Die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit erläutert durch die Lehrsätze 1- einschließlich 34 des fünften Teils der "Ethica" von Baruch de Spinoza


Hausarbeit, 2017
15 Seiten

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung...3
1 Einführung in die Begriffe...4
2 Über die Macht des Verstandes oder über die menschliche Freiheit...7
3 Fazit...13
Quellenverzeichnis...15
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Einleitung
In dieser Hausarbeit möchte ich über die Lehrsätze 1 bis einschließlich 34 des fünften
Teils der ,,Ethica ­ in geometrischer Ordnung dargestellt" von Baruch de Spinoza (1632
- 1677) schreiben, die 1677 erstmals herausgegeben wird: ,,Von der Macht des
Verstandes oder von menschlicher Freiheit". Der fünfte Teil ist das letzte Kapitel seines
Hauptwerks, das nach seinem Tod erscheint. Bevor er die Macht des Verstandes
thematisiert, verzeichnet er seine Gedanken ,,Von Gott", ,,Von der Natur und dem
Ursprung des Geistes", ,,Von dem Ursprung und der Natur der Affekte" und ,,Von
menschlicher Knechtschaft oder von den Kräften der Affekte".
Die ,,Ethica" ist, wie ihr vollständiger Titel schon sagt, in geometrischer Ordnung
verfasst. Die fünf Teile des Buchs werden eingeleitet mit verschiedenen Definitionen,
Postulaten und Axiomen. Anschließend werden Lehrsätze aufgestellt, die durch Beweise
untermauert werden, sowie durch Anmerkungen erklärt und durch Folgesätze erweitert
werden.
Auch in dieser Arbeit sollen zuerst Begriffe eingeführt werden, die zum Verständnis der
Lehrsätze 1 bis einschließlich 34 des fünften Teils der ,,Ethica" von Bedeutung sind.
Anschließend werde ich meine Ausführungen zu den eben genannten Lehrsätzen
darlegen. In diesem Kapitel werde ich nicht vollständig auf die Macht des Verstandes
eingehen, sondern einzelne wesentliche Aspekte ausführen. Dabei werde ich mich erst
auf die Macht des Verstandes über den Körper beziehen und später einige Erklärungen
zur Tugend des Geistes, die unabhängig von der Dauer des menschlichen Körpers ist,
betrachten. Diese lehnen an den Gedankenverlauf der geometrischen Ordnung der
,,Ethica" an, welche im Jahr 1999 als deutsche Übersetzung von Wolfgang Bartuschat
herausgegeben wird. In dem abschließenden Fazit möchte ich die Aussagen über die
Macht des Verstandes, die sich durch die Erarbeitung der Lehrsätze 1 bis einschließlich
31 des fünften Kapitels der ,,Ethica" eröffnet haben, zusammenfassen.
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Baruch de Spinoza interessiert sich in seinem Hauptwerk allein für den menschlichen
Geist (Bartuschat 2012, S. 189). Er sucht nicht nach erkenntnistheoretischer Sicherheit,
sondern nur nach einer solchen der Ethik (Hampe 2008, S. 300).
Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, welche Kenntnisse durch die Lehrsätze 1-34
über die Macht des Verstandes bzw. die menschliche Freiheit gemacht werden können.
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Einführung in die Begriffe
Spinoza betrachtet einerseits grundlegende Affekte wie etwa die Begierde, die Lust und
die Unlust andererseits solche, die durch die Reflexion grundlegender Affekte entstehen.
Er spricht von Erregungen, die in dem Körper hervorgerufen werden und von Ideen
dieser Erregungen. Unter ,,Idee", welche ein Begriff des Geistes ist, versteht Spinoza
eine Form der aktiven Wahrnehmung (Spinoza 1999, S. 99 ff.). Ein Affekt kann eine
verworrene Idee einer Erregung des Körpers sein, unter der der Mensch leidet. Diese
Ideen werden als ,,inadäquat" bezeichnet. Es gibt aber auch diejenigen Ideen, die klar
und deutlich eingesehen werden können. Solche werden ,,adäquat" genannt. Diese
zeichnen sich durch Aktivität aus (Spinoza 1999, S. 223). ,,Adäquat" bedeutet, dass
Erkenntnisse deduktiv bestätigt werden (Yoshida 2004, S. 66). Die adäquaten Ideen des
Geistes beziehen sich notwendigerweise auf Gott und sind solche der Wahrheit. Alle
einzelnen Erkenntnisse die auf adäquate Weise verstanden werden, bilden den Begriff
,,Vernunft". Adäquate und inadäquate Ideen werden als Affekte des Geistes
zusammengefasst. Jeder Affekt ist ein naturnotwendiger Wesenszug des Menschen. Der
Mensch ist ohne die Affekte nicht denkbar. Sie unterliegen den Gesetzten der Natur. Die
Begrenzung eines Affekts wird durch einen anderen vollzogen. Affekte können nach
Spinoza nicht von der Vernunft beherrscht oder befreit werden. Die Freiheit der Affekte
kann erreicht werden, wenn ihre Notwendigkeit erkannt wird (Seidel 2007, S. 59 ff.).
Spinoza beschreibt in der ,,Ethica" drei Erkenntnisstufen, die sich dem Menschen
eröffnen. Zuerst hat der Mensch die Intuition. Das, was der Mensch später als Ganzes
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erkennen kann, sieht er hier noch nicht. Erst in der zweiten Erkenntnisstufe unterbreitet
sich ihm diese Idee eines Gesamtsystems, welches er hier erkennt. Durch die
Ratio/Vernunft, welche das entscheidende Charakteristikum der zweiten Erkenntnisstufe
ist, wird dem Menschen die Determination seiner selbst deutlich. So kann der
Schicksalsglaube, der in der ersten Erkenntnisstufe noch präsent wahr, hier abgelegt
werden. Die dritte Stufe der Erkenntnis, welche Spinoza die ,,scientia intuitiva" nennt ,
ist durch die Imagination charakterisiert. Hier kann der falsche Eindruck entstehen,
dass es in dieser Stufe nicht mehr um das gegenwärtige Leben geht. Trotz der
Imagination bleibt die dritte Erkenntnisstufe aber an dieses Leben gebunden (Bartuschat
2012, S. 189). Für den Menschen stellt sich die Idee heraus, dass Gott die erste Ursache
ist. Der Mensch begreift den Kausalzusammenhang, der als endgültige Idee mit Gott als
erster Ursache wirkt. ,,Gott ist in allem" ist die wahre Erkenntnis, die hier durchlebt
wird. Der Mensch gelangt zur Freiheit und zur Idee der Ideen, also zu Gott. Die
Erkenntnisstufen die er dabei durchläuft, stehen in graduellen Unterschieden
beieinander. Wenn Erkenntnisse verworren oder unklar sind, dann bleiben diese nicht
unbedingt in diesem Status, denn Spinoza erklärt diese in seiner Theorie als
korrigierbar. Vorausgesetzt ist allein die Erkenntnisfähigkeit des Einzelnen.
Gott ist in Spinozas ,,Ethica" eine singuläre Substanz. Gott ist die höchste Abstraktion,
das Unbedingte, das als Ursache von allem erscheint. Dieses unbedingte Wesen hat
unendlich viele Erscheinungsformen/Wirkungen, von denen jede Erscheinungsform
eine Essenz von Unendlichkeit und Ewigkeit ausdrückt (Spinoza 1999, S. 5f.). Die
restlichen erscheinenden Dinge werden als Attribute (Eigenschaften) oder Modi (Arten)
der Wirkung der Substanz ausgedrückt. Unter Attribut versteht Spinoza genauer das,
was der Intellekt als Essenz in der Substanz erkennt. Modi sind diejenigen Affektionen
der Substanz, durch welche die Attribute ausgedrückt werden. ,,Gott aber ist die reine,
schrankenlos unendliche Substanz, die aus unendlich vielen Attributen besteht, deren
jedes ein ewiges und unendliches Sein ausdrückt." (Vorländer 2004).
,,Ewig" ist die Existenz selbst, falls sie als etwas verstanden wird, das die notwendige
Wirkung aus der bloßen Definition eines ewigen Dings ist. Diese wird durch ewige
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Wahrheit erkannt. Ewigkeit kann nicht durch Dauer oder Zeit erklärt werden, auch wenn
man den Gedanken an Anfang und Ende aufgibt.
Dauer ist eine Fortsetzung des Existierens, welche unbestimmt ist. Dauer kann nicht
durch die Natur eines Dings oder durch die in ihr wirkende Ursache festgelegt werden
(Spinoza 1999, S. 101).
Die Substanz oder ,,causa sui" wird definiert als ,,das, was in sich selbst ist und durch
sich selbst begriffen wird" (Spinoza 1999, S. 5), anders formuliert, der Begriff
,,Substanz" bedarf keines anderen Begriffs, der ihn bildet (Spinoza 1999, S. 5). Sie ist
unendlich, unteilbar und ewig. Die Substanz ist singulär, denn zwei unterschiedliche
Substanzen könnten keine Wirkung aufeinander ausüben und zwei gleiche könnte man
nicht voneinander unterscheiden. Die Substanz ist als einzige freie Ursache festgelegt.
Alles außer der Substanz erfolgt aus Notwendigkeit. Sie wirkt nach ihren eigenen
Gesetzen der Natur (natura) immanent in den Dingen. Aus dieser Immanenz ergibt sich
eine begriffliche Begebenheit, die Natur und Gott sehr nah beieinander stehen lässt. Das
Wesen Gottes ist die natura naturans, die schaffende Natur (Vorläufer 2004).
Aus dem obersten Prinzip von allem, welche die Natur Gottes darstellt, folgt unendlich
vieles. Unter den vielen Modi befindet sich auch der menschliche Geist. Der
menschliche Geist (mens humana) ist definiert als die Idee des Körper, welche die
Erregungen des Körpers repräsentiert. Er ist befähigt, die Verfassung des menschlichen
Körpers zu begreifen. Der Mensch ist Geist, weil er mit dem Gegenstand des
menschlichen Körpers denkt. Dies wird über Empfindungen des Körpers möglich.
Allein der Körper ist die Thematik des menschlichen Geistes, weil wir außer Modi und
Körpern nichts wahrnehmen (Bartuschat 2012, S. 189).
Der Körper ist ein Modus. Er drückt die Essenz Gottes, wenn sie als ausgedehntes Ding
verstanden wird, auf eine bestimmte Art ausdrückt (Spinoza 1999, S. 99).
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Die menschliche Tugend bzw. die Macht des menschlichen Wesens ist des Menschen
Natur oder Essenz. Die Essenz des Menschen ist es, sofern es in seiner Gewalt steht,
etwas zu erreichen, das durch die Erkenntnis der Gesetze seiner eigenen Natur fixiert
wurde (Spinoza 1999, S. 383 ff.).
Ein Trieb ist der Zweck einer Handlung (Spinoza 1999, S. 383).
2
Über die Macht des Verstandes oder über die menschliche
Freiheit
,,1. Lehrsatz: Gerade so wie sich Gedanken und Ideen von Dingen im Geist ordnen und
verketten, so ordnen und verketten sich, genau entsprechend, die Affektionen des
Körpers oder die Vorstellungsbilder von Dingen im Körper." (Spinoza, 1999: S. 535).
Der Geist hat die Fähigkeit, die Affekte zu ordnen bzw. zu verketten. Die Verkettung
und Ordnung von Affekten geschieht gleichermaßen im Körper so wie im Geist. Der
Mensch kann durch jegliche Sinneseindrücke und äußere Ursachen affiziert werden.
Trennt er den Affekt von der Idee einer äußeren Ursache und verknüpft sie mit einer
anderen Idee, so wird die Empfindung gegenüber der Idee der äußeren Ursache zerstört
werden. Der Mensch hört auf unter einem Affekt zu leiden, sobald er eine klare Idee
von dem Affekt hat, unter dem er leidet. In diesem Moment verwandelt sich der Affekt
des Körpers in einen Affekt des Geistes, in eine Idee. Der Mensch leidet nicht mehr
unter ihm. Je deutlicher die Idee dieses Affektes ist, desto weniger wird der Mensch in
Leidenschaft gezogen. Dem Menschen ist es möglich, von jedem Affekt des Körpers
einen klaren Begriff zu bilden. Jeder dieser Affekte kann adäquat begriffen werden. Je
weniger dem Mensch ein Affekt bekannt ist und desto weniger er ihn erwartet, je größer
wird die Leidenschaft durch den Affekt. Wenn der Mensch einsieht, dass jeder Affekt
notwendig ist, hat er größere Macht über jeden einzelnen und leidet weniger unter ihm.
Ein Affekt ist umso größer, desto mehr Ursachen zusammentreffen, die ihn hervorrufen.
Trifft eine einzelne Ursache die diesen Affekt auslöst auf den Mensch, berührt es ihn
schwächer. Der Mensch leidet mehr bei einem gleichgroßen Affekt, der sich nur auf
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eine oder nicht so viele Ursachen bezieht. Affekte die unserer Natur nicht entsprechen
oder auch als ,,schlecht" bezeichnet werden, können den Menschen an einem dem
Verstand gemäßen Ordnen und Verketten von Affekten hindern. Der Mensch schafft es
den schlechten Ursachen wenig Beachtung zu schenken, indem er sich eigene Regeln
der Lebensweise setzt und sich durch starkes Einprägen dieser beim Eintreten einer
schlechten Ursache an diese Regel erinnert. Im Ordnen unserer Gedanken soll immer
dem Guten des Dings Beachtung geschenkt werden, damit das affizierte Handeln durch
Freude bestimmt wird. Ein armer Mensch soll nicht schlecht über die Laster der
Reichen oder den Missbrauch von Geld sprechen, sondern diesen mit Gleichmut
gegenüber treten. Der Geist wird dominiert von Vorstellungsbildern, die häufig durch
verschiedene Dinge hervorgerufen werden. Der Affekt der durch diese Dinge ausgelöst
wird, tritt umso häufiger auf. Es liegt nahe, dass wir Vorstellungsbilder mit anderen uns
klar erkennbaren Vorstellungsbildern verbinden, als mit solchen, die wir nicht deutlich
einsehen. Daraus folgt, dass ein Vorstellungsbild, das durch den Geist an ein anderes
anknüpft oder mit ihm verbunden ist, oft aufgerufen wird. Es gibt dabei mehr Ursachen,
die das Vorstellungsbild in dem Mensch hervorrufen. (Spinoza, 1999: S. 535ff.)
Durch den Geist können jegliche Bilder mit Gott in Verbindung gebracht werden. Jeder
Affekt kann klar erkannt werden, sodass der Geist imstande ist, die Ideen auf Gott zu
beziehen. Der Mensch, der sich und seine Affekte klar und deutlich einsieht tut dies in
der Nähe zu Gott. Spinoza spricht an dieser Stelle über die Liebe zu Gott, die dadurch
wächst, je mehr man sich und seine Affekte einsieht. ,,Diese Liebe zu Gott muss den
Geist am meisten einnehmen." (Spinoza, 1999: S. 535), denn sie ist mit den Affektionen
des Körpers, die sie nährt, verbunden. Gott wird nicht durch Affekte hervorgerufen.
Durch Gott kann kein Leiden entstehen, da die Ideen, die auf ihn bezogen sind, adäquat
und somit wahr sind. Da Gott nicht zu einer Vollkommenheit übergehen kann die von
anderer Größe ist, kann er nicht mit irgendeinem Affekt affiziert werden. Die Idee
Gottes ist vollkommen und wahr und wirkt im Menschen adäquat. So kann kein
menschlicher Geist jemals Gott hassen. Durch die Aktivität des Geistes bei der
Betrachtung Gottes kann es niemals zu Trauer oder einer anderen Leidenschaft während
der Einsicht dessen kommen. Wird Gott als erste Ursache und somit auch als die
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Ursache von Trauer gesehen, so wendet Spinoza ein: Erkennt man die wahre Ursache
von Trauer so hört sie auf eine Leidenschaft zu sein. Somit wird bei der Einsicht
darüber, dass Gott auch die Ursache für Trauer ist, Freude hervorgerufen. Wenn ein
Mensch Gott liebt, dann kann er nicht zu erreichen versuchen, dass diese Liebe erwidert
wird. Der Mensch würde damit ersehnen, dass Gott etwas anderes wäre, und das würde
in dem Mensch Trauer erzeugen. Die Liebe zu Gott kann nicht durch die Liebe zu Gott
eines anderen beeinflusst werden. Eifersucht und Neid sind Affekte, die in dieser
Hinsicht nicht entstehen können. Eher wird die Liebe zu Gott durch die Vorstellung
darüber, dass andere Menschen ebenfalls eine große Verbindung zu Gott haben,
gestärkt. Der Mensch wünscht geradezu den seinesgleichen die Erkenntnis Gottes,
sodass ein jeder in den Genuss der Liebe zu Gott kommt. Die Liebe zu Gott sei das
höchste Gut, nach dem wir nach dem Gebot der Vernunft verlangen könnten (Spinoza,
1999: S. 559). Jedes vernunftgeleitete Wesen erreicht durch die Erkenntnis Gottes das
höchste Gut der geistigen Affekte. Die Liebe zu Gott kann durch keinen Affekt zerstört
werden, er ist der beständigste (Spinoza, 1999: 535 ff.).
Dieser Trieb kann einerseits Ehrgeiz oder sogar Hochmut sein, aber wenn der Mensch
nach dem Gebot der Vernunft handelt, handelt er tugendhaft aus Moralität, die mit der
Aktivität des Geistes zusammenhängt. Solche Triebe, die Leidenschaften sind,
entspringen aus inadäquaten Ideen. Andererseits werden Triebe zur Tugend gezählt, die
durch adäquate Ideen geschaffen werden. Alle Triebe können von adäquaten wie
inadäquaten Ideen hervorgerufen werden. Das vortreffliche Heilmittel der Affekte ist die
wahre Erkenntnis, die nicht von unserer Gewalt abhängt, weil der Geist keine andere
Macht hat, als adäquate Ideen zu bilden (Spinoza, 1999: S. 236 f.) Dies wird schon im
dritten Teil von Spinozas Ethik dargelegt: ,,Lehrsatz 3: Die Aktivitäten des Geistes
entspringen allein adäquaten Ideen, während die Formen des Erleidens allein auf
inadäquaten Ideen beruhen." (Spinoza, 1999: S. 237). Die Affekte, die der Vernunft
entspringen, können diejenigen Affekte zeitlich übersteigen, von denen wir (noch) kein
klares und deutliches Vorstellungsbild haben. Des Weiteren verfügt der Geist über eine
Vielzahl an Ursachen, von denen solche Affektionen gespeist werden, die im
Zusammenhang mit gleichen Eigenschaften oder Gott stehen. An dieser Stelle sollen
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einige Hinweise gegeben werden. Ein Affekt erscheint groß etwa durch einen Vergleich
desselben mit einem anderen Menschen, der darunter minder leidet. Wenn der Mensch
die eigenen Affekte untereinander vergleicht, so ist es ihm möglich wahrzunehmen,
welche Affekte ihn mehr bewegen. Denn die Kraft eines jeden Affekts werde von der
Macht der äußeren Ursache her definiert, die mit unserer Macht auf einer Stufe stehe
(Spinoza, 1999: S. 561). Die Macht des Geistes besteht in den Erkenntnissen. Die
Passivität des Geistes lässt den Menschen ohnmächtig sein. Die Ohnmacht oder das
Leid entsteht durch inadäquate Ideen. Der Mensch leidet also umso mehr, je mehr
inadäquate Ideen er hat. Er ist geprägt durch Ohnmacht und Leidenschaften, wenn er
hauptsächlich inadäquate Ideen hat, also, wenn sein Geist nicht aktiv ist. Umgekehrt ist
derjenige Geist eines Menschen durch Aktivität erkennbar, der vermehrt adäquate Ideen
hervorbringen kann. Die Dominanz besteht in diesen Ideen, die häufiger in dem
Menschen vorkommen. Spinoza bringt die Aktivität des Geistes mit der Tugend eines
Menschen in Verbindung. Unglück und Gram, sowie Feindseligkeiten, Verdächtigungen
und andere Schlechtigkeiten werden durch den Menschen hervorgerufen, wenn er Dinge
liebt, die er einerseits nie besitzen kann und die andererseits starken Veränderungen
unterliegen. Klare und deutliche Erkenntnis jedoch, im speziellen die Erkenntnis Gottes,
ermächtigen sich gegen diese Schlechtigkeiten, sofern diese Schlechtigkeiten denn
Leidenschaften sind. Die Erkenntnis Gottes kann eine große Leidenschaft nicht gänzlich
zerstören, aber kann erreichen, dass nur ein sehr kleiner Teil des Geistes mit ihr belastet
wird. Die Erkenntnis Gottes stellt die unveränderliche Liebe zu Gott her, welchen wir
ganz besitzen können. Da Gott nicht fehlerhaft ist, kann diese Liebe nicht belastet
werden. Sie kann nur wachsen und damit den größten Teil unseres Geistes affizieren.
Die Existenz des eigenen Körpers kann nur während seiner Dauer ausgedrückt werden.
Nur in dieser Zeit versteht der Geist Affektionen als wirklich. Daraus folgt, dass er
Körper und Dinge als wirklich begreift, während der der eigene existiert. Somit kann
sich der Geist nur Vorstellungsbilder von Dingen machen bzw. sich an Dinge erinnern,
während der eigene Körper besteht. Die Existenz und die Essenz des menschlichen
Körpers wird durch Gott verursacht. Die Essenz des Körpers muss deshalb durch die
Essenz Gottes verstanden werden. Schon im Lehrsatz 16 des ersten Teils wird klar:
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,,Aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur muß unendlich vieles auf unendlich viele
Weisen folgen (...)" (Spinoza 1999, S. 41). Der Begriff Gottes und dessen Essenz muss
also zum Teil durch eine ewige Notwendigkeit geprägt sein. Gottes ewige Essenz wirkt
im Menschen und somit ist ein Teil des Menschen ewig. Wenn der menschliche Körper
zugrunde geht, wird der Geist des Menschen also nicht vollständig zerstört, denn es
bleibt von ihm etwas, das ewig ist. Dem menschlichen Geist kann eine Begrenztheit der
zeitlichen Dauer zugeschrieben werden, als er die körperliche Existenz auszudrücken
vermag, welche von Dauer und Zeitlichkeit definiert wird. Damit soll gesagt sein, dass
dem Geist Dauer zugesprochen wird, solange der menschliche Körper andauert. Die
Einsicht Gottes wächst, je mehr Einzeldinge wir einsehen. Es ist des Geistes Tugend
und sein höchstes Streben, Dinge in der dritten Erkenntnisgattung einzusehen. Wenn die
Fähigkeit des Geistes wächst, Dinge in der dritten Erkenntnisgattung einzusehen, desto
häufiger hat er das Verlangen danach, dies zu tun. Insofern wir die Fähigkeit des Geistes
verstehen, Dinge in der dritten Erkenntnisgattung zu begreifen, verstehen wir damit
auch, dass der Geist dazu bestimmt ist. Der Geist erreicht damit Zufriedenheit, die er in
einem höheren Maße nicht erreichen kann. Die Tugend des Geistes wird größer. Die
dritte Erkenntnisgattung affiziert den Menschen mit größter Freude und lässt ihn in eine
Vollkommenheit übergehen, die anders nicht zu erreichen wäre. Der Mensch bekommt
eine Idee von sich selbst und von seiner Tugend. Die Ideen, die wir in der dritten
Erkenntnisgattung begreifen, können nicht aus undeutlichen, verworrenen Ideen
entspringen. Das heißt, solche Ideen, die in der dritten Gattung eingesehen werden,
können nicht der ersten Erkenntnisgattung entstammen. Da in der zweiten
Erkenntnisgattung adäquate Ideen gebildet werden, können wohl aber diese in die dritte
Erkenntnisgattung übergehen. Die Begierde, die dabei entsteht, Dinge in der dritten
Erkenntnisstufe einzusehen, kann also nicht aus der ersten Stufe hervorgehen sondern
nur aus der zweiten und dritten. Wenn der Geist die gegenwärtige Existenz seines
Körpers begreift, so erkennt er die Dauer dessen, die unter dem Begriff ,,Zeitlichkeit"
gesehen werden kann. In genau diesem Maße ist es dem Geist gewährt, Dinge in der
Beziehung zu einer Zeitlichkeit einzusehen. Es ist die Natur der Vernunft, Dinge unter
dem Begriff der Ewigkeit zu erkennen. Spinoza beschreibt die Natur des Geistes darin,
dass die Essenz des Körpers unter der Ewigkeit verstanden wird. Außer Idee und Körper
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gehört nichts anderes zur Essenz des Geistes. Insofern kann der Geist Dinge unter dem
Aspekt der Ewigkeit begreifen, als er die Essenz des Körpers unter dem Aspekt der
Ewigkeit begreift. Wenn die notwendige Existenz Gottes in sich schließt, dann ist
Ewigkeit Gottes Essenz. Wenn der Mensch Dinge unter dem Aspekt der Ewigkeit
begreift, dann erkennt er sie, ,,(...) insofern sie durch Gottes Essenz als reale Seiende
begriffen werden, (...)" (Spinoza 1999, S: 573). Wenn der Geist den Körper und sich
selbst unter dem Aspekt der Ewigkeit begreift, hat er ohnehin Erkenntnis von Gott. Der
Geist weiß auch, ,,(...) Daß er in Gott ist und durch Gott begriffen wird." (Spinoza
1999, S. 573) Die Erkenntnis von Gott ist notwendigerweise adäquat. Der Geist ist
fähig, falls er ewig ist, alles zu Erkennen, was aus der Erkenntnis Gottes folgt. Die
Erkenntnis Gottes und die damit einhergehende dritte Erkenntnisgattung hat den Geist
zur adäquaten Ursache, d.h. der Geist als adäquate Ursache, ist selbst etwas. Durch die
dritte Erkenntnisgattung erreicht der Geist höchste Zufriedenheit begleitet mit der Idee
von sich selbst und von der Idee Gottes als ihrer Ursache. In dieser Gattung entsteht
notwendigerweise die geistige Liebe zu Gott, da wir einsehen, dass er ewig ist. Diese
geistige Gottesliebe ist ewig, denn auch die dritte Erkenntnisgattung ist ewig.
Der Geist ist Leidenschaften unterworfen, solang der Körper andauert. Wenn der Geist
sich ein Ding vorstellt, dann ist dies eine Idee, bei der das Ding als gegenwärtig gesehen
wird. Dabei wird eher der Zustand des menschlichen Körpers betrachtet, als es die
Natur des äußeren Dings beschreibt. Die Vorstellung des gegenwärtigen Zustands des
Körpers lässt den Affekt eine Leidenschaft sein. So leidet der Geist nur während der
Dauer des Körpers unter Affekten. Daraus folgt, dass nur die geistige Liebe ewig ist.
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Fazit
Die scientia intuitiva ist vom Subjekt des menschlichen Geistes (Bartuschat 2012, S
189). Der menschliche Geist hat die Fähigkeit, die Affekte zu verketten und zu ordnen.
Er kann inadäquate Ideen bilden, aber auch solche, die klar und adäquat sind. Letztere
sind der Wahrheit zuzuordnen. Der Geist kann einsehen, dass jeder Affekt des
Menschen notwendig ist. Mit dieser Erkenntnis hat er große Macht über jeden einzelnen
Affekt, weswegen er weniger unter ihnen leidet. Durch den Geist hat der Mensch die
Fähigkeit, schlechten Ursachen der Affekte wenig Beachtung zu schenken, indem er
sich eine Lebensweise schafft, an die er sich beim Eintreten der Schlechtigkeiten
erinnert. Wenn der Geist beim Ordnen unserer Gedanken immer das Gute des Dings
betrachtet, dann wird das affizierte Handeln durch Freude bestimmt. Der Geist
veranlasst, dass unklare Vorstellungsbilder häufig mit adäquaten Ideen in Verbindung
gebracht werden. Bei der geistigen Erkenntnis von adäquaten Ideen wird der Mensch
von Zufriedenheit und Freude durchströmt. Die Erkenntnis von adäquaten Ideen lässt
sich den Menschen an Gott annähern. Durch den Geist können durch die adäquate
Erkenntnis von Dingen jegliche Bilder mit Gott in Verbindung gebracht werden. Wer
seine Affekte klar und deutlich einsieht, tut dies in der Nähe zu Gott und lässt die Liebe
zu Gott wachsen. Durch die Aktivität des kann niemals Trauer oder Leiden affiziert
werden. Mit der Erkenntnis Gottes erreicht der Mensch das höchste Gut der geistigen
Affekte. Der Geist schafft es, zeitlich gesehen mehr klare Vorstellungsbilder zu
affizieren als verworrene Ideen. Er kann wahrnehmen, welche Affekte ihn mehr
bewegen oder welche dies minder tun. Durch den aktiven Geist und seine adäquaten
Erkenntnisse, wird der Mensch zum größten Teil von geister Passivität und Ohnmacht
befreit. Durch die Aktivität des Geistes wird der Mensch tugendhaft. Die Erkenntnis
Gottes kann Ohnmacht und Leidenschaften zwar nicht gänzlich aufheben, jedoch
vermag sie es, dass nur ein sehr kleinen Teil des Geistes mit ihnen belastet wird. Der
Geist ist dazu bestimmt, Dinge in der dritten Erkenntnisgattung zu begreifen. Die Natur
des Geistes liegt darin, die Essenz des Körpers unter der Ewigkeit zu verstehen. Der
Geist schafft es, sofern er den Körper unter dem Aspekt der Ewigkeit begreift, Dinge
13

unter dem Aspekt der Ewigkeit zu begreifen, weil außer Idee und Körper nichts zu der
Essenz des Geistes gehört. Der Geist weiß auch, dass er durch Gott erkannt wird und in
Gott ist. Sofern der Geist ewig ist, kann er alles erkennen, was aus der Erkenntnis
Gottes folgt. Die Erkenntnis Gottes und die damit einhergehende dritte Erkenntnis-
gattung hat den Geist zur adäquaten Ursache, d.h. der Geist als adäquate Ursache, ist
selbst etwas.
In der geometrischen Form bleibt nun die Frage nach dem Verstand offen. In Spinozas
,,Ethica" wird sie nicht definiert. In den von mir erläuterten Lehrsätzen 1-34 taucht der
Begriff nicht auf. Anhand der Übersetzung von Wolfgang Bartuschat (1999), die mir als
Grundlage für diese Hausarbeit dient, bleibt die Macht des Verstandes ungeklärt. Die
menschliche Freiheit kann durch die Darlegungen zur Aktivität des Geistes teilweise
entnommen werden. Auch der Begriff ,,Freiheit" wird von Spinoza nicht definiert. Die
Verknüpfung der Lehrsätze 1-34 aus Teil fünf zum Titel bleiben offen. In anderen
Übersetzungen, wie etwa in der von Jacob Stern (1975), erschienen im Reclam Verlag,
wird der Titel des fünften Teils folgendermaßen vom lateinischen ins deutsche übersetzt:
,,Über die Macht der Erkenntnis oder die menschliche Freiheit". Da im lateinischen aber
zwei verschiedene Wörter für ,,Erkenntnis" und ,,Verstand" stehen, finde ich die
Übersetzung von Bartuschat (1999) durchaus angemessen. ,,Intellectus" übersetzt
Bartuschat als ,,Verstand", ,,Cognitio" als ,,Erkenntnis".
Ich möchte die Macht des Verstandes als die Macht des Erkennens deuten.
14

Quellenverzeichnis
Bartuschat, W.: Zur Rolle der dritten Erkenntnisart in Spinozas Konzeption der Ethica.
In: Waibel, V. L. (Hrsg.): Spinoza ­ Affektenlehre und amor Dei intellectualis.
Hamburg. 2012. S. 189-199.
Hampe, M.: Baruch de Spinoza (1632-1677). In: Höffe, O. (Hrsg.): Klassiker der
Philosophie 1. Von den Vorsokratikern bis David Hume. München. 2008. S. 296-311.
Seidel, Helmut: Baruch de Spinoza zur Einführung. 2. Aufl., Hamburg. 2007.
Spinoza, B.: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt: lateinisch ­ deutsch / neu
übersetzt, herausgegeben, mit einer Einleitung versehen von Wolfgang Bartuschat. In:
Spinoza, B.: Sämtliche Werke. Bd. 2. Hamburg. 1999.
Vorläufer, K.: Geschichte der Philosophie.
http://www.textlog.de/6425.html
.
29.09.2017.
Yoshida, K.: Vernunft und Affektivität. Untersuchungen zu Spinozas Theorie der
Politik. In: Bartuschat, W. u. a. (Hrsg.): Schriftenreihe der Spinozagesellschaft. Bd. 12.
Würzburg. 2004.
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15 von 15 Seiten

Details

Titel
Die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit erläutert durch die Lehrsätze 1- einschließlich 34 des fünften Teils der "Ethica" von Baruch de Spinoza
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V377412
ISBN (Buch)
9783668598546
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, verstandes, freiheit, lehrsätze, teils, ethica, baruch, spinoza
Arbeit zitieren
Kathleen Ozina (Autor), 2017, Die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit erläutert durch die Lehrsätze 1- einschließlich 34 des fünften Teils der "Ethica" von Baruch de Spinoza, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377412

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