Richten Massenmedien ihre Nachrichteninhalten anhand elitärer politischer Deutung aus? Eine Betrachtung der Berichterstattung der Finanzkrise unter Annahmen des Kaskaden-Modells


Studienarbeit, 2015
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Ursachen und Entwicklungen der Finanzkrise
2.2 Rolle der Journalisten
2.3 Bedeutung des Framing-Ansatzes im Kontext der Finanzkrise
2.4 Kaskaden-Modell nach Entman 2003

3. Empirische Befunde
3.2 Nord und Olsson 2013; Olsson und Nord 2014 (Schweden)
3.3 Falasca 2014 (Schweden)
3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Krisenzeiten stellen die Massenmedien die wichtigste und häufig einzige Informationsquelle dar. Medien-Frames erlauben in diesem Zusammenhang, bestimmte Aspekte einer Krise zu vernachlässigen, andere hingegen zu betonen und folglich die Interpretationen und Entscheidungen des Publikums zu beeinflussen.

Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2008[1] drohte, sich zur Systemkrise westlicher Marktwirtschaften zu entwickeln. Das Framing der berichtenden Journalisten erhielt hier einen hohen Stellenwert: "The complex nature of the financial crisis meant that (...) the role of journalists in framing news coverage and interpreting events to the general public was crucial" (Schifferes und Coulter 2012 : 246).

Durch die Bedrohung der Wohlfahrt ganzer Staaten forderte die Finanzkrise den Regierungen das Treffen von Entscheidungen unter Zeitdruck ab. Krisenzeiten bedeuten für Politiker jedoch gleichzeitig die Chance, der Öffentlichkeit ihre Glaubhaftigkeit und Kompetenz im Krisenmanagement zu signalisieren (vgl. Boin et al. 2009: 4). Dies erfolgt bevorzugt über die Plattform der Massenmedien. Jenen wird durch die Annahmen des Kaskaden-Modells (Entman 2003) unterstellt, ihre Nachrichteninhalte anhand elitärer politischer Deutungen auszurichten. Inwiefern dies für die Berichterstattung der Finanzkrise zutrifft, soll Untersuchungsziel dieser Arbeit sein. Folgten die berichtenden Medien überwiegend den Deutungsmustern politischer Eliten, oder berichteten sie auf Basis eines unabhängigen und vielfältigen journalistischen Framings? Dies soll anhand der Befunde einer deutschen sowie dreier schwedischer Studien erfolgen.

Dazu werden im ersten Teil zunächst Ursachen und Verlauf der Finanzkrise kurz erläutert, sowie aktuelle Auffassungen über die Rolle der berichtenden Journalisten dargelegt. Darüber hinaus wird die Bedeutung des Framing-Ansatzes insbesondere für die Finanzkrise ausgearbeitet und daran anknüpfend das Kaskaden-Modell nach Entman (2003) beleuchtet.

Der zweite Teil stellt die zentralen Ergebnisse von Geiß (2013), Nord und Olsson (2013) und Olsson und Nord (2014), sowie Falasca (2014) vor. Die genannten Studien untersuchten anhand von Inhaltsanalysen das Framing der Finanzkrise ausgewählter deutscher und schwedischer Printmedien unter Beachtung des Einflussgrades politischer Eliten. Ein abschließendes Fazit betrachtet neben der Analyse der empirischen Befunde die normativen Anforderungen der Berichterstattung zur Finanzkrise.

2. Theoretischer Rahmen

Eine Krise lässt sich definieren als:

"major occurrence with a potentially negative outcome affecting an organization as well as its publics, services, products and/or good name. It interrupts normal business transactions and can, at its worst, threaten the existence of the organization" (Fearn-Banks 2001: 480).

Die in dieser Arbeit thematisierte Finanzkrise startete zunächst als Hypothekenkrise, entwickelte sich zur Finanzkrise und steigerte sich schließlich zur internationalen Wirtschaftskrise. Daher stellte sie nicht nur eine Bedrohung für die organisationale Ebene (Meso-Ebene) dar. Sowohl Individualakteure (Mikro-Ebene) als auch die Gesamtwohlfahrt moderner Staaten (Makro-Ebene) sind von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig und sahen sich durch die Finanzkrise in ihrer Existenz bedroht. Folglich lässt sich die Finanzkrise 2007-2008 als Mehrsystemkrise charakterisieren (vgl. Görke 2008: 125).

Im Folgenden sollen Krisenursachen und -entwicklung knapp dargelegt werden.

2.1 Ursachen und Entwicklungen der Finanzkrise

Hinsichtlich der Entstehung der Finanzkrise lassen sich Ursachen nicht monokausal ergründen. Vielmehr wurden vier Hauptakteure identifiziert, welche die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers bewirkten und damit das Schlüsselereignis der Finanzkrise induzierten (vgl. Beck und Wienert 2009: 8).

Zu diesen Hauptakteuren zählt zunächst die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed). Diese folgte seit 2001 einer Politik der Leitzinssenkung, um einer drohenden Rezession u.a. in Folge der Terroranschläge des 11.9.2001 und des Zusammenbruchs der sogenannten Dotcom -Blase des Jahres 2000 entgegen zu wirken. Dies erlaubte der zweiten Akteursgruppe, den Geschäftsbanken, zu günstigen Konditionen ihren Fremdkapitalanteil zu erhöhen und ihre Kreditvergabe bis in das sogenannte S ubprime -Segment, d. h., den Teil der einkommensschwachen Kreditnehmer auszuweiten (vgl. Köhler und Weber 2013: 14). Letztere entwickelten infolge der günstigen Hypothekenkredite eine hohe Nachfrage nach Eigenheimen.

Darüber hinaus gewährleisteten die durch die Produktentwickler der Banken geschaffenen Methoden der Verbriefung und der Strukturierung von Finanzprodukten ein konstantes Liquiditätsniveau[2] der Geschäftsbanken. Die Methode der Verbriefung erlaubte zunächst die Bündelung sowie den Weiterverkauf vor allem risikobehafteter Hypothekenkredite an sogenannte Nicht-Banken. Hierzu zählten Investitionen, die keiner Banken-Regulierung unterlagen, so etwa Versicherungen, Investment-Fonds und sogenannte Schattenbanken[3]. Durch die Methode der Strukturierung wurden gebündelte Kreditpakete anhand ihrer Ausfallwahrscheinlichkeit in eine Hierarchie verschiedener Risikostufen geteilt. Ehemals riskante Wertpapiere erhielten durch diese Tranchierung eine Rating-Einstufung als sicheres Investment. Durch die genannten Methoden verkauften Banken Kredite, die ursprünglich bis zur Tilgung Teil der Bilanz waren, an international dicht vernetzte, dennoch schwach regulierte Finanzinstitute weiter (vgl. Beck und Wienert 2009: 9).

Die hohe Nachfrage nach Eigenheimen führte bis Mitte 2006 zu drastischen Preissteigerungen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Seit 2004 hob die Fed den Leitzins zudem wieder an. Die variable, an den Leitzins orientierte Zinsstruktur der meisten Hypothekenkredite der Subprime -Schuldner führte bald zu ersten Kreditausfällen. Die Immobilienpreise sanken und reduzierten die Sicherheit des Großteils der Hypothekenkredite, die infolge dessen niemand mehr kaufen wollte. Aufgrund des Wertverfalls waren die Geschäftsbanken mit drastischen Rückgängen ihres Eigenkapitals konfrontiert. Die steigende Zahl der Zahlungsausfälle sowie der Verfall der Wertpapiere führten am 15.9.2008 zum Zusammenbruch von Lehman Brothers.

Auf deutschem Terrain wurden existenzbedrohende Liquiditätsverluste erstmals bei der Hypo Real Estate (HRE) sichtbar. Indem die Kreditvergabe auch an Privatunternehmen eingeschränkt wurde, griff die Finanzkrise auf die Realwirtschaft über. In zahlreichen Staaten brachen die Beschäftigungszahlen ein.

Die Regierungen der betroffenen Staaten reagierten auf die aufgezeigte Entwicklung durch Investitionsprogramme[4] für betroffene Unternehmen und Banken. Die Regierungen zählen jedoch auch zu den vier Hauptverursachern der Krise. So resultierte die Leitzinssenkung der Fed aus der politischen Einflussnahme der US-Regierung. Auch die Regierungen anderer betroffener Staaten stehen in der Schuld, die Regulierung der Finanzmärkte vernachlässigt zu haben (vgl. Ebd. 2009: 7).

2.2 Rolle der Journalisten

"Journalismus selegiert und synchronisiert (...) Krisenbeobachtungen und ermöglicht es so der Gesellschaft, Neuigkeiten und Unsicherheiten sinnvoll zu verarbeiten" (Görke 2008: 125). Da jeder Bürger eines Landes von der nationalen und internationalen wirtschaftlichen Entwicklung betroffen ist, stellt besonders die Wirtschaftsberichterstattung eine bedeutende Grundlage für das Verständnis und die Urteilsfindung der Bevölkerung dar. Im Zusammenhang zur Wirtschafts- und Finanzkrise wurden die berichtenden Medien jedoch beschuldigt, ihre Kompetenzen ungenügend ausgeführt zu haben.

Die Hauptkritik traf u.a. die berichtenden Finanzmedien. Diese sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Vorzeichen der Krise nicht erkannt, bzw. nicht richtig gedeutet zu haben: " (...) they missed the story in the first place, before the crisis was upon them" (Manning 2012: 177).

Diese nicht erfüllte Frühwarnfunktion lässt sich zunächst anhand der Auffassung nicht-spezialisierter Nachrichtenmedien über den Nachrichtenwert finanzwirtschaftlicher Themen erklären. Diese sind bestrebt, Themen der Finanzwelt ihrem ebenfalls nicht-spezialisierten Publikum zugänglich und attraktiv zu gestalten. Daher überwiegen hier an "Infotainment" (Doyle 2006: 437) orientierte Themen und Ereignisse. Bestimmte Themen, so etwa Risiken des Schuldenmarkts und des Derivatehandels, galten jedoch sowohl innerhalb der Finanzmedien als auch innerhalb der nicht-spezialisierten Medien als wenig attraktiv (vgl. Manning 2012: 174).

Darüber hinaus wurde vor allem den Finanzmedien eine unzureichende Expertise in Hinblick auf komplexe finanzwirtschaftliche Themen und eine damit einhergehende Abhängigkeit von Experten-Quellen attestiert:

"(...) it is analysts - not journalists - who predominate as the main repositories of expert knowledge about the true underlying state of financial health of listed companies and about the significance of unfolding events in the realms of economics and finance" (Doyle 2006: 49).

Nachdem ein Teil der berichtenden Finanzmedien im Oktober 2008 das Risiko eines kollabierenden Bankensystems erkannte, standen dieser angesichts der Bedeutung ihrer Berichterstattung, so etwa für die Entwicklung der Aktienmärkte, vor dem Konflikt, diese zu veröffentlichen oder nicht (vgl. Tambini 2010: 6).

Neben der verfehlten Warnung über die Risiken der Finanzkrise standen die berichtenden Medien zudem in der Kritik der einseitigen Quellenauswahl. Neben den bereits genannten Experten setzte sich dieser aus einem elitären Kreis einflussreicher Akteure aus Politik und Wirtschaft zusammen (vgl. Berry 2012: 266).

Die hier dargelegten Auffassungen hinsichtlich der Rolle der Journalisten im Kontext der Finanzkrise lassen vermuten, dass sie in Anbetracht des Ausmaßes der Finanzkrise ihrer bewertenden und Orientierung stiftenden Funktion nicht vollständig gewachsen waren.

2.3 Bedeutung des Framing-Ansatzes im Kontext der Finanzkrise

Eine Grundannahme des Framing-Ansatzes ist der gesellschaftliche Wettbewerb um Deutungshoheit. Dieser wird in der öffentlichen Sphäre durch Sprecher verschiedener Interessengruppen ausgetragen.

Diese folgen dabei dem Bestreben, die ihrerseits konstruierten Ordnungs- und Bewertungsrahmen, sogenannte Frames, im Wettbewerb durchzusetzen: "Framing entails selection and highlighting some facets of events or issues, and making connections among them so as to promote a particular interpretation, evaluation, and/or solution" (Entman 2003: 417).

Inwiefern sich nun das Finanzsystem tatsächlich in einer Krise befindet und worin ihre Ursachen begründet liegen, kann nach objektiven Maßstäben nicht bewertet werden. Die Konstruktion von Krisenereignissen ist vielmehr abhängig von der jeweiligen Perspektive des Beobachters (vgl. Görke 2008: 123).

Das tatsächliche Ausmaß der Finanzkrise wurde zudem erst mit dem Übergang von der ökonomischen in die politische Sphäre deutlich (vgl. Schultz & Raupp 2010: 118). Eine Vielzahl von Akteuren verschiedener Funktionskontexte formulierten Problemdefinitionen, Ursachenzuschreibungen, moralische Wertungen und Lösungsvorschläge[5]. Durch die so durchgeführte Frame-Konstruktion strebten diese in der Arena der Medien nach Aufmerksamkeit für ihre Interessen.

[...]


[1] Tatsächlich lassen sich die Ursachen der Finanzkrise bis an die Anfänge des Jahres 2000 rückführen. Das Jahr 2008 markiert mit dem Zusammbruch der Investment Bank Lehman Brothers den Beginn der Finanzkrise.

[2] Diese hätten ohne die genannten Finanzinnovationen bald ihre Eigenkapitalgrenze erreicht (vgl. Köhler und Weber 2013: 14).

[3] Hierbei handelt es sich um schwach regulierte Gesellschaften etablierter Geldinstitute.

[4] Siehe u.a. die deutschen Konjunkturpakete I und II (vgl. Köhler und Weber 2013: 14).

[5] Hierbei handelt es sich um die vier zentralen Elemente, aus denen sich ein Frame zusammensetzt (vgl. Entman 2003: 417).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Richten Massenmedien ihre Nachrichteninhalten anhand elitärer politischer Deutung aus? Eine Betrachtung der Berichterstattung der Finanzkrise unter Annahmen des Kaskaden-Modells
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Gesellschaftliche Kommunikation und Öffentlichkeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V377421
ISBN (eBook)
9783668546707
ISBN (Buch)
9783668546714
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krisenkommunikation, Framing, Finanzkrise, Kaskaden-Modell, Entman
Arbeit zitieren
Franziska Dau (Autor), 2015, Richten Massenmedien ihre Nachrichteninhalten anhand elitärer politischer Deutung aus? Eine Betrachtung der Berichterstattung der Finanzkrise unter Annahmen des Kaskaden-Modells, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377421

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