Jiddisch. Entwicklung, Ausbreitung und Auswirkung auf die deutsche Sprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Bezeichnung „Jiddisch“

2. Die Entwicklung des Jiddischen

3. Die Einteilung des Jiddischen in Epochen
3.1. Das Urjiddische:
3.2. Das Altjiddische
3.3. Das Mitteljiddische:
3.4. Das Neujiddische:

4. Die Ausbreitung des Jiddischen
4.1. Westjiddischer und Ostjiddischer Sprachraum
4.2. Westjiddisch:
4.3. Ostjiddisch:

5. Zusammensetzung der jiddischen Sprache
5.1. Bairisch-Österreichische Komponente:
5.1.1. Die Entrundung der Vokale:
5.1.2. Das Hilfsverb sajn:
5.1.3. Diminutivformen:
5.2. Hebräisch-aramäische Komponente:
5.3. Slawische Komponente:
5.4. Romanische Komponente:

6. Rotwelsch
6.1. Deutung des Sprachnamens
6.2. Rotwelsch als Sonder- oder Geheimsprache

7. Jiddismen im Deutschen

Ergebnis

Einleitung

Im Laufe des letzten Jahrtausends sind die Juden ein mehrsprachiges Volk geworden. Zunächst drängte das Aramäische das Hebräische langsam zurück, später wandelte es sich unter jüdischem Einfluss. Bald wurde kein einheitliches Jüdisch-aramäisch mehr gesprochen, sondern es bildeten sich Gruppen, die sich auch anderer Sprachen bedienten.

Heute spricht man von vier Gruppen, die durch ihre Entwicklung und Ausprägung besonders hervorgehoben werden: die Jüdisch-Aramäische, die Jüdisch-Arabische, die Jüdisch-Spanische und die Jiddische[1].

Die jiddische Gruppe ist diejenige, welche am meisten gesprochen wird und nimmt somit die größte Bedeutung der vier Genannten ein.

Die jiddische Sprache soll in dieser Arbeit näher betrachtet werden, dabei ist Ziel dieser Arbeit aufzuzeigen, wie und woraus sich die jiddische Sprache entwickelt hat, warum und wie sie sich ausgebreitet hat.

Desweiteren soll darauf eingegangen werden, welche Bedeutung Jiddismen in der heutigen Gegenwartssprache einnehmen. So soll der Einfluss der deutschen Sprache auf die Jiddische betrachtet und der Einfluss der Jiddismen auf das Deutsche aufgezeigt werden.

Zum Abschluss findet die rotwelsche Sprache als Sondersprache Beachtung, genauer wird hier auch auf die Namengebung der Sondersprache eingegangen. Weiterhin werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich der rotwelschen und jiddischen Sprache herausgestellt und es wird geprüft, inwiefern Rotwelsch eine Sonderform des Jiddischen ist.

1. Zur Bezeichnung „Jiddisch“

Die Bezeichnungen „Jüdisch“ und „Jiddisch“ benennen ursprünglich das Gleiche und beziehen sich auf die Sprache, die von den deutschen Juden gesprochen wird. Im Jiddischen selbst bezeichnet man das Jiddische als Mameloschn.

„Jiddisch“ geht zurück auf das deutsche Adjektiv jidisch, was dem mittelhochdeutschen jüdisch entspricht, denn im Zuge der Entrundung hat sich das ü zum i gewandelt. Durch die aus Deutschland nach England auswandernden Juden verbreitete sich dort das Wort und wurde lautgerecht ins Englische transkribiert. Erst anschließend wurde es wieder vom Englischen ins Deutsche integriert und ist als solches in deutschen Kontexten erst im 20. Jahrhundert usualisiert worden[2].

Das Jiddische ist eine Nah- oder Nebensprache des Deutschen, die aus mittelhochdeutschen Dialekten hervorgegangen ist. Sie wird aschkenasische Sprache genannt, abgeleitet von loschen aschk'nas: deutsche Sprache, erez aschkenas ist die hebräische Bezeichnung für Deutschland.

Aschkenasim bezeichnen den mittel- und osteuropäischen Teil des Judentums im deutschen Sprachraum und umfassen nicht nur die deutschen und österreichischen Gebiete, sondern auch den Norden Frankreichs und Italiens.

Die deutschsprechenden Juden werden auch Aschkenasim genannt[3].

2. Die Entwicklung des Jiddischen

Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert wanderte erstmals eine größere Anzahl von Juden in den deutschen Sprachraum ein. Die Juden sprachen Hebräisch sowohl in der Sakral- und Literatursprache als auch in der Umgangssprache und es stellt sich die Frage, warum sich vor etwa 1000 Jahren eine neue Sprache, die jiddische Sprache, zu entwickeln begann, wenn diese doch nur zur gruppeninternen Kommunikation zu dienen hatte. So hätten die Juden doch, wie in anderen Einwanderungsgebieten auch, ihre Muttersprache beibehalten können. Es muss also ein Grund erkennbar sein, der erläutert, warum sich die jiddische Sprache herausbildete. Es ist jedenfalls soviel gewiss, dass bei dem Bestreben nach Einbindung in eine Gesellschaft die Sprache notwendiger Weise assimiliert wird. Wo kein Wert auf Integration in eine Gesellschaft gelegt wird, wird die Muttersprache kaum anderssprachige Züge annehmen.

Wie und warum entwickelte sich also das Jiddische als neue Sprache heraus? Diese Frage ist schwer zu beantworten und es kann nur gemutmaßt werden, da aus den ersten Jahrhunderten, nach der Niederlassung der Juden im deutschen Sprachraum keinerlei Schriften erhalten sind.

Auf die Frage, warum sich das Jiddische herauszubilden begann, gibt Birnbaum folgende Antwort: „Ihre geistige Eigenart, die in dem Kleide einer von der deutschen weltweit entfernten Kultur lebte, mußte in dem übernommenen Material einen Ausdruck suchen“[4].

Aus dem 16. Jahrhundert seien einige Berichte mündlich überliefert, schreibt Bettina Simon in ihrem Werk „Jiddische Sprachgeschichte“. Aus diesen Überlieferungen kann geschlussfolgert werden, dass sich „nach der Übernahme der deutschen Sprache judenspezifische Besonderheiten herausgebildet haben“. Auch lasse sich aufgrund der Gesetzmäßigkeit der Dialektik feststellen: „Eine besondere jüdische Entwicklung der angenommenen deutschen Sprachsubstanz kann nur auf dem Widerspruch zwischen regem Kontakt mit der nichtjüdischen Umwelt und relativer Isolierung innerhalb der eigenen Gemeinschaft beruhen“[5].

Ob die Juden und Nichtjuden in ihrem täglichen Umgang einmal das gleiche Deutsch sprachen ist eher ungewiss, wobei man in der Forschung dazu neigt, von einer gemeinsamen deutschen Sprache auszugehen. Landmann schreibt in ihrer Schrift „Jiddisch. Das Abenteuer einer Sprache“ sogar von einem wirklichen Kuriosum: „ein jüdischer Minnesänger; Süßkind von Trimberg...“ und behauptet, dass die Juden „in ihrem täglichen Umgang [...] auch dasselbe deutsch wie alle anderen“ sprachen[6].

Dementgegen erklärt Birnbaum, dass die Ansicht, Juden und Nichtjuden haben das gleiche Deutsch gesprochen, unrichtig sei. Das hieße, dass die Juden Deutschland verlassen hätten und „daß also die neue Sprache erst im Osten entstanden sei und dann erst durch die Rückströmenden zu den in Deutschland gebliebenen Juden gebracht worden sei“. Doch der These widerspricht, meint Birnbaum, die im großen und ganzen vorhandene Einheitlichkeit, die man in der Literatursprache von Polen bis Amsterdam noch feststellen kann, zu einer Zeit, bevor die Juden abgewandert sind[7].

Die zunehmende Isolierung der Juden und deren Auswirkung auf die Sprache

Als Auslöser der Isolierung der Juden von den Nicht-Juden sieht Landmann das Laterankonzil von 1215[8].

1215 berief der Papst Innozenz III das 4. Laterankonzil ein, was mit der Teilnahme von über 1200 Bischöfen und Äbten als das Bedeutendste des Mittelalters gilt[9]. Die Ziele dieses Konzils waren es, den katholischen Glauben zu verteidigen und vor Bedrohungen durch Glaubensgegner zu schützen. Glaubensgegner galten als Ketzer, gegen die Verfahren geführt und Strafen in Form von Gütereinzug und Verbannung vollzogen wurden.

Juden und Muslime wurden im Rahmen dieses Konzils zum Tragen einer Tracht gezwungen, welche sie sichtlich von den Christen unterscheiden sollte.

Aus den ehemals freiwillig gebildeten Judenvierteln wurden Zwangsghettos und die Nicht-Juden zogen sich aus der sozialen Umwelt zurück beziehungsweise wurden zurück gedrängt.

Diese unfreiwillige Isolation sowie die von außen verordnete räumliche sowie soziale Absonderung der Juden von ihrer christlichen Umgebung brachte es mit sich, dass sich der deutsche Wortschatz der Juden nicht mehr so stark weiter entwickelte, hingegen flossen umso mehr hebräische und jüdisch-aramäische Elemente in die mittelhochdeutsche Sprache ein. Die Eigenart der von Juden gesprochenen Sprache prägte sich fortlaufend stärker aus.

Anfangs wurden nur Wörter gebraucht, für die sich in der deutschen Sprache keine Entsprechungen fanden, später begann man aber auch deutsche Wörter durch hebräische zu ersetzen. Landmann schreibt: „Es [das Deutsch] vermischte sich immer mehr mit hebräischen Elementen, glich sich auch dem Klang ein wenig den semitischen Idiomen an, wurde allmählich zu einer Sondersprache, zum ‚Judenteutsch’ “[10].

Die Sondersprache der Juden in Deutschland, wurde zunächst taitsch oder auch tatsch genannt, wobei das Substantiv taitsch soviel wie „Übersetzung“ oder „Bedeutung“ heißt.

Als wirklich eigene Sprache konnte sich das Jiddische aber erst durch die Abwanderung der Juden nach Osteuropa nennen. Durch die ständigen blutigen Verfolgungen während der Kreuzzüge waren die Juden gezwungen, nach Polen, Galizien, Ungarn, Rumänien und Russland auszuwandern. Ihre zum Teil aus Mittelhochdeutsch bestehende Sprache blieb erhalten, was dazu führte, dass im Jiddischen einige mittelhochdeutsche Wörter überlebten, die der deutschen Sprache verloren gingen[11].

Auch in anderen Sprachen vollzog sich eine solche oder zumindest eine ähnliche Entwicklung: beispielsweise das Judenspanische, auch Ladino oder Judesmo. Parallel zu den deutschsprechenden Juden, den Aschkenasim, heißen die spanischen Juden hier Sephardim. Der Begriff wurde ebenfalls aus dem Hebräischen hergeleitet, nämlich von S'farad, was die hebräische Bezeichnung für Spanien ist.

Zu bemerken ist, dass sich keine Nah- oder Nebensprache soweit von der jeweiligen Nationalssprache entfernt hat wie das Jiddische.

Aschkenasim und Sephardim unterscheiden sich sowohl durch unterschiedliche Lebensgewohnheiten, als auch durch die Umgangssprache und sogar heute noch durch ihre Festtagskleidung.

Bei den Nicht-Juden war diese Sprache nunmehr kaum noch verständlich, klang eher wie „unsinniges Gerede“[12]. So beurteilte der Hebraist Johann Christoph Wagenseil die jiddische Sprache in seinem im Jahr 1699 heraugegebenen Buch als „überaus lächerlich“[13].

Richard Wagner urteilt im Jahr 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank über die jüdische Sprache: „Im Besonderen aber widert uns die rein sinnliche Kundgebung der jüdischen Sprache an.“ und weiter: „Als durchaus fremdartig und unangenehm fällt unserem Ohr zunächst ein zischender, schrillender, summender und mucksender Lautausdruck (...) auf, ...“. Er spricht von einer „willkürlichen Verdrehung der Worte und Konstruktionen“ sowie „unerträglichem Geplapper“[14]. Damit bediente er ein nicht seltenes Vorurteil der Deutschen. An dem jiddischen Wort mauscheln „Jiddisch reden“ erkennt man heute noch die damals gesetzte negative Konnotation.

Bald wurden die Sprecher dieser nun verachteten Sprache als minderwertig eingestuft.

[...]


[1] Birnbaum, Salomo: Praktische Grammatik der jüdischen Sprache für den Selbstunterricht. S. 5

[2] Simon, Bettina: Jiddische Sprachgeschichte. S. 27ff.

[3] www.hagalil.com/jidish/cf-jid1a.htm (20.03.04)

[4] Birnbaum, Salomo: Praktische Grammatik der jüdischen Sprache für den Selbstunterricht. S. 8

[5] Simon, Bettina: Jiddische Sprachgeschichte. S.24

[6] Landmann, Salcia: Jiddisch. Das Abenteuer einer Sprache. S.38

[7] Birnbaum, Salomo: Praktische Grammatik der jüdischen Sprache für den Selbstunterricht. S.8

[8] Landmann, Salcia: Jiddisch. Das Abenteuer einer Sprache. S. 40

[9] www.hagalil.com/jidish/cf-jid.1a.htm (20.03.04)

[10] Landmann, Salcia: Jiddisch. Das Abenteuer einer Sprache. S.38

[11] Birnbaum, Salomo: Praktische Grammatik der jüdischen Sprache für den Selbstunterricht. S.6f;

Rosten, Leo: Eine kleine Enzyklopädie. S.28

[12] Althaus, Hans Peter: Zocker, Zoff & Zores, S.14

[13] Landmann, Salcia: Jiddisch. zitiert Wagenseil S. 39

[14] Althaus, Hans Peter: Zocker, Zoff & Zores, S.14

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Jiddisch. Entwicklung, Ausbreitung und Auswirkung auf die deutsche Sprache
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V37741
ISBN (eBook)
9783638370042
ISBN (Buch)
9783640868124
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jiddisch, Entwicklung, Ausbreitung, Auswirkung, Sprache
Arbeit zitieren
Cornelia Clauss (Autor), 2004, Jiddisch. Entwicklung, Ausbreitung und Auswirkung auf die deutsche Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37741

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