Der Adel begann sich vom kulturellen Einfluss und der Dominanz des Klerus zu emanzipieren, denn nicht mehr nur die Heilsgeschichte und die Viten der Kirchenväter verdienten es, aufgezeichnet zu werden, sondern Heldensagen, Abenteuer der Ritter, der Artusrunde, Geschichten vom Untergang der Burgunden oder von Kämpfen gegen die Ungläubigen wurden für die Schrift entdeckt.
In dieser Zeit entwickelte sich die deutsche Sprache und mit ihr auch ihre Bestimmung, denn hatte sie bisher beim Adel nur der Erledigung von Verrichtungen gedient. Nun änderte sich ihre Bestimmung durch das wachsende Selbstbewusstsein in Haltung und Selbstverständnis des Adels. Die höfische Liebe, der Dienst an der Minnedame, und ihre Gesänge sollten an den adeligen Tafeln die Gäste erfreuen und die Taten ihresgleichen feiern.
Und dies sollte nicht mehr auf Latein, der Sprache der litterati, der Gelehrten, erfolgen, sondern in der Sprache, die die Laien, die illiterati, selbst sprachen und verstanden. Beide Schriftkulturen beeinflussen sich gegen-seitig in Form zweier unterschiedlicher sich überlagernder Kulturtypen. Bis 1200 entstand so eine Mischkultur, in der der volkssprachliche Part mehr und mehr die Schriftlichkeit annahm und mehr und mehr in Lebensbereiche vordrang, die bisher dem Lateinischen vorbehalten waren wie beispielsweise der Bereich des Rechts, der Bereich politisch-rechtlicher Vereinbarungen und der Bereich von Dichtung und Poesie.
Allerdings stellten deutsche Texte bis in das 16. Jahrhundert nur einen geringen Teil der gesamten Literaturproduktion dar, der gewichtigere Anteil wurde in Latein verfasst. Vor dem Hintergrund dieses Spannungsverhältnisses von Latein und Deutsch, von Schriftlichkeit und Mündlichkeit erscheint die mittelhochdeutsche Literatur von vornherein funktional bestimmt, denn jeder Text ist im Kontext seiner Überlieferungsgeschichte und seiner Vermittlungsrolle vom Autor an das Publikum zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung: Literatur und Mystik im Mittelalter
1.2 Ziel der Arbeit und Methodik
2. Aspekte mittelalterlicher Mystik
2.1 Mystik in christlicher Sicht
2.2 Mystische Spiritualität und Fremdheitserfahrungen
2.3 Das mittelalterliche Frauenbild und Frauenmystik
3. Mechthild von Magdeburg und ihr Werk Das fließende Licht der Gottheit
3.1 Entstehungsgeschichte und geschichtlicher Hintergrund
3.2 Die Minnetexte Mechthilds
3.3 Verständnishürden in der heutigen Zeit
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken und Werk von Mechthild von Magdeburg unter besonderer Berücksichtigung der Verbindung von mittelalterlicher Mystik und höfischer Minnelyrik. Dabei wird analysiert, wie Mechthild durch die Nutzung der Volkssprache und eine tiefgehende, erotisch geprägte Symbolik ihre mystischen Erfahrungen vermittelt und inwieweit das gesellschaftliche Frauenbild jener Zeit ihre Position und Rezeption beeinflusste.
- Die Entwicklung und Bedeutung der Mystik im geschichtlichen Kontext des Mittelalters.
- Die Wechselwirkung zwischen dem höfischen Minnesang und der christlichen Brautmystik.
- Die Rolle der Frau sowie das Frauenbild im Spannungsfeld von Feudalgesellschaft und Kirche.
- Die Herausforderungen bei der sprachlichen und inhaltlichen Erschließung mittelalterlicher Texte für den modernen Leser.
- Die Analyse der spezifischen Ausdrucksweise Mechthilds in ihrem Werk "Das fließende Licht der Gottheit".
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Minnetexte Mechthilds
Die Minnetexte Mechthilds wirken wie glühende Liebeslieder und sind es auch. Mechthild schreibt und veröffentlicht FLG unter dem Schutz einer zweifachen Traditionsreihe: der uralt-biblischen und der zeitgenössisch-literarischen Tradition.
Aus der biblischen Tradition kommt die Brautmystik: vor allem in der Psalm- und Prophetenliteratur des ersten Testaments wie beispielsweise Ez 16,8 und Jes 49+62 wird das Volk Israel als „Braut Gottes“ bezeichnet. So wie Braut und Bräutigam sich auf ein gemeinsames Leben freuen und auf die Erfüllung ihrer Sehnsucht warten, so innig ist die Sehnsucht des menschenverliebten Gottes nach der Liebe seines Volkes. Auch das Zweite Testament greift das Bild der Braut mehrfach auf wie in Mk 2 oder Joh 3, aber auch in der Johannes-Offenbarung. Die Hochzeit der „Brautleute“ steht unmittelbar bevor, da der „Bräutigam“, Jesus, bereits angekommen ist. Wenn er sich der Braut durch den Tod am Kreuz erneut entzieht und vorübergehend zurückkehrt ins „Haus seines Vaters“, dann nur, um endgültig wiederzukommen und zu bleiben. Die Offenbarung des Johannes spricht von dieser endzeitlichen „Hochzeit des Lammes“ (Off 19+21). Mit ihr beginnt die Herrschaft des barmherzigen Gottes, der Himmel auf Erden, der ewige Friede. Uns mögen diese Allegorien unverständlich erscheinen, aber die Bilderwelt des Magdeburger Doms und anderer gotischer Bauwerke, die zu Mechthilds Lebzeiten entstanden sind, können ohne das Verständnis dieses Hochzeitsszenario nicht „gelesen“ werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den kulturellen Wandel des Adels und das Spannungsverhältnis zwischen lateinischer und volkssprachlicher Literatur sowie die Funktion mystischer Erfahrung.
2. Aspekte mittelalterlicher Mystik: Dieses Kapitel definiert mystische Erfahrungen in christlicher Tradition, erörtert Fremdheitserfahrungen und analysiert das zeitgenössische Frauenbild sowie dessen Einfluss auf Frauenmystik.
3. Mechthild von Magdeburg und ihr Werk Das fließende Licht der Gottheit: Hier werden Entstehungsgeschichte, die Verbindung von Brautmystik und Minnesang sowie die Herausforderungen der Übersetzung und des Verständnisses von Mechthilds Texten detailliert betrachtet.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Verständnis mittelalterlicher Texte ein hohes Maß an Wissen über Lebensumstände und Symbolik erfordert und würdigt Mechthilds Beitrag durch ihre neue, vom Gefühl geprägte Sprache.
Schlüsselwörter
Mechthild von Magdeburg, Mittelalter, Mystik, Brautmystik, Minnesang, Frauenbild, Gottesminne, Literaturgeschichte, Volkssprache, Unio mystica, Hohes Lied, religiöse Erfahrung, christliche Spiritualität, Textanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die mittelalterliche Mystik, fokussiert auf das Leben und Werk von Mechthild von Magdeburg und die spezifische Ausdrucksweise ihrer "Minnetexte".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Verknüpfung von höfischer Liebe und religiöser Brautmystik sowie die Rolle der Frau im mittelalterlichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist eine theoretische Betrachtung darüber, wie Mechthild ihre mystische Gottesbeziehung mittels literarischer Formen und der Volkssprache vermittelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem Literaturstudium (Deskription), um aus vorhandenen Quellen Argumente und Interpretationen zu bilden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Grundlagen der Mystik, die Einordnung von Mechthild von Magdeburg sowie die sprachliche und inhaltliche Komplexität ihrer Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mystik, Brautmystik, Minnesang, Frauenbild und Volkssprache charakterisiert.
Warum verwendet Mechthild erotisches Vokabular?
Das erotische Vokabular dient ihr als notwendiger Ausdruck für die überbordende Intensität der seelischen und leiblichen Verbindung mit Gott, basierend auf dem Hohen Lied.
Warum ist das Verständnis ihrer Texte heute schwierig?
Die Veränderung der Sprache, der kulturellen Symbole und der Lebenswelt im Vergleich zum 13. Jahrhundert führt zu Verständnishürden für den modernen Leser.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2016, Theoretische Betrachtung der Mystik im Mittelalter. Mechthild von Magdeburgs "Das fließende Licht der Gottheit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377539