Der politische Martin Luther

Antisemitismus – Ausbeutung – Unterdrückung. Band 2


Diskussionsbeitrag / Streitschrift, 2017
47 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wer war Martin Luther

2. Die antisemitische Tradition der Kirche

3. Die Reformation begünstigende Rahmenbedingungen.
3.1. Strukturwandel durch wirtschaftliche Entwicklung
3.1.1. Lebensbedingungen auf dem Land
3.1.2. Lebensbedingungen in der Stadt
3.1.3. Jüdisches Leben zur Reformationszeit
3.1.4. Antisemitische Rahmenbedingungen des Staates
3.2. Reformbedürftigkeit der Kirche
3.2.1. Reformbestrebungen verschiedener Art
3.2.2. Der Humanismus
3.2.3. Träger der Reformation

4. Luthers Reformation
4.1. Das Aufbrechen des Konfliktes
4.2. Luthers 95 Thesen: ein reformatorischer Aufbruch
4.3. Luthers politische Aussagen
4.3.1. Das politische Verhältnis der Kirche zum Staat
4.3.2. Luthers Freiheitsbegriff
4.3.3. Ehe und Familie
4.3.4. Schule und Bildung
4.3.5. Zur Legitimität von Kriegen
4.3.6. Pfarrer und Gemeinden
4.3.7. Zur Kritik am Großhandel und am Großkapital

5. Luther und das Judentum
5.1. Luther: Judenfreund oder Antisemit
5.2. Empfehlung an Landesherren
5.3. Politologische Betrachtung Martin Luthers

6. Das Entstehen der zweiten Konfession: der Protestantismus

7. Verbreitung des Protestantismus
7.1. Reichsebene
7.2. Ebene Fürstentümer: Beispiel Hessen
7.2.1. Politische Ebene
7.2.2. Kirchliche Ebene
7.3. Lokale Ebene: Reichsstadt Friedberg

8. Luthers antisemitische Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert

9. Schlussbemerkung

11. Anhang

I. Exkurs zur Kammerknechtschaft

II. Luthers 95 Thesen (Kurzform)

12. Literaturverzeichnis

Zitate zum Judenhass als Bestandteil kultureller Identität

Einer der besten Kenner der Geschichte der Reformation in Deutschland, der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann (*1962)

„Judenpolitik war in der frühen Neuzeit immer auch Finanz-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und unterlag Regulierungsmechanismen, die zwar von theologischen Argumentationsmustern begleitet, aber auch von politischen und wirtschaftlichen Interessen bestimmt oder von Ressentiments geprägt wurden.“[1]

Zur Führung von Kriegen galt seit 1095 (bis 1965) in der katholischen Kirche ein vom Hl Augustinus (354-430 n. Chr.) entwickelter Grundsatz, der 1095 n.Chr. von Papst Urban II anlässlich des 1. Kreuzzuges zu Recht erklärte wurde:

„Es gibt eine ungerechte Verfolgung, die Verfolgung der Kirche Christi durch die Gottlosen; und es gibt eine gerechte Verfolgung, die der Gottlosen durch die Kirche Christi. […] Die Kirche verfolgt aus Liebe, die Gottlosen aus Grausamkeit.“[2]

Erasmus von Rotterdam (1466/69 -1536), ein Zeitgenosse Luthers, ein weltweit angesehener Humanist zu Juden:

„Wenn es zu einem guten Christen gehört, die Juden zu verabscheuen, dann sind wir alle gute Christen.“[3]

Martin Luther (1483-1546)

„Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen, ihn hinabstoßen und sagen: `Ich taufe dich im Namen Abrahams´.“ (Tischreden Nr. 1795)[4]

Der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969)

„Was Hitler getan hat, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“[5]

Carl-Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) hinsichtlich antisemitischer Aufklärung:

„Wahrheit, die gehört wird, ist noch immer so schmerzhaft, dass sie die Hörenden in ihrer Mehrzahl gegen den Sprechenden aufbringt.“[6]

1. Wer war Martin Luther

Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren, wo er auch am 18. Februar 1546 verstarb. Luthers Vater Hans war Bauer, Bergmann, Mineneigner und später Ratsherr in Möhra. Luther hatte acht oder neun Geschwister, die genaue Anzahl ist nicht bekannt. Bekannt ist hingegen, dass seine Eltern großen Wert auf seine Ausbildung legten. Sie schickten ihn zunächst auf die Stadtschule. Mit kirchlicher Unterstützung setzte er schließlich seine Ausbildung fort, wobei er lernte, Latein in Schrift und Wort zu beherrschen. Ab 1501 studierte er neben Theologie, u. a. auch auf Betreiben seines Vaters, Jura. 1505 trat er in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein, zwei Jahre später wurde er zum Priester geweiht. Nach seiner Promotion 1512 zum „Doctor Theologiae“ wurde er als Professor von der Wittenberger Universität auf den Lehrstuhl zur Bibelauslegung berufen. Luther gilt als theologischer Urheber der Reformation. Er orientierte sich im Gegensatz zur Kirche ausschließlich an Jesus Christus als dem „fleischgewordenen Wort Gottes“, um Fehlentwicklungen in der Kirche seiner Zeit zu überwinden.

Mittelalterliches Denken bei Luther

Kernstück der christlichen Lehre, wie sie Luther verstand, war die Vorstellung von einem leidenden und gekreuzigten Messias und einem rein geistigen Königtum. Viele Christen waren, indem sie einer Vielzahl von Weissagungen vertrauten, davon überzeugt, dass die Rückkehr Christus in Macht und Herrlichkeit in Kürze bevorstehe, er sein Königreich errichte, das dann „tausend Jahre“ bestehen werde.[7] Die Zukunftsvorstellungen waren biblisch begründet und beruhten auf der Auslegung des Propheten Daniel durch englische und spanische Historiker, denen sich Augustinus angeschlossen hatte. Analog zur Schöpfungsgeschichte, nach der die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, ging man von sechs Weltaltern aus. Mit der Menschwerdung und der Erlösungstat Christi sei die sechste Stufe erreicht und der Entwicklungsprozess der Menschheit beendet. Abgeschlossen werde er durch die Wiederkehr Christi. Dann beginne mit dem Jüngsten Gericht die siebte Stufe, die Stufe der ewigen Sabbatruhe. Augustinus deutete die Prophezeiung Daniels so, dass mit Christus die Zeit des Römischen Reiches abgelaufen und an seine Stelle die Herrschaft der Kirche getreten sei. Die Vorstellung vom Ende aller Zeiten war allgemeine religiöse Überzeugung und stets präsent. Man fühlte sich in der Endzeit der Geschichte und glaubte, dass das Römische Reich als das letzte Reich in der Menschheitsgeschichte bis zum Ende der Welt bestehen bleiben würde. Dass sich nach Ansicht der Gläubigen der Beginn der siebten Stufe und so der Beginn des Reiches Gottes, verzögerte, wurde auf die Weigerung der Juden zurückgeführt, Jesus Christus als Gott anzuerkennen. Die Lebensbedingungen der Juden, wie auch Luthers Einstellung zu Juden, ist deswegen in besonderer Weise zu berücksichtigen, weil Luthers Judenhass, basierend auf der antisemitischen Tradition der Kirche, für Jahrhunderte Staatsdoktrin wurde und der Antisemitismus bis heute in besonderer Weise politisch wirksam ist.

2. Die antisemitische Tradition der Kirche

Das Verhältnis zu Juden wurde in der katholischen Kirche durch antisemitische Aussagen der Kirchenväter und durch das für alle Katholiken verbindliche auf Konzilien ab 306 n. Chr. beschlossene kanonische Recht begründet. Klaus Kühlwein, Dozent am Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg wie auch der protestantische Theologieprofessor Hartwig Weber vertreten die Auffassung, dass spätestens im vierten Jahrhundert n. Chr. der Antisemitismus in der Theologie der alten Kirche Glaubensbestandteil war, dass Juden allesamt Gottesmörder seien und einem verworfenen, verfluchten Volk angehörten.[8] Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. habe sich der christliche Hass in der kirchlichen und staatlichen Gesetzgebung in zahlreichen Gewalttätigkeiten gegen die Juden und ihre Synagogen Bahn gebrochen.[9]

3. Die Reformation begünstigende Rahmenbedingungen.

Die Reformation wurde durch eine Vielzahl von Faktoren begünstigt, die insgesamt für eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse sorgten und mit allerlei Hoffnungen und Ängsten verbunden waren. Zu den wesentlichsten Strukturveränderungen zählten nicht nur die Verarmung erheblicher Bevölkerungskreise durch bedeutsame wirtschaftliche Entwicklungen, sondern auch der beklagenswerte Zustand von Kirche und Geistlichkeit, das Aufkommen des Humanismus, das Erstarken der Landesherren gegenüber dem Kaiser …

3.1. Strukturwandel durch wirtschaftliche Entwicklung

Der wirtschaftliche Strukturwandel war auf den zunehmenden Bedeutungsverlust der Hanse, der Entdeckung Amerikas 1492, der Entdeckung des Seeweges nach Indien (1492), der Entwicklung neuartiger Finanzierungsmethoden, die Bedeutungszunahme der Schriftlichkeit im Handel, der Entwicklung der Buchführung zurückzuführen. Als Folgen dieses Wandels sind z.B. die Verlagerung des europäischen wirtschaftlichen Zentrums von Venedig nach Amsterdam sowie ein völlig anders gearteter Handel mit veränderten Handelswegen zu nennen.

Christliche Kaufleute fanden nicht nur vermehrt Zugang zum internationalen Handel, sondern auch immer mehr Wege, das kanonische Zinsverbot zu umgehen. 1545 wurde die Zinsnahme durch Heinrich VIII. zunächst grundsätzlich legalisiert, bis sie durch mehrere Reichstagsbeschlüsse, sog. Reichsabschieden, von 1548 und 1577 völlig legalisiert wurde. 1648 wurde im Westfälischen Frieden schließlich das Zinsnehmen bis maximal fünf Prozent generell für zulässig erklärt. Christliche Kaufleute und christliche Gewerbetreibende schlossen sich in christlichen Zünften und Vereinigungen zusammen, zu denen Juden der Zugang verwehrt war. Dies verdrängte die Juden aus dem Fern- und Waren- und Geldhandel, aber auch aus den handwerklich betriebenen Gewerbezweigen der Städte. – Juden wurden so auf das kirchenrechtlich verpönte Kleinkreditgeschäft, auf die kleineren Pfandleihegeschäfte, auf Geld- und Trödelhandel[10] zurückgeworfen, was mit einer Dämonisierung, teuflischer Anlage und der Neigung, andere durch Wucher auszunutzen, einherging. Starkes Bevölkerungswachstum, die Intensivierung der Gutsherrschaft ermunterte manchen Territorialherren, die eigene Herrschaft durch die Schwächung institutionalisierter Formen der genossenschaftlichen Teilhabe in Dörfern oder Ständevertretungen zu stärken. Die eklatante Schwäche des Reiches nach dem abendländischen Schisma 1378 – 1417 (Avignon) führte zur Rechtsunsicherheit im Innern und entsprach der Bedrohung von außen in Gestalt der vordringenden Türken.[11] Dies alles waren Konflikte, die sich um die Jahrhundertwende verschärften. Für die Bevölkerung waren sie mit erhöhter Arbeitslosigkeit, zunehmender Armut und sich verbreitender Perspektivlosigkeit verbunden, die möglicherweise in der stark ansteigenden Religiosität einen Ausweg suchte.

Die mit der reformatorischen Bewegung verbundenen Hoffnungen auf eine Verbesserung täglicher Lebensbedingungen gab dem gegen die Verelendung gerichteten Protest der Bauern eine bis dahin nicht gekannte Durchschlagskraft.[12] Die Veränderungen fanden jedoch in Stadt und Land nicht in gleicher Weise statt.

3.1.1. Lebensbedingungen auf dem Land

Die Wirtschaftsflaute verschlechterte die Lage auf dem Lande für Bauern und Adel. Der soziale Friede war auf dem Land bedroht.[13] Eine wirksam werdende Agrarkonjunktur ermöglichte dem Adel, immer größere Landgebiete in Eigenwirtschaft zu bearbeiten, was für die bäuerliche Bevölkerung zur Folge hatte, dass sie sich zur erhöhten Dienstpflicht bis zur Unterwerfung als Leibeigene gezwungen sahen. Die wirtschaftliche Entwicklung um 1500 hatte für die christliche Bevölkerung insbesondere unter der bäuerlichen Bevölkerung soziale Unruhen ausgelöst.[14] Zum Zeitpunkt des ausgehenden 15. Jh. bedrohten politisch-soziale Strukturveränderungen die traditionelle Stellung des Adels. Hier sind die stark zunehmende Beschäftigung von insbesondere juristisch gebildeten Bürgern in der staatlichen Verwaltung ebenso zu nennen, wie der Söldnereinsatz zur Friedenssicherung. Der Adel weigerte sich zudem, sich in „nicht standesgemäßen Geschäften“ zu betätigen. Spätmittelalterliche Bauernrevolten sind Beleg für die Konflikthaftigkeit der Jahrzehnte vor der Reformation. Bis 1450 zählte man 14, zwischen 1450 und 1500 26 bäuerliche Unruhen.

3.1.2. Lebensbedingungen in der Stadt

Die Entwicklung in der Stadt unterschied sich von der auf dem Land ganz erheblich. In der Stadt konnte der Einzelne seine Situation verbessern indem er sich, um den Status eines Bürgers bemühte. Voraussetzung für die Bürgerschaft war Immobilienbesitz. Weitere Voraussetzungen waren die ehrliche Geburt, das heißt dass man ehelich geboren sein musste und nicht von Henkern, Totengräbern und sonstigen „unehrlichen“ Berufen abstammte, ein Mindestvermögen und die Tatsache, dass man zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht in Rechtsstreitigkeiten verwickelt war. Die Anzahl der Bürger war damit im Vergleich zur Zahl der Einwohner vergleichsweise klein. Bürgern wurde so ein höheres Maß an genossenschaftlicher Selbstverwaltung eingeräumt, als es auf dem Land denkbar gewesen wäre. Durch Zunftkämpfe des 14. Und 15. Jh. war die Beteiligung des handwerklich-zünftischen Elements am Stadtregime durchgesetzt worden. Trotzdem gab es herrschaftliche Züge in der Praxis. Bereits im 15. Jh. betrachteten die Stadträte die Bürger als Untertanen, sich selbst als Obrigkeit.[15] In nahezu allen Städten flackerten im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert immer wieder Unruhen auf. Als Gründe für Unruhen in Städten sind die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ebenso zu benennen, wie wirtschaftliche Strukturveränderungen: Beispielsweise verstärkte die Entwicklung des Handels die Konkurrenzsituation für das Handwerk. Handwerker konnten so ihre Existenzgrundlage verlieren. Wirtschaftliche Krisen wurden auch durch mehrere Missernten (1501-1503) hervorgerufen. Erhebliche Preissteigerungen für Nahrungsmittel führten zur Verarmung von Teilen der Bevölkerung, was zu Kapitalkonzentration in immer weniger Händen führte. Verstärkt wurden bei zunehmender Kriegsgefahr derartige Entwicklungen durch von der Bevölkerung aufzubringende Steuerlasten, die zur Finanzierung des Militärs und von Befestigungsanlagen eingefordert wurden. Die Verschlechterung der sozialen Lebensbedingungen führte zu den unterschiedlichsten Widerstandsaktionen in der Bürgerschaft.[16] Ihre zeitlichen Höhepunkte lagen zwischen 1509 und 1514. Der Zorn richtete sich insbesondere gegen die, die nichts oder sehr wenig zur Steuerlast beitrugen und hier insbesondere gegen den Klerus.

3.1.3. Jüdisches Leben zur Reformationszeit

Jüdisches Leben war auch in der Reformationszeit gekennzeichnet durch das antisemische politische Klima, das von Staat und Kirche mehr als tausend Jahre nachhaltig gefördert wurde. Ein Mittel der den Hass auf Juden hervorrief war die Tatsache, dass Juden regelmäßig als Verursacher gesellschaftlicher Missständen denunziert wurden. Daneben gab es auch immer wieder Anschuldigungen, dass Juden Ritualmorde, Brunnenvergiftung, Hochverrat u.v.m. begangen hätten. Die fälschlicherweise aufgestellten Beschuldigungen wurden von Teilen der Bevölkerung zum Anlass genommen, ohne stattliche Untersuchung oder die Durchführung von Prozessen abzuwarten, Judenpogrome durchzuführen, häufig auch mit der Absicht, finanzielle Vorteile durch „Entschuldung“ zu erzielen. Antisemitische Propaganda hatte das Judentum als große Gefahr für Christen und Christentum dämonisiert. Das antisemitische Klima wurde ungehindert von Staat und Kirche weiter kultiviert. Prof. Heinrich von Treitschke brachte es 1879 auf den Begriff: „Die Juden sind unser Unglück.“Antisemitismus konnte so, auch mit Unterstützung Martin Luthers, zum Teil kultureller Identität werden.

Materielle Not der nichtjüdischen Bevölkerung wirkte sich auch auf die jüdische Bevölkerung aus, indem sie traditionell für jegliche Verschlechterung von Lebensbedingungen hierfür verantwortlich gemacht wurde. Jüdisches Leben zur Reformationszeit. Allein zwischen 1481 und 1520 wurde mehr als ein Viertel aller jüdischen Siedlungen durch Verfolgung oder Vertreibung aufgelöst.[17] Arme Juden siedelten dann häufig vor den Toren der Stadt. Viele der vermögenden Juden, die es sich finanziell leisten konnten, zogen vor allem nach Norditalien (Bologna, Ferrara, Mantua, Pisa, Siena und Venedig) und nach Osteuropa, hier insbesondere nach Polen - Litauen[18]. Jüdische Gemeinden bestanden weiter in Frankfurt, Friedberg, Worms, Rosenheim, Metz, Prag, Triest und bis 1670 auch in Wien.[19] Die größte der jüdischen Gemeinden siedelte in Frankfurt und umfasste um 1500 an die 200 Personen.[20] Zahlenmäßig stellten die Juden mit einem Anteil von 0,25 % an der Bevölkerung und randständigen Positionen im Wirtschaftsleben einen eher unbedeutenden Teil der Gesellschaft dar. Für einen der besten Kenner der Geschichte der Reformation in Deutschland, dem Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann (*1962) war

„Judenpolitik [war] in der frühen Neuzeit immer auch Finanz-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und unterlag Regulierungsmechanismen, die zwar von theologischen Argumentationsmustern begleitet, aber auch von politischen und wirtschaftlichen Interessen bestimmt oder von Ressentiments geprägt wurden.“[21]

Nach vorsichtigen Schätzungen lebten insgesamt im deutschen Reich im frühen 15. Jh. ca. 40.000 Juden, die etwa 0,25% an der Gesamtbevölkerung ausmachten.[22] Durch die Vielzahl der Herrschaftssysteme gab es im Reich unterschiedliches Judenrecht.[23]

Otto Stobbe, bedeutender Rechtshistoriker des 19. Jh. beschreibt die Lebensbedingungen der Juden um 1500 folgendermaßen:

„So kam es, dass sie im größten Teil Deutschland keinen festen Aufenthaltsort mehr hatten. Sie waren nur berechtigt, gegen Erledigung einer Aufenthaltsgebühr einige Tage zu verweilen. Wenn schon von den Kreuzzügen an ihre Lebensverhältnisse in den deutschen Ländern wenig sicher waren, so geschieht es am Ende des Mittelalters, dass sie zu irrenden Juden werden, die von Stadt zu Stadt ziehen, ohne fast nirgendwo eine feste Bleibe zu haben.“[24]

3.1.4. Antisemitische Rahmenbedingungen des Staates

Die gesellschaftlichen Lebensbedingungen für Juden bestanden in einem zweifachen Rechtsverhältnis:

a. gegenüber dem politischen Herrscher.
b. gegenüber der Wohngemeinde

a) gegenüber dem Herrscher (Kaiser/König/ Fürsten)

Dieses Rechtsverhältnis wird als Kammerknechtschaft bezeichnet (s. Anhang: Anlage I). Juden wurden danach seit Kaiser Friedrich II. (1212-1250) per Gesetz als (entpersönlichte) Sachen angesehen. Sie gehörten zum kaiserlichen Vermögen, das von der kaiserlichen Kammer, auf Weisung des Kaisers verwaltet wurde. Juden waren dem Kaiser gegenüber steuerpflichtig. Als Waren konnten sie verkauft, verliehen oder auch verschenkt werden. Diese unmenschliche Diskriminierung sollte bis zur Emanzipation der Juden zu Beginn des 19. Jh. andauern.

b) gegenüber der Wohngemeinde

Gegenüber den Bewohnern einer Gemeinde waren Juden in der Weise diskriminiert, dass ihnen handwerkliche Berufe verwehrt waren, die in Zünften nach den Regeln christlicher Bruderschaften zusammengeschlossen waren. Als Erwerbsquelle blieb Juden das Zinsgeschäft und der Trödelhandel.

Christen war es verboten, mit Juden gesellschaftlich zu verkehren. An manchen Orten galten für Juden Ausgangssperren, insbesondere an kirchlichen Feiertagen. Grundlage dieser Anordnungen war das allgemeine Kirchenstaatsverständnis.

3.2. Reformbedürftigkeit der Kirche

Die genannten innerkirchlichen Fehlentwicklungen führten dazu, dass sich innerhalb der Bevölkerung der Ruf nach innerkirchlichen Reformen breitmachte.

Die Kirche um das Jahr 1500 war von folgenden Umständen geprägt: ein ungeistliches Papsttum sowie Bischöfe, die ihre Amtspflichten geringschätzten, ein Heer von Klerikern und Mönchen, die sich mehr von ihrer Kirche versorgen ließen, als dass sie ihr dienten, und eine intensive Frömmigkeit, die das Reliquien- und Wallfahrtswesen betonte, aber die Bibel und die Predigt vernachlässigte. Im ausgehenden 15. und im frühen 16.Jahrhundert regierten Päpste, die nichts von Theologie verstanden und kaum geistliche Interessen hatten. Sie führten Kriege, umgaben sich mit Frauen, zeugten Söhne und Töchter und förderten die Kunst. Beispielsweise wurde von Papst Sixtus IV. (1471-1484) die Vergabe kirchlicher Ämter hemmungslos als Einnahmequelle genutzt, Cesare Borgia, Sohn Papst Alexanders VI. (1492-1503) versuchte, den Kirchenstaat zu einem erblichen Fürstenstaat zu säkularisieren.[25]

Auffälligste Missstände zeigten sich für die Bevölkerung in der unteren Priesterschaft. Während die hohe Geistlichkeit, die zumeist dem hohen Adel entstammte, mit ausreichenden Pfründen versorgt war, war der niedere Klerus häufig nur unzureichend wirtschaftlich abgesichert, schlecht ausgebildet und nicht in der Lage, die von der Bevölkerung an ihn gerichteten pastoralen Erwartungen zu erfüllen. Verschärft wurde die Kritik an der Kirche durch eine verfassungsrechtliche Sonderstellung der meisten Bischöfe und Äbte, die neben ihrem kirchlichen Amt auch als Reichsfürsten mit weltlicher Macht ausgestattet waren und die die niedere Geistlichkeit unnachgiebig kirchliche Abgaben eintreiben ließ. Auch die Tatsache, dass das Konkubinat weit verbreitet war, verstärkte den Eindruck von der Verweltlichung der Kirche. Die von den Laien dagegen von Pfarrern erwartete Vorbildlichkeit der Lebensführung verkehrte sich in ihr Gegenteil. Die Unglaubwürdigkeit vieler geistlicher Amtsträger war Realität geworden.[26]

3.2.1. Reformbestrebungen verschiedener Art

Luthers reformatorisches Anliegen war keineswegs neu.[27] Es lässt sich einordnen in eine lange Tradition der Kirchenkritik und der Bemühungen um eine Kirchenreform seit dem Spätmittelalter. Ältere Bemühungen fanden in den Orden, den Waldensern und in der Seelsorge statt. Jüngere Reformbemühungen waren humanistisch geprägt.[28] Zu den namhaftesten Reformatoren zählten Melanchton, Urbanus Rhegius, Martin Bucer, Antonius und Thomas Blaurer ebenso wie Zwingli, Bullinger und Calvin. Alle entwickelten und verfolgten theologische Konzepte. Einig waren sie sich in ihrer grundsätzlichen antisemitischen Einstellung gegenüber Juden.[29] Es waren nur vereinzelte Reformatoren, die nicht antisemitisch eingestellt waren. Zu ihnen zählten der Nürnberger Andreas Osiander, Wolfgang Capito aus Straßburg, der Führer der Täufer, Melchior Hoffman, der evangelische Rationalist Sebastian Castellio. Sie alle repräsentierten jedoch nur einen „Nebenstrom“ des Protestantismus.[30]

Man sah es als Christenpflicht an, die Reinigung und Reform der Kirche zu betreiben, um das Wachstum der Frömmigkeit und die Entwicklung der Kirche zu befördern. Humanisten ging es nicht nur um die „Reinigung“ der Kirche, um die Rückkehr zur ursprünglichen Form, sondern auch um Auswirkungen auf den Alltag der Menschen.

[...]


[1] Zit nach Th. Kaufmann, Luthers „Judenschriften“, Tübingen 2011, 140.

[2] Lecler, Joseph: Geschichte der Religionsfreiheit im Zeitalter der Reformation. Bd. 1.Stuttgart 1965, 122.

[3] Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus, Worms 1977-1987, Bd.2, 28.

[4] Büchner, Karl-Heinz: A.a.O., 2.

[5] Büchner, Karl-Heinz u. a. (Hrsg.): Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen. Aschaffenburg 2016, Umschlag.

[6] Czermak, Gerhard: Christen gegen Juden. Geswchichte einer Verfolgung. Eichborn, Frankfurt a.M. 1991,8.

[7] Cohn, Norman: das Ringen um das Tausendjährige Reich. Bern 1961, 15f.

[8] Kühlwein, Klaus: Warum der Papst … A.a.O. 125

[9] Einzelheiten s. Vortrag „Beginn und Kontinuitäten des Antisemitismus“

[10] Battenberg J. Friedrich: Des Kaisers Kammerknechte. A.a.O.

[11] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung. C.H.Beck, München 1996. 17.

[12] Schilling, Heinz (1988): Aufbruch und Krise. Deutschland 1517-1648, Berlin, 148.

[13] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. A.a.O. 22.

[14] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation.A.a.O., 20.

[15] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. A.a.O., 24.

[16] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. A.a.O., 25.

[17] Toch, Michael: Siedlungsstruktur der Juden Mitteleuropas im Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit. In: Haverkamp, Alfred und Ziwes, Franz-Josef: Juden in der christlichen Umwelt während des späten Mittelalters. Berlin Duncker & Humblot 1992, 29-39.

[18] Toch, Michael: Die Juden im mittelalterlichen Reich. Oldenbourg München1998,13.

[19] Battenberg, J. Friedrich: Die Juden in Deutschland. A.a.O., 3f.

[20] Arye Maimon, Germania Judaica, 3.1. Tübingen: Mohr, 1987,348.

[21] Zit nach Th. Kaufmann, Luthers „Judenschriften“, Tübingen 2011, 140.

[22] Diemling, Maria: Jüdisches Leben in Deutschland um die Reformationszeit. In. Epd 39/2015, a.a.O. 26

[23] Breuer, Prolog. In: Mordechai Breuer und Michael Graetz: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Band I, Tradition und Aufklärung, 1600-1780, Beck München 1996, 58

[24] Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus, Worms, a.a.O. 21f.

[25] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung. München 1996.

[26] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. A.a.O.,16.

[27] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. A.a.O., 12.

[28] Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. A.a.O., 13.

[29] Deppermann, Klaus: A.a.O., 127.

[30] Deppermann, Klaus: A.a.O., 129.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Der politische Martin Luther
Untertitel
Antisemitismus – Ausbeutung – Unterdrückung. Band 2
Autor
Jahr
2017
Seiten
47
Katalognummer
V377182
ISBN (eBook)
9783668548787
ISBN (Buch)
9783668548794
Dateigröße
1583 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Auf der Grundlage meiner Dissertation habe ich spezielle Vorträge zum Antisemitismus ausgearbeitet, die ich bei Gewerkschaften, Geschichtsvereinen, Landeszentralen für pol. Bildung halte.
Schlagworte
Luther, Antisemitismus
Arbeit zitieren
Heiner Ehrbeck (Autor), 2017, Der politische Martin Luther, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377182

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der politische Martin Luther


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden