Die Spiegelfunktion der Meretlein-Novelle in Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der grüne Heinrich (1854/55)

3. Die Meretlein-Novelle
3.1. Inhalt der Erzählung
3.2. Erzähltheoretische Analyse
3.3. Einbettung der Erzählung im Roman

4. Die Spiegelfunktion der Meretlein-Novelle
4.1. Anna, Judith und Dortchen
4.2. Frau Lee
4.3. Gesellschafts- und religionskritische Aspekte

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die weitgehend autobiographische Erzählung Der grüne Heinrich (erste Fassung 1854/55, zweite Fassung 1879/80) des Schweizer Autors Gottfried Keller zählt zu den bedeutendsten Romanen des 19. Jahrhunderts und gilt als Kellers Hauptwerk1. Der kritische Künstler- und Bildungsroman in vier Bänden erzählt die Lebensgeschichte des titelgebenden Heinrich Lee und beschreibt die ÄLebens- und Bildungsschwierigkeiten des Helden als Folge seiner unterbrochenen Familiengeschichte“2 und das ÄErziehungsproblem eines Vaterlosen“3, wie Gottfried Keller die Geschichte seiner Hauptfigur nach der Überarbeitung des Romans zu einer zweiten Fassung in einem Brief an Hermann Fischer vom 10. April 1881 selbst bezeichnet4. Der grüne Heinrich offenbart jedoch nicht nur den Werdegang und das individuelle Schicksal einer literarischen Figur, sondern beschäftigt sich darüber hinaus kritisch mit Problemen der fortschreitenden gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen. Die politischen Umwälzungen, Ökonomisierung, Kapitalismus und die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert werden äußerst zeit- und gesellschaftskritisch thematisiert. Keller fasst in seinem Werk auch bereits überaus moderne und für seine Zeit eher ungewöhnliche Themen auf und verschriftlicht im grünen Heinrich Missstände wie Armut und soziale Ungerechtigkeit. Vorherrschend im Roman ist überdies ein Äherausragendes, feinfühliges und zeittypisches Bild der [«] religionskritischen Einstellung“5.

Einem besonders sozial- und religionskritischen Abschnitt des grünen Heinrich widmet sich die vorliegende Arbeit. Sie befasst sich mit der Sage des ÄHexenkindes“6 Meret, die von einem Pfarrer von ihrer ÄGottlosigkeit“ und ÄHexerei“7 geheilt werden sollte, jedoch unter der ÄCorrection“8 des Äwegen seiner Frömmigkeit und Strenggläubigkeit berühmten Pfarrherrn“9 verstarb. Als vergleichsweise sehr kurze Binnenerzählung innerhalb der wiedergegebenen Jugendgeschichte Heinrichs stellt sie dennoch einen faszinierenden und gleichzeitig befremdenden Mittelpunkt des Romans dar, dessen besondere Funktion und Wirkung die folgende Untersuchung analysiert. Dabei wird der Text zuerst erzähltheoretisch untersucht, um seine außerordentliche Darstellung und Einbettung im grünen Heinrich darzulegen. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt auf dem verweisenden und vernetzenden Charakter der Meret-Episode und ihrer romaninternen Spiegelfunktion, die anhand einiger Beispiele veranschaulicht wird. Ziel dieser Arbeit soll es somit einerseits sein, die exzeptionelle Stellung der Novelle im Roman aufzuzeigen und andererseits die Bedeutung der Erzählung als Knotenpunkt für den grünen Heinrich darzustellen. Darüber hinaus wird die Episode auch inhaltlich in Bezug auf ihre scharfe Gesellschafts- und Religionskritik analysiert, die sich zwar im gesamten Werk Kellers zeigt, in der Meretlein-Novelle jedoch durch die große zeitliche Abhebung distanziert dargestellt und hervorgehoben wird und somit eine besondere Aufmerksamkeit erweckt.

2. Der grüne Heinrich (1854/55)

Gottfried Kellers erste Fassung des Romans Der grüne Heinrich gliedert sich in ein Vorwort Ädes Verfassers“10 aus dem Jahr 1853 und vier Bände, die in den Jahren 1854 (Bände 1-3) und 1855 (Band 4) publiziert wurden.11 Das Vorwort zeugt von einer äußerst selbstkritischen Haltung des Autors und offenbart eine Unzufriedenheit mit der ÄUnförmlichkeit“12 des Romans. Dabei weist Keller auf die verhältnismäßig ungleichen beiden Teile seines grünen Heinrichs hin: die ÄSelbstbiographie des Helden“13, in der Heinrichs Herkunft und Jugendgeschichte wiedergegeben wird und die fast gänzlich die ersten drei Bände einnimmt, und der Äeigentliche Roman“14, der Heinrichs Reise nach Deutschland und seine Zeit als erfolgloser Künstler sowie die spätere Rückkehr in die Schweiz und das tragische Ende wiedergibt. Der grüne Heinrich erzählt teils in autobiographischer Erzählweise teils sarkastisch-kritisch Ädas Leben eines jungen Kunststudenten im Übergang zwischen Tradition und Moderne“15 und behandelt den ÄVerlust von ehemals fraglos Gültigem und die ungewisse Suche nach Neuem“16, wobei er sich als einer der bedeutsamsten Romane des poetischen Realismus immer in einem Spannungsfeld zwischen beschriebener Realität und Poetizität befindet. Analog dazu bewegt sich auch der naive und träumerische Held der Geschichte in einer Welt, in der sich seine Phantasie und die Realität immer wieder vermischen und er nimmt die Wirklichkeit als solche aufgrund seiner ausgeprägten Einbildungskraft nicht wahr. Seine Imagination und Träumereien bestimmen Heinrichs Sein und Tun im Jugend- wie auch Erwachsenenalter, und beeinflussen maßgeblich seinen Lebensweg. Sein Unvermögen Ädas Phantastische in seine Lebensrealität zu integrieren, führt schlussendlich [«] in Isolation und weltlose Innerlichkeit.“17

In seiner Jugend wird sich Heinrich auch der Gegensätze zwischen Phantasie und (religiösem) Glauben bewusst und die Religiosität verliert für ihn schließlich immer mehr an Zauber und Anziehung, bis ihm klar wird: ÄSo sehr ich daher den lieben Gott respektierte und in allen Fällen bedachte, so blieben mir doch die Phantasie und das Gemüt leer“18. Damit entwickelt er sich im starken Kontrast zu seiner Ägottesfürchtigen“19 Mutter, für die Gott Änicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler und drangvoller Herzenbedürfnisse, sondern klar und einfach der versorgende und erhaltende Vater“20 ist. Als er an dieser Strenggläubigkeit erstmals ernsthaft zu zweifeln beginnt und das Aufsagen eines Tischgebets verweigert, gerät Heinrich in einen Konflikt mit seiner Mutter, der ihn schließlich zu der phantastisch-unheimlichen und sehr wirkungsvollen Geschichte der kleinen Meret führt.

Auch abgesehen von Heinrich und Frau Lee zeugt Gottfried Kellers Roman von kontrastreichen Figurenkonstellationen und den offensichtlichen Gegensätzen des modernen gesellschaftlichen Lebens - wie künstlerisches Schaffen versus ökonomisches Müssen, individuelle Freiheit versus kollektive Gesamtheit, Gefühl versus Verstand, Idealismus versus Realismus, Religion versus Natur - und thematisiert somit zeitkritische und gleichzeitig höchst aktuelle Probleme und Fragestellungen. Vorrangig ist dabei unter anderem eine äußerst religionskritische Ausrichtung, welche Gottfried Keller durch eine intensive und prägende Auseinandersetzung mit den Lehren des Religionsphilosophen Ludwig Feuerbach während der Jahre 1848/49 angenommen hat.21 Er hörte seine Vorlesungen über das Wesen der Religion in Heidelberg und war davon so tief bewegt, dass er seine Weltanschauung grundlegend neu orientierte und sich an einer weltlich-humanistischen Ansicht ausrichtete. In einem Brief an seinen Freund Wilhelm Baumgartner vom 28.01.1849 berichtete Keller selbst vom beachtenswerten Einfluss Feuerbachs, indem er schrieb:

ÄNur so viel steht fest: Ich werde tabula rasa machen (oder es ist vielmehr schon geschehen) mit allen meinen bisherigen religiösen Vorstellungen, bis ich auf dem Feuerbachischen Niveau bin. Die Welt ist eine Republik, sagt er, und erträgt weder einen absoluten, noch einen konstitutionellen Gott (Rationalisten).“22

Gottfried Kellers wissenschaftlich fundierte Religionskritik wird im Laufe des grünen Heinrichs immer wieder sehr deutlich zum Ausdruck gebracht und beschäftigt und beeinflusst auch den Helden und seine Lebensgeschichte, bis dieser schließlich ebenfalls seinen Glauben an Gott aufgibt und sich gegen Ende der Geschichte in ausgiebigen, religionskritischen Diskussionen mit dem Grafen und seiner Tochter Dorothea dem Atheismus und dem Diesseitig- Weltlichen zuwendet23. Diese Abwendung von Religion und Hinwendung zur Natur und zum Diesseits wird auch zu Beginn der Jugendgeschichte anhand einer weiteren literarischen Figur in Kellers Roman dargestellt, als sich Heinrich aufgrund eines Konflikts mit seiner Mutter an die überaus seltsame und unheimliche Geschichte der kleinen Meret erinnert.

3. Die Meretlein-Novelle

Die Geschichte des kleinen Meretleins ist eine in die Jugendgeschichte Heinrichs eingeschobene Binnenerzählung, die sich sowohl chronologisch als auch formal stark von der Rahmenhandlung abhebt. Als Novelle im Stil des chronikalischen Erzählens sticht sie im Roman deutlich hervor und hat eine sehr befremdliche Wirkung auf den Rezipienten. Den unheimlich-phantastischen Inhalt der Geschichte übermittelt Keller einerseits durch die Sagen und Schauermärchen der naiven und abergläubischen Bewohner des Dorfes und andererseits durch das Diarium des brutalen und streng gläubigen Pfarrherrn. Dadurch erhält die Novelle einen sehr ironischen Beigeschmack, der besonders stark auf Kellers scharfe Religionskritik und auf die dargestellten sozialen Missstände aufmerksam macht.

3.1. Inhalt der Erzählung

Meret Äsei ein außerordentlich feines und kluges Mädchen in dem zarten Alter von sieben Jahren und dessen ungeachtet die allerärgste Hexe gewesen“24, erfährt Heinrich aus unheimlichen Schauergeschichten über das kleine Mädchen, das sich weigerte zu beten. Nur die Jahreszahl 1713 und ein Ähalbverwittertes Wappen“25 geben Auskunft über die Zeit, in der Meret lebte, und ihre Herkunft. Sie entstammte einer adeligen und höchst orthodoxen Familie, zeigte jedoch selbst eine starke Abneigung gegenüber der Religion und religiösen Praktiken. Als ÄStein des Anstoßes“26 und Äihrem [der Familie] Rufe Unehre bringendes Unglück“27 wird die kleine Meret daher von der Ähochgeborenen und gottesfürchtigen Frau von M.“28 zu Erziehung in die Obhut des strenggläubigen und erbarmungslosen Pfarrers gegeben. Dieser entzieht dem Mädchen nicht nur das Essen, sondern auch den Kontakt zu anderen und zur Natur, bis es schließlich stirbt. Die brutalen Methoden des Pfarrers werden sehr exakt und protokollmäßig in einem Diarium festgehalten: Ä[«] der kleinen Meret (Emerentia) ihre wöchentlich zukommende Correction ertheilt und verscherpft, indeme sie nackent auf die Bank legte und mit einer neuen Ruthen züchtigte [«]“29 und Ä[h]abe mein Tractament mit der Kleinen changiret und will nunmehr die Hungerkur probiren.“30 Dem kleinen Mädchen werden auch seine Kleider genommen und es wird gezwungen eine ÄBußkleidung“31 zu tragen. Nachdem ihm der Pfarrer den Umgang mit anderen Kindern und den Zugang zur Natur verboten hat und es wie in Einzelhaft weggesperrt und von Schlägen, Züchtigungen und Hunger geschwächt ist, wird das Mädchen schließlich Äirr- oder blödsinnig“32 und stirbt. Als die kleine Meret jedoch scheinbar tot im Sarg begraben werden soll, passiert etwas äußerst Unheimliches und Schauderhaftes: Ädas Tödlein [hat sich] als lebendig aufgerichtet und ist ganz behende aus dem Gräblein gekrochen“33, bevor es wegläuft und erst dann wirklich tot umfällt.

[...]


1 vgl. Amrein, 2016, S. 16.

2 Selbmann, 1994, S. 125.

3 Ebd.

4 vgl. ebd.

5 Deuser, 2009, S. 217.

6 GH 1, S. 89. (=Der grüne Heinrich, erste Fassung 1854/55) Die Seitenzahlen beziehen sich auf Keller, Gottfried, Der grüne Heinrich. Erste Fassung, hrsg. von Thomas Böning und Gerhard Kaiser. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 2007.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 91.

9 Ebd.

10 GH 1, S. 10.

11 vgl. Amrein, 2016, S. 17.

12 GH 1, S. 10.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Amrein, 2016, S. 16.

16 Ebd.

17 Grätz, 2006, S. 277.

18 GH 1, S. 99.

19 Ebd., S. 87.

20 Ebd.

21 vgl. Amrein, 2016, S. 7.

22 Brief an Wilhelm Baumgartner, 28.01.1849, online unter https://www.gottfriedkeller.ch/briefe/

23 vgl. Amrein, 2016. S. 37.

24 GH 1, S. 89.

25 Ebd.

26 Ebd., S. 90.

27 Ebd., S. 91.

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Ebd., S. 92.

31 Ebd.

32 Ebd., S. 91.

33 Ebd., S. 98.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Spiegelfunktion der Meretlein-Novelle in Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V377208
ISBN (eBook)
9783668565715
ISBN (Buch)
9783668565722
Dateigröße
1059 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spiegelfunktion, gottfried, Meret, Grüne, Keller, Meretlein-Novelle, Novelle, Meretlein, Emerentia, Heinrich, Realismus, Hexenkind, Sozialkritik, Gesellschaftskritik, Religionskritik, Feuerbach
Arbeit zitieren
Carina Thaler (Autor), 2017, Die Spiegelfunktion der Meretlein-Novelle in Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377208

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