Dynamik der Masse. Definitions- und Erklärungsversuch


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionsversuch des Massebegriffs
2.1 Unüberschaubarkeit
2.2 Dichte
2.3 Gemeinsame Ausrichtung
2.4 Zwischenfazit

3 Die Mechanismen der Masse
3.1 Sozialer Einfluss
3.2 Deindividuation
3.3 Emotionale Verstärkung

4 Resümee

Literatur

1 Einleitung

Berlin Tegel, 15. Juli 2014. Ausnahmezustand. Hundertausende harren seit Stunden in gespannter Vorfreude vor dem Brandenburger Tor, in sehnsüchtiger Erwartung der rück- kehrenden Helden, dem siegreichen Heer, dem Moment in nationaler Eintracht den Sym- bolen des Sieges zu frönen. Um kurz nach 13 Uhr ist es dann soweit. Die Herbeigesehnten betreten die Bühne. Der Menge wird klar: Wir sind Weltmeister! Niemand ist mehr zu halten.

Dhu l-Hiddscha, der zwölfte und bedeutendste Monat in der islamischen Zeitrechnung. Es ist die Zeit des Haddsch, die Zeit des heiligsten Ritus im Glauben an Allah. Heerscharen von Pilgern brechen auf nach Mekka, versammeln sich um die Kaaba, dem Haus Gottes, senken das Haupt, erheben es wieder, beten, umwandern das Heiligtum. Keine Exaltation, allenfalls innere Glut, geteilte Spiritualität.

Der Kontext könnte unterschiedlicher nicht sein und doch ist diesen beiden Ereignissen eines offensichtlich gemein. Die Masse. Massen existieren seit eh und je, bilden sich zu allen Zeiten, an allen Orten, wo der Mensch auf den Menschen trifft. Schüren Emotionen und treiben an, zu ungemeinen Taten, die ein einzelner nicht einmal zu denken im Stande wäre. Aber was ist eine Masse überhaupt, was zeichnet sie aus, was definiert sie? Und wie wirkt sie? Was veranlasst eine Unzahl an Menschen im einen Rahmen zu schrankenloser Feier, im anderen zu transzendentaler Andacht? In der folgenden Arbeit wird versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, entscheidende Mechanismen innerhalb der Masse aufzudecken, mit dem Ziel einen kompakten Über- blick und gegebenenfalls neue Denkansätze/Sichtweisen zu liefern. Unter dem Primat der Leitfrage, wie die Mechanismen innerhalb der Masse wirken, wird zunächst zu einem Definitionsversuch angesetzt, geklärt, was unter einer Masse verstanden, was betrachtet werden soll und schließlich grundlegend erscheinende Mechanismen innerhalb der Masse aufgezeigt und erörtert.

2 Definitionsversuch des Massebegriffs

Man sucht lange, um so etwas wie einen systematischen Definitionsversuch des Massebe- griffs aus der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur zu bergen, nach dessen Lektüre häufig noch die empfundene Freude ob des seltenen Fundes einer gewissen Enttäuschung ob der mangelnden Definition weicht. Zugegebenermaßen, den Begriff der Masse zu de- finieren ist kein leichtes, die Vorstellungen davon zu vage, zu zahlreich. Nichtsdestotrotz soll ein herantastender Versuch an dieser Stelle gewagt werden. Abgrenzen wird sich die- se Definition vom teilweise postulierten, revolutionären Kerncharakter der Massen (Gei- ger, 1987, S. 35ff), ein Grundgedanke, der sich zu stark am Vorbild der französischen Revolution orientiert und diese zur Beispielmasse erhebt, wobei anderen Menschenan- sammlungen als qualifizierbare Massen Bedeutung genommen wird, sowie dem zuweilen behaupteten rein destruktiven Charakter der Masse (Canetti, 1973, S. 16f). Der damit verbundenen Problematik bewusst, wird im Folgenden auf eine persönliche Realdefiniti- on zurückgegriffen, welche als gedankliche Aufarbeitung zu verstehen ist und eventuell eines Tages in eine Nominaldefinition einfließen kann. Als Masse soll daher betrachtet werden: Jedwede Menschenansammlung, welche die Kriterien der Unüberschaubarkeit, Dichte und gemeinsamen Ausrichtung erfüllt.

2.1 Unüberschaubarkeit

Dieses Charakteristikum soll zur Größeneinordung der Masse dienen. Unüberschaubar- keit ist ein stark subjektiver Begriff, der die Unfähigkeit eines distanzierten Betrachters, die Anzahl an Individuen innerhalb der betrachteten Menschenansammlung mit Sicher- heit zu bestimmen, bezeichnen soll. Ein Vorschlag zur Quantifizierung der Unüberschau- barkeit wäre eine mathematische Umkehrung der Überschaubarkeit. Wenn Überschau- barkeit im mathematischen Sinn die relative Übereinstimmung (die Erlaubnis der Ab- weichung sollte an die Größe der zu schätzenden Menschenansammlung angepasst wer- den, z.B.n, wenn n = Anzahl der Individuen in Menschenansammlung) des Mittelwerts der Schätzungen der Individuenzahl innerhalb der betrachteten Menschenansammlung, von einer ausreichenden Menge an distanzierten Betrachtern, mit dem tatsächlichen Wert der Individuenzahl innerhalb der Menschenansammlung sowie eine geringe Streuung der Schätzwerte, ausgedrückt in einem geringen Variationskoeffizienten (z.B. < 0,15), dar- stellt. Unüberschaubarkeit herrscht demnach, wenn das gemeinsame Auftreten eines mit dem tatsächlichen Wert relativ übereinstimmenden Mittelwerts und eines geringen Varia- tionskoeffizienten der Schätzungen nicht gegeben ist.

2.2 Dichte

»Die Masse liebt die Dichte« , schreibt Canetti. »Sie kann nie zu dicht sein. Es soll nichts dazwischenstehen, es sollt nichts zwischen sie fallen, es soll möglichst alles sie selber sein« (Canetti, 1973, S. 28). Dichte soll hiernach die Effizienz bezeichnen, mit der eine Menschenansammlung den zur Verfügung stehenden Raum ausnutzt. Sollte der Wert 0 einen Zustand kennzeichnen, in dem die Individuen einer Menschenansammlung so eng zusammenstehen wie ihnen möglich und 1 einen Wert des maximalen Abstands zwischen den Individuen, so zeichnet sich die Masse durch einen Wert nah an der 0 aus.

2.3 Gemeinsame Ausrichtung

Mit der gemeinsamen Ausrichtung wird das gleichsam wichtigste Merkmal der Masse angesprochen. Gemeinsame Ausrichtung soll die gemeinsame Fokussierung der Auf- merksamkeit der Individuen einer Menschenansammlung bezeichnen (vgl. Collins, 2001). Brennpunkt der Aufmerksamkeit ist in der Regel ein übergeordnetes, gemeinsames Ziel(- objekt), welches ob seiner empfundenen Gewichtigkeit imstande ist, sämtliche Differen- zen zwischen Individuen, welche das gemeinsame Ziel nicht berühren, auszublenden und auf dieser Basis ein geteiltes Gefühl der Gleichheit zu erzeugen. Eine Gleichheit, die auch im dem Sinne existiert, als die einzelnen Individuen ihr Handeln in der Masse am über- geordneten Telos ausrichten und sich somit in ihrem Verhalten gegenseitig annähern.

Dieses Kriterium wäre z.B. in einer Menschenansammlung als Protestbewegung, welche als übergeordnetes Ziel die Bewusstwerdung der Öffentlichkeit hinsichtlich der Prägnanz eines bestimmten Themas anstrebt und dazu einheitlich Verhaltensweisen wie das Schrei- en von Parolen, Hochhalten von Plakaten etc. an den Tag legt, erfüllt. Eine Menschen- ansammlung, noch so groß, wäre allerdings nicht als Masse zu bezeichnen, wenn die einzelnen Individuen darin ihr eigenes Ding durchziehen, z.B. der eine Trompete spielt, der andere auf seinem Handy die neuesten Fußballnews checkt, ein weiterer versucht, einen Schwimmball auf der Nase zu balancieren usw.. In diesem Fall wäre kein überge- ordnetes Ziel erkennbar, die Aufmerksamkeit nicht auf ein Ziel(-objekt) fokussiert. Auch eine Menschenansammlung von 300 Schülern, welche z.B. das Abitur schreiben, würde das hier vorgestellte Kriterium nicht erfüllen. Das übergeordnete Ziel aller mag zwar das Bestehen der Prüfung sein, das Zielobjekt, welches zur Erreichung dieses Ziels bestimmt ist und welchem die Aufmerksamkeit zukommt, ist jedoch der Testbogen, die Aufmerk- samkeit ist hierbei nicht gebündelt, sondern verstreut auf dem jeweils eigenem Test. Das Kriterium in diesem Fall wäre kurioserweise erfüllt, wenn alle 300 Schüler zusammen einen einzigen Testbogen ausfüllen müssten, die Aufmerksamkeit also auf einen Test, ein Zielobjekt, gebündelt wird.

2.4 Zwischenfazit

Die Kardinalkriterien der Masse bilden hier also die Eigenschaften der Unüberschaubar- keit der Individuenzahl der jeweilig betrachteten Menschenansammlung, die Dichte der involvierten Individuen und die Ausrichtung dieser anhand eines gemeinsamen Telos. Es ließen sich sicherlich noch einige weitere Eigenschaften finden, begrenzt wird sich aber auf die obigen drei, sei es wegen dem eingeschränkten Umfang oder der empfun- denen Überschattung dieser drei Kriterien etwaiger anderer. Des Weiteren möglich wäre eine Einteilung in verschiedene Massetypen (vgl. Le Bon, 1953, S. 133ff; Canetti, 1973, S. 50ff), z.B. die Einteilung in aktive Massen, welche hauptsächlich handeln (z.B. Pro- testmassen) und passive Massen, welche hauptsächlich rezipieren (z.B. Konzertmassen). Massetypen, in denen die Kriterien unterschiedlich erfüllt sein und in denen vereinzelte Sonderfälle von Mechanismen wirken dürften. In dieser Arbeit wird darauf jedoch ver- zichtet, überwiegend da sich auf eine Herausarbeitung der gemeinsamen Mechanismen von Massen konzentriert wird, was eine Spezifizierung in Subtypen überflüssig macht.

3 Die Mechanismen der Masse

» Die modernste Form der Sintflut ist die Reizüberflutung « (Ferstl, 2006, S. 5).

Dem Begriff der Reizüberflutung wird fortan eine Schlüsselrolle zukommen, lassen sich nämlich unter ihm die folgenden Mechanismen, in unterschiedlichem Ausmaße, subsu- mieren. Dass die Individuen einer Masse einer Reizüberflutung ausgesetzt sind dürfte bereits an sich als zweifelsfrei erachtet werden. Reizüberflutung ist jedoch auch die logi- sche Konsequenz der hier angenommenen Hypothese der Massenbildung: Massen bilden sich aus einem kollektiv empfundenen Mangel an Information, wobei Information das nö- tige Instrument (in der Regel: Wissen) eines Individuums bezeichnet, sich innerhalb einer gegebenen Situation in einer Weise zu verhalten, die deren subjektiv erlebten Bewälti- gung dient. Aus Mangel an Information sucht der Menschen Situationen auf, in denen ein hoher Informationsgehalt herrscht, was zwangsläufig eine Reizüberflutung nach sich zieht. Massen wären demnach die Ansammlung orientierungsbedürftiger Individuen, in denen der eine die Orientierungsstütze des anderen bildet und umgekehrt und bildeten sich bevorzugt unter neuartigen Umständen für die keine bewährten bzw. habituierten Verhaltensweisen verfügbar sind (z.B. Pegida als Konsequenz einer in dem Ausmaß nicht gekannten Flüchtlingsbewegung). Das muss aber nicht der Fall sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Dynamik der Masse. Definitions- und Erklärungsversuch
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V377448
ISBN (eBook)
9783668548862
ISBN (Buch)
9783668548879
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Masse, Emotionen, emotionale Ansteckung
Arbeit zitieren
Marco Hauptmann (Autor), 2016, Dynamik der Masse. Definitions- und Erklärungsversuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377448

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