Der Rasende Stillstand. Überprüfung der Gesellschaftskritik von Paul Virilio


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rasender Stillstand

3. Ist der rasende Stillstand eingetreten?
3.1. Die Unsicherheit der Geschichte
3.2. Zu spät für das Privatleben
3.3. DergroßeBeschleuniger.

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der französische Philosoph Paul Virilio hat sich der Dromologie verschrieben. Etliche seiner Werke beziehen sich auf die Geschwindigkeit und wie sie die Welt beeinflussen. Nicht umsonst wird er der Denker der Geschwindigkeit genannt. Diesen rasant fortschreitende technische und die Gesellschaft beeinflussende Entwicklung kritisiert der Franzose und fürchtet einen Fall der Menschheit in die Ohnmacht durch eben diesen technischen Fortschritt, der die Erde vermeintlich immer größer und den Horizont erweiternd wirken lässt, in der Realität aber vielmehr schrumpft. Denn obwohl die Erde ohne Grenzen scheint, ist ihr Raum endlich.

Dies hat Virilio in einigen Arbeiten, unter anderem dem Essay Rasender Stillstand., erörtert und diese Entwicklung kritisiert. Der Professor Kay Kirchmann schrieb in seinem Werk über Virilios Zeit- und Medientheorie Blicke aus dem Bunker, dass der Philosoph sich als „Mahner vor den von ihm befürchteten Folgen unserer Kultur der Beschleunigung, Medien und Motoren versteht.“[1] Ohne Frage tut er dies in einer stark die Apokalypse herbeirufenden Art und Weise. So zitiert Kirchmann aus Virilio Werks Fahren. Fahren, fahren: „viel sicherer als jede andere Art von Auseinandersetzung wird die Geschwindigkeit uns von dieser Welt erlösen“[2]. In dieser Hausarbeit soll sich im folgenden auf den Inhalt des Essays Rasender Stillstand bezogen und genauer auf diesen eingegangen werden. Was genau sagt Virilio in diesem 1990 von ihm veröffentlichtem Text über die Entwicklung der Gesellschaft? Im ersten Teil der Hausarbeit wird der Inhalt zusammengefasst, um im nächsten Kapitel anhand des 2010 erschienenen Werkes Der große Beschleuniger zu sehen, inwieweit seine (Vor-)Aussagen eingetreten sind und die Gesellschaft sich verändert hat. Ist der rasende Stillstand wirklich eingetreten? Und falls dies der Fall ist, woran macht der Philosoph diese Entwicklung fest, wie argumentiert er seine Ansichten? Welche Beispiele der heutigen Gesellschaft nennt er, um seine Thesen zu untermauern?

Letztendlich wird ein Fazit folgen, dass sich mit den Aussagen Virilios abschließend auseinandersetzt und erklärt, inwiefern der rasende Stillstand die menschliche Gesellschaft erreicht hat und seine Voraussagen sich bewahrheitet haben.

2. Rasender Stillstand

Rasender Stillstand ist ein 1990 veröffentlichter und zwei Jahre später ins Deutsche übersetzter Essay Virilios, der sich mit einem Lieblingsthema des Philosophen beschäftigt: Der Beschleunigung der Realität. In diesem Essay warnt er vor einem Endzustand, der die Grenzen der Körperlichkeit Übertritt und uns ohnmächtig und machtlos werden lässt.

Zunächst stellt Virilio in seinem Essay fest, dass sich die Wahrnehmung des Menschen zunehmend verändert hat. Die menschliche Gesellschaft lebt nicht mehr in einer geozentrischen Umwelt in der die Erde das Zentrum des Universums ist, sondern hat sich in eine egozentrische Gesellschaft entwickelt. Der Mensch betrachtet sich als Zentrum allen Geschehens, er bewertet Ereignisse aus seiner eigenen Perspektive. Diese Entwicklung hat der Mensch durch den technischen Fortschritt selbst herbeigeführt, was Virilio mit der Mondlandung erklärt. Dort habe sich unser Null-Punkt verschoben, da „der Bezugsboden seine Bedeutung verliert und ein Zwischenboden wird.“[3] Die Landung auf dem Mond lässt den Mond greifbar werden wie ein entfernter Landstrich, die Grenzen des Raumes werden somit verschoben.

„Diese überwältigende Bedeutung aber, die den Grenzen zuerkannt wurde, war ihrerseits mit einer Enteignung vergleichbar, da der Erde genannte Himmelskörper von nun an weniger Interesse hervorrief als das zeitliche und räumliche Intervall, das die beiden Himmelskörpervoneinander trennte.“[4]

Virilio kommt anschließend zurück auf die Ego-Zentrierung des Menschen zu sprechen, welche eine besondere Rolle für die weitere gesellschaftliche Entwicklung spielen soll. Der Mensch habe laut Virilio seine territoriale Exo-Zentrierung, die Zentrierung des realen Raumes der eigenen Welt, verloren und besinnt sich deshalb intensiver auf sich selbst. Durch den Verlust des Bodens ändert sich auch die Wahrnehmung der Zeit. Der Philosoph erklärt, dass jedes Individuum die Weltzeit anders empfindet und deshalb eine andere Wahrnehmung der Zeit hat, was einen Verfall der Bezugszeit zur Folge hat. Für Husserl, auf den Virilio in seinem Text sich mehrfach bezieht, bedeutet dies das „Aufkommen einer beherrschenden psychologischen Zeit“[5]. Dies löstjedoch auch aus, dass die Zeit dem Empfinden nach immer knapper und der Raum immer enger wird. Virilio mahnt an, dass die Erde durch diese Entwicklung immer zerbrechlicher wird, Ressourcen werden erschöpft, der Raum schwindet. Der Franzose stellt zudem die These auf, dass die Technik die Umwelt zerstöre indem sie „nacheinander jeden äußeren Bezug auslöscht, jede unserer äußeren Bezugspunkte, den Bezug aufirgendeinen »Schöpfer« eingeschlossen“[6].

Einen wichtigen Aspekt des technischen Fortschritts stellt für Virilio die Bewegung dar. Durch die Weiterentwicklung auf technischer Ebene wird die Mobilität gesteigert, diese erhöhe laut des Philosophen die Kontrolle über die Umwelt, was wiederum zu einem Austausch des realen Raums der körperlichen Aktivität durch die Realzeit der Interaktivität führe. Damit erklärt er das „fortschreitende Verschwinden des anthropologischen-geographischen Bezugsraumes zugunsten einer einfachen Seh-Steuerung, einer zentralen Regie dieser unaufhörlichen Lastentransfers, die bald den Horizont der menschlichen Erfahrung verändert haben werden“[7].

Die Technik generiert somit eine Raum-Geschwindigkeit, die dazu führt, dass jede Aktivität des Menschen, egal ob zu Hause oder unterwegs, genauestens kontrolliert werden kann/muss. Es geht nicht mehr nur um das reine Erkunden oder Gestalten der Umwelt, sondern darum, die Organisation und Kontrolle über sie zu erlangen. Im Zuge dessen spricht Virilio von einer Dromo-Politik, „bei der die Nation zugunsten einer sozialen Entregulierung und transpolitischen Dekonstruktion verschwinden wird“[8]. Als Gerät dessen nennt er die Fernbedienung, die als Metapher für die Medien bezeichnet werden kann, die die Meinungsbildung und Führung der Gesellschaft übernehmen werden.

Dabei hatte der Mensch schon zu Beginn seines Seins alles, was er brauchte. Als Beispiel zitiert Virilio den Designer Alessandro Mendini, der den Menschen als ein „Ensemble von Geräten“[9] [10] bezeichnete. Dieser sei zum Beispiel ein Stuhl, wenn er auf der Erde sitze oder ein Transportmittel, wenn er gehe, ein Musikinstrument, wenn er singe. Alle weiteren Objekte, Werkzeuge, Hilfsmittel, die dem Menschen mit der Zeit zur Verfügung standen, seien nur künstliche Erweiterungen. Sie sorgen für eine Degeneration des Menschen. Diese vollkommene Kontrolle, die durch die Technik Einzug erhält, werde zu einer Bewegungslosigkeit und Statik des Menschen führen, glaubt Virilio. Vor dieser jedoch fürchte sich der Mensch an sich, was wiederum ein Widerspruch in sich ist, der hier durch den Franzosen aufgedeckt wird. Dabei zieht er den Vergleich zwischen modernen Hotels und geparkten Autos oder am Flughafen aufbewahrten Gepäckstücken, ein Unterschied ist für Virilio teilweise kaum erkennbar.

Der Mensch verliere durch die fortschrittliche Entwicklung der Wissenschaften und der Technik seinen Blick für das Wesentliche und werde stattdessen „in die endgültige Blindheit“ [10] hineingerissen. Der Mensch ist in der von Virilio als Dromosphäre bezeichneten Welt angelangt, die die menschliche Lebensweise durch die steigende Mobilität zerstört.

Um darzustellen, wie die Erde immer aufgeblähter, aber dabei nicht größer wird, zitiert Virilio den Physiker Stephen Hawking, der erklärt, dass die Erde zwar keine Grenzen hat, aber dennoch endlich in seiner Ausdehnung ist. Anschaulich beschreibt er dies anhand des Beispiels eines Seglers, der gen Horizont segelt. Dieser falle von keinem Rand oder treffe auf eine Grenze. Diese Umschreibung überträgt er auf das Universum, dass ebenfalls keine Grenzen besitze, „es würde einfach SEIN.“[11] Das Problem der Grenzenlosigkeit, die dennoch keine Unendlichkeit des Raumes beweist, nimmt Virilio für seine Theorie des rasenden Stillstandes und zeigt auf, dass sich die Erde immer weiter aufblähe. Vom Nord- oder Südpol an breitet sich die Erde aus, bis sie am Äquator ihre maximale Breite erreicht hat und zieht sich dann wieder zusammen. Dennoch seien die Pole keine Singularitäten[12], keine Grenzen. So weist die Erde trotz Grenzenlosigkeit eine Endlichkeit des Raumes auf.

Nun wird die Verbindung zwischen Raum und Zeit ins Spiel gebracht. Virilio hält die reale Zeit nur für ein Werk unserer Einbildungskraft und erklärt, dass die imaginäre Zeit in Wirklichkeit die reale Zeit sei. Seiner Ansicht nach gibt es Singularitäten nur in der realen Zeit, in der imaginären Zeit treten sie nicht auf. Deshalb ersetzt er die wirkliche Zeit mir der imaginären, so wird das Problem der Singularitäten gelöst. Erneut wird auch Hawking hier zur Erklärung hinzugezogen, der sagt, dass die imaginäre Zeit gleichzusetzen ist mit den Richtungen im Raum. Die imaginäre Zeit ist also eine Raum beschreibende Dimension, die die Sphäre zu einer Sphäre der Bahnen einer substanzlosen Welt macht.

Virilio versucht zu beschreiben, wie die Erde trotz ihres Fortschritts immer kleiner und enger für ihre Bewohner wird. Es entsteht eine virtuelle Sphäre, die als ideale angesehen wird und immer weiter wächst, während die reale Sphäre, in der sich die Menschen eigentlich bewegen, immer kleiner wird und ihren wesentlichen Wert verliert. Das Verhältnis der Menschen zu seiner Umwelt wird gestört durch den technologischen Fortschritt, weil das menschliche Wesen sich nicht intensiv genug mit der Entwicklung von Mensch und Technik in Beziehung mit dessen Umwelt beschäftigt und zu wenig über die Situation reflektiert.

An dieser Stelle kommt der von Virilio eingeführte Begriff der Dromologie zum tragen. Die Dromologie bezeichnet die Logik des Laufs oder der Geschwindigkeit. Sie bezeichnet das Verhältnis der Gesellschaft zur Geschwindigkeit. Laut Virilio entsteht eine gestörte Wahrnehmung von Raum und Zeit, da die Geschwindigkeit die Gesellschaft und ihren Rhythmus bestimmt.

[...]


[1] Kirchmann, Kay: Blicke aus dem Bunker. Paul Virilios Zeit- und Medientheorie aus der Sicht einer Philosophie des Unbewußten. Stuttgart 1998. S. 168.

[2] Ebd.

[3] Virilio, Paul: Rasender Stillstand. München 1992. S. 127.

[4] Virilio (1992, S. 128)

[5] Ebd. (S. 132)

[6] Ebd. (S. 133)

[7] Ebd. (S. 134)

[8] Ebd. (S. 136)

[9] Ebd. (S. 136)

[10] Ebd. (S. 140)

[11] Ebd. (S. 141)

[12] Singularitäten sind im allgemeinen Sprachgebrauch vereinzelt auftretende Erscheinungen (singuläre Ereignisse). Der Wortstamm singulus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet 'einzeln'. In der Mathematik, Physik und Astrophysik gibt es ebenfalls Singularitäten, die als 'Unendlichkeiten' charakterisiert werden können. (Quelle: http://www.spektrum.de/lexikon/astronomie/singularitaet/437. LetzterZugriff: 13.04.2016)

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Rasende Stillstand. Überprüfung der Gesellschaftskritik von Paul Virilio
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Anthropologie und Technikphilosophie – Aktuelle Arbeitsfelder und Forschungsfragen
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V377199
ISBN (eBook)
9783668546288
ISBN (Buch)
9783668546295
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Anthropologie, Technikphilosophie, Paul Virilio, Rasender Stillstand, Theorie, Dromologie
Arbeit zitieren
Andreas Köhler (Autor), 2016, Der Rasende Stillstand. Überprüfung der Gesellschaftskritik von Paul Virilio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377199

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