In der heutigen Gesellschaft wird häufig behauptet, dass Kinder und Jugendliche nicht „richtig“ erzogen sind. Ohne mich damit beschäftigen zu können, ob die Vorwürfe wirklich zutreffend sind, möchte ich mögliche Gründe für die Vernachlässigung der Erziehung anführen. An diesen Punkten kann ich dann im weiteren Verlauf meiner Arbeit erläutern, welche Gründe für und gegen die Erziehung in der Ganztagsschule bzw. der Erziehung außerhalb der Familie sprechen. Ich habe diese Hausarbeit auf viele Zitate gestützt, um die unterschiedlichen Meinungen zu verdeutlichen und auch die andauernde Beschäftigung mit diesem Thema aufzuzeigen. Denn wie und wo Erziehung stattfinden sollte ist eine ständige Debatte.
Die Ganztagsschuldiskussion ist momentan sehr aktuell. Die meisten Begründungen laufen jedoch alle auf die PISA-Studie hinaus, die als Anlass für den Umbau des deutschen Schulsystems gesehen wird. Gründe, wie die Vernachlässigung der Kinder durch ihre Eltern, die schon länger existieren, werden leider nur sehr selten angesprochen. Aus diesem Grund habe ich versucht diese Debatte schwerpunktmäßig auf sozial-gesellschaftliche Veränderungen im Laufe der Zeit, im Besonderen innerhalb der Familie zu untersuchen und Faktoren aus dem Bereich der Politik und der PISA-Studie möglichst auszugrenzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Entstehung der Ganztagsschuldebatte
2.1. Hintergründe „fehlender“ Erziehung
2.2. Mögliche Ursachen für mangelnde familiale Erziehung
3. Die Ganztagsschule als Kompensierung familialer Erziehungsdefizite
4. Gründe für eine Ablehnung der Ganztagsschule
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die zentrale Fragestellung, ob familiale Erziehung durch pädagogische Maßnahmen innerhalb der Ganztagsschule ersetzt werden kann. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit gesellschaftliche Veränderungen und ein angebliches Erziehungsdefizit in Familien die Debatte um den Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland prägen.
- Historische Entwicklung der Ganztagsschuldebatte in Deutschland
- Analyse sozial-gesellschaftlicher Hintergründe für wahrgenommene Erziehungsdefizite
- Die Rolle der Ganztagsschule als kompensatorische Einrichtung
- Kritische Gegenpositionen zur Vergesellschaftung von Erziehung
- Das Spannungsfeld zwischen staatlichem Bildungsauftrag und elterlicher Erziehungspflicht
Auszug aus dem Buch
2. Entstehung der Ganztagsschuldebatte
Die Halbtagsschule in Deutschland hat eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert gehörte die ganztägige Schule zwar noch zum Alltag der Kinder, aber seit der Jahrhundertwende, hat sich die Vormittagsschule durchgesetzt. Deswegen wurde nur in geringem Maße auf Forderungen nach Ganztagsschulsystemen, die es schon seit Beginn des 20 Jahrhunderts („Landerziehungsheime“, siehe auch Kap 2.1.) gegeben hat, eingegangen.1
Das erste gezielte Gründungsvorhaben für Ganztagsschulen entstand in der Nachkriegszeit als Reaktion auf sozialpolitische Probleme. Die hohe Anzahl an unvollständigen Familien, die häufige Erwerbstätigkeit der Mutter und daraus resultierende Belastungen für die Kinder, sollten durch die Ganztagsschule aufgefangen werden. Die Ganztagsschule sollte also vor allem zur Betreuung von unversorgten Kindern dienen.2
Anfang der neunziger Jahre kam mit der Wiedervereinigung eine gewisse Bewegung in die Diskussion, zeigten doch die Probleme bei der Transformation des Erziehungssystems der DDR, dass die Ganztagserziehung Ost möglicherweise nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile gehabt hatte. Vor allem aber lässt die Ende 2001 veröffentlichte internationale Schulstudie PISA die deutsche Halbtagsschule in einem anderen Licht erscheinen – und zwar nicht etwa in zukunftsweisendem hellem Glanz, sondern eher in rückständigem Schein.3
Die jetzige Debatte ist also auch wieder eine Reaktion auf gesellschaftliche Probleme. Der Auslöser ist die PISA-Studie und das Erschrecken der Deutschen, dass ihre Schulkinder ungebildeter sind als der Durchschnitt aller teilnehmenden Länder. Abgesehen von der Bildung scheint es aber auch immer schlechter auszusehen mit der Erziehung. Es werden „Kopfnoten“ verlangt und überall wird von „Werteverfall“ gesprochen. Nun soll die Ganztagsschule diese Probleme aufgreifen und lösen, denn viele denken, dass die deutsche Halbtagsschule (ein Ausnahmefall in Europa) Schuld an der ganzen Misere ist. Denn „Länder mit Ganztagsschulsystemen, […] [schneiden] deutlich besser ab als diejenigen, die wie Deutschland Schule auf wenige Stunden Unterricht am Vormittag konzentrieren.“4
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Die Autorin legt die Fragestellung dar, ob Ganztagsschulen familiale Erziehung ersetzen können, und grenzt den Fokus der Arbeit auf gesellschaftliche Veränderungen ein.
2. Entstehung der Ganztagsschuldebatte: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung der Schulformen in Deutschland und analysiert, warum die PISA-Studie die aktuelle Debatte maßgeblich beeinflusst hat.
2.1. Hintergründe „fehlender“ Erziehung: Hier wird der Einfluss der antiautoritären Bewegung der 68er-Jahre auf das elterliche Erziehungsverhalten und die Wahrnehmung von Schule beleuchtet.
2.2. Mögliche Ursachen für mangelnde familiale Erziehung: Das Kapitel untersucht strukturelle Veränderungen in Familien sowie den Zeitmangel der Eltern als Faktoren für die aktuelle pädagogische Situation.
3. Die Ganztagsschule als Kompensierung familialer Erziehungsdefizite: Die Argumente von Befürwortern werden dargestellt, die in der Ganztagsschule ein notwendiges Instrument zur Förderung von Chancengleichheit sehen.
4. Gründe für eine Ablehnung der Ganztagsschule: Hier werden kritische Stimmen angeführt, die vor einer Überforderung der Schule warnen und auf die im Grundgesetz verankerte Erziehungspflicht der Eltern verweisen.
5. Fazit: Die Autorin fasst zusammen, dass eine Kooperation zwischen Schule und Elternhaus angestrebt werden sollte, statt die Erziehungsverantwortung einseitig zu verschieben.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen, Fachliteratur und Zeitungsbeiträge, die der Argumentation zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Erziehungsdefizit, Familiale Erziehung, Schulentwicklung, PISA-Studie, Erziehungsauftrag, Sozialisation, Antiautoritäre Erziehung, Bildungschancen, Elternverantwortung, Gesellschaftlicher Wandel, Erziehungspartnerschaft, Familienstrukturen, Halbtagsschule, Werteverfall
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der aktuellen Debatte um die Einführung von Ganztagsschulen in Deutschland und der zentralen Frage, ob diese Einrichtungen familiale Erziehungsdefizite ausgleichen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die historische Entwicklung des deutschen Schulsystems, die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf Familienstrukturen und die kritische Auseinandersetzung mit der Verlagerung erzieherischer Aufgaben von der Familie auf die Schule.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Argumente für und gegen die Ganztagsschule im Kontext der Erziehungsdebatte zu analysieren und zu hinterfragen, ob Schule tatsächlich als Ersatz für die Erziehung im Elternhaus dienen kann oder sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der aktuelle Debatten, Studien (wie PISA) und theoretische Positionen aus der Pädagogik und Politik zusammengeführt und kritisch diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Entstehung der Ganztagsschuldebatte, die Hintergründe für wahrgenommene Erziehungsdefizite, die Argumente für eine kompensatorische Funktion der Schule sowie die rechtlichen und pädagogischen Gegenargumente detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Ganztagsschule, familiale Erziehung, Erziehungsdefizit, PISA-Studie, Elternverantwortung und Chancengleichheit.
Welche Rolle spielt das Grundgesetz in der Argumentation der Kritiker?
Kritiker führen das Grundgesetz an, um zu betonen, dass die Erziehung der Kinder primär das Recht und die Pflicht der Eltern ist, was durch staatliche Ganztagsangebote nicht umgangen werden darf.
Wie steht die Autorin zu einer möglichen Lösung?
Im Fazit plädiert die Autorin für ein kooperatives Modell, in dem Schule und Elternhaus zusammenarbeiten, wobei die Ganztagsschule die Eltern beratend unterstützen und nicht allein durch Betreuung ersetzen sollte.
- Quote paper
- Cornelia Tietzsch (Author), 2004, Das Argument des familialen Erziehungsdefizits in der Ganztagsschuldebatte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37729