Die DDR-Konsumpolitik der Ära Honecker als Mittel der Systemlegitimation


Hausarbeit, 2017
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wende in der Konsumpolitik
2.1 Konsum unter Ulbricht
2.2 Honeckers „Neue Hauptaufgabe“

3. Staatliche Konsumpolitik
3.1 Investitionen und Handel
3.2 Angebots und Preispolitik

4. Nachfrage und Beschaffungswege
4.1 Versorgung mit Konsumgütern
4.2 Einkommen und Zugang zu Konsumgütern

5. Handelsbeziehungen ins Ausland
5.1 Export
5.2 Import und Staatsverschuldung

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Konsum in Osteuropa war primär eine Entscheidung der Politik und damit von der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft abgekoppelt. Er war eingebettet in eine Strategie der Herrschaftslegitimation und Machtbehauptung der kommunistischen Parteien."1 Mit der Konsumwirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) assoziiert man augenblicklich frustrierte Bürger in langen Warteschlangen und vor leergekauften Regalen. Der Mangel gilt als Hauptcharakteristikum der Wirtschaftspolitik. Daher mag es verblüffend erscheinen, dass die politische Führung in den siebziger und achtziger Jah- ren die Konsumpolitik als Mittel zur Systemlegitimation wählte. Die vorliegende Arbeit beschreibt und bewertet dies anhand der Fragestellung, inwieweit die Konsumpolitik der Ära Honecker der Systemlegitimation dienlich war.

Um die konsumpolitischen Maßnahmen hinsichtlich der Erfüllung ihres Zwecks bewerten zu können, müssen diese in einem ersten Schritt beschrieben und von der bisherigen Konsumpolitik abgegrenzt werden. Davon ausgehend kann ihre Wirksamkeit anhand der ausgewählten Quelle und Literatur beurteilt werden.

Um dies zu erleichtern, teile ich Honeckers konsumpolitische Maßnahmenkatalog in drei Bereiche auf: staatliche Konsumpolitik, Nachfrage und Beschaffungswege sowie Han- delsbeziehungen ins Ausland. Diese werden wiederum in jeweils zwei Abschnitte unter- teilt. Nachdem der deskriptive Anteil jedes Abschnitts erarbeitet wurde, schließe ich je- weils die Einordnung unter dem Aspekt der Systemlegitimation an. Aus den Ergebnissen dieser Untersuchung werde ich schließlich im Fazit meine Position bezüglich der Frage- stellung erläutern.

Dadurch, dass der Untersuchungsgegenstand die Konsumpolitik der Ära Honecker ist, erfolgt eine konkrete zeitliche Zäsur. Es wird nicht näher auf den Konsum in der PostDDR-Zeit eingegangen, da das System, dessen Legitimationsversuche untersucht werden, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existierte.

In der vorliegenden Arbeit wird nicht auf viele verschiedene Einzelbeispiele der Kon- sumgüterindustrie eingegangen, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Zudem sind die Grundtendenzen sehr ähnlich und laufen im Regelfall bezüglich des Aspektes der Systemlegitimation auf dasselbe Ergebnis hinaus.

Die Ausgabe des statistischen Jahrbuchs der DDR von 1990 dient der statistischen Methodik. Die statistischen Jahrbücher, herausgegeben von der staatlichen Zentralverwaltung für Statistik, umfassen neben geographischen, kulturellen und demographischen Daten sämtliche Bereiche der DDR-Wirtschaft. Der gewählte Jahrgang enthält zuvor unveröffentlichte oder manipulierte Daten und umfasst die gesamte Ära Honecker. Zudem wirkten erstmals Forscher aus der BRD daran mit.2

Was die Forschungsliteratur betrifft wird mit dem aktuellen Forschungsstand gearbeitet. André Steiner liefert mit seinem Werk „Von Plan zu Plan“ eine detaillierte Darstellung der DDR-Wirtschaftspolitik. Anne Kaminskys Monografie ist derzeit eines der wenigen Werke die derzeit eine Gesamtdarstellung des Konsums in der DDR liefert. Peter Skybas Artikel, der ältere in Zusammenarbeit mit Christoph Boyer, befassen sich mit der Wirt- schaftspolitik unter Honecker mit besonderem Fokus auf dem Aspekt er Systemlegitima- tion. Stephan Merls Artikel über den Konsum in Russland und Ostmitteleuropa setzt den Konsum in der DDR in den Kontext der anderen sozialistischen Staaten, wohingegen die anderen Werke hauptsächlich den Konsum in der BRD als Vergleich nutzen.

2. Wende in der Konsumpolitik

2.1. Konsum unter Ulbricht

Ulbricht konzentrierte die staatliche Investitionskraft vornehmlich auf die Modernisie- rung der Schwerindustrie. Durch diese Schwerpunktsetzung wurde die Konsumgüterin- dustrie vernachlässigt, was zu einer Versorgungskrise führte.3 Sein wirtschaftspolitisches Ziel war es, auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig mit den nichtsozialistischen Staaten zu werden. Das Unterfangen scheiterte und mündete in eine gesamtwirtschaftliche Krise.4

Die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) machte Walter Ul- bricht Vorwürfe ökonomischer Fehlplanung. Unverhältnismäßige Priorisierung einiger Wirtschaftszweige, Vernachlässigung der Konsumgüter- und der Wohnungsbauindustrie sowie das Bestehen letzter Privatbetriebe waren die Hauptkritikpunkte. Durch die Schwä- che der Konsumgüterindustrie waren Importe aus der BRD erforderlich, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. Dies brachte eine zunehmende Staatsverschuldung gegenüber der BRD mit sich, welche ebenfalls als Kritikpunkt angeführt wurde. Dies führte schlussendlich dazu, dass am 03.05.1971 verkündet wurde, Walter Ulbricht habe das Zentralkomitee (ZK) gebeten ihn aus Altersgründen zu entlassen. Dieser angeblichen Bitte wurde nachgegeben, wonach Erich Honecker einstimmig durch das ZK als deren neuer Erster Sekretär gewählt wurde. Dieser Führungswechsel leitete eine Zäsur in der Konsumpolitik der Deutschen Demokratischen Republik ein.5

Für Honecker war das Erhöhen des Lebensstandards oberstes ökonomisches und politi- sches Ziel. Hauptargument war, dass ein höherer Lebensstandard die Arbeitsmotivation steigere und so längerfristig zu Wirtschaftswachstum führe. Dieser Gedankengang nahm bis zum Systemzusammenbruch 1989 die zentrale Stellung in der Wirtschaftspolitik ein. Diese neue "Lebensstandardpolitik" umfasste neben den üblichen Bereichen der Sozial- politik auch das Arbeitseinkommen und die Konsumgüterindustrie, weswegen die Ge- samtstrategie als "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" benannt wurde.6

2.2 Honeckers neue „Hauptaufgabe“

Wie Steiner prägnant zusammenfasste: „Mit dem Wechsel von Ulbricht zu Honecker an der SED-Spitze wurden die Grundlinien der Wirtschaftspolitik neu definiert.“ Nach dem Scheitern der Wirtschaftspolitik Ulbrichts musste eine neue Strategie entwi- ckelt werden, um die Herrschaft zu sichern und im internationalen Vergleich wettbe- werbsfähig zu bleiben.7 Honecker beschrieb die neue „ökonomische Hauptaufgabe“ als die „Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes auf der Grund- lage eines hohen Entwicklungstempos der sozialistischen Produktion, der Erhöhung der Effektivität, des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und des Wachstums der Ar- beitsproduktivität.8

Der neue wirtschaftspolitische Schwerpunkt war demnach nicht mehr im schwerindustriellen Bereich verortet, sondern in der Konsumgüterindustrie. Deren Förderung sollte, zusammen mit sozialpolitischen Maßnahmen, die zu eben angesprochene Zufriedenheit und Arbeitsmotivation der Bürger erhöhen. 9

Folgende sozialpolitische Maßnahmen wurden eingeleitet: Erhöhung von Mindestlöhnen und Niedrigeinkommen, mehr Urlaubstage, Steigerung der Renten, Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für Mütter (mehr Mutterschaftsurlaub, Arbeitszeitverkürzungen, etc.) und Ehe-Kredite. Die zweite Säule des sozialpolitischen Programms Honeckers war das umfangreiche Wohnungsbauprojekt.10 Diese konsum- und sozialpolitischen Maßnahmen wurden vor dem Hintergrund vermehrter Streiks zwischen Herbst 1970 und Frühjahr 1971, den Unruhen in Polen und dem omnipräsenten Vergleich mit dem hohen Konsumniveau in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) gewählt.11

Dieses Vorgehen entspricht dem Modell der sogenannten "Fürsorgediktatur." In dieser werden neben "harten Herrschaftsmechanismen" wie der politischen Justiz und der Geheimpolizei "weiche Herrschaftsmechanismen" eingesetzt. Diese zielen darauf ab, dass soziale Sicherung und materielle Leistungen die Bevölkerung positiv gegenüber der politischen Führung zu stimmen, um Loyalität und Identifikation zu schaffen.12 Die Staatliche Planungskommission, der Finanzminister und die Präsidentin der Staatsbank machten 1971 darauf aufmerksam, dass die geplanten Maßnahmen nicht gesichert und ausgeglichen seien. Beispielsweise, dass die Finanzierung vorgesehener Importe nicht durch genügend Exporte gewährleistet sei.13

3. Staatliche Konsumpolitik

3.1 Investitionen und Handel

Die staatlichen Investitionen konzentrierten sich gemäß dem neuen Kurs auf die Kon- sumgüterindustrie und den Wohnungsbau. Es war geplant, bis 1990 die weitverbreitete Wohnungsnot zu beenden. Bis 1989 gelang es tatsächlich, 1,8 Millionen neue Wohnun- gen zu bauen.14 Allerdings blieben kaum Mittel für die dringend erforderliche Renovie- rung des alten Wohnraums, weswegen die Wohnsituation insgesamt nicht verbessert wer- den konnte.15

Honeckers Politik basierte auf der Annahme, die starke Subventionierung der grundständigen Konsumbedürfnisse stelle einen Leistungsanreiz für die Bürger dar, welcher wiederum zu höherer Produktivität und langfristigem Wirtschaftswachstum führe. Entgegen dieser Annahme schafften diese Subventionen zusammen mit der Lohnfestsetzung und Vollbeschäftigungsgarantie keinen Leistungsanreiz.16

Diese Subventionen, die hohen Mietsubventionen ausgeschlossen, wuchsen zwischen 1970 und 1982 von 7,4 Milliarden auf 21,5 Milliarden Mark.17 Die SED fürchtete eine Destabilisierung ihrer Macht.18 In der DDR mussten schließlich nur zum Niedrighalten der Lebensmittelpreise circa 32 Milliarden jährlich ausgegeben werden.19

Dadurch, dass Produktionsziele und Preise staatlich reguliert wurden, fungierte der Han- del in der sozialistischen Planwirtschaft ausschließlich als Instanz zur Warenannahme- und Verteilung.20 Doch wurden Mangelwaren in einem inoffiziellen System verteilt, wel- ches hauptsächlich auf persönlichen Beziehungen zu Verkaufs-, und/oder Produktionsan- gestellten fußte. Diese Tauschgeschäfte auf dem „grauen Markt“ entzogen die gehandelte Ware aus dem offiziellen Sortiment, was die Versorgungskrise intensivierte.21

[...]


1 Merl, Stefan: Staat und Konsum in der Zentralverwaltungswirtschaft. Russland und die ostmitteleuropä- ichen Läder, in: Hannes Siegrist (Hrsg.): Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kultur- geschichte des Konsums (18. bis 20. Jh.), Frankfurt am Main, New York 1997, S. 205-241, hier: S.206.

2 Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004. S. 266.

3 Staatliche Zentralverwaltung für Statistik: Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1989. Berlin 1990, S. 291.

4 Steiner 2004, S. 165.

5 Anna Kaminsky: Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, S. 117.

6 Skyba, Peter: Konsumpolitik in der DDR 1971 bis 1989. Die Verbraucherpreise als Konfliktgegenstand, in: Rolf Walter (Hrsg.): Geschichte des Konsums. Erträge der 20. Arbeitstagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 23. - 26. April 2003 in Greifswald (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Beihefte 175), Stuttgart 2004, S. 343-366, hier S. 345.

7 Merl 1997, S. 225.

8 Boyer, Christoph/Skyba, Peter: Sozial- und Konsumpolitik als Stabilisierungsstrategie. Zur Genese der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" in der DDR, in: Deutschland Archiv 32 (1999), S. 577-590, hier S. 577.

9 Steiner 2004, S. 167.

10 Ebd., S. 172.

11 Ebd., S. 168.

12 Boyer/Skyba 1999, S. 578.

13 Steiner 2004, S. 171.

14 Statistisches Jahrbuch 1990, S.168.

15 Merl 1997, S. 220.

16 Ebd., S. 233-234.

17 Statistisches Jahrbuch 1990, S. 105.

18 Merl 1997, S. 212.

19 Ebd., S. 236-237.

20 Kaminsky 2001, S. 232.

21 Ebd., S 152.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die DDR-Konsumpolitik der Ära Honecker als Mittel der Systemlegitimation
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V377260
ISBN (eBook)
9783668546820
ISBN (Buch)
9783668546837
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konsumgeschichte, DDR, Honecker, DDR-Wirtschaftspolitik, DDR-Konsumpolitik
Arbeit zitieren
Natalie Mez (Autor), 2017, Die DDR-Konsumpolitik der Ära Honecker als Mittel der Systemlegitimation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377260

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