Analyse von "komm" hinsichtlich seiner Form und seinen Funktionen als Diskursmarker in der gesprochenen Sprache


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grammatikalische Klassifikation und Forschungsstand
2.1 Diskursmarker
2.2 ‚komm‘

3. Methodik und Datensammlung
3.1 Linguistische Gesprächsanalyse
3.2 Interaktionale Linguistik
3.3 Korpus

4. Analyse
4.1. Aufforderungen
4.2 Ermunterung
4.3 Beendigung einer inneren Überlegung/ Einleitung einer Entscheidung

5. Diskussion

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Im Deutschen gibt es in der gesprochenen Sprache eine Reihe von sprachlichen Phänomenen, die im Schriftlichen grundsätzlich nicht auftauchen. Eines dieser Phänomene sind die sogenannten Diskursmarker, die man vor allem an ihrer syntaktischen Position und ihren Funktionen für den Gesprächsbeitrag erkennt. Aufgrund dieser Merkmale unterscheiden sie sich von ihrer homophonen Wortart, die unter anderem ein Adverb, eine Subjunktion oder ein Imperativ sein kann.

Letztere Form wird mit dem Fall des Imperativs ‚komm‘ vom Bewegungsverb ‚kommen‘ in dieser Arbeit thematisiert. Das Vollverb ‚kommen‘ drückt vor allem die Bewegung von etwas oder jemandem zu einem Ort oder das Auftauchen eines Geschehens aus (Vgl. Wahrig-Burfeind 2012: Art. ‚kommen‘). Der Imperativ ‚komm‘ steht in der zweiten Person Singular (auch ‚komme‘) und fungiert dabei als Befehlsform. Er kommt dann zur Verwendung, wenn eine Person einer anderen beispielsweise befiehlt zu ihm zu kommen.

Im gesprochenen Deutsch jedoch fällt auf, dass ‚komm‘ zum einen diskursbezogene Funktionen besitzt, die für einen Imperativ ungewöhnlich sind. Zum anderen ist die syntaktische Stellung für einen Imperativ untypisch. Aus diesem Grund wird ‚komm‘ in der Forschung mit Diskursmarkern in Verbindung gebracht.

In dieser Arbeit geht es um die Fragestellung, ob ‚komm‘ sich im gesprochenen Deutsch vom Imperativ zum Diskursmarker entwickelt hat. Dies geschieht anhand von Transkripten aus Alltagsgesprächen, mit dem Ziel herauszufinden, welche Merkmale des Imperativs ‚komm‘ in der gesprochenen Sprache verblassen und ob dieser aufgrund seiner neuen Merkmale als Diskursmarker zu bezeichnen ist.

Im Verlauf dieser Arbeit wird zunächst die grammatikalische Klassifikation sowie der wissenschaftliche Forschungsstand zu diesem Thema reflektiert. Dabei werden sowohl die in der allgemeinen Forschung geltenden Definitionskriterien von Diskursmarkern als auch das Auftreten von ‚komm‘ in der Forschung erläutert. Des Weiteren werden die Methode dieser Untersuchung sowie das ausgewählte Korpus beschrieben. Anschließend folgt die Analyse von transkribierten Alltagsgesprächen, die die spezielle Verwendung von ‚komm‘ belegen soll und mit Hilfe dieser die Funktionen erarbeitet werden. Anhand dieser Grundlage wird diskutiert, ob sich ‚komm‘ im gesprochenen Deutsch zu einem Diskursmarker entwickelt hat.

2. Grammatikalische Klassifikation und Forschungsstand

2.1 Diskursmarker

In den Handbüchern zur deutschen Grammatik finden sich Diskursmarker nur vereinzelt wieder und auch nur dann, wenn gesprochene Sprache thematisiert wird. In ihrer Einführung über die Grammatikalisierung im Deutschen behandelt Szczepaniak in einem kurzen Teil die Entstehung der Diskursmarker. Dabei bezieht sie sich jedoch nur auf Subjunktionen und Verben des Sagens und liefert ein kurzes Beispiel des Wortes ‚weil‘ als Diskursmarker. Ansonsten verweist sie auf die wissenschaftliche Forschung Auers und Günthners (Vgl. Szczepaniak 2011: 185 ff.).

Diese beschreiben Diskursmarker als „eine Gruppe von sprachlichen Zeichen, die optional sind, hauptsächlich oder ausschließlich in der gesprochenen Sprache vorkommen und sich durch ihre grammatische Position im Satz sowie über ihre Bedeutung für die Text- und Gesprächsorganisation definieren lassen“ (Auer & Günthner 2005: 335). Die vorliegende Definition von Diskursmarker umfasst die allgemeinen Kriterien der Syntax und den diskursbezogenen Funktionen des Gesprächsbeitrags. Diese kategorischen Kriterien werden ebenso in dieser Arbeit als Verweise für Diskursmarker gelten.

Laut Imo (2012: 79) gelten folgende Kriterien für Diskursmarker: Auf der syntaktischen Ebene werden Diskursmarker in der Regel aufgrund ihrer Stellung im Vor-Vorfeld des Satzes und ihrer Kombinierbarkeit mit weiteren Diskursmarkern definiert. Wichtig ist, dass Diskursmarker durch ihre Vor-Vorfeldbesetzung ein selbstständiges Syntagma darstellen und nicht durch andere Satzelemente beeinflusst werden. Betrachtet man die Morphologie sind Diskursmarker nicht flektierend. Sequenziell projizieren Diskursmarker eine Äußerung, die sich auf den vorherigen Kontext bezieht und bilden funktionell einen Rahmen der Äußerung. Auf semantischer Ebene kommt es zu einer Verblassung da die Bedeutung des Wortes für die folgende Proposition keine Rolle spielt.

Bei der Frage nach der Grammatikalisierung von Diskursmarkern führen Auer und Günthner eine Reihe von Wortarten und grammatischen Kategorien an, die sich in der gesprochenen zu diesem (un-)grammatikalischen Phänomen entwickeln. Dabei handelt es sich unter anderem um Adverbien, Konjunktionen, Subjunktionen, Relativa sowie die in dieser Arbeit behandelten Form des Imperativs (Vgl. Auer / Günthner 2005: 337 ff.).

In der Forschung wird generell diskutiert, ob es sich bei Diskursmarkern um eine eigene Kategorie handelt. Es wird dennoch in den meisten Arbeiten Bezug zu Oberkategorien genommen. So teilt Imo Diskursmarker der (Ebd.: 80f.) Projektorkonstruktion, der Modalisierungskonstruktion sowie der Diskurspartikel-Konstruktion zu. In dieser Untersuchung geht es aufgrund der Funktionen und der Form von ‚komm‘ ausschließlich um den Fall der Diskurspartikel, der auch bei Proske in ihrem Aufsatz zu dem Phänomen ‚komm‘ behandelt wird (Vgl. Proske 2014).

Eine weitere Oberkategorie für Diskursmarker bilden die Operator-Skopus-Strukturen in der gesprochenen Sprache. Diese gelten als „spezifische, zweigliedrige sprachliche Einheiten, deren einer Bestandteil, der Operator, aus einem Wort oder einer kurzen Formel besteht […], und deren anderer Bestandteil, der Skopus, eine vollständige Äußerung darstellt“ (Barden et al. 2001: 197). Der Diskursmarker stellt in diesem Fall den Operator dar und die folgende Äußerung den Skopus. Diese Strukturierung wird auch an den Beispielen in der Analyse deutlich.

Insgesamt gibt es in der Forschung mittlerweile viele Untersuchungen zu einzelnen Wörtern oder Wortarten, die Funktionen als Diskursmarker erfüllen. Im Analyse- und Diskussionsteil wird teilweise zu diesen Aufsätzen Bezug genommen.

2.2 ‚komm‘

‚Komm‘ wird in den deutschen Wörterbüchern nicht als Diskursmarker kategorisiert. Man findet es ausschließlich unter dem Lemma des Vollverbs ‚kommen‘. Wahrig-Burfeind nennt Beispielsätze unter dem Bewegungsverb ‚kommen‘, in denen ‚komm‘ unter anderem in folgender Form auftaucht: „komm, sei friedlich!“ (Wahrig-Burfeind 2012: Art. ‚kommen‘). Hier erkennt man zwar eine Aufforderung, die für den Imperativ des Verbs spricht, jedoch ist es keine Aufforderung die eine Bewegung verlangt, sondern eine Verhaltensweise. Die Funktion der Aufforderung findet sich wörtlich auch im Online-Duden von Munzinger. Auch hier gibt es mit „komm, werd nicht frech!“ ein Beispiel der Aufforderung einer Verhaltensweise. ‚komm‘ wird hier als umgangssprachlicher Imperativ kategorisiert (Vgl. Munzinger 2015: Art. ‚kommen‘). Eine andere Funktion von ‚komm‘ wird im Valenzwörterbuch deutscher Verben beschrieben, wo es heißt, dass ‚komm‘ ein „Ausdruck der Kritik oder Beschwichtigung“ sei (Schumacher u.a. 2004: 498). Diese Einordnung von ‚komm‘ in den Wörterbüchern macht deutlich, dass die deutschen Wörterbücher dem Wort eine unterschiedliche Funktion zuteilen: Die Funktion einer Aufforderung und die einer Kritik. Unter anderem diese Erkenntnis gilt es auch mit Blick auf die typischen Merkmale von Diskursmarkern in der Analyse zu untersuchen.

Auch in der wissenschaftlichen Literatur wird ‚komm‘ behandelt. Neben dem bereits erwähnten Aufsatz von Proske, untersuchen Auer und Günthner mögliche Quellen der Grammatikalisierung von Diskursmarkern, wozu sie die Form der Imperative dazuzählen. ‚Komm‘ gilt für sie aufgrund des Verlusts der Bewegungssemantik und dem Verlust der Aufforderungsfunktion als Diskursmarker (Vgl. Auer & Günthner 2005: 346). In der Analyse dieses Aufsatzes werden unter anderem diese Merkmale überprüft.

3. Methodik und Datensammlung

3.1 Linguistische Gesprächsanalyse

In diesem Kapitel wird die angewandte Methode der Analysearbeit vorgestellt und erläutert. Dabei handelt es sich um die linguistische Gesprächsanalyse.

Die Gesprächsanalyse untersucht „nach welchen Prinzipien und mit welchen sprachlichen und anderen kommunikativen Ressourcen Menschen ihren Austausch gestalten und dabei die Wirklichkeit, in der sie leben, herstellen“ (Deppermann 2008: 9). Als Ausgangspunkt für die Begründung einer Gesprächsanalyse gelten die Konstitutivität, Prozessualität, Interaktivität, Methodizität sowie die Pragmatizität (Vgl. Deppermann 2007: 3).

Die Konstitutivität meint dabei die aktive Herstellung der Gesprächsereignisse, die Prozessualität das zeitliche Gebilde, welches durch die Abfolge von Aktivitäten besteht. (Vgl. Deppermann 2008: 8). Letzteres ist wichtig, da die „zeitliche Dynamik […] erst die Möglichkeit von Interaktion“ (Deppermann 2007: 5) schafft. Die Interaktivität besagt die wechselseitig aufeinander bezogenen Beiträge der Gesprächsteilnehmer. Die Methodizität der Gespräche ist erkennbar durch die systematische Konstruktion der Beiträge. Dies geschieht durch ungrammatische Phänomene, die mit Hilfe der Gesprächsanalyse analysiert werden. In dieser Arbeit geht es beispielsweise um das ungrammatische Phänomen des Diskursmarkers in der Form des Imperativs ‚komm‘. Die Pragmatizität verlangt schließlich, dass die Teilnehmer im Gespräch gemeinsame oder individuelle Ziele verfolgen. (Vgl. Deppermann 2008: 8).

Die Gesprächsanalyse gilt im Normalfall wie auch in dieser Arbeit als qualitative Analyse, in der keine quantitativen Häufigkeitsaussagen getätigt werden. Außerdem ist der Bezug zum Kontext notwendig, weshalb die transkribierten Beispiele auch die Äußerungen vor und nach der untersuchten Gesprächspraktik enthalten (Vgl. Deppermann 2007: 53 f.).

Gegenstand dieser Analyse sind in der Regel natürliche Alltagsgespräche, die aufgezeichnet und nicht künstlich zum Zweck der Arbeit geschaffen wurden. (Vgl. Brinker / Sager 2010: 21). Dabei können sowohl Kategorien der Makroebene wie die Gesprächseröffnung, Kategorien der mittleren Ebene wie Gliederungssignale und Kategorien der Mikroebene wie zum Beispiel die syntaktische Struktur untersucht werden (Vgl. Henne / Rehbock 2001: 14).

Das Ziel der Analyse besteht letztendlich darin,

Formen, […] [in diesem Fall (un-)grammatische Einheiten] typologisch zu beschreiben und verständlich zu machen, indem gefragt wird, welche Funktionen die Formen für Aufgaben, für Probleme und Zwecke haben, mit denen Interaktanten in Gesprächen befaßt sind (Deppermann 2008: 49).

Das Prinzip der linguistischen Gesprächsanalyse eignet sich insofern für diese Arbeit, dass hier alltägliche Gespräche dahingehend analysiert werden, ob ‚komm‘ in der gesprochenen Sprache als Diskursmarker verwendet wird. ‚Komm‘ gilt dabei als Prinzip beziehungsweise als sprachliche Ressource der sprachlichen Ausgestaltung eines Menschen im Alltagsgespräch. Nun gilt es den „Form-Funktionszusammenhang“ (Deppermann 2007: 32) dieser Gesprächspraktik zu analysieren.

Grundlage der Gesprächsanalyse ist ein Korpus von transkribierten Alltagsgesprächen, das im anschließenden Kapitel kurz vorgestellt wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Analyse von "komm" hinsichtlich seiner Form und seinen Funktionen als Diskursmarker in der gesprochenen Sprache
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V377531
ISBN (eBook)
9783668562561
ISBN (Buch)
9783668562578
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, form, funktionen, diskursmarker, sprache
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Analyse von "komm" hinsichtlich seiner Form und seinen Funktionen als Diskursmarker in der gesprochenen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377531

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