Der katalanisch-spanische Bilinguismus und das mentale Lexikon


Bachelorarbeit, 2017

60 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Bilinguismus
2.1.1. Heutige Ausdehnung
2.1.2. Gründe für den bilingualen Spracherwerb
2.1.3. Definition und Grundlagen
2.2. Das monolinguale mentale Lexikon
2.2.1. Neurolinguistische Grundlagen
2.2.2. Definition und Grundlagen
2.2.3. Netzwerkmodelle
2.2.4. Verarbeitung von Wortarten
2.3. Das bilinguale mentale Lexikon
2.3.1. Neuroanatomische Unterschiede
2.3.2. Organisationsmodelle des bilingualen Lexikons

3. Fallstudie: Katalanisch-Spanischer Bilinguismus und die Struktur des mentalen Lexikons
3.1. Historische Entwicklung des Sprachkontaktes
3.2. Demolinguistische Entwicklung
3.3. Aktuelle soziolinguistische und sprachpolitische Situation
3.4. Besonderheiten im mentalen Lexikon

4. Fazit und Ausblick

Bibliographie

Anhang

Anhang: Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

“Cataluña es una de las sociedades más plurilingüizadas y escasamente polarizadas de Europa” (Vila 2016, 135). Dabei stehen vor allem das Katalanische und das Spanische in ständigem Kontakt, was folglich zu einem bestimmten Grad an Bilinguismus in der katalanischen Gesellschaft führt. Vorliegende Arbeit soll analysieren, wie sich dieser katalanisch-spanische Bilinguismus1 auf die Struktur des mentalen Lexikons auswirkt.

Nicht nur Linguisten sondern auch Wissenschaftler anderer Disziplinen untersuchen Sprache und Bilinguismus im Gehirn, so wie Psycholinguisten, Kognitionspsychologen und Neurowissenschaftler (vgl. Austin 2015: 87). Jeder dieser Ansätze hat einen wichtigen Beitrag zu unserem heutigen Wissen über einzelne Aspekte des Bilinguismus geleistet (vgl. Austin 2015: 88). Wie jedoch diese einzelnen Aspekte zusammenwirken, ist bis heute noch nicht ganz klar (vgl. Austin 2015:88). Wie trägt zum Beispiel die Erforschung des monolingualen und bilingualen Gehirns zu unserem Verständnis von linguistischen Grundformen wie Morphemen bei (vgl. Austin 2015:88)? Während es psycholinguistische Hinweise darauf gibt, dass das Gehirn die morphologische Struktur von Wörtern verschlüsselt, ist noch nicht geklärt, wie Morpheme auf neuraler Ebene repräsentiert sind (vgl. Austin 2015: 88). Die Wissenschaft geht davon aus, dass diese Verbindungen zukünftig noch identifiziert und verstanden werden (vgl. Austin 2015: 88). Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, dass der Besitz rechenbetonten Wissens des menschlichen Gehirns unbiologisch sei, da diese Rechnungen eines Tages besser von einem Computer ausgeführt werden würden. Doch auch sie glauben, dass sich kognitive und biologische Ansätze durch das Finden des Programms des menschlichen Gehirns ergänzen könnten (vgl. Austin 2015: 88). In der vorliegenden Arbeit soll die biologische Seite in Form von neurolinguistischen Grundlagen beleuchtet werden, Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der psycholinguistischen und kognitionspsychologischen Forschung und ihren Erkenntnissen und Modellen zum bilingualen mentalen Lexikon. Dabei werden oft Fälle aus der Aphasieforschung herangezogen und auch das sog. tip-of-the-tongue-Phänomen, auf das später eingegangen wird.

„Bilingual representation of words and concepts has been such an overwhelming preoccupation in the literature that it would be impossible to give a comprehensive summary on this occasion” (Filipović 2014, 209) Deshalb werde ich mich in meiner Arbeit gezielt auf wenige Modelle zur Repräsentation des bilingualen mentalen Lexikons beschränken. Während die Literatur in diesem Bereich sehr umfangreich ist, sieht es speziell für den katalanisch-spanischen Bilinguismus in Verbindung mit dem mentalen Lexikon anders aus. Im Bereich des spanisch- englischen Bilinguismus zum Beispiel finden sich einige Studien und einiges an Forschungsliteratur. Jedoch ist am katalanisch-spanischen Bilinguismus besonders die lange historische Entwicklung des Sprachkontaktes und die enge Sprachverwandtschaft interessant. Mark Amengual beschäftigte sich speziell mit Kognateffekten im katalanisch-spanischen Bilinguismus, jedoch geht es in seinen Studien meist um Sprachproduktion. Deshalb werde ich auf den theoretischen Grundlagen zum monolingualen und bilingualen mentalen Lexikon aufbauen und daraus unter besonderem Einbezug der Kognate- und Interferenzforschung Schlussfolgerungen für den katalanisch- spanischen Bilinguismus ziehen.

Den ersten Teil der vorliegenden Arbeit stellen die theoretischen Grundlagen dar. Im ersten Unterkapitel geht es zuerst einmal um Bilinguismus im Allgemeinen. Dabei wird der heutigen Ausdehnung des Bilinguismus auf der Welt nachgegangen und auch die Gründe für Bilinguismus erläutert. Warum wächst ein Sprecher bilingual auf und welche Typen des bilingualen Spracherwerbs existieren? Darüber hinaus geht es um die Frage, wie Bilinguismus definiert wird und wer als bilingual gilt? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Im zweiten Unterkapitel der Arbeit geht es schließlich um das monolinguale mentale Lexikon. Was ist das mentale Lexikon und was macht es aus? Dabei wird zuerst auf die die neurolinguistischen Grundlagen eingegangen, die, wie oben bereits erwähnt, ein wichtiger Bestandteil der Erforschung der Sprache im Geist sind. Schließlich werden wichtige Modelle zur Organisation und Struktur des monolingualen mentalen Lexikons dargestellt. Das dritte Unterkapitel beschäftigt sich nun zum einen mit der Frage nach den neuroanatomischen Unterschieden im Gehirn von bilingualen Sprechern und zum anderen mit Modellen zur Repräsentation zweier Sprachen im mentalen Lexikon. Dabei werden ein paar existierende Modelle vorgestellt und der Frage nachgegangen, welche Unterschiede sich zum monolingualen Lexikon festmachen lassen und ob die Modelle vergleichbar sind. Eine weitere Grundfrage dieses Kapitels ist, ob es sich bei bilingualen um ein gemeinsames System oder zwei getrennte Systeme der Sprachverarbeitung handelt.

Den zweiten großen Teilbereich der vorliegenden Arbeit stellt die Fallstudie zum katalanisch-spanischen Bilinguismus in Bezug auf das mentale Lexikon dar. Dabei wird zuerst auf die historische Entwicklung des katalanisch-spanischen Bilinguismus eingegangen. Welche politischen Ereignisse haben zur aktuellen Situation des katalanisch-spanischen Bilinguismus geführt? Handelte es sich hier in der Vergangenheit um eine Diglossiesituation? Danach wird darauf aufbauend die aktuelle soziolinguistische und sprachpolitische Situation des katalanisch- spanischen Bilinguismus dargestellt und auch auf die demolinguistische Entwicklung in den letzten hundert Jahren eingegangen. Was ergibt sich daraus für den heutigen katalanisch-spanischen Bilinguismus in Katalonien? Aufbauend auf das bis hier gesammelte Wissen soll dann erschlossen werden, welche Besonderheiten sich speziell im mentalen Lexikon von Sprechern des katalanisch- spanischen Bilinguismus ergeben. Dabei wird besonders der Frage nachgegangen, inwiefern die Sprachverwandtschaft des Spanischen und des Katalanischen als romanische Sprachen eine Rolle spielt und besondere Betonung auf die Rolle von Kognaten gelegt.

Zum Schluss wird die Arbeit mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick abgerundet.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Bilinguismus

2.1.1. Heutige Ausdehnung

Es existieren keine exakten Zahlen zur Anzahl der Sprachen (vgl. Wei 2000: 3) und der bilingualen Sprecher auf der Welt. Was wir jedoch wissen, ist, dass es etwa 7000 Sprachen auf der Welt gibt (vgl. Austin 2015: 8), die in etwas weniger als 200 Ländern gesprochen werden (vgl. Wei 2000: 3). Da es deutlich mehr Sprachen als Länder gibt, ist es also unvermeidbar, dass eine enorme Menge an Sprachen in Kontakt stehen. Also können wir davon ausgehen, dass der Großteil der Sprecher bilingual ist (vgl. Austin 2015: 8). Manche Länder beherbergen zahlreiche Sprachen, was folglich zu Sprachkontakt zwischen den Einwohnern führt und schließlich zu Bilinguismus.

Wissenschaftler, die sich mit Bilinguismus beschäftigen, gehen davon aus, dass die Hälfte der Weltbevölkerung - wenn nicht mehr - bilingual ist. Zwar gibt es keine genauen Zahlen, jedoch ist Bilinguismus in allen Altersstufen, Gesellschaftsebenen und in den meisten Ländern der Welt vertreten (vgl. Grosjean 2013:6). Monolinguale Nationen dagegen sind kaum zu finden (vgl. Austin 2015: 8). Der Mangel an exakten Zahlen liegt dabei wahrscheinlich am Mangel einer einheitlichen Definition von Bilinguismus. Ein Bericht der europäischen Kommission hat jedoch 2006 gezeigt, dass 56% der Einwohner von 25 europäischen Ländern eine zweite Sprache so gut sprechen, dass sie eine Unterhaltung darin führen können. Zwar führen nicht alle ihr tägliches Leben mit beiden Sprachen, der Prozentsatz gibt aber eine Idee dessen, wie ausgedehnt und komplex Mehrsprachigkeit ist. 35% der Bevölkerung in Kanada ist nach Grosjean bilingual. In den USA ist der Prozentsatz nach ihm zwar kleiner (18% - 20%), betrifft aber immerhin 55 Millionen Einwohner. In anderen Teilen der Welt, wie zum Beispiel Asien oder Afrika, ist der Anteil bilingualer Sprecher größer, da dort für gewöhnlich mehrere Sprachen gekannt werden und diese auch im Alltag verwendet werden (vgl. Grosjean 2013:6). In manchen Ländern ist der Bilinguismus offiziell (Bolivien, Schweiz, Indien), in manchen Ländern gilt dies nur für bestimmte Gebiete (Spanien, Kanada) und in manchen Fällen gibt es keine offizielle Sprache (USA). Spanisch gilt in Spanien als dominante2 Sprache, wohingegen 14 nicht-dominante Minderheitensprachen3 existieren. Auch in den spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas ist Spanisch die dominante Sprache und jedes Land besitzt zudem zahlreiche nicht-dominante Sprachen. Mexiko zum Beispiel besitzt 281, Guatemala 25, Honduras 9, Kuba 2, Kolumbien 83, Peru 93, Argentinien 20 und Chile 9 dieser nicht-dominanten Sprachen. In manchen Gemeinschaften werden beide (oder mehrere Sprachen) gleichmäßig für alle Aktivitäten und Situationen in der Gemeinschaft genutzt, in anderen Gesellschaften sind die Sprachen jeweils auf bestimmte Situationen (Domains4 ) beschränkt, in denen sie genutzt werden können, wobei eine Sprache meist die wichtigen Teilbereiche wie Religion und Bildung abdeckt (vgl. Austin 2015: 8f.).

Der Umfang des Bilinguismus auf der Welt hängt natürlich von seiner Definition ab. Darauf wird eingegangen, nachdem die verschiedenen Gründe dargestellt wurden, aus denen ein Sprecher bilingual aufwächst.

2.1.2. Gründe für den bilingualen Spracherwerb

Die übliche Konsequenz aus Sprachkontakt ist Bilinguismus oder Multilinguismus. Doch wie genau erklärt sich dieses Ausmaß an Sprachkontakt auf der Welt? Es gibt viele Gründe, warum Sprecher verschiedener Sprachen in Kontakt kommen, manche freiwillig, manche durch die Umstände gezwungen (vgl. Wei 2000: 3ff.).

Seitdem es die Menschheit gibt, reisen die Menschen aufgrund von Handel, Wirtschaft, Erwerbstätigkeit, Religion, Kultur, Bildung, Technologie, Konflikte, Naturkatastrophen, Politik (Kolonisierung) (vgl. Grosjean 2013: 6 und Wei 2000: 4). Die heutige Bevölkerung vieler Länder ist das Ergebnis von Immigration. In den meisten Fällen von Migration erwerben die Migranten die Sprache des Gastlandes und werden so bilingual (vgl. Grosjean 2013: 6). Dabei müssen die Sprecher nicht unbedingt umsiedeln, um mit Sprechern anderer Sprachen in Kontakt zu treten, denn es gibt einige Möglichkeiten Sprachkontakt im selben Land, der selben Gemeinschaft, der selben Nachbarschaft, oder sogar in derselben Familie zu erleben. Einer von drei Menschen auf der Welt benutzt regelmäßig eine oder mehr Sprachen für Arbeit, Familie oder Freizeit (vgl. Wei 2000: 5). Wie bereits erwähnt, spielt auch Kultur und Bildung dabei eine wichtige Rolle, da viele Studenten ein Studium in einer Region oder einem Land anstreben, in dem eine andere Sprache gesprochen wird (vgl. Grosjean 2013: 6f.). Aber welcher Sprecher gilt denn nun als bilingual?

1991 hat Hoffmann hypothetische Vorgeschichten aufgestellt, nach denen sich bilinguale Sprecher je nach Grund für den Bilinguismus in vier Gruppen einteilen lassen5. Gruppe A trifft auf Kinder zu, die von Geburt an bilingual sind und entweder beide Sprachen zuhause lernen, oder eine davon zuhause und eine in der Umgebung, wie zum Beispiel am Spielplatz, durch andere Familienmitglieder oder die Tagesmutter. Gruppe B sind frühe Bilinguale, die die zweite Sprache eine gewisse Zeit nach der Geburt erst lernen. Hier wird normalerweise eine der beiden Sprachen zuhause gesprochen und eine außerhalb. Gruppe C sind Menschen, die eine zweite Sprache als Erwachsener gelernt haben und diese zu Arbeitszwecken, als Übersetzer, in Universitäten, um spezielle Literatur zu lesen, oder weil sie arbeitsbedingt sich mit Kollegen im internationalen Umfeld austauschen müssen. In Gruppe D fallen Immigranten, die die zweite Sprache lernen müssen, um im neuen Land zurechtzukommen, oder Sprecher von nicht-dominanten Sprachen, die die dominante Sprache ihres eigenen Landes lernen müssen. Diese Einteilung ist nur eine einfache Darstellung der zahlreichen möglichen Varianten von Bilinguismus auf der Welt (vgl. Austin 2015: 39). Trotzdem gibt sie einen guten Einblick in die verschiedenen Erwerbskontexte, die ich im folgenden Unterkapitel genauer beleuchten werde.

2.1.3. Definition und Grundlagen

Bilinguismus ist ein sehr komplexes Phänomen, über das kein Konsens einer einheitlichen Definition besteht. Während der Bilinguismus in einigen politischen Kontexten eine positive Konnotation hat und internationales Statussymbol ist, besitzt er in anderen Kontexten auch sehr negative Konnotationen und ist Produkt sozialer Stigmatisierung. Die verschiedenen Ausprägungen des sozialen Bilinguismus schwanken zwischen einer Situation, in der die zwei Sprachen von zwei unterschiedlichen Gruppen gesprochen werden bis zum gegensätzlichen Fall, in dem alle beide Sprachen sprechen. Es gibt also bilinguale Gemeinschaften, in denen die Individuen entweder die eine oder die andere Sprache sprechen, oder Gemeinschaften, in denen die Mehrheit der Sprecher beide Sprachen spricht. Darüber hinaus lassen sich verschiedene Arten bilingualer Personen finden, deren Unterschiede von der sozialen und politischen Situation der Gemeinschaften und der monolingualen und bilingualen Gesellschaften abhängt, in denen sie leben (vgl. Montrul 2013: 1f.). Bilinguismus ist also zum einen ein individuelles Phänomen und zum anderen ein historisch-politisch-soziales und beide eng miteinander verbunden.

Wer ist nun bilingual? Eine Person, die einen hohen Kenntnisstand in zwei Sprachen besitzt? Eine Person, die in einem bilingualen Umfeld geboren und aufgewachsen ist und seit Geburt an zwei Sprachen erworben hat? Es besteht kein Konsens in der Wissenschaft, wer als bilingual angesehen werden darf und wer nicht (vgl. Austin 2015: 41). Die Definition des Bilinguismus ist sehr komplex und beinhaltet Faktoren, wie Erwerb der Sprachen, Kenntnisstand der Sprachen, den Gebrauch in geeigneten Kontexten und die Kompetenz des Individuums, was linguistische Kenntnis und Sprachanwendung der zwei Sprachen angeht (vgl. Montrul 2013: 7). Oft wird der Begriff Bilinguismus sehr allgemein verwendet für Sprecher, die eine zweite Sprache verstehen, entweder in gesprochener oder geschriebener Form oder beides, sie aber nicht unbedingt selbst sprechen oder schreiben (vgl Wei 2000: 15f). Für Montrul ist eine Person bilingual, die stabile Kenntnis und funktionelle Kontrolle zweier oder mehrerer Sprachen besitzt. Für ihn ist dabei weder das Kompetenzniveau ausschlaggebend, noch ob die Sprachen im täglichen Leben verwendet werden. Reden wir über einen Erwachsenen, bedeutet stabil, dass er sich nicht mehr im Erwerbsprozess befindet, sondern bereits ein bestimmtes Kompetenzniveau erreicht hat, wenn auch nicht muttersprachliches Niveau. (vgl. Montrul 2013: 7).

Im Metzler Lexikon Sprache bleibt das Kompetenzniveau weitestgehend unbehandelt. Hier wird der Begriff Bilinguismus wie folgt definiert:

Bezeichnung für den Zustand einzelner Personen oder einer sozialen Gemeinschaft, die sich bei der täglichen Kommunikation zweier unterschiedlicher Sprachen bedienen. Ein bilingualer Zustand tritt gewöhnlich unter der Bedingung auf, dass Angehöriger zweier verschiedener Ethnien in engem Kontakt miteinander leben und kommunizieren; je nachdem, ob dabei ein soziales Gleichgewicht besteht, kann sich der Bilinguismus auf beide Ethnien erstrecken […], oder er bleibt auf die Sprecher der weniger prestigeträchtigen Sprache beschränkt […]. (Glück, MLS „bilingualismus“: 110).

In der vorliegenden Arbeit wird sich auf diese Definition von Bilinguismus bezogen. Wie wir gesehen haben, existieren zahlreiche Definitionen, die zudem meist sehr allgemein gehalten sind. Deshalb stelle ich im Folgenden kurz vier wesentliche Faktoren vor, von denen die Definitionen von Bilinguismus und das bilinguale Verhalten nach Montrul unter anderem abhängen.

Erwerbsalter

Es gibt bilinguale Sprecher, die in einer bilingualen Familie oder einem bilingualen Umfeld aufwachsen und seit dem Moment ihrer Geburt zwei Sprachen ausgesetzt sind. Andere erwerben erst eine Sprache und dann während der Kindheit oder im Erwachsenenalter eine Zweite. Erwirbt eine Person beide Sprachen während der Kindheit (zwischen der Geburt und ungefähr zwölf Jahren), sprechen wir von frühem Bilinguismus. Wird eine der Sprachen nach der Vollendung der 12. Lebensjahres erworben oder im Erwachsenenalter, sprechen wir von spätem Bilinguismus. Dieser wird dann im Erwachsenenalter auch Zweitspracherwerb oder Fremdspracherwerb genannt.

Der frühe Bilinguismus lässt sich unterscheiden zwischen simultanem Bilinguismus und sequentiellem Bilinguismus (auch Zweitspracherwerb in der Kindheit). Der simultane Bilinguismus entspricht dem bilingualen Erstspracherwerb und ist der typische Fall in Familien, in denen der Vater die eine Muttersprache spricht und die Mutter eine andere. Da das Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem zwei Sprachen gesprochen werden, kann man nicht von Erst- und Zweitsprache 6 sprechen. Beide Sprachen sind Erstsprachen und Muttersprachen 7 . Das Kind erwirbt beide Sprachen also simultan seit der frühen Kindheit (zwischen Geburt und 3 Jahren). Beim sequentiellen Bilinguismus erwerben die Sprecher ab der Geburt eine Erstsprache und später, wenn sie schon eine gewisse Basis in dieser Erstsprache besitzen, erwerben sie zum Beispiel in der Vorschule oder Schule eine Zweitsprache. Einen sequentiellen Bilinguismus findet man auch bei Kindern, die mit der Geburt nicht die dominante Sprache ihres Landes bzw. ihrer Region erwerben, sondern im familiären Umfeld eine Minderheitensprache des Landes bzw. der Region (vgl. Montrul 2013: 9f.). Dies ist für die Behandlung des katalanisch-spanischen Bilinguismus in vorliegender Arbeit von besonderer Bedeutung. Die Arbeit bezieht sich daher auf den frühkindlich simultanen und speziell auf den frühkindlich sequentiellen Bilinguismus.

Erwerbskontext

Sprecher des frühkindlich simultanen Bilinguismus erwerben zuhause durch kommunikative Interaktion zwei Sprachen, das heißt dass der soziale Hauptkontext dieses Typs von Bilinguismus die Familie ist. In ihren Gewohnheiten und Zusammenstellungen variieren bilinguale Familien stark. In Familien mit nur einem Elternteil kann dieser bilingual sein und mit dem Kind von Geburt an zwei Sprachen sprechen. Weiterhin gibt es Familien, in denen beide Eltern bilingual sind, aber unterschiedliche Muttersprachen sprechen, wobei jeder mit dem Kind in seiner Muttersprache kommuniziert. Wenn die Mutter zum Beispiel spanisch als Muttersprache spricht und der Vater englisch, kommuniziert das Kind mit der Mutter nur auf Spanisch und mit dem Vater nur auf Englisch. Es gibt auch Familien, in denen beide Elternteile jeweils beide Sprachen mit dem Kind sprechen, ohne diese untereinander aufzuteilen. Schließlich gibt es auch Familien, in denen die Eltern die eine Sprache sprechen und die Großeltern oder Geschwister eine andere.

Sprecher des frühkindlich sequentiellen Bilinguismus erwerben bzw. erlernen8 meist eine Sprache zuhause und die andere im schulischen Umfeld. Vor dem Erreichen des sechsten Lebensjahres findet der Zweitspracherwerb hauptsächlich im mündlichen Bereich statt, weil die Kinder in diesem Alter meist weder lesen noch schreiben können. Ab dem sechsten Lebensjahr wird der Erwerb durch die Einschulung und das Erlernen des Alphabets formaler. Das Erlernen erfolgt sowohl auditiv (und oral) also auch visuell (durch Lesen). Es ist auch möglich, dass die bilingualen Kinder nur in einer der zwei Sprachen Schulbildung und formale Instruktion erhalten, abhängig vom soziolinguistischen und politischen Kontext (vgl. Montrul 2013: 10).

Grad der Sprachverwendung

Das Erwerbsalter und der Erwerbskontext der zwei Sprachen eines bilingualen Sprechers können auch beeinflussen, wie und wann der Sprecher die beiden Sprachen im täglichen Leben verwendet. Wenn ein simultan bilinguales Kind zum Beispiel mehr Zeit mit dem Vater verbringt, der Sprache A spricht als mit der Mutter, die Sprache B spricht, wird das bilinguale Kind häufiger Sprache A verwenden, als Sprache B. Es gibt bilinguale Sprecher, die Sprache A zuhause mit der Familie sprechen und Sprache B im Schul- oder Arbeitsumfeld. Andere benutzen Sprache A in der Mündlichkeit und Sprache B nur, um zu lesen und zu schreiben. Obwohl es bilinguale Sprecher gibt, die beide Sprachen in allen möglichen Kontexten verwenden, ist es wahrscheinlich, dass sie trotzdem eine Sprache häufiger benutzen. Es gibt auch Fälle, in denen eine Sprache eher in der Kindheit dominant war und die andere eher im Erwachsenenalter. Die Sprachverwendung variiert also stark je nach Erwerbsalter, Erwerbskontext und persönlicher und sozialer Situation des Individuums, denn nicht immer ist es möglich, beide Sprachen im täglichen Leben zu verwenden (vgl. Montrul 2013: 11).

Kompetenzniveau

Die Art des Inputs (auditiv und visuell), das Erwerbsalter, der Erwerbskontext und der Grad der Sprachverwendung beider Sprachen bestimmen den Grad der Kompetenz in beiden Sprachen. Die Mehrheit aller bilingualen Sprecher (die mit einer sehr hohen Sprachkompetenz miteingeschlossen) sind asymmetrisch. Das heißt, dass ihre Kompetenz in beiden Sprachen unausgeglichen ist, weil sich die linguistische Kompetenz nicht gleichmäßig über die Sprachniveaus aufteilt. Solche Asymmetrien lassen sich bei fast allen bilingualen Sprechern finden. Bei einem bilingualen Sprecher kann man zum Beispiel die Aussprache eines Muttersprachlers und einen begrenzten Wortschatz in Sprache A feststellen, und in Sprache B einen fremden Akzent mit einem deutlich größeren Wortschatz. Verwendet ein bilingualer Sprecher Sprache A eher im informellen Kontext, und Sprache B in akademischen und formalen Kontexten kann die Wortschatzkompetenz und die Kenntnis der grammatikalischen Strukturen in einer Sprache anders ausgeprägt sein, als in der anderen. Weiterhin kann ein bilingualer Sprecher nicht immer ein muttersprachliches Niveau in beiden Sprachen und auf allen Ebenen erreichen, da dieses immer von einigen Faktoren der Verwendung und des Erwerbs abhängt (vgl. Montrul 2013: 11f.).

Je nach Kompetenzniveau kann es zu einigen Phänomenen im Bereich des Bilinguismus kommen, von denen ich zum besseren Verständnis der Komplexität des Stoffes die Wichtigsten nun kurz anschneiden möchte.

Phänomene des Bilinguismus

Wissenschafter haben einige Phänomene im Bereich des Bilinguismus festgestellt, die sowohl in der Kommunikation mit anderen bilingualen Sprechern, als auch in der Kommunikation mit monolingualen Sprechern auftreten können.

In der Kommunikation mit anderen bilingualen Sprechern wurden Phänomene, wie Sprachauswahl, B orrowing, Codeswitching und Interferenzen festgestellt. Die Aufgabe, während einer Interaktion eine Basissprache festzulegen (Sprachauswahl), ist für bilinguale Sprecher sehr komplex. Die Faktoren, die in die Auswahl einer Sprache mit einfließen, können dabei in vier Gruppen eingeteilt werden: Teilnehmer, Situation, Diskursinhalt und Interaktionsfunktion. Codeswitching und Borrowing sind zwei Möglichkeiten, um eine Sprache in die Interaktion einfließen zu lassen, die nicht als Basissprache ausgewählt wurde. „Code-switching is the alternate use of two languages, that is, the speaker makes a complete shift to the other language and then reverts back to the base language. Borrowing, on the other hand, is the integration of one language into another” (Grosjean 2013: 17). Borrowing, bei dem Elemente der einen Sprache in die andere integriert werden, kann dabei als Lehnwort oder Lehnübertragung (idiomatische Ausdrücke zum Beispiel) vorkommen (vgl. Grosjean 2013: 17ff.).

In der Interaktion mit monolingualen Sprechern fällt die Auswahl der Basissprache relativ leicht, die andere(n) Sprache(n) werden dabei deaktiviert und der Sprecher hält sich an die Sprache seines monolingualen Gegenübers. Bilinguale, die diese Sprache fließend beherrschen und keinen Akzent haben, gehen dann als monolingual durch. Dabei sollte beachtet werden, dass viele bilinguale Sprecher einen Akzent in zumindest einer der beiden Sprachen besitzen (manche in allen Sprachen) und so kommt ihre bilinguale Identität oft durch (vgl. Grosjean 2013: 17ff.) Bleibt der bilinguale Sprecher also stets bei einer Sprache, wenn er mit monolingualen Sprechern interagiert? Meistens ja, aber auch hier gibt es Ausnahmen. Zum einen kann auch hier minimales Codeswitching vorkommen, obwohl sehr selten. Das passiert, wenn dem Sprecher ein Wort in der Zielsprache fehlt. Sehr viel wichtiger ist hier das Phänomen der Interferenzen. Interferenzen sind Abweichungen von der gerade gesprochenen oder geschriebenen Sprache aufgrund von Einflüssen der anderen Sprache(n), welche auf allen Ebenen der Sprache auftreten können (vgl. Grosjean 2013:17ff.).

Fazit

Bilinguismus erfährt also auf Grund der Menge an Sprachkontakt auf der Welt eine enorme Ausdehnung. Dieser entsteht nicht nur durch Migration, sondern findet durch die Vielzahl an Sprachen auch in der selben Gemeinschaft statt. Je nach individueller und soziopolitischer Situation des bilingualen Sprechers gibt es zahlreiche Ausprägungen des Bilinguismus, was die Komplexität dieses Themas unterstreicht. Die Vielschichtigkeit des Bilinguismus zeigen auch einige Phänomene in der Sprachproduktion, von denen die wichtigsten kurz vorgestellt wurden. Zum Bilinguismus existieren zahlreiche Definitionen, die unterschiedlichen Wert auf das Kompetenzniveau und die Verwendung im Alltag legen. Im Hinblick auf den katalanisch-spanischen Bilinguismus beziehe ich mich in meiner Arbeit auf die Definition des Metzler-Lexikon-Sprache, welches den Bilinguismus vor allem unter dem Gesichtspunkt der Verwendung beider Sprachen in der täglichen Kommunikation behandelt. Da die existierenden Definitionen zwar wichtige Merkmale des Bilinguismus aufzeigen, aber in gewisser Weise defizitär sind und weder die kognitive, noch die soziale Komplexität abhandeln, die einen bilingualen Sprecher ausmacht, bin ich genauer auf die vier wichtigen Faktoren Erwerbsalter, Erwerbskontext, Grad der Sprachverwendung und Kompetenzniveau eingegangen, die in einer umfassenden Definition eine wichtige Rolle spielen sollten. Die hier vorgestellten Faktoren tragen nach Montrul dazu bei, wie Sprache im bilingualen Geist repräsentiert und organisiert ist (vgl. Montrul 2013: 12). Deshalb werden wir dem Bilinguismus nun auf kognitiver und psycholinguistischer Ebene näher auf den Grund gehen und uns das mentale Lexikon ansehen.

2.2. Das monolinguale mentale Lexikon

2.2.1. Neuroanatomische Grundlagen

Die Forschung der letzten beiden Jahrzehnte half dabei, klarzustellen, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird und wie diese auf neuraler Ebene repräsentiert ist (vgl. Austin 2015: 88). Um das Thema des mentalen Lexikons umfassend zu behandeln, finde ich es unabdingbar, auf die neurolinguistischen Grundlagen zurückzugreifen, da diese unmittelbar mit der Psycholinguistik und Kognitionspsychologie verknüpft sind und wichtige Erkenntnisse für den Aufbau und die Struktur des mentalen Lexikons liefern können.

Seit dem späten 19. Jahrhundert wurden das Broca- und Wernicke-Areal in der linken Hemisphäre unseres Gehirns in das Sprachverständnis und die Sprachproduktion mit einbezogen, basierend auf Studien von Patienten, die nach Gehirnverletzungen an Aphasie oder Sprachverlust litten. Neue Forschungen haben gezeigt, dass das Sprachverständnis und die Sprachproduktion auch auf andere Hirnregionen angewiesen ist. Neue Modelle der Sprachverarbeitung schließen Bereiche des kortikalen Gewebes mit ein, die das Broca- und Wernicke-Areal mit dem auditiven und motorischen Kortex verbinden. In einem dieser Modelle nahmen Hickok und Poeppel an, dass es zwei Pfade für Sprachverstehen gibt, einen dorsalen Strom und einen ventralen Strom, an denen beide Hemisphären beteiligt sind. Nach diesem Modell findet die erste akustische Verarbeitung in beiden Hemisphären statt, im Gyrus Temporalis Superior, einem Areal, welches das Wernicke-Areal beherbergt und den primär auditiven Kortex in der linken Hemisphäre. Darauf folgt die bilaterale phonologische Verarbeitung, die im Sulcus Temporalis Superior stattfindet. Letztendlich folgt die Sprachverarbeitung zwei Pfaden: dem dorsalen Strom, der stark linksdominant ausgeprägt ist und sensorische und phonologische Informationen mit artikulationsmotorischen Arealen verbindet und somit Sprachartikulation ermöglicht und das phonologische Kurzzeitgedächtnis stützt. Der ventrale Strom, der Sprachverständnis ermöglicht, gleicht sensorische oder phonologische Informationen mit der semantisch-lexikalischen Repräsentation ab (vgl. Austin 2015: 88f.).

Fortschritte in der Neuroimaging-Technologie erlauben uns einen noch nie zuvor da gewesenen Zugang zur Arbeit unseres Gehirns. EEG, MEG, fMRT und PET dabei sind die häufigsten Methoden und obwohl alle dieser Methoden nichtinvasiv und damit ziemlich sicher sind, unterscheiden sie sich wesentlich (vgl. Austin 2015: 90). EEG und MEG messen die temporalen Veränderungen der Gehirnaktivitäten, fMRT dagegen misst Hirnbereiche, die nach einer experimentellen Stimulierung aktiv. EEG und MEG werden demnach dafür gebraucht, um zu erforschen, wann Hirnaktivitäten stattfinden und fMRT, um herauszufinden, wo diese passieren.

Das EEG, oder auch Elektroenzephalografie, ist eine Aufzeichnung der elektrischen Hirnaktivität, welche mit Elektroden durchgeführt wird, die direkt an der Kopfhaut befestigt werden. Verglichen mit anderen Methoden ist das EEG sehr kostengünstig und seit es auch Bewegungen des Patienten zulässt, kann es mittlerweile an Patienten jeden Alters durchgeführt werden. Es bietet eine sehr gute zeitliche Auflösung, sodass es sehr genaue Analysen erlaubt, wann spezielle Teile des Satzes verarbeitet werden. Die neurale Reaktion auf einen bestimmten experimentellen Stimulus (Event-Related Potential, kurz ERP) produziert eine Welle mit einer charakteristischen Amplitude und Latenz in der EEG -Aufnahme. Der Nachteil des EEG s ist die mangelnde räumliche Auflösung (vgl. Austin 2015: 90f.).

MEG, oder auch Magnetoenzephalografie, ist eine Methode, die das magnetische Feld misst, das bei der elektrischen Hirnaktivität erzeugt wird. Es hat eine deutliche bessere räumliche Auflösung, als das EEG und wie das EEG eine hervorragende zeitliche Auflösung. Die Ausrüstung ist auch um einiges teurer, denn es bedarf eines speziellen Scanners und eines magnetisch abgeschirmten Raumes (vgl. Austin 2015: 91).

fMRT, oder auch funktionelle Magnetresonanztomografie, hat eine hervorragende räumliche Auflösung und kann eine beliebige Hirnregion mit ein paar Voxeln messen. Voxel sind dreidimensionale Pixel. Anders als EEG oder MEG misst das fMRT hemodynamische Aktivitäten (sauerstoffhaltiger Blutfluss) in verschiedenen Hirnregionen, keine elektrische Aktivität. Da der fMRT- Scanner einen ein-tonnenschweren Magneten benutzt, um Veränderungen im Blutfluss zu messen, liegen Forschungsteilnehmer auf einer Trage, die in den Scanner hineingefahren wird. Während gescannt wird, müssen die Teilnehmer still liegenbleiben, da schon die kleinste Bewegung eine Störung auslösen kann. Andere Nachteile sind hohe Anschaffungskosten des Scanners und der magnetgeschützte Raum, in dem er stehen muss. Zudem ist der Scanner sehr laut und somit schlecht geeignet für linguistische Aufgaben mit auditivem Input (vgl. Austin 2015: 91f.).

PET, oder auch Positronen-Emissions-Tomografie, ist eine Neuroimaging-Technik, die einen Scanner nutzt, um Gammastrahlen zu erkennen, die von einem Fühler ausgesandt werden. Dieser Fühler enthält ein radioaktives Isotop, welches in den Blutkreislauf des Teilnehmers eingespritzt wird. Die gesammelten Daten erlauben ein dreidimensionales Bild der Hirnaktivität während der Sprachanwendung, indem der Blut- und Sauerstoffstrom zu bestimmten Regionen im Gehirn und der Glucose-Stoffwechsel verschiedener Hirnareale gemessen wird (vgl. Austin 2015: 94).

All diese Methoden helfen dabei, festzustellen, wie Sprache im Geist verarbeitet wird und erlauben somit Rückschlüsse auf die Struktur des mentalen Lexikons.

2.2.2. Definition und Grundlagen

Das mentale Lexikon (von lat. mens „Denken/Verstand/Geist“, siehe Glück, MLS, „mentales Lexikon“: 432) ist die „psychische Repräsentation lexikalischer Informationen“ und „Sammelname für die mentale Organisation des Wortvorrates [Lexemvorrat, Anm. Verfasser]“ (Glück, MLS „mentales Lexikon“: 432). Es bildet einen Teil des Langzeitgedächtnisses, in dem „die Wörter [Lexeme, Anm. Verfasser] einer Sprache mental repräsentiert sind“ (vgl. Börner/Vogel 1997: 21). Ein Kind, das seine Muttersprache erlernt, muss Lexeme und Bedeutungen einander zuordnen und Regeln erlernen, um diese Lexeme zu kombinieren. Das Kind erstellt für jedes neue Wort einen Lexikoneintrag im mentalen Lexikon (vgl. Goede 1986: 75). Doch was beinhaltet dieser Eintrag?

Levelts Model von 1989 teilt den Lexikoneintrag in vier Teile (siehe Abbildung 1). Nach Levelt lässt sich der Eintrag in Lemma und Lexem teilen. Das Lemma macht dabei die lexikalische Semantik (hier Bedeutung) und die Syntax aus, Morphologie und Phonologie (hier Form) bilden das Lexem (vgl. Juffs 2009: 182). Es handelt sich um sogenannte Teillexika (vgl. Raupach 1997: 21), welche Informationen aller linguistischer Ebenen (Phonologie, Orthographie, Syntax, Morphologie, und lexikalische Semantik) beherbergen, die alle in den Einträgen des mentalen Lexikons erscheinen (vgl. Schreuder 1993: 4).

„Im Erstspracherwerb werden zunächst konzeptuelle Einheiten ausgebildet und im Langzeitgedächtnis repräsentiert, bevor sie mit phonologischen und morphosyntaktischen Einheiten verbunden und damit versprachlicht werden“ (Börner/Vogel 1997, 2). Das Lexikon enthält jedoch nicht nur Wortformen und semantische Konzepte (Sprachwissen), sondern auch kognitive Konzepte (Weltwissen), die gesondert repräsentiert werden, und ist somit „Schnittstelle sprachlicher und konzeptueller Strukturen“ (Börner/Vogel 1997: 3).

Jackendoff hat sich mehr mit dem Inhalt jeder Zelle des Lexikoneintrags beschäftigt. Er geht davon aus, dass sich der lexikalische Eintrag auf drei Strukturen aufteilt, die der Phonologie, der Syntax und des Konzepts, die den lexikalischen Eintrag ausmachen, der dann mit einem morphologischen Eintrag verknüpft ist. Den lexikalischen Eintrag kann man sich nicht als ein einziges Stück oder einen einzelnen Platz in einer Liste vorstellen, denn jedes dieser vier Elemente kann getrennt voneinander gelernt, gespeichert und beeinflusst werden. Dennoch sind alle dieser unabhängigen Strukturen miteinander verknüpft (vgl. Juffs 2009: 183). Dabei sind diese Informationen im mentalen Lexikon nach Börner und Vogel nach den allgemeinen kognitiven Strukturprinzipien organisiert, wozu die klassifizierende Wahrnehmung, die Kategorisierung, die Hierarchisierung und die Abstraktion zählt (vgl. Börner/Vogel 1997: 3). Doch welche Informationen sind in jeder dieser Strukturen enthalten?

[...]


1 In vorliegender Arbeit sagt die Reihenfolge der Aufzählung der Sprachen nichts über die Dominanz im bilingualen Geist aus.

2 Die Dominanz einer Sprache wird für gewöhnlich sprecherspezifisch verwendet. Als dominante Sprache wird in der vorliegenden Arbeit auch die Sprache bezeichnet, die von der Mehrheit der Sprecher gesprochen wird.

3 Minderheitensprachen sind nach Montrul Sprachen, die von Sprechern ethnischer Minderheiten gesprochen werden. Der soziopolitische Status der Sprache spielt dabei eine Rolle (vgl. Montrul 2013: 4).

4 „In der Soziolinguistik soziolog. Parameter zur Identifizierung von sozialen Wertbündeln, der sich auf eine Anzahl institutionalisierter sozialer Situationen bezieht, die typischerweise von gemeinsamen Verhaltensregeln gesteuert werden“ (Glück, MLS „Domäne“: 167)

5 Siehe hierzu auch das Unterkapitel -> Erwerbsalter in 2.1.3. 7

6 Die Verwendung des Begriffs Erstsprache impliziert, dass es auch eine Zweitsprache und/oder Drittsprache gibt. Diese Terminologie wird verwendet, um von einem sequentiellen Erwerb einer zweiten und/oder dritten Sprache zu sprechen, welche nach dem Erwerb der Muttersprache erworben/bzw. erlernt werden (vgl. Montrul 2013: 3). In vorliegender Arbeit entspricht die Erstsprache der L1 und die Zweitsprache der L2.

7 Oft decken sich Muttersprache und Erstsprache. Die Muttersprache bezieht sich auf die Sprache, die von Geburt an zuhause oder in der Familie erworben wird (vgl. Montrul 2013: 3).

8 Damit ist in vorliegender Arbeit der gesteuerte Erwerb gemeint. 11

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Der katalanisch-spanische Bilinguismus und das mentale Lexikon
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
60
Katalognummer
V377659
ISBN (eBook)
9783668551633
ISBN (Buch)
9783668551640
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilinguismus, Spanisch, Katalanisch, Psycholinguistik, mentales Lexikon, monolinguales mentales Lexikon, bilinguales mentales Lexikon, spanisch-katalanischer Bilinguismus, katalonien, ausdehnung bilinguismus, Gründe bilingualer Spracherwerb, Definition Bilinguismus, Neurolinguistische Grundlagen bilinguismus, netzwerkmodelle, verarbeitung von wortarten, neuroanatomische unterschiede mentales lexikon, Organisationsmodelle bilinguales lexikon, historische entwicklung sprachkontakt katalonien, demolinguistische entwicklung katalonien, soziolinguistische situation katalonien, sprachpolitische situation katalonien, besonderheiten im mentalen lexikon, Coordinative model, compound model, subordinative model, uriel weinreich, word association model, concept mediation model, potter, revised hierarchical model, kroll, stewart, shared distributed asymmetrical model, dong, modified hierarchical model, pavlenko, übersetzung, geschichte katalonien, katalonien im 20. Jahrhundert, Interferenzen, Kognate, distributed conceptual feature model, tip-of-the-tongue, Immigration Katalonien, EEG, fMRT, MEG, PET, Phänomene Bilinguismus, Erwerbskontexte Bilinguismus
Arbeit zitieren
Sarah Aschberger-Hedel (Autor), 2017, Der katalanisch-spanische Bilinguismus und das mentale Lexikon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377659

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