Die Geschwisterlichkeit spielt in "Die Verwandlung" von Franz Kafka eine zentrale Rolle und soll Thema dieser Hausarbeit sein.
Es soll darum gehen, die Beziehung Gregor und Gretes zu analysieren. Diese besondere Figurenkonstellation zu betrachten, ist besonders interessant, da es im Vergleich zu anderen Aspekten nur wenig Forschungsansätze gibt. Weitverbreitete Kafka-Forschung, die "Die Verwandlung" thematisiert, betrifft z.B. die Beziehung Gregor Samsas zu seinem Vater, Tiermotive in Kafkas Werken und deren Bedeutung, sowie Bezüge zur Freudschen Psychoanalyse. Dieser Ausgangspunkt, der spärlichen Forschung zur Geschwisterlichkeit, macht das Thema interessant und zu einem geeigneten Gegenstand dieser Hausarbeit.
Ziel der Arbeit soll es sein, inzestuöse Anspielungen im Text zu erarbeiten und zu bewerten. Es soll eruiert werden wo inzestuöse Fantasien auftauchen, und von wem sie ausgehen. Handelt es sich dabei um einen einseitigen Wunsch oder geht dieser von beiden aus? Wie stehen die Geschwister zueinander? Welche Position nehmen die beiden innerhalb der Familie und der Gesellschaft ein?
Ein besonderer Schwerpunkt bei der Analyse, soll die Entfremdung der Geschwister darstellen. Wie gestaltet sich die Geschwisterlichkeit der beiden vor der Verwandlung und wie verändert sie sich danach? - Anhand der Beantwortung dieser Fragen sollen die inzestuösen Anspielungen im Text erarbeitet und ausgewertet werden. Wie ist zum Beispiel das pornografische Bild der Dame im Pelz in Gregors Zimmer, welches er auch nach seiner Verwandlung nicht hergeben will, zu deuten? Was lässt sich bei Gretes Violinspiel erkennen, wenn Gregor plötzlich ein Verlangen nach der „unbekannten Nahrung“ verspürt und Gretes Hals küssen möchte?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vor der Verwandlung
3. Vergleich zu Sacher-Masochs Venus im Pelz
4. Die langsame Entfremdung der Geschwister
4.1 Grete: Die Schwester, das Dienstmädchen und die Hure?
4.2 Die „unbekannte Nahrung“
4.3 Gretes Todesurteil für Gregor
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Geschwisterbeziehung zwischen Gregor und Grete Samsa in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" unter besonderer Berücksichtigung inzestuöser Anspielungen und erotischer Projektionen. Ziel ist es, die schleichende Entfremdung der Geschwisterfiguren sowie die Rolle des Masochismus, unter anderem durch einen Vergleich mit Sacher-Masochs "Venus im Pelz", zu erarbeiten und zu bewerten.
- Analyse der Geschwisterkonstellation und Entfremdung
- Untersuchung inzestuöser Motive und Fantasien
- Vergleich mit Leopold von Sacher-Masochs "Venus im Pelz"
- Interpretation von Symbolen wie dem "Bild der Dame im Pelz" und der "unbekannten Nahrung"
- Erarbeitung der ambivalenten Rolle Gretes in Bezug auf Gregors Schicksal
Auszug aus dem Buch
Die „unbekannte Nahrung“
Bisher konnte festgestellt werden, dass sich Gregors Begehren am Bild der Pelzdame orientiert. Grete soll ihm bei seiner Wunscherfüllung behilflich sein und die Rolle der Dame im Pelz einnehmen, um Gregors Fetisch auszuleben und die herrische Frau darzustellen. Es wird aber auch deutlich, dass Grete diese Rolle nicht einnehmen möchte. Gregor kann seine Begierde seiner Schwester gegenüber trotzdem nicht unterdrücken, dies wird deutlich, als Grete für die Zimmerherren Violine spielt.
Die Musik seiner Schwester weckt in Gregor eine bisher unerforschte Sehnsucht und bringt ihn zu dem Ausspruch: „War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung.“ (DV 53). Nun stellt sich die Frage, was „der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung“ sein soll? Rudloff ist der Meinung diese „unbekannte Nahrung“ verweise „auf ein anderes Leben.“ Die Musik selbst sei also die ersehnte Nahrung, nach der Gregor trachtet. „Das Kunsterlebnis erscheint als eine Alternative, dem erotischen Begehren zu entsagen. Im Hören der Musik wird die Bedingung einer Möglichkeit gesehen, die Triebstruktur mit der Individualität zu versöhnen.“ Er ist der Meinung, Gregor wolle die Musik der Schwester, sowie auch ihr selbst habhaft sein.
Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass Gregor mit der „unbekannten Nahrung“ nicht die Musik seiner Schwester, sondern die geschlechtliche Liebe zu ihr meint. Die Musik Gretes ist Gregor nicht fremd, im Gegenteil. Er kennt das Violinspiel seiner Schwester sehr gut, warum soll also die Musik die „ersehnte unbekannte Nahrung“ sein? Durch ihre Musik, die ihn anlockt und aufmerksam macht, erkennt Gregor, wonach er sich sehnt. Nämlich nach seiner Schwester selbst. Die darauffolgenden Textstellen geben darauf Aufschluss: „Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen [...]“ (DV 53). Etwas weiter heißt es: „und Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel erheben und ihren Hals küssen, den sie […] frei ohne Band oder Kragen trug.“ (DV 54)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der inzestuösen Geschwisterbeziehung in Kafkas Erzählung und Abgrenzung zum Forschungsstand.
2. Vor der Verwandlung: Analyse der sozioökonomischen Bedingungen und der frühen Geschwisterbeziehung vor dem zentralen Ereignis der Verwandlung.
3. Vergleich zu Sacher-Masochs Venus im Pelz: Untersuchung des Masochismus-Motivs und der symbolischen Bedeutung des "Bildes der Dame im Pelz" als erotisches Element.
4. Die langsame Entfremdung der Geschwister: Detaillierte Betrachtung der Dynamik zwischen Gregor und Grete anhand zentraler Schlüsselszenen wie der Zimmerräumung und dem Violinspiel.
4.1 Grete: Die Schwester, das Dienstmädchen und die Hure?: Erörterung der Rollenverteilung und der Theorie des "Schizo-Inzests" nach Deleuze und Guattari.
4.2 Die „unbekannte Nahrung“: Deutung von Gregors Sehnsucht als erotisches Verlangen nach der Schwester, entgegen bloßer musikalischer Interpretation.
4.3 Gretes Todesurteil für Gregor: Analyse von Gretes Rede als Wendepunkt, der den physischen und psychischen Verfall Gregors besiegelt.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Geschwisterbeziehung und Bestätigung der inzestuösen Triebkraft als wesentliches Element der Erzählung.
6. Literatur: Auflistung der wissenschaftlichen Quellen und Primärliteratur.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Die Verwandlung, Geschwisterbeziehung, Inzest, Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Masochismus, Grete Samsa, Entfremdung, Fetischismus, Schizo-Inzest, literarische Analyse, erotische Symbole, Frauenbild, psychologische Interpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die komplexe und oft als inzestuös gedeutete Geschwisterbeziehung zwischen Gregor und Grete Samsa in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Masochismus, die Darstellung von Geschwisterlichkeit, die Rolle der Frau bei Kafka sowie die Analyse symbolischer Motive wie des "Bildes der Dame im Pelz".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die inzestuösen Anspielungen im Text zu identifizieren, deren Ursprung in den Fantasien der Figuren zu bewerten und die Entwicklung der Geschwisterbeziehung bis zu Gregors Tod nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die insbesondere auf intertextuellen Vergleichen (insbesondere zu Sacher-Masoch) und psychoanalytischen bzw. kulturwissenschaftlichen Ansätzen (Deleuze/Guattari) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Vorgeschichte, einen theoretischen Vergleich mit dem Masochismus-Diskurs, die Untersuchung der Entfremdung durch konkrete Schlüsselszenen und die Interpretation von Gretes Rolle als "grausame Frau".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Inzestuöse Anspielungen", "Masochismus", "Schizo-Inzest", "Geschwisterentfremdung" und "Fetischisierung" charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst das Bild der "Dame im Pelz" die Beziehung der Geschwister?
Das Bild fungiert als Fetisch, auf den Gregor seine erotischen Bedürfnisse projiziert; Grete wird dabei unbewusst als Zielperson für diese Projektionen auserkoren, was zu Spannungen führt, da sie diese Rolle der "herrischen Frau" nicht bedingungslos einnehmen will.
Warum wird Grete als mitverantwortlich für Gregors Tod betrachtet?
Durch ihre Rede vor den Eltern, die Bermejo-Rubio als eine Ansammlung von Lügen und Unterstellungen analysiert, isoliert sie Gregor endgültig und forciert seinen gesellschaftlichen und psychischen Ausschluss, was ihn in den Tod treibt.
- Arbeit zitieren
- Beate Bruns (Autor:in), 2015, Die Geschwisterbeziehung in Franz Kafkas "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377572