Krisensymptome der Mittelschicht. Prekarisierung und neue soziale Grenzzonen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung und Fragestellung

2.Die Mittelschicht und mittlere soziale Lagen
2.1 Die Vermessung der Mitte
2.2 Die Mittelschicht in der soziologischen Theorie

3.Prekarisierung der Arbeitswelt und ihre Folgen
3.1 Neue Formen der Beschäftigung
3.2. Die Debatte um die schrumpfende Mittelschicht
3.3 Unsicherheitsempfinden und Abstiegsangst

4.Fazit und Ausblick

5.Quellenverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Die Mittelschicht ist eine sozialstrukturelle Zone zwischen Oben und Unten, die sich nur schwer einer einheitlichen Definition bestimmen lässt. Es gibt in der Soziologie keine einheitliche Definition der gesellschaftlichen Mitte, sondern nur verschiedene Zugänge mit unterschiedlichen Kriterien. Wirft man einen Blick in ein älteres Soziologie-Lexikon, so lässt sich ein Wettstreit unterschiedlicher Konzepte um die Definition der Mitte beobachten. Es gibt Definitionen von Mittelklasse, Mittelstand und Mittelschicht, die in verschiedenen traditionellen Kontexten zu verorten sind und unterschiedliche Inhaber mit einschließen. So wird Mittelschicht definiert als „Summe oder die Gruppierung der Inhaber mittlerer Rangplätze auf der Skala der Merkmale, die in der spezifischen Gesellschaft als relevant für Wertschätzung oder als dominant erscheinen (z.B. Macht, Prestige, Einkommen)“ (Fuchs/Klima et. al. 1973: 447). Dieser schwammigen Definition von Inhabern mittlerer Rangplätze stehen Definitionen gegenüber, die eng an bestimmte Kriterien gebunden sind. Zahlreiche Soziologen und Historiker versuchten sich an einer Einteilung der Gesellschaft in Klassen, Schichten, Milieus und der komplexer werdenden sozialen Lagen, die entweder sich stark an einem geschichtlichen Kontext orientiert und in diesem zu verstehen ist oder anhand von Kriterien, die auf bestimmte Statusmerkmale hinweisen (dazu siehe → Kapitel 2).

Ihren numerischen wie gesellschaftlich bedeutsamen Aufschwung hatte die Mittelschicht im Kontext der Industrialisierung, begleitet durch eine starke Abnahme unterer Schichten und extrem armer Lebenslagen. Für die Bundesrepublik Deutschland gelten die Jahre der Nachkriegszeit mit all ihren noch näher zu erläuternden Phänomenen als Spezifikum für die Expansion der Mittelschicht (vgl. Mau 2012: 21).

Diese Hausarbeit zielt auf die Analyse einer Mittelschicht in Deutschland ab, die scheinbar zunehmend von Sorgen und Unsicherheiten geprägt ist. Die Frage ist, ob es sich hierbei nur um einen inflationären Medien- Hype handelt oder sich empirisch belegen lässt, dass die Mittelschicht in den letzten Jahrzehnten besonders unter den Gesichtspunkten der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der Arbeitsmarktreformen einem besonderen Stress ausgesetzt ist. So können sich Menschen in mittleren Lagen bedingt durch die Zunahme atypischer Beschäftigung und den Umbau sozialstaatlicher Sicherung weniger sicher sein als zuvor (vgl. Burzan 2014: 17).

Ebenso sind Aufstiegsblockaden und globale Megatrends ein Faktor, der zu einer zusätzlichen Verunsicherung der Mittelschicht beitragen. (vgl. Mau 2010: 7).

Die Hausarbeit zielt auf die Annäherung an die Fragestellung ab, inwiefern sich das Unsicherheits- empfinden der Mittelschicht und die Abstiegsangst in niedere soziale Schichten im Zuge von Prekarisierungstendenzen erhöht.

Zunächst wird im ersten Teil der Hausarbeit näher definiert, wer überhaupt zur Mittelschicht gehört und wer die Mittelschicht auf welche Art und Weise vermisst.

Darauf folgt eine Einordnung der Mittelschicht im soziologischen Kontext und im sozialgeschichtlichen Zeitverlauf. Hier soll es um die verschiedenen Referenzautoren gehen, die die Soziologie der Mittelschicht maßgeblich beeinflusst haben. Detaillierte Informationen zur soziologischen Theorie der Mittelschicht sind bei Nicole Burzan (2010/2014), Steffen Mau (2012) sowie Stephan Hradil (2007) zu finden.

Nach diesen Grenzsetzungen, die einen Grundpfeiler für die spätere Analyse bieten sollen, wird der soziale Wandel einer Prekarisierung der Arbeitswelt mit seinen Auswirkungen auf die Mittelschicht verdeutlicht. In zwei Kapiteln (3.1 und 3.2) werden die Ursachen eruiert, die zu einem Anstieg des Unsicherheitsempfinden und der Angst in der Mittelschicht führen. Dabei begleiten die Erkenntnisse von Lengfeld und Hirschle (2008) die Analyse und auch methodisch wird sich zeigen, welche Indikatoren und Effekte die Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg fördern.

2. Die Mittelschicht und mittlere soziale Lagen

2.1 Die Vermessung der Mitte

Heutzutage gibt es Theorie-geleitete Definitionen von Mittelschicht, die sich an Kriterien des Einkommens bzw. an ökonomisch-pragmatisch orientierten Kategorien bemessen.

Dabei beziehen sich Ökonomen auf das äquivalenzgerichtete Haushaltseinkommen zwischen 70 und 150 % des Medianeinkommens, also des mittleren Einkommens (vgl. Mau 2014).

Dieser Ansatz wird jedoch oftmals als unzureichend kritisiert, denn nicht allein aktuelle finanzielle Ressourcen bestimmten die Lebenslage und Zugehörigkeit zu einer Schicht, sondern auch Qualifikation und berufliche Tätigkeit. Diese Indikatoren sagen etwas über Handlungsorientierung, Konfliktfähigkeit, perspektivische Lebenschancen und Zugehörigkeiten aus (vgl. Burzan 2014a: 14) Dies bedeutet, dass wichtige Merkmalsentscheidungen wie der familiäre Hintergrund und Unterstützungsnetzwerke sowie die zukünftige berufliche Position bei Studenten außen vor gelassen werden. Die Mittelschicht ist eine sozialstrukturelle Großgruppe, die nicht statisch fest abgegrenzt ist, sondern dynamisch im Rahmen gesellschaftlicher Dynamiken steht.

Andere Autoren bestimmen die Kriterien eines Realschulabschlusses mit abgeschlossener Berufsausbildung, einem Beruf als Angestellter, Beamter, kleiner Freiberufler, oder Selbstständiger in Verbindung mit einem Dienstleistungscharakter der ausgeübten Tätigkeit (vgl. Mau 2012: 76). Für Stephan Hradil (vgl. 2007: 190) stellen Mittelschichten in erster Linie Dienstleistungsmittelschichten dar, die Haushalte mit mittlerer bis höherer Bildung umfassen, die Dienstleistungstätigkeiten ausführen und über eine mittlere bis höhere berufliche Stellung verfügen.

Ein anderes Definitionsangebot schließt Mentalitäten und Lebenskonzepte bzw. Orientierungen mit ein, die auf bürgerlichen Tugenden beruhen, die sich aus einer bürgerlichen Kultur speisen mit Werten wie Respektabilität, Pflichterfüllung, Familiensinn, Ordnung und Stabilität (vgl. Mau 2014: 5). Diese lassen sich aber nicht einfach messen, sondern werden bestimmten Berufsgruppen zugeschrieben und Mittelschichtkonzepte mehr auf einer Werteebene ergänzen, die ebenso einem fortwährenden gesellschaftlichen Wandel unterliegen. Die Ausrichtung auf postmoderne Werte und ökologischem Bewusstsein hat in den Mittelschichten ebenso Fuß gefasst (vgl. Münkler 2010: 47).

Bei der Vermessung der Mittelschicht ist stets zu beachten, dass es sich um keine homogene Fraktion handelt, sondern um heterogene Ansätze, die verschiedene Populationen mit je eigenen Lebensstilen und Wertorientierungen mit einschließen (vgl. Mau 2014).

2.2 Die Mittelschicht in der soziologischen Theorie

Versucht man die Mittelschicht soziologisch einzuordnen, kommt man an den sozialgeschichtlichen Begebenheiten nicht herum. Diese tragen in signifikanter Weise zum Definitionsangebot der Mittelschicht bei wie auch zur Beantwortung der Frage, was die Mittelschicht an Relevanz in sich trägt und wie sich ihr gesellschaftlicher Status entwickelt. Viele soziologischen Makrotheorien räumten der Mittelschicht lange Zeit keinen Platz ein, und erst mit der These einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ bei Schelsky bekam die Mittelschicht in der Theorie der Sozialstruktur von Gesellschaft einen bedeutsamen Raum der Entfaltung (vgl. Lengfeld/Hirschle 2008: 181).

Selbst bei Marx gab es keine relevante Mitte im Sinne eines breiten Mittelstandsbauch, denn das Kleinbürgertum würde im Antagonismus der zwei Hauptklassen aus Kapitalisten und Lohnarbeitern zerrieben und proletarisiert werden (vgl. Mau 2012: 17). In der Marxschen Theorie blieb die Mittelschicht ein blinder Fleck, denn nur die Großklassen würden überleben. Ergänzend lässt sich sagen, dass sozialhistorisch gesehen nie von Mitte oder Mittelschichten wie wir es heute aus sozialstrukturellen Modellen kennen die Rede war. Im 18. und 19. Jahrhundert sprach man von Mittelstand, der bestimmte Funktionen in Handwerk, Industrie und Gewerbe besetzte. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich der Begriff der Mittelschicht durch, als sich um Zuge der Nachkriegsjahrzehnte ein ökonomischer Aufschwung mit dem sozialen Aufstieg von Millionen Deutschen verband. Mittelschicht wurde zum Schlüsselbegriff einer neuen sozialen Lebenslage, die mit dem Wiederaufbau und der Technisierung schnell anwuchs und überdurchschnittlich wohlhabend wurde (vgl. Hradil 2007: 190). Der soziale Aufstieg wurde zum Leitpfeiler der Gesellschaft, auch der Arbeiterschaft. Die Abnahme der Arbeiterschaft drückte sich jetzt auch zahlenmäßig aus und das Beamtentum und die Klasse der Angestellten prosperierten. Dazu eine Grafik, die den Anstieg der Angestellten und Beamten verdeutlicht:

Diesen starken sozialen Wandel des 20. Jahrhunderts versuchten die Sozialwissenschaftler und Sozialstrukturforscher in neue Termini zu verpacken: Bei Theodor Geiger (vgl. 1930: 637) bildeten sich schon in den 1930er Jahren Zwischenschichten aus, um der abnehmenden Arbeiterschaft und der zunehmenden Angestelltenschar gerecht zu werden. 5 Schichten zählt Geiger auf, die zusammengeführt werden unter Einschluss objektiver Faktoren und subjektiver Mentalitäten. Die breite neue Mittelschicht taufte Geiger auf den Namen „Weder-Kapitalisten-noch-Proletarier“. Die Herausbildung neuer Schichten verwarf auch die Prognose von Marx eines finalen Klassenkampfes der übrig bleibenden Großklassen. Auch in den sozialstrukturellen Modellen von Schichtung schlug sich die breite Mittelschicht konzeptionell nieder. So setzte sich in den 1960er Jahren die sog. „Bolte - Zwiebel“ durch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 zeigt den zwiebelförmigen Aufbau der Gesellschaft mit seiner breiten Mitte. Auffällig ist auch, dass die Gruppe des neuen Mittelstands (vor allem Beamte und Angestellte des expansiv wachsenden öffentlichen Dienstes) besonders stark die Schichtlage der oberen Mittelschicht besetzt.

Auch die proletarische Arbeiterschaft löste sich nach der Bolte- Zwiebel durch den Aufstieg in mittlere soziale Lagen auf. Selbstverständlich gab es eine differenziert zu betrachtende Arbeiterschaft, jedoch litt diese nicht mehr unter den starken Existenzbedingungen wie Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Gesellschaft formte sich von der Pyramide zur Zwiebel durch das Schrumpfen der unteren Soziallagen. Vielen Menschen gelang der soziale Aufstieg (vgl. Hradil 2007/Mau 2012).

So konnte die von Armut und Prekarität betroffenen Arbeiterschaft in mittlere soziale Lagen aufsteigen (wenn auch größtenteils nur untere Mittelschicht) sowie die neue Schar der Angestellten sich als neuen Mittelstand etablieren (vgl. Abbildung 2).

Ihre Ursachen haben die Konzepte von Schelskys nivellierter Mittelstandsgesellschaft (1953) und der Bolte-Zwiebel in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs der Bundesrepublik, die mit einem Ausbau der sozialen Sicherungssysteme, erhöhter Mobilität sowie mehr Freizeit und Konsum einhergingen. Nicht mehr Klassenkonflikte standen im Zentrum der Gesellschaftsanalyse, sondern die neue Expansion mittlerer Lagen sollte konzeptionell eingebettet werden. Auch in Zahlen schlug sich der Aufschwung nieder: Zwischen 1950 und 1989 stieg das Volkseinkommen 13 x stärker als zwischen 1900 und 1950 (von 8.000 auf 36.000 DM) (vgl. Merkel/Wahl 1991).

Zahlreiche Soziologen und Sozialforscher versuchten dieses Mehr an Wohlstand und Konsum und den neuen Mittelstandsbauch in Fachbegriffe zu überführen , um die neue Gesellschaftsstruktur zu beschreiben. John Kenneth Galbraith taufte die Gesellschaft „affluent society“, um den Überfluss und die Konsumgesellschaft zu beschreiben (1958). Bei Bolte (1990) wurde der Begriff einer „plural-differenzierten Wohlstandsgesellschaft“ eingebracht. Und bei Ulrich Beck kam der „Fahrstuhl-Effekt“ in die Diskussion, um das Mehr an Konsum, aber gleichzeitig auch den rasanten Aufschwung zu kennzeichnen (vgl. Beck 1986: 122).

3. Prekarisierung der Arbeitswelt und ihre Folgen

Der Begriff der Prekarisierung bezeichnet einen sozialwissenschaftlichen Terminus, um die Tendenzen von Entgrenzungen der modernen Arbeitswelt zu fassen.

Das neue Milieu eines „abgehängten Prekariats“ (Neugebauer 2007) steht dabei mit Begriffen einer „verunsicherten Mitte“ (Burzan 2009: 308ff./2014) in enger Verbindung.

Die zunehmende Prekarität von sozialen Lebenslagen ist dabei ein wesentlicher Faktor, der das Unsicherheitsempfinden der Mittelschicht ansteigen lässt.

Inwiefern das Prekariat selbst eine neue soziale Schicht darstellt (vgl. Vogel 2009) oder gar an die Stelle des Proletariats tritt ist nicht Gegenstand der weiterführenden Arbeit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Krisensymptome der Mittelschicht. Prekarisierung und neue soziale Grenzzonen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V377589
ISBN (eBook)
9783668550278
ISBN (Buch)
9783668550285
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelschicht, Prekarisierung, Abstiegsangst
Arbeit zitieren
Janos Pletka (Autor), 2016, Krisensymptome der Mittelschicht. Prekarisierung und neue soziale Grenzzonen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377589

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