Die Geschwisterbeziehung in Franz Kafkas "Die Verwandlung"

Inzestuöse Fantasien und Entfremdung


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vor der Verwandlung

3. Vergleich zu Sacher-Masochs Venus im Pelz

4. Die langsame Entfremdung der Geschwister
4.1 Grete: Die Schwester, das Dienstmädchen und die Hure?
4.2 Die „unbekannte Nahrung“
4.3 Gretes Todesurteil für Gregor

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Viele Werke der Weltliteratur von der Antike bis hin zum 21. Jahrhundert thematisieren Rivalität unter Geschwistern, Geschwisterliebe und inzestuöse Handlungen. In einigen Texten findet man solche Beziehungen offen und explizit, in anderen werden sie wiederum nur angedeutet. Zu dieser Kategorie gehört auch Die Verwandlung von Franz Kafka. Die Geschwisterlichkeit spielt hier eine zentrale Rolle und soll Thema dieser Hausarbeit sein.

Es soll darum gehen, die Beziehung Gregor und Gretes zu analysieren. Diese besondere Figurenkonstellation zu betrachten, ist besonders interessant, da es im Vergleich zu anderen Aspekten nur wenig Forschungsansätze gibt. Weitverbreitete Kafka-Forschung die Die Verwandlung thematisiert, betrifft z. B. die Beziehung Gregor Samsas zu seinem Vater, Tiermotive in Kafkas Werken und deren Bedeutung, sowie Bezüge zur Freudschen Psychoanalyse. Dieser Ausgangspunkt, der spärlichen Forschung zur Geschwisterlichkeit, macht das Thema interessant und zu einem geeigneten Gegenstand dieser Hausarbeit.

Ziel der Arbeit soll es sein, inzestuöse Anspielungen im Text zu erarbeiten und zu bewerten. Es soll eruiert werden wo inzestuöse Fantasien auftauchen, und von wem sie ausgehen. Handelt es sich dabei um einen einseitigen Wunsch oder geht dieser von beiden aus?

Wie stehen die Geschwister zueinander? Welche Position nehmen die beiden innerhalb der Familie und der Gesellschaft ein? Ein besonderer Schwerpunkt bei der Analyse, soll die Entfremdung der Geschwister darstellen. Wie gestaltet sich die Geschwisterlichkeit der beiden vor der Verwandlung und wie verändert sie sich danach? - Anhand der Beantwortung dieser Fragen sollen die inzestuösen Anspielungen im Text erarbeitet und ausgewertet werden. Wie ist zum Beispiel das pornografische Bild der Dame im Pelz in Gregors Zimmer, welches er auch nach seiner Verwandlung nicht hergeben will, zu deuten? Was lässt sich bei Gretes Violinspiel erkennen, wenn Gregor plötzlich ein Verlangen nach der „unbekannten Nahrung“ verspürt und Gretes Hals küssen möchte?

2. Vor der Verwandlung

Von der Geschwisterbeziehung vor der Verwandlung Gregors erfährt der Leser nur wenig, da die Erzählung direkt an dem Morgen, der alles verändert, einsetzt. Anhand der Beschreibungen Gregors können Vermutungen aufgestellt und ein grobes Bild der Verhältnisse gezeichnet werden.

In der Wohnung der Familie Samsa hängt ein Bild Gregors, welches ihn als Leutnant zeigt, „wie er, die Hand am Degen sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform verlangte.“.[1] Diese Tätigkeit konnte Gregor nicht lange ausführen, denn nach dem Zusammenbruch des Geschäfts seines Vaters, muss er der Familie finanzielle Unterstützung leisten. Somit fängt der ca. zwanzigjährige Gregor an, als Reisender zu arbeiten (vgl. DV 30). Durch seine Sorge um die finanzielle Lage der Familie, fängt Gregor in einem großen Eifer an zu arbeiten und „war fast über Nacht aus einem kleinen Kommis ein Reisender geworden.“ (ebd.). Mit dem Geld, welches er seit fünf Jahren in seinem Beruf verdient, ernährt Gregor seine komplette Familie, er ist als Ernährer der Familie schnell selbstverständlich geworden (vgl. ebd.). Der Vater und die Mutter nehmen das Geld gerne an und Gregor ist glücklich seiner Familie helfen zu können, „aber eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben.“ (ebd.). Gregor berichtet davon, dass er den ungeliebten Beruf nur ausübt, um die Schulden des Vaters abzuarbeiten und danach über eine Kündigung nachdenkt: „habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern […] abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern –, mach ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht.“ (DV 6f.).

Ein wirkliches Sozialleben hat Gregor ohnehin nicht. Seine Mutter äußert:

Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon fast, dass er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause. (DV 13)

Ebenso wenig hat Gregor jemals ein Verhältnis zu einer Frau gehabt. Er erwähnt ein Stubenmädchen als „flüchtige Erinnerung“ (DV 47) und „eine Kassiererin […], um die er sich ernsthaft, aber zu langsam beworben hatte“ (ebd.).

Der einzigen Person, der er sich nach dem Zusammenbruch des Unternehmens des Vaters noch nahe fühlt, ist seine Schwester (vgl. DV 30). Gregor, der seine Schwester sowohl vor wie auch nach seiner Verwandlung, nie beim richtigen Namen nennt, sondern immer nur mit „Schwester“ anspricht, hat schon lange vor seiner Metamorphose zum „Ungeziefer“ den Plan, seine kleine, geliebte Schwester auf ein Konservatorium zu schicken. Die siebzehnjährige Grete liebt nämlich die Musik und ist in Gregors Augen eine ausgesprochen gute Violinistin (vgl. DV 31). Gregor verspürt eine solche Liebe gegenüber seiner Schwester, dass er keine Kosten und Mühen scheuen möchte, um sie dort hinzuschicken:

Öfters während der kurzen Aufenthalte Gregors in der Stadt wurde in den Gesprächen mit der Schwester das Konservatorium erwähnt, aber immer nur als schöner Traum, an dessen Verwirklichung nicht zu denken war, und die Eltern hörten nicht einmal diese unschuldigen Erwähnungen gern; aber Gregor dachte sehr bestimmt daran […]. (DV 31)

An dieser Textstelle lässt sich erkennen, dass selbst Grete diesen Plan des Bruders, nur als einen Tagtraum ansieht und nicht daran glaubt, dass er in Erfüllung gehen könnte. Die Eltern glauben erst recht nicht daran. Obwohl beide Elternteile Gregor gegenüber stolz sind, kann man dies über Grete nicht behaupten. Im Gegenteil sogar. Gretes bisherige Lebensweise besteht daraus „sich nett zu kleiden, lange zu schlafen, in der Wirtschaft mitzuhelfen, an ein paar bescheidenen Vergnügungen sich zu beteiligen und vor allem Violine zu spielen [...]“ (DV 32). Weiterhin heißt es in Gregors Beschreibungen, dass Grete den Eltern bis zu dem Zeitpunkt der Verwandlung als ein „nutzloses Mädchen erschienen war.“ (DV 34).

Trotz dieser Nutzlosigkeit, die die Eltern in Grete sehen, ist sie für Gregor die engste Verbündete. Er hält sie für klug (vgl. DV 20) und hilfsbereit und doch, sieht er in ihr noch ein Kind, das geschützt werden muss (vgl. DV 32).

Es lässt sich unschwer erkennen, dass Gregor und Grete vor der Verwandlung ein enges Geschwisterverhältnis verband. Dieses Verhältnis kann allerdings nur aus Gregors Sicht beschrieben werden, da der Leser über die Gefühlswelt Gretes zu keinem Zeitpunkt Einblick erhält. Aufgrund der Beschreibungen Gregors lässt sich erkennen, wie sehr er seine Schwester liebt, schätzt und sich auf sie verlässt. Zumindest vor seiner Verwandlung standen die Geschwister in tiefer Verbundenheit zueinander.

Im Folgenden gilt es herauszufinden, an welcher Stelle und warum dieses Geschwisterverhältnis kippt und die Erzählung in Gregors Tod endet. Dabei ist es wichtig zu erörtern welche Rolle erotische, inzestuöse Gedanken für die Beziehung der Geschwister spielen.

3. Vergleich zu Sacher-Masochs Venus im Pelz

Es soll um den Vergleich zu Leopold von Sacher-Masochs Venus im Pelz und um Forschungsansätze in Zusammenhang mit der Novelle gehen. Das Verhalten Gregors und die darauffolgende Reaktion Gretes sollen erklärt werden. Ein solcher Vergleich bietet eine interessante und an einigen Stellen fragwürdige Sicht auf das Geschwisterverhältnis Gregor und Gretes.

Es stellte eine Dame dar, die, mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob. (DV 5)

[...]


[1] Franz Kafka: Die Verwandlung. Stuttgart: Reclam 2001. S. 18f. Im Folgenden mit Seitenzahlen im Text zitiert als DV.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Geschwisterbeziehung in Franz Kafkas "Die Verwandlung"
Untertitel
Inzestuöse Fantasien und Entfremdung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Schwestern und Brüder.Geschwisterbeziehungen - Geschlechterverhältnisse
Note
2,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V377572
ISBN (eBook)
9783668552463
ISBN (Buch)
9783668552470
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Die Verwandlung, Gregor Samsa, Gender, Literaturwissenschaft, Inzest, Geschlechter, Geschwister
Arbeit zitieren
Beate Bruns (Autor), 2015, Die Geschwisterbeziehung in Franz Kafkas "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377572

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