Kindertodesanzeigen. Eine Analyse zur Ermittlung typischer und fakultativer Textsortenelemente


Masterarbeit, 2016

74 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stand der Forschung

3 Verlust und Trauer
3.1 Der Verlust eines Kindes seit dem 16. Jahrhundert - ein historischer Blick
3.2 Der Verlust eines Kindes - Trauer in unserer Gesellschaft
3.3 Die öffentliche Bekanntmachung des Todes

4 Die Todesanzeige als Textsorte
4.1 Eine Klassifizierung der Textsorte Todesanzeige
4.2 Prototyp
4.3 Adressatenorientierung

5 Analyse
5.1 Trauerrand
5.2 Bekanntgabe des Namens
5.3 Angaben zu persönlichen Daten des Verstorbenen
5.4 Trauertext
5.5 Inserententeil
5.5.1 Inserenten: Familie
5.5.2 Inserenten: Freunden und Institutionen
5.6 Spruch
5.7 Visuelle Elemente, Foto, Hintergrundbild
5.8 Organisatorische Hinweise
5.9 Titel
5.10 Datum und Ort der Anzeigenaufgabe

6 Überblick - typische und fakultative Elemente der Kindertodesanzeige
6.1 Analyseergebnis: Familie
6.2 Analyseergebnis: Freunde und Institutionen

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Quellenverzeichnis

10 Anhang

1 Einleitung

Der Tod ist ein ständiger Begleiter des Menschen und das Verhältnis zu ihm verändert sich fortwährend. Dieser Wandel lässt sich seit fast 260 Jahren in Todesanzeigen nachvollziehen und diese Textsorte stellt daher ein beliebtes Untersuchungsmedium dar. Die Analyse von 168 Kindertodesanzeigen1 möchte im Pool der vielen bereits vorliegenden Studien (vgl. Kapitel 2) einen weiteren Schritt wagen und altersspezifische Muster der Gebrauchstextsorte Todesanzeige erkennen und typische Merkmale von Kindertodesanzeigen herausarbeiten. Innerhalb der analysierten Anzeigen wird zwischen zwei Inserentengruppen differenziert:

1) Familie ersten Grades (121 Anzeigen)

2) Freunde & Institutionen (47 Anzeigen)

Die Analyse dient als Vorarbeit zu einem kontrastiven Vergleich zwischen Kindertodesanzeigen und Erwachsenentodesanzeigen. Aus diesem Grund wird das Forschungsdesign stark an bereits durchgeführte Analysen (vgl. PIITULAINEN 1993; ECKKRAMMER 1996) angelehnt. Da diese Analysen jedoch relativ alt sind und eine Weiterentwicklung der Muster innerhalb der Todesanzeige wahrscheinlich ist (vgl. LINKE 2001; STÖHR 2014), wird auf deren Grundlage von einer kontrastiven Analyse abgesehen. Um eine Vergleichbarkeit gewährleisten zu können, müssten zuvor die Todesanzeigen für Erwachsene noch einmal hinsichtlich ihrer einzelnen Elemente untersucht werden. Ansonsten kann nicht ausgeschlossen werden, dass erkannte Unterschiede zwischen Kindertodesanzeigen und Erwachsenentodesanzeigen aufgrund der zeitlichen Differenz der Untersuchungszeiträume bestehen.

Um einen möglichen Wandel und spezifische Unterschiede der Kindertodesanzeigen einordnen zu können, wird vor der Analyse auf den Umgang mit dem Thema Tod innerhalb der Gesellschaft eingegangen. Dies geschieht mit Fokus auf den Verlust eines Kindes, der öffentlichen Bekanntmachung des Todes und der Todesanzeige als Textsorte.

2 Stand der Forschung

Die Todesanzeige ist häufig Gegenstand von Untersuchungen aus unterschiedlichen Forschungsbereichen. Hierbei wurde jedoch stets die Todesanzeige als solche betrachtet und es wird nicht differenziert zwischen Anzeigen für Kindern und Anzeigen für Erwachsene. Nachfolgend werden diejenigen Studien chronologisch vorgestellt, welche für diese Arbeit zu Rate gezogen wurden.

Der Pastor KLAUS DIRSCHAUER untersucht in der wahrscheinlich ersten Dissertation „Der totgeschwiegene Tod“ (1973) Todesanzeigen im Hinblick auf den sprachlichen Ausdruck des Sterbens. Hierfür analysiert er über 10.000 Todesanzeigen und kann letztendlich seine These der Todesverhüllung und Verdrängung und die häufig gleichzeitig feststellbare Reduzierung des Lebens nachweisen. Demnach sind beispielsweise fast 65 % der Toten entschlafen und nur 4,4 % verstorben.

MARJA-LEENA PIITULAINEN geht in ihrer sprachwissenschaftlichen Studie der Frage nach, aus welchen makrostrukturellen Elementen sich finnische und deutschsprachige Todesanzeigen zusammensetzen und wie sie sich unterscheiden. Hierfür analysierte sie 1990 und 1993 deutschsprachige und finnische Anzeigen hinsichtlich fakultativer und obligatorischer Strukturelemente sowie ihrer semantischen und textuellen Verhältnisse zueinander. Demnach unterscheiden sich Todesanzeigen aus verschiedenen kulturellen Kreisen aufgrund ihrer grundlegenden sprachlichen und nicht-sprachlichen Merkmale in vielen Punkten und lassen hierdurch Rückschlüsse auf den Umgang mit dem Thema Tod innerhalb der Gesellschaft zu. KARL-WILHELM GRÜMER und ROBERT HELMRICH betrachten in ihrer Studie aus dem Jahr 1994 den grundsätzlichen Wandel der Todesanzeigen innerhalb des Untersuchungszeitraums von 1820 bis 1992. Sie können nachweisen, dass während dieser Zeit private Todesanzeigen erheblich an Bedeutung gewonnen haben und sich von anfänglichen Kombinationen aus privaten und geschäftlichen Anzeigen hin zu Anzeigen mit dem Charakter von reinen Familienanzeigen, mit einem großen Verbreitungsgrad, gewandelt haben. Innerhalb dieser Anzeigen lassen sich zwei Substitutionsprozesse aufzeigen (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 106). Zum einen werden Informationen über den reinen Todesfall ersetzt durch Informationen über rituelle Handlungen und organisatorische Details. Hiermit ist eine immer stärker werdende Hervorhebung durch entsprechende graphische Elemente und eine Zunahme an inhaltlichen Informationen verbunden. Zum anderen werden kommerzielle Hinweise durch eine teilweise starke Ausweitung von familialen Darstellungsformen ergänzt. In ihrer Dissertation „Text und Tod“ setzt sich KATHRIN VON DER LAGE-MÜLLER (1995) mit der Todesanzeige als Textsorte auseinander. Sie versteht Textsorten als gesellschaftlich standardisierte Formen für den Vollzug von Handlungsmustern. Demnach kann unter der Textsorte Todesanzeige „ein komplexes sprachliches Handlungsmuster zum Vollzug der gesellschaftlich relevanten Handlung ‚den Tod von XY bekanntgeben‘ verstanden“ (LAGE MÜLLER 1995, S. 333) werden. Anhand von Anzeigen aus der deutschsprachigen Schweiz arbeitet sie detailliert sprachliche Merkmale sowie Abweichungen von diesen heraus, welche sie in fakultative und obligatorische Texthandlungen innerhalb der Todesanzeige unterscheidet.

EVA MARTHA ECKKRAMMER (1996) analysiert in einer kontrastiven Analyse französische, englische, spanische, italienische und portugiesische Todesanzeigen und nähert sich den Vertextungsstrategien der Textsorte an. Sie zeigt auf, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also in der Zeit der Etablierung der Todesanzeigen, blumige gefühlsbeladene Lobeshymnen auf den Verstorbenen im Gegensatz zu späteren, durch strikte Zurückhaltung gezeichnete Konventionen, stehen (vgl. ECKKRAMMER 1996, S, 176). Darüber hinaus kennzeichnen sich die Anzeigen heute durch eine sichtbare Enttabuisierung.

MARTINA DRESCHER (2002) vergleicht in ihrer kontrastiven Analyse französische und spanische Todesanzeigen und stellt heraus, dass französische Anzeigen eher profan und spanische Anzeigen stark religiös beeinflusst sind und dies, obwohl beide Länder katholisch geprägt sind. Charakterisierende Unterschiede in der Gestaltung lassen „vorsichtige Rückschlüsse auf eine möglicherweise divergierende Trauerkultur sowie Unterschiede im öffentlichen Umgang mit dem stark tabuisierten Thema Tod in den beiden Gesellschaften zu“ (DRESCHER 2002, S. 59). Todesanzeigen sind demnach aufschlussreiche kulturgeschichtliche Zeugnisse, welche im Umgang mit dem Thema Trauer und Tod die kulturellen und historischen Konventionen illustrieren.

Die von ANGELIKA LINKE (2001) veröffentlichte Arbeit „Trauer, Öffentlichkeit und Intimität“ geht der These nach, dass heute hergebrachte Formeln eher vermieden werden und sich die Inserenten deutlich bemühen, Todesanzeigen individueller zu gestalten. Diese Anzeigen sind aufgrund der „sprachlichen Form und illokutiven Potenz“ (LINKE 2001, S. 196) ein Anzeigetypus mit hoher Variationsbreite, der eher als offener Brief der Hinterbliebenen an den Verstorbenen gelesen werden kann und weniger als Anzeige eines Todes. Dieser Textsortenwandel, welcher sich u.a. in der Veränderung von syntaktischen Mustern und in der Herausbildung neuer Phraseologieschablonen widerspiegelt, kann als Kristallisationskern eines kulturellen Wandelprozesses im Rahmen der Konsolidierung einer „Gesellschaft der Individuen“ (ebd., S. 195) gedeutet werden.

MARIANNA JÄGER (2003) untersucht in der Studie „Todesanzeigen - alltagsbezogene Bedeutungsaushandlungen gegenüber Leben und Tod“ Schweizer Todesanzeigen aus 25 Jahren und unterscheidet dabei u.a. familiäre und verwandtschaftliche Beziehungsnetze und geschlechterspezifische Zuschreibungen sowie Bewertungsmaßstäbe für Tod und Leben. In ihrer Dissertation „Todesanzeigen - eine Gattungsanalyse“ konzipiert PETRA MÖLLER (2009) die Todesanzeige als kommunikative Gattung, rekonstruiert die Grammatikalität und stellt Darstellungspraktiken der beteiligten Akteure heraus. Ziel ihrer qualitativen Untersuchung ist es zu verdeutlichen, „wie Todesanzeigen ihre Wirklichkeit herstellen, um ihr Anliegen und ihre Aussage dem Leser zu überbringen“ (MÖLLER 2009, S. 22).

ANNA STÖHR (2014) zeigt in „Die Todesanzeige im Wandel“ durch eine sprachwissenschaftliche Untersuchung der Textsorte eine chronologische Motivationsveränderung auf. So besteht eine „Interessenverschiebung weg vom Verstorbenen bzw. der Informationsabsicht gegenüber dem Rezipienten“ (STÖHR 2014, S. 129) hin zur Selbstdarstellung der Inserenten. Dies stellt, auf ein sprachliches Phänomen übertragen, eine logische Konsequenz gesellschaftlicher Umbrüche dar.

Neben den hier vorgestellten wissenschaftlichen Arbeiten zur Gattung Todesanzeige gibt es viele ethnomethodologische Studien, die sich nicht explizit mit Todesanzeigen beschäftigen, jedoch mit Sterben und Tod im Allgemeinen befassen (vgl. MÖLLER 2009, S. 20f.). Zu nennen sind hier WERNER FUCHS (1969), welcher für diese Arbeit herangezogen wurde, sowie GERHARD SCHMIED (1988) und DAVID SUDNOW (1973). Für die Vertiefung der Todesthematik im Hinblick auf den Verlust eines Kindes wurde auf ELISABETH KÜBLER-ROSS (1983; 2010) Bezug genommen, welche als Begründerin der Sterbeforschung gilt.

Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der zugrundeliegenden Thematik gibt es zahlreiche Sammlungen mehr oder weniger auffälliger Todesanzeigen, welche keinen wissenschaftlichen Anspruch haben. Sie sind jedoch Zeugnis dafür, dass die Gattung Todesanzeige durchaus Unterhaltungswert besitzt, da hier Originalität und Peinlichkeit dicht beieinander liegen (vgl. EBERLE 1993, S. 111f. zitiert nach MÖLLER 2009, S. 20). Zu nennen sind an dieser Stelle: STELLA BAUM (1980), HANS MADER (1990), HELMUT RUPPERT (2008) sowie CHRISTIAN SPRANG und MATTHIAS NÖLLKE (2009 & 2013).

3 Verlust und Trauer

3.1 Der Verlust eines Kindes seit dem 16. Jahrhundert - ein historischer Blick

Im 18. und 19. Jahrhundert war die Sterblichkeitsrate bei Säuglingen und Kleinkindern sehr hoch und der Verlust eines Kindes innerhalb der Familie keine Seltenheit (vgl. FLECKEN 1981, S. 14f.). Je nach Stand der Familie unterlag das Aufwachsen und Aufziehen der Kinder ganz unterschiedlichen Bedingungen (vgl. DÜLMEN, S. 80f.). Das Leben eines Kleinkindes war vielen Gefahren ausgesetzt, so dass es häufig reines Glück gewesen ist, wenn ein Kind die Zeit nach seiner Geburt überstanden und seine ersten Jahre überlebt hat. Den Luxus einer intensiven Zuwendung konnten sich die wenigsten Mütter leisten. Es ist davon auszugehen, dass es zwar bewusste liebevolle Zuwendung, jedoch auch liebloses Desinteresse gegenüber den Kindern gab. Die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern war vom 16. bis ins 18. Jahrhundert geprägt von der Arbeitslast der Menschen, die eine Schonzeit der Mütter kaum zuließ. Sosehr Kinder auch zum damaligen Haushalt der Familien gehörten, im Mittelpunkt des Alltagsgeschehens standen sie, vor allem in proletarischen Familien, nicht. Erst innerhalb der arbeitsentlasteten bürgerlichen Familien rückten sie weiter ins Zentrum. Bei den hohen Säuglings- und Kindersterblichkeitsraten, welche sich in diesen Jahrhunderten kaum verändert haben, muss man unterscheiden zwischen der Zahl derjenigen, die bei der Geburt oder unmittelbar nach der Geburt starben und derer, welche nur ein Jahr lang lebten bzw. das 15. Lebensjahr nicht erreichten. Auf dem Land, beispielsweise in Württemberg, war innerhalb beiderseitigen Erst-Ehen die Geburt von sechs bis sieben Kindern völlig normal (vgl. ebd., S. 87ff.). In der Regel starb jedoch bis zum 15. Lebensjahr die Hälfte aller lebendgeborenen Kinder. Im 19. Jahrhundert stieg diese Zahl noch weiter an und so behielten die Familien selten mehr als drei bis vier Kinder. Der Tod eines Kindes wurde trotz des individuellen Elends und der großen Trauer um den Verlust letztendlich hingenommen. Die Kirche hatte zur Erleichterung der Trauer viele Tröstungen anzubieten und so wurde der Tod durch den christlichen Glauben als die „Verfügung Gottes“ angesehen und innerhalb der Arbeiterfamilien durch die eigene Verelendung verklärt (vgl. FLECKEN 1981, S. 50). Aufgrund der eigenen schlechten Lebensbedingungen schien der Tod dem eigenen Kind das Leben voller Entbehrungen und Not zu ersparen.

Die folgende Differenzierung unter Berücksichtigung verschiedener Berufsgruppen bietet Aufschluss über das Sterbealter der Kinder und zeigt auf, dass es zwischen den sozialen Ständen kaum signifikante Unterschiede gegeben hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Säuglings- und Kindersterblichkeit bei verschiedenen Berufsgruppen (14 Dörfer, Geburtsjahrgänge 1750-1799 und 1800-1849) (Darstellung verändert nach SCHLUMBOHM 1983, S. 35)

Die hohe Mortalität2 ist bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine Erscheinung, die nicht nur im Bauernhaushalt, sondern ebenso beim Adel gleichermaßen verbreitet war (vgl. DÜLMEN 1999, S. 89). Dennoch ist der Verlust eines Kindes in armen Wohnvierteln aufgrund von Unterernährung wahrscheinlicher als in wohlhabenden Familien, in Familien von Dienstboten vermutlicher als in Beamtenfamilien gewesen (vgl. BRECKENKAMP & RAZUM 2007, S. 2952). Erst nach der Wende des 20. Jahrhunderts ist die Kindersterblichkeit in Deutschland stetig gesunken (vgl. ebd.)3. Die Verbesserung der Überlebenschancen war neben der Hygienebewegung vor allem dem Stillem, dem Mutterschutz, sowie dem steigenden Wohlstand und der zunehmenden Kinderheilkunde geschuldet. Die Überlebenschancen haben sich so bereits vor effektiven biomedizinischen Therapien erheblich verbessert und den Verlust des Kindes unwahrscheinlicher werden lassen. Gleichzeitig ist die Geburtenrate seit 1900 rückläufig und verminderte sich bis zum Ende des ersten Weltkriegs rasch von 500 auf 218 Kinder je 100 Frauen (vgl. EGGEN, LIPINSKI & WALLA 2006, S. 35f.).

Die folgende Grafik zeigt die zeitliche Entwicklung der abnehmenden Kindersterblichkeit bis in die heutige Zeit auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Säuglingssterblichkeit in Deutschland 1870-2006 (Darstellung nach BRECKENKAMP & RAZUM 2007, S. 2952)4

3.2 Der Verlust eines Kindes - Trauer in unserer Gesellschaft

Wie im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt wird, war es früher üblich, mehrere Kinder zu bekommen. BEHAM & WILK (1998, S. 163f.) sprechen in diesem Zusammenhang von einem damaligen ökonomisch-utilitarischen Wert der Kinder für ihre Familien. Dies hat sich dahingehend verändert, dass Kinder heute eine massive ökonomische Belastung darstellen, für die im späteren Leben, anders als früher, kein Ausgleich zu erwarten ist. Seit der Postmoderne liegen daher die Bedeutung und der Wert ausschließlich auf einer psychisch- interaktionistischen Ebene. Kinder werden heute vielfach zu den wichtigsten und insbesondere verlässlichsten Quellen von emotionalen Beziehungen. Im Umgang mit dem eigenen Kind können das menschliche Bedürfnis nach wechselseitiger Zärtlichkeit und Wärme am ehesten verwirklicht und neue Erfahrungen gesammelt werden. Demnach bietet es seinen Eltern einen Orientierungspunkt und schenkt ihrem Leben Sinn. Die an das Kind durch seine Eltern herangetragenen Erwartungen begünstigen, dass die Eltern dem Kind einen zentralen Platz in ihrem Leben einräumen. Verstirbt nun jedoch ihr Lebensmittelpunkt, ist die Lücke nie wieder zu schließen. Der Tod des Kindes bedeutet eine Familienkrise in einer kaum zu erfassenden Dramatik und Vielschichtigkeit, innerhalb derer das Geflecht von Rollen, Beziehungsstrukturen und Funktionen zerreißt und sich das seelische Gleichgewicht der Familie langfristig verändert (vgl. VOSS-EISER 1992, S. 172). Eine Totgeburt oder der Tod kurz nach der Geburt ist für die Eltern besonders schwer zu verarbeiten, da den Wünschen und Vorstellungen, welche sie um das Kind herum entwickelt haben, keine tatsächliche Begegnung folgt und sich ihr Alltag nicht wie erwartet verändert hat (vgl. KÄSLER-HEIDE 1999, S. 125).

Eltern vergleichen die Kindheit unwillkürlich mit ihrer eigenen und übertragen so mehr oder weniger unbewusst Aufträge, genauso zu sein wie sie selbst oder Ziele zu erreichen, welche sie nicht erreichen konnten. Mit dem Tod des eigenen Kindes werden so unbewusste, aber auch konkrete Zukunftspläne plötzlich zunichte gemacht. Stirbt ein älteres Kind, mit dem die Familie demnach bereits viele gemeinsame Geschichten verbindet, stirbt ein Teil ihrer selbst. Die Trauer um einen verstorbenen Menschen, sei es Kind oder Erwachsener, ist „eine spontane, natürliche, normale und selbstverständliche Antwort unseres Organismus, unserer ganzen Person auf Verlust“ (CANACAKIS 2002, S. 39). Trauer ist die seelische Arbeit, welche auf den Verlust eines Liebesobjektes durch den Tod folgt (vgl. FURMAN 1977, S. 62). Kulturgeschichtlich zum Ausdruck kommt das äußere Trauerverhalten5 der Menschen, demnach wie man „Trauer trägt“, wie sie sich in der Aufbahrung manifestiert oder bei der Bestattung und dem Leichenbegängnis äußert (vgl. LIEBSCH 2014, S. 25f.). Jedoch können nur symbolische Formen und sprachliche Artikulationen zum Vorschein kommen, nicht die Trauer selbst. Wenn wir von Trauer sprechen, meinen wir heute primär den schmerzhaften Ausdruck in der Klage der Menschen oder in symbolisch-rituellem Verhalten.6

Innerhalb der Kommunikation über den Tod gibt es Abwehr- und Tabuisierungstendenzen, welche sich auf die emotionale und verbale Hilflosigkeit der (Mit)menschen zurückführen lassen, die in einer Trauersituation mit Unbehagen reagieren und das Thema schnellstmöglich aus dem Diskurs streichen möchten (vgl. SCHWARZ-FRIESEL 2013, S. 273). Daher sind auf Beileidskarten Floskeln wie „mein Beileid“ oder Variationen von „Sie haben mein Mitgefühl“ gepaart mit Bibelsprüchen oder Gedichtzeilen zu finden, anstatt individueller Mitleidsbekundungen. Das Thema Tod ist innerhalb unserer Gesellschaft tabuisiert und Gespräche über den Tod finden nicht alltäglich statt. Wenn überhaupt, abgesehen von öffentlichen, d.h. massenmedial geführt mit einer philosophischen, medizinischen oder psychologischen Ausrichtung, werden Gespräche über den Tod innerhalb von kleinen privaten Kreisen mit vertrauten Personen geführt.

Doch dies ist nicht immer so gewesen, in früheren Gesellschaftsformen war der Tod stets präsent. Tote waren allgegenwärtig und durchbrachen den Alltag der Gemeinschaft auf eine nicht zu verdrängende Weise (vgl. ebd., S. 274). Das Sterben war ein Prozess, welcher inmitten der Familie in der Gemeinschaft vollzogen wurde, da es keine Krankenhäuser und Altenheime gab. Die fundamentale Todesverdrängung fand erst aufgrund der Modifikation des sozialen Sterbens statt. Mit dem sozialen und medizinischen Wandel im 18./19. Jahrhundert veränderte sich der Umgang mit dem Sterben derart, dass dieser aus der Mitte der Gesellschaft an die Randbereiche gedrängt wurde. Tod und Sterben wurden in der modernen Gesellschaft derart tabuisiert, dass heute viele Menschen das Sterben nur noch im Fernsehen „hautnah“ erleben und hier auf eine inflationäre Weise, in der das Konzept Sterben den Status eines Abstraktums innehat. Einen Menschen sterben zu sehen ist nicht mehr normal, der Sterbevorgang ist anonym. Die Verdrängung des Todes aus unserem Leben lässt sich auch als eine Phase der Säkularisierung von der Religion hin zur Medizin sehen, das Sterben weist keine Metaphysik mehr auf, sondern vielmehr rein pragmatische Rationalisierung (vgl. WALTER 1994 zitiert nach SCHWARZ-FRIESEL 2013, S. 275). Ab dem Zeitpunkt des Todes bis zur Bestattung wird alles organisiert und kontrolliert. Es gibt keine Totenwache, keinen langen Abschied oder eine Konfrontation mit dem Leichnam. Heute wird im Krankenhaus oder im Seniorenheim gestorben und nicht wie früher üblich, Zuhause im Kreise der Familie. Die Trauer der Hinterbliebenen ist hierzu analog zu sehen. Sie ist etwas zutiefst privates und eine intensiv ausgelebte Trauer wird schnell als Zeichen von emotionaler Labilität gesehen (vgl. SCHWARZ-FRIESEL 2013, S. 275). Über das Sterben, den Tod, den Verlust und die damit verbundene Emotion7 der Trauer, spricht man demnach öffentlich nur sehr wenig und wenn, dann im Rahmen von hoch konventionalisierten Formen, wie es die Todesanzeigen sind. Inwieweit die Todesanzeige tatsächlich die Möglichkeit zur Trauerarbeit bietet (wie von LAGE-MÜLLER 1995, HOSSELMANN 2000; LAMMER 2010 angenommen wird), indem der Verlustschmerz artikuliert und emotionale Prozesse kodiert werden, bleibt schlussendlich schwer zu beantworten (vgl. SCHWARZ-FRIESEL 2013, S. 282). In Anbetracht dessen, dass es Menschen gibt, die in ihrem Schmerz verstummen und nicht in der Lage sind eine Todesanzeige aufzugeben, kann der Schritt, sich an die Trauernormen zu halten und eine Anzeige zu veröffentlichen, tatsächlich als eine erste emotionale Bewältigung angesehen werden. Die Textsorte Todesanzeige bietet schlussendlich jedoch die bislang einzige Möglichkeit, die eigene Trauer in einem sehr formell gehaltenen Diskurstyp öffentlich zu machen (vgl. ebd., S. 279).

3.3 Die öffentliche Bekanntmachung des Todes

Das sich mit der Zeit veränderte Trauerverhalten der Gesellschaft spiegelt sich in der öffentlichen Bekanntmachung eines Todesfalles wider. Bis ins 18. Jahrhundert gab es vor allem in den ländlich geprägten Regionen Mitteleuropas vornehmlich zwei Informationsquellen zur Bekanntmachung eines Todesfalls: den Leichenbitter, der im Auftrag der Familie durch das Dorf ging und den Sterbefall bekanntgab sowie zur Leichenfeier einlud und die sonntägliche Kanzelankündigung (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 68). Der Leichenbitter zog in seiner Tracht von Haus zu Haus um die Todesnachricht persönlich8 zu überbringen (vgl. FUCHS 1968, S. 138). Starb der Hofherr, ging sein direkter Nachfolger und Erbe zu allen Hinterbliebenen, um sie über dessen Tod zu informieren. Zu den Hinterbliebenen zählte damals der gesamte lebende Besitz des Verstorbenen. So erhielten nicht nur die menschlichen Hofbewohner die rituelle und formalisierte Nachricht vorgetragen, sondern auch das Vieh, die Pferde, die Bienen usw.

Soziohistorisch betrachtet beginnt die Popularität der Todesanzeige im deutschen Sprachraum ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sprunghaft zu wachsen (vgl. ECKKRAMMER 1996, S. 12). Durch die zunehmende Verstädterung, die fortschreitende Alphabetisierung und die Zunahme von Zeitungsauflagen ging die Informationspflicht von privaten Instanzen langsam auf öffentliche Medien über, welche den neuen Bedingungen besser gewachsen waren (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 68).

Die erste nachzuweisende Todesanzeige erschien 1753 im Ulmer Intelligenzblatt unter der Rubrik „Vermischte Nachrichten“:

In der Nacht, unterm 14.huj. ist Totl. Herr Johann Albrecht Cramer, weiland des Raths, Zeugherr und Handelsmann allhier, in einem Alter von 70 Jahren an einem Schlagfuss gestorben. (BARTMANN 1978, S. 121; MADER 1990, S. 18)

Im Ulmer Intelligenzblatt erschienen Todesanzeigen bereits ab 1763 in einer eigenen Rubrik, die ab 1813 einmal in der Woche erschien und ab 1831 täglich unter der Rubrik „Verstorbene“. In dieser Rubrik wurde eine Totenliste veröffentlicht, welche wahrscheinlich aus den Polizei- oder Kirchenregistern entnommen wurde. Demnach handelte es sich im Prinzip um quasi öffentliche Bekanntmachungen von Todesfällen und nicht um private Todesanzeigen der heutigen Art (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 68). FREY (1939, S. 52) hält in diesem Zusammenhang fest, dass älter als die eigentliche Todesanzeige die Verbindung von Todesmitteilung und geschäftlicher Veränderung ist. Demnach wurde die Todesanzeige zu Anfang von den Erben eines Gewebe- oder Handelsbetriebs genutzt, um auf veränderte Besitzverhältnisse aufmerksam zu machen und sich so vor eventuellen geschäftlichen Nachteilen zu schützen (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 69). Häufig erschien die Anzeige erst einige Wochen oder sogar Monate nach dem Todesfall und wurde dann bis zu sechsmal wiederholt veröffentlicht. Diese Art der Todesanzeige stellt somit eher den Vorgänger von heutigen Firmennachrufen dar und weniger den der privaten Todesanzeige. Dies erklärt, warum noch im 19. Jahrhundert Todesanzeigen häufig in den Wirtschaftsteil der Tageszeitung eingegliedert waren und nicht in einer eigenen Rubrik erschienen (vgl. ECKKRAMMER 1996, S. 13).

Trotz der häufigen Verbindung von Todesmitteilung und geschäftlicher Veränderung ist die Vielfalt von Stilmitteln zur Abfassung von Todesanzeigen bemerkenswert und sie enthalten bereits früh wesentliche Merkmale heutiger Todesanzeigen wie Todestag, Name, Alter, Beruf oder Stand, Beschreibung der Todesursache oder der Todesumstände (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 69). Diese Elemente ergeben sich aus den damaligen Eintragungen der Kirchenbücher, die bis in die Neuzeit hinein den Charakter von Melderegistern hatten und deren Angaben für die Todesanzeige übernommen wurden. Da der Verlust eines Kindes im 18. und 19. Jahrhundert keine Seltenheit gewesen ist und die Aufgabe einer Todesanzeige mit Kosten verbunden war, sind nur vereinzelt Anzeigen über Todesfälle von Kindern in Tageszeitungen zu finden. Die Anzeige für Auguste Pauline Plancher aus dem Jahr 1862 ist die älteste Anzeige, welche im Rahmen dieser Arbeit gefunden werden konnte.

Bsp. 19: Dem Allmächtigen hat es gefallen heute Morgen gegen halb 3 Uhr unser innigst geliebtes Töchterchen AUGUSTE PAULINE10 in dem zarten Alter von 1 ½ Jahren zu sich zu nehmen. Verwandten und Freunden widmen diese Traueranzeige P. Plancher und Frau. Ahrweiler, 10. April 1862.

Eine weit verbreitete Scheu, persönliche Sachverhalte in einem öffentlichen Medium anzuzeigen und damit als unschicklich dazustehen, erschwerte zu Anfang die Verbreiterung von Todesanzeigen (vgl. MADER 1990, S. 34). Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts tritt die Todesanzeige als Familienanzeige gleichberechtigt neben die gewerblichen Todesmitteilungen und verdrängte somit zunehmend Leichenbitter, Leichenfrauen, Küster und auch die Trauerbriefe.

Trotz anfänglicher Probleme konnte sich die Anzeige aufgrund des Vorteils, zeitgleich einen großen Menschenkreis erreichen zu können, durchsetzen und ergänzte oder löste so schließlich die persönliche/öffentliche Bekanntmachung eines Todesfalls ab (vgl. SCHWARZFRIESEL 2013, S. 281).

Den Hinterbliebenen ist es durch die öffentliche Todesanzeige somit möglich, in der Zeit der Trauer ihrer Informationspflicht nachzukommen und gleichzeitig umgehen sie die schwierige Frage, wen sie per Post über das Ableben informieren müssen. Die Grenzen dieses Personenkreises sind meist fließend und lassen sich daher nicht genau bestimmen. Aus diesem Grund findet man in älteren Todesanzeigen häufig den Hinweis: Wer aus Versehen keine persönliche Benachrichtigung erhalten haben sollte, möge diese Anzeige als solche nehmen11. Diese neue Handhabe wurde nicht nur von den Leichenbittern mit Bedauern gesehen, GEORG KRÜNITZ (1798, S. 409 zitiert nach GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 69) schrieb hierzu:

Was die Bekanntmachung des Sterbefalles an auswärtige Bekannte, Freunde oder Verwandte betrifft, so war es vor einigen Jahren gebräuchlich, dieses vermittelst gedruckter Trauerbriefe geschehen zu lassen, da sogar in einem vornehmen Hause, dem man irgend einige Achtung schuldig zu seyn glaubte, alle erwachsenen Kinder einen besonderen Trauerbrief haben mußten. Jetzt setzt man sich über dergleichen Weitläufigkeiten auch hinweg, und es geschieht solche Anzeige an Auswärtige vermittelst der Zeitungen oder Intelligenzblätter.

Da Anfang des 19. Jahrhunderts die Todesanzeige nicht mehr auf das Ableben örtlicher Honoratioren begrenzt war, sondern eine allgemeinere Verbreitung fand, setzte bereits früh der Versuch ein, Mustervorlagen und Anweisungen zu vereinheitlichen und so inhaltliche Ausuferungen zu vermeiden (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 69). JOHANNES RUMPF veröffentlichte bereits 1816 im „Deutschen Secretair“ grundsätzliche Hinweise zum Inhalt von Todesanzeigen. Diese mustergültigen Formulierungen können als Spiegelbild der damals vorherrschenden Wertevorstellung angesehen werden und sie besitzen teilweise bis heute Gültigkeit:

Bei Anzeigen von Todesfällen vermeide man die Schilderung eigener Gefühle, welche durchaus nicht für öffentliche Bekanntmachung passen, so wie allen rednerischen Prunk und Wortschwall, alle Kleinigkeitssucht; zähle daher nicht das Alter des Verstorbenen nach Jahren, Monaten, Wochen und Tagen auf, beschreibe nicht seine letzten Leiden, spreche nicht von dem unerbittlichen Tode, von unaussprechlichen Wehmutsgefühlen, von unheilbaren Wunden, die dem Herzen geschlagen sind, verbitte nicht die Beileidsbezeugungen aus dem Grunde, weil sie Schmerz vermehren würden; gedenke aber dagegen mit wenigen kräftigen Worten der guten Eigenschaften und Verdienste des Verstorbenen (...). (...) in rastloser und anspruchsvoller Thätigkeit für das allgemeine Wohl hat er die Bürgerkrone errungen, die seinen Sarg schmückte, und sein Andenken wird unter uns leben, so lange wahrer Verdienst, edle Gemeinnützigkeit und reiner Patriotismus ihre Verehrer finden werden (...). (...) musterhaft in ihrer christlichen Ergebung, in ihrer heiteren Frömmigkeit, zarten Theilnahme und geräuschlosen Wohlthätigkeit (...). (RUMPF 1816 zitiert nach BARTMANN 1979, S. 123)

Durch das schriftliche Festhalten solcher Konventionen wurden anfangs veröffentlichte Indiskretionen, üble Nachreden und sogar Verleumdungen zurückgedrängt (vgl. GRÜMER & HELMRICH 1994, S. 70). Die schon bei den Römern geltende Maxime „de mortuis nihil nisi bene“ (über Tote (rede man) nur gut) war und ist bis heute ein Grundpfeiler der öffentlichen Todesanzeigen. FUCHS (1968, S.144f.) folgend zeigt sich in diesem „zwanghaften Bemühen, in Nachrufen, Grabreden und Todesanzeigen das Totengedächtnis von allen negativen Momenten freizuhalten“, die kulturell verwurzelte Angst der Lebenden vor den Toten. Hierdurch soll ihr schädigender Eingriff in die Welt der Lebenden durch rituelle Lobpreisungen abgewehrt und der Weg der Toten zu neuem Leben geebnet werden.

Seit dem 20. Jahrhundert sind vermehrt Todesanzeigen von Kindern in den Tageszeitungen zu finden. Von ihrer Konzeption unterschieden sie sich kaum von den Anzeigen für ältere Verstorbene. Von diesen lassen sie sich lediglich durch das Weglassen des Nachnamens und die Verwendung von Spitznamen12 (Bsp. 2) und spezifischen Adjektiven (Bsp. 3) abgrenzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bsp. 2

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Bsp. 3

Seit den 1970er Jahren lassen sich zwei abweichende Gebrauchsweisen der Todesanzeige erkennen, welche wir ohne Alltagswissen und Kenntnis des Textmuster nicht erfassen könnten (vgl. FIX 2008, S. 74f.). Demnach nehmen unkonventionell verfasste Anzeigen zu, welche die Individualisierung im Umgang mit Tod und Trauer widerspiegeln und sich in dem von LINKE (2001, 206ff.) beschrieben Phänomen niederschlagen, Todesanzeigen vermehrt an das Muster der Briefkommunikation aus der Perspektive der Hinterbliebenen anzulehnen. Die zweite Entwicklung stellt eine Mustermischung und keine Weiterentwicklung des Musters dar (vgl. FIX 2008, S. 74f.; STEIN 2012, S. 179). Die Todesanzeige erfüllt nicht mehr „nur“ die Kontaktfunktion im persönlichen Bereich, d.h. Anteilnehmer über den Tod einer Person zu informieren, sondern sie kann ebenso die Funktion des gezielten Anklagens und Anprangerns von gesellschaftlichem Fehlverhalten ausüben (siehe hierzu das Beispiel bei FIX S.74; STEIN 2012, S. 179).

4 Die Todesanzeige als Textsorte

Todesanzeigen sind eine traditionelle und besonders stark normierte Textsorte, welche bis ins kleinste Detail vorgeprägt sind (vgl. SCHWARZ-FRIESEL 2013, S. 282).

Bei Textsorten handelt es sich, der Definition von KARL ERMERT folgend, um:

historisch gewordene, konventionalisierte, normhaft wirkende Muster sprachlichen Handelns (…), die als Bestandteil des Alltagswissens der Kommunikationsteilnehmer die einzelnen Handlungszüge kommunikativer Interaktionen vorstrukturieren und die Entscheidungsarbeit des Individuums im Zuge sozialen Handelns reduzieren. (ERMERT 1979, S. 42)

Todesanzeigen sind dominant mitteilende Texte, die zudem Anteil an den Funktionen des Ausdrucks und/oder des Appells innehaben und typische Verbindungen von situativen, kommunikativ-funktionalen und strukturellen Merkmalen aufzeigen (vgl. DRESCHER 2002, S. 46). Im Folgenden wird die Textsorte Todesanzeige näher klassifiziert und typische Merkmale herausgestellt.

4.1 Eine Klassifizierung der Textsorte Todesanzeige

Bei Anzeigen, unter denen man im allgemeinen Sprachgebrauch gedruckte private, geschäftliche oder auch amtliche Mitteilungen versteht, handelt es sich um eine eigene Textsortenklasse (vgl. PIITULAINEN 1993, S. 143). Innerhalb dieser Textsortenklasse lassen sich verschiedene Textsorten unterschiedlicher Typik gliedern, wobei die Todesanzeige eine eigene Typik mit unterschiedlichen Kategorien darstellt, welche sich, angelehnt an ECKKRAMMER (1996, S. 15) wie folgt unterscheiden lassen:

A) Nachrichtsanzeigen:

A1) Private Nachrichtsanzeigen: Zur Information über den Tod einer Person bzw. zur Bekanntgabe von Einzelheiten zur Bestattung seitens der direkten Angehörigen. A2) Institutionelle Nachrichtsanzeigen: Zur Bekanntgabe der Einzelheiten zur Bestattung sowie zum Ausdruck von Betroffenheit und Kondolenz seitens Betrieben, Parteien, Vereinen etc.

B) Kondolenzanzeigen:

B1) Private Kondolenzanzeigen: Zum Ausdruck von Anteilnahme und Beistand für die Hinterbliebenen seitens Angehöriger, Freunde und Institutionen (bspw. Schule). B2) Institutionelle Kondolenzanzeigen: Zum Ausdruck von Anteilnahme und Beistand für die Hinterbliebenen seitens Firmen, Institutionen etc. Ihre Funktion besteht vordergründig darin, den betroffenen Personen und Familien auf offiziellem Wege Anteilnahme auszusprechen (vgl. LAGE-MÜLLER 1995, S. 85).

[...]


1 Da die genaue Festlegung einer Altersgrenze zur Abgrenzung zwischen Kindertodesanzeigen und Erwachsenentodesanzeigen schwierig ist, wurde das Alter der analysierten Anzeigen bei maximal 14 Jahren festgelegt und schließt somit teilweise Anzeigen von Jugendlichen ein.

2 Ursache für die hohe Mortalität waren zum einen Seuchen, Epidemien und Infektionen, gegen die es zur damaligen Zeit keine Mittel gab (vgl. DÜLMEN 1999, S. 88). Neben diesen vordergründigen Ursachen spielten zum anderen ebenso die Ernährungssituation und die hygienischen Zustände eine wesentliche Rolle. In den ersten Lebensmonaten starben viele Kinder durch die fehlende Fürsorge u.a. durch die Überlastung der Mütter. Trotz allem kann man nicht sagen, dass ein emotionales Desinteresse die Ursache für die hohe Kindersterblichkeit gewesen ist, wurden doch oft keine Kosten für einen Arzt oder eine Wallfahrt gescheut, um das Leben eines Kindes zu retten.

3 Zum besseren Vergleich: Von 1000 Kindern unter 5 Jahren verstarben 1910 ca. 160 Kinder, 1930 unter 100 Kinder, 1970 noch 25 und 2006 statistisch gesehen 4,1 Kinder (vgl. BRECKENKAMP & RAZUM 2007, S, 2952).

4 Trotz der Einführung von Antibiotika steigt die Kindersterblichkeit, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg, kurzfristig leicht an.

5 Über die anthropogenen Ursprünge der Trauer lassen sich nur Vermutungen äußern, denn mangels schriftlicher Spuren entzieht sie sich unserem nachträglichen Verstehen (vgl. LIEBISCH 2014, S. 25f.).

6 Siehe hierzu vertiefend LIEBSCH 2014, S. 24-35 „Kultur des Todes, Trauer und Singularität“.

7 Emotionen sind nach SCHWARZ-FRIESEL (2013, S. 55) „mehrdimensionale, intern repräsentierte und subjektiv erfahrbare Syndromkategorien, die sich vom Individuum ichbezogen introspektiv-geistig sowie körperlich registrieren lassen, deren Erfahrungswerte an eine positive oder negative Bewertung gekoppelt sind und die für andere in wahrnehmbaren Ausdrucksvarianten realisiert werden (können).“ In Bezug auf die Emotion Trauer ist daher grundsätzlich zu differenzieren zwischen dem, was ein Individuum als emotionale Reaktion bzw. emotionalen Zustand erlebt und zwischen dem, was Anderen über diese emotionale Reaktion bzw. emotionalen Zustand vermittelt wird (vgl. ebd., S. 79). Es ist daher nicht ohne Weiteres möglich, von bestimmten Äußerungen in einem Text auf bestimmte Emotionszustände des Verfassers zu schließen. Innerhalb der Todesanzeige erscheint es legitim, auf das Vorliegen des Emotionszustandes Trauer zu schließen (vgl. STEIN 2012, S. 161). Jedoch ist es nicht möglich, daraus etwas über das tatsächliche subjektive Empfinden, die Dauer und Intensität der Trauer abzuleiten.

8 Hierbei musste der Leichenbitter verschiedene Tabus beachten. So durfte er den Hof nicht über den Haupteingang betreten und nicht die Türklinke berühren (vgl. FUCHS 1968, S. 138f.). Diese ältere Form des Todesansagens sowie das Läuten des Sterbeglöckchens verdeutlicht, dass die Bekanntmachung des Todes eine Vorsichtsmaßnahme gewesen ist. Durch diese wollten sich die Menschen vor der Macht des schädigenden Eindringens des Toten schützen und alle, die betroffen sind, sollten gewarnt werden. So war es vor hunderten von Jahren üblich, stark geachtete oder gefürchtete Menschen besonders tief zu vergraben (vgl. KÜBLER-ROSS 1983, S. 221). Je tiefer ein Leichnam vergraben wurde, desto unwahrscheinlicher war es für die Lebenden, dass die Toten zurückkehren und Rache üben könnten.

9 Die einzelnen Nachweise für die Beispielanzeigen finden sich im Quellenverzeichnis.

10 In den angeführten Beispielen werden die Namen der Kinder typographisch hervorgehoben, sofern es sich hierbei um die Nennung des Namens der verstorbenen Person innerhalb der Todesanzeige handelt (vgl. 5.2).

11 Diese Floskel ist bis heute noch vereinzelt in Anzeigen zu finden (siehe Kapitel 5.4.9; T43).

12 Innerhalb dieser Arbeit wird nicht weiter differenziert zwischen Kurz-, Kose-, und Spitznamen. Wird daher von Spitznamen gesprochen, umfasst dies stets auch weitere Formen von Namensvariationen.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Kindertodesanzeigen. Eine Analyse zur Ermittlung typischer und fakultativer Textsortenelemente
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
74
Katalognummer
V377604
ISBN (eBook)
9783668552098
ISBN (Buch)
9783668552104
Dateigröße
3220 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Todesanzeige, Gattung, Analyse, Merkmale, Tod, Sterben, Anzeige, Zeitung, Traueranzeige, Untersuchung, Prototypische Todesanzeige, Todesanzeige Kinder, Todesanzeigen Kinder, Todesanzeige Analyse
Arbeit zitieren
Nicole Etzkorn (Autor), 2016, Kindertodesanzeigen. Eine Analyse zur Ermittlung typischer und fakultativer Textsortenelemente, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377604

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