Die Vielfalt von Dialekten und Varietäten, verschiedener Gruppensprachen, Varianten der gesprochenen und geschriebenen Sprache ist kennzeichnend für die deutsche Sprache. Sprachnormen als Orientierungshilfe sind unverzichtbar für den Sprachgebrauch, für das richtige Sprechen und Schreiben. Sie bilden "ein überwölbendes Dach, das Dialog und Verstehen innerhalb der Gesellschaft ermöglicht und niemanden ausgrenzt" (Götze 2001).
Was wird aber unter den Sprachnormen verstanden, wie entstehen und wie verändern sie sich? Die vorliegende Arbeit ist der Sprachnormproblematik gewidmet und setzt sich auch mit dem Thema aus der Sicht des Deutschen als Fremdsprache auseinander. Dabei soll den Fragen auf den Grund gegangen werden, inwiefern die Vermittlung der Variation im Unterricht relevant ist, ob es eine größere Normtoleranz erforderlich ist und welche Rolle dabei die DaF-Lehrer als Normvermittler spielen.
Zunächst werden der Sprachnormbegriff, mit ihm in Verbindung stehende Terminologie, die Funktionen und Merkmale der Sprachnormen im Allgemeinen vorgestellt. Drei Normkonzeptionen: von F. de Saussure, E.Coseriu und von der Prager Schule werden daraufhin präsentiert, um einen Eindruck von der Entstehung und Entwicklung des Begriffs in der Geschichte der Sprachwissenschaft zu bekommen.
Im Anschluss daran widmet sich ein Kapitel der sprachlichen Veränderungen, in welchem Sprachwandel, Sprachplanung und damit auch verbundener Normwandel thematisiert werden. Im Kapitel 3 wird auf die Relevanz der Norm für den DaF-Unterricht und ihre Problematik eingegangen, indem es zwischen der kodifizierten Sprachnorm und Gebrauchsnorm, Standard und Variation, Norm der gesprochenen und geschriebenen Standardsprache unterschieden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Sprachnorm? (Definitionen)
2.1 Sprache und Sprachnormen
2.2 Normbegriff in der Sprachwissenschaft
2.3 Funktionen und Eigenschaften von Normen
3. Sprachnorm und sprachliche Veränderungen
3.1 Sprachwandel
3.2 Normverletzungen
3.3 Sprachplanung
4. Sprachnormen im Zusammenhang mit Fremdsprachendidaktik und DaF-Unterricht
4.1 Standard und Variation
4.2 Normen der geschriebenen und gesprochenen Standardsprache
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit widmet sich der vielschichtigen Problematik der Sprachnormen, insbesondere unter Berücksichtigung ihrer Entstehung, Funktion und ihres Wandels innerhalb der deutschen Sprache sowie ihrer spezifischen Relevanz für den DaF-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache).
- Grundlagen des Sprachnormbegriffs und linguistische Normkonzeptionen.
- Ursachen und Mechanismen des Sprach- und Normwandels.
- Typologie von Normverletzungen und der Einfluss der gesprochenen Sprache.
- Rolle von Sprachplanung, Standardisierung und Normvermittlung im DaF-Unterricht.
- Spannungsfeld zwischen kodifizierter Standardsprache und sprachlicher Varietätenvielfalt.
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Prager Schule
Einige Vertreter der Prager Schule, einer der einflussreichsten Strömungen in der Linguistik, beschäftigten sich auch mit der Normfrage und leisteten einen wichtigen Beitrag in die Bearbeitung der Normenproblematik. Die wichtigsten Grundgedanken der Prager Schule lassen sich folgendermaßen darstellen:
1) Eine funktionale Auffassung der Norm wurde betont, die der bisher verbreiteten genetischen Normauffassung entgegengesetzt wurde (vgl. Hartung 1977: 55)
2) Die Quelle der Norm wurde im Usus gesehen, der als konkreter, unmittelbarer Sprachgebrauch verstanden wurde (vgl. Hartung 1977: 55 in Anlehnung an Dokulil)
3) Die Normdiskussion wurde auf dem Hintergrund der Unterscheidung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache geführt. Vachek und Havranek unterscheiden zwei Existenzformen der Sprache, die zwei verschiedene, aber doch miteinander verbundene Normen haben: die Norm der gesprochenen Sprache und die Norm der Schriftsprache. Die Norm der Schriftsprache besitzt im Vergleich zu der Norm der gesprochenen Sprache einen höheren Grad der funktionalen Differenzierung, fordert ein stärker entwickeltes Bewusstsein der Norm und ein größeres Maß an der Verbindlichkeit (vgl. Königs 1983: 275). Während unter der geschriebenen Norm ein System der graphisch realisierbaren Sprachelemente, deren Funktion darin besteht, auf einen gegebenen Impuls statisch zu reagieren, verstanden wird, ist die gesprochene Norm der Sprache ein System der phonisch realisierbaren Sprachelemente, die auf einen gegebenen Impuls in dynamischen Weise, schlagfertig und unmittelbar reagieren sollen. Daraus ergibt sich, dass die gesprochene Sprache wegen ihrer Spontaneität und Kreativität komplizierter und flexibler sein muss (ibid., 276).
Die Vertreter der Prager Schule gingen nicht von der Sprachnorm aus, sondern von den Normen aller sprachlichen Existenzformen:
Der Normbegriff der Prager Schule ist von der Art, dass man auch von ˃ der Norm ˂ sprechen kann, allerdings nicht so wie bei Coseriu von ˃ der Norm der Sprache ˂; vielmehr sprechen die Prager von der Norm eines Soziolekts, eines Dialekts, eines funktional definierten Registers, der gesprochenen Sprache, oder der geschriebenen Sprache. Es gibt daher verschiedene ˃ Strata ˂, die jeweils ihre eigene Norm haben (Bartsch 1985: 74).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Sprachnormen ein, erläutert deren Bedeutung als Orientierungshilfe und skizziert die Relevanz für den Deutsch als Fremdsprache (DaF)-Unterricht.
2. Was ist Sprachnorm? (Definitionen): Dieses Kapitel beleuchtet den theoretischen Sprachnormbegriff sowie die konzeptionellen Ansätze von F. de Saussure, E. Coseriu und der Prager Schule.
3. Sprachnorm und sprachliche Veränderungen: Das Kapitel behandelt die Dynamik von Sprachwandel, Normverletzungen als Vorboten dieses Wandels sowie die Prozesse der Sprachplanung und Normierung.
4. Sprachnormen im Zusammenhang mit Fremdsprachendidaktik und DaF-Unterricht: Hier wird das Spannungsfeld zwischen der Standardvarietät und der sprachlichen Variation in Bezug auf die Vermittlung und Beurteilung im DaF-Kontext analysiert.
5. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse über die Stabilität, Wandlungsfähigkeit und didaktische Relevanz von Sprachnormen zusammen.
Schlüsselwörter
Sprachnorm, Sprachwandel, Normverletzung, Sprachplanung, DaF-Unterricht, Standardsprache, Sprachvariation, Normkonzeption, Sprachgemeinschaft, Kommunikation, Normtoleranz, Standardvarietät, Sprachwirklichkeit, Orthographie, Sprachvermittlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem komplexen Thema der Sprachnormen, deren Definitionen, Funktionen und der ständigen Veränderung durch Sprachwandel.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Normkonzepte der Linguistik, der Prozess des Sprachwandels, der Umgang mit Normabweichungen und die Herausforderungen bei der Vermittlung von Sprachnormen im Fremdsprachenunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Sprachnormbegriff historisch und theoretisch einzuordnen und zu erörtern, inwiefern eine Auseinandersetzung mit sprachlicher Variation und Normtoleranz für DaF-Lehrkräfte und den Unterricht relevant ist.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit Fachliteratur zur Sprachwissenschaft, Varietätenlinguistik und Fremdsprachendidaktik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Definition des Normbegriffs, eine Analyse der Ursachen für sprachliche Veränderungen sowie eine didaktische Reflexion über die Rolle von Normen und Varietäten im DaF-Unterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sprachnorm, Sprachwandel, DaF-Unterricht, Standardvarietät und Sprachvariation.
Warum ist die Unterscheidung zwischen System und Norm nach Coseriu so wichtig?
Die Unterscheidung ist deshalb methodisch bedeutsam, weil sie aufzeigt, dass Sprachnormen nicht als starre, präskriptive Idealnormen verstanden werden sollten, sondern als ein System normaler Realisierungen, das der sprachlichen Wirklichkeit näherkommt.
Welches Dilemma haben DaF-Lehrer bei der Vermittlung von Sprachnormen?
Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, einerseits die verbindliche Standardsprache als Orientierung zu vermitteln, andererseits aber auch die Vielfalt der gesprochenen Alltagssprache und regionale Variationen verständlich zu machen, ohne die Lernenden zu überfordern.
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- Jana Wollmann (Author), 2012, Zum Begriff der Sprachnorm und ihrer Bedeutung für den DaF-Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377564