verstanden werden kann. In Ulrichs Ansatz wird die ökonomische Sachlogik vom Grundsatz her einer vorbehaltlosen, ethischen Reflexion unterworfen. Ethik wird auf diese Weise zum Unterbau der Wirtschaftswissenschaft. Ziel der integrativen Wirtschaftsethik ist die Einbettung der rationalen Ökonomie in eine umfassende ethische Vernunft.8 Ulrich diskutiert seinen Ansatz ferner vor dem Hintergrund anderer Modelle der Wirtschaftsethik, z.B. Wirtschaftsethik als angewandte Ethik, die er als reines Bekämpfungsmittel gegen die negativen Auswirkungen der ökonomischen Rationalität versteht. Dort wird Moral zu Lasten des wirtschaftlichen Erfolgs durch die Bestimmung von Anwendungsbedingungen eingeführt. Laut Ulrich kann dies nicht zielführend sein sondern ist ein ausschließlich korrektiver Ansatz.9

Der Kern von Ulrichs Integrativer Wirtschaftsethik setzt sich aus drei Hauptaufgaben zusammen:

1. Kritik der reinen ökonomischen Vernunft
2. Bestimmung der ethischen Gesichtspunkte einer lebensdienlichen Ökonomie
3. Bestimmung möglicher Orte der Moral des Wirtschaftens10

Die erste Aufgabe umfasst Ulrichs Infragestellung des Rationalmodells, welches der Marktwirtschaft zu Grunde liegt, und wird im Kapitel 3 näher erläutert. Die zweite Aufgabe beschäftigt sich mit der generellen Sinnfrage, der Leitidee des ethisch vernünftigen Wirtschaftens und wird im vierten Kapitel konkretisiert. Die letzte Aufgabe wird in Kapitel 5 dargelegt und beinhaltet die Festlegung der institutionellen Orte der Moral, die Ulrich auf Ebene des Wirtschaftsbürgers, des Unternehmens und der allgemeinen Ordnung ansiedelt.

3. Grunddimensionen der Ökonomismuskritik

Als Grundbestandteil der Integrativen Wirtschaftsethik führt Ulrich seine Gedanken und kritische Aspekte des herrschenden Ökonomismus aus. Demnach ist Ökonomie die Lehre vom vernünftigen Umgang mit knappen Res- sourcen, die nun bereits seit über 200 Jahren herrschendes Marktprinzip ist. Ulrich spricht hier an, dass das Ratio- nalitätsprinzip (höchster Output mit gegeben Mitteln bzw. gegebener Output mit geringsten Mitteln) Kerngedanke der Ökonomie ist. Laut Ulrich ist dieser Effizienzgedanke ein wichtiger Aspekt wirtschaftlichen Handelns und nicht gänzlich abzulehnen. Was er jedoch stark kritisiert, ist der vorherrschende Ökonomismus. Dieser ist für Ulrich eine Weltanschauung, die Effizienz zum obersten Wert erklärt und diese in andere Lebensformen, in Ge- sellschaft und Politik überträgt. Vor allem die starke Output- und Leistungsorientierung im Bereich der menschli- chen Arbeit bezeichnet er als problematisch. Des weiteren übt er Kritik am Menschenbild des homo oeconomicus, der in seiner Funktion als Nutzenmaximierer zwar klug aber gänzlich unreflektiert und unkritisch agiert.11 Ulrich leitet aus der wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklung ab, dass die Neoklassik und der Liberalismus des 19. Jahr- hunderts zu einer normativen hberhöhung der Lehre des „freien Marktes“ geführt haben.12 Wirtschaftsethische Bestrebungen werden in der Regel vom Ökonomismus abgewiesen mit dem Hinweis auf die angebliche Unmög- lichkeit der Berücksichtigung in den Bedingungen des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs. Ulrich unterscheidet zwei bezeichnende Erscheinungsformen des Ökonomismus: zum eines die Sachzwangthese und zum anderen die Gemeinwohlthese.13

3.1 Sachzwang des Wettbewerbs

Im Zuge dieser Grundbedingung wird mit der Behauptung „Der harte (globale) Wettbewerb zwingt uns…“ argu- mentiert. Dementsprechend sei ein Akteur am Markt derartigen Sachzwängen unterworfen, die eine Integration der Ethik in die Wirtschaft unmöglich machen. Ulrich stellt hingegen heraus, dass der Markt per se keine Zwänge impliziert, es seien vielmehr die eigenen Gewinn- und Einkommensinteressen, die Erfolgszwang und die ökono- mische Selbstbehauptung forcieren. Jeder einzelne Marktteilnehmer übt durch seine eigene Wettbewerbsstrategie Zwang bei anderen Teilnehmern aus, ohne mit diesen persönlich zu interagieren.14 Dies hat folgende Konsequen- zen:

„Belohnt werden vom marktwirtschaftlichen System jene Personen, die (…) strikt und ohne Rücksicht auf lebensdienliche Nebenwirkungen ihren privaten Erfolg zu maximieren bestrebt sind, denn so können sie im harten Wettbewerb jenen vielleicht entscheidenden Leistungs- oder Kostenvorteil gegenüber ihren Konkurrenten (…) erzielen, der sie zum Gewinner und die anderen zu Verlierern macht.“15

Normative Aspekte, wie z.B. Umweltverträglichkeit, treten bei diesem Vorgehen in den Hintergrund. Aus wirt- schaftsethischer Sicht ist eine Überwindung dieser Sachzwangsituation nur möglich, wenn 1) die persönlichen Präferenzen überdacht werden oder indem 2) äußere Rahmenbedingungen des Wettbewerbs verändert werden. Bezüglich des ersten Ansatzes der Selbstbegrenzung, schlägt Ulrich folgende diskursethische Vorgehensweise vor:

Falls wir im praktizierten oder vorgestellten Diskurs mit den unmittelbar Betroffenen zum Schluss kommen, dass unsere Zweckwahl uns „zwingen“ würde, Dinge zu tun, die wir unter moralischen Gesichtspunkten anderen Menschen gegenüber nicht verantworten (…) können, so sollten wir unsere moralische Pflicht darin erkennen, das fragliche wirtschaftliche Tun zu unterlassen (…)“16

Diese Begrenzung ist abhängig von der wirtschaftlichen Situation des Einzelnen. Je weniger die eigene Existenz gefährdet ist, desto größer sollte der Selbstbegrenzung ausfallen. Hinsichtlich der Wettbewerbsbegrenzung fordert Ulrich die Festsetzung von normativen, staatlichen Rechtsnormen, die unmoralisches Verhalten am Markt verhin- dern und Akteure in Dilemmasituationen entlasten.17

3.2 Moral des Marktes

Die These, die der zweiten Grundbedingung des Ökonomismus zu Grunde liegt, ist: „Es dient letztlich dem Wohle aller.“ Mittels Marktmechanismus kommt es demnach zu einer optimalen Ressourcenallokation, die im Sinne von Adam Smiths invisible hand zu einer Steigerung des Gemeinwohls führt.18 Daher ist Ethik in der Wirtschaft unnö- tig, denn diese führt bereits zu unparteilichen, gerechten Ergebnissen. Ulrich argumentiert, dass jene Behauptung der allgemeinen Effizienz eher eine Fiktion sei. Durch die unpersönliche Funktionsweise des Marktes schließt man irrtümlicherweise auf unparteiliche Ergebnisse. In der Realität belohnt der Markt vor allem systemkonforme Teilnehmer, die über das nötige Finanz-, Sach- oder Humankapital verfügen. Andere Interessenvertreter (z.B. Menschenrechtsvertreter) können in dieser Sachlogik zumeist nicht bestehen. Ulrich geht den normativen Merk- malen der Ökonomik auf den Grund und beleuchtet beispielsweise das Pareto-Prinzip genauer. Dem entsprechend sind nur jene sozialen Veränderungen möglich, die die Situation mindestens eines Individuums verbessern, ohne die eines anderen zu verschlechtern. Ulrich erklärt, dass das Prinzip jedoch nicht wirklich legitimiert oder ethisch ist, sondern dass es sich vielmehr auf einem Vorteilstausch, als auf einer allgemeinverträglichen Lösung, gründet. Pareto-effizient aber keineswegs gerecht sind z.B. Lösungen in denen Reiche immer reicher und Arme gleich arm bleiben. Ulrich schließt mit der Feststellung, dass das Argument des Gemeinwohls eher der Verschleierung der Parteilichkeit des Marktprinzips dient.19

Dieses Kapitel hat verdeutlicht, dass Ulrich den normativen Gehalt des Rationalmodells der Marktwirtschaft stark in Frage stellt. Er stellt heraus, dass die Sachzwänge im Markt durch Rechtsnormen und Selbstbegrenzung gemil- dert werden können und er appelliert an eine diskursethische Überprüfung der eigenen Gewinnerzielungsabsich- ten. Außerdem verdeutlicht er, dass die faktische Einkommensverteilung durch den Markt als gerecht und dem Gemeinwohl dienlich angesehen wird, obwohl dies nicht immer der Fall ist. Peter Ulrich attestiert dem Markt daher keine originäre, moralische Qualität. Das Hinnehmen der Marktprozesse kann daher keine, von ihm ange- strebte „Vernünftigkeit“, beanspruchen.

4. Grundorientierung lebensdienlichen Wirtschaftens

Als zweite Aufgabe der Integrativen Wirtschaftsethik bestimmt Ulrich die grundlegenden Gesichtspunkte ver- nünftigen Wirtschaftens. Unter vernünftigen Wirtschaften versteht er eine Handlungsweise, die der Lebensdien- lichkeit dient. Lebensdienlich sind wiederum jede Zustände, die der ethischen Idee von guten Leben und von ge- rechten Zusammenleben verfolgen.20 Diese beiden Orientierungen sollen im folgenden Absatz erläutert werden.

[...]


1 Vgl. Universität St. Gallen (o.J.): IWE, zuletzt aufgerufen: 28.08.2016.

2 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 23f.

3 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 27ff.

4 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 30f.

5 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 32.

6 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 57-94.

7 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 44-49.

8 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 116ff.

9 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 97-105.

10 Vgl. Ulrich, P. (2002): S. 34.

11 Blasche, S.; Köhler, W.; Rohs, P.(1994): S. 76; Ulrich, P. (2002): S. 22, 23, 25, 35.

12 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 132f.

13 Vgl. Ulrich, P. (2002): S. 36.

14 Vgl. Ulrich, P. (1998): S. 131, 137f.

15 Ulrich, P. (1998): S. 139.

16 Ulrich, P. (1998): S. 160.

17 Vgl. Ulrich, P. (2002): S. 38f., Ulrich, P. (1998): S. 162f.

18 Ulrich, P. (1998): S. 165f.

19 Vgl. Ulrich, P. (2002): S. 39-41, Ulrich, P. (1998): S. 191ff.

20 Vgl. Ulrich, P. (2002): S. 27.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Peter Ulrichs Integrative Wirtschaftsethik
Hochschule
Internationales Hochschulinstitut Zittau
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V376957
ISBN (eBook)
9783668545953
ISBN (Buch)
9783668545960
Dateigröße
964 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachhaltigkeit, CSR
Arbeit zitieren
Anonym (Autor), 2016, Peter Ulrichs Integrative Wirtschaftsethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376957

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