Die Schuld in "Woyzeck" von Georg Büchner und "Judith" von Friedrich Hebbel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Georg Büchners Woyzeck
2.1 Hintergründe zur Schuldfrage
2.2 Moralische Schuld der einzelnen Figuren
2.2.1 Marie
2.2.2 Der Tambourmajor
2.2.3 Der Doktor
2.2.4 Der Hauptmann
2.2.5 Woyzeck
2.3 Woyzecks Tat und die Schuldfrage
2.3.1 Juristische Schuld und Schuldfähigkeit
2.3.2 Hamartia bei Woyzeck

3. Friedrich Hebbels Judith
3.1 Judiths Motive und Schuld
3.2 Hamartia bei Judith

4. Schuld im direkten Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Die Schuld bei Georg Büchners Woyzeck im Vergleich zu Friedrich Hebbels Judith

1. Einleitung

Die Schuld als solche spielt in der Literatur eine große Rolle. Viele Dramen und Tragödien arbeiten mit der Idee der Schuld, um Taten als besonders schlimm oder im Gegenteil, als eher harmlos erscheinen zu lassen. In dieser Arbeit soll ein Vergleich der Schuld zwischen Georg Büchners Woyzeck und Friedrich Hebbels Judith erstellt werden, durch den der Unterschied der verschiedenen Darstellungen der Schuld demonstriert wird. In diesem Vergleich wird deutlich, wie durch das Thema der Schuld, zwei ähnliche Verbrechen am Ende, doch auf komplett verschiedene Weisen verstanden werden können. Zu berücksichtigen gilt, dass Schuld ein Konzept ist, welches in vielen Zusammenhängen verwendet wird und aus diesem Grund ebenso vielen Definitionen unterliegt. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit Schuld im moralischen Sinne als Verstoß gegen das Gewissen aufgefasst und bearbeitet.

Beide Werke werden zuvor unabhängig voneinander analysiert. Die moralische Schuld der einzelnen Figuren bei Woyzeck wird zuerst untersucht. Die Art und Weise wie diese sich schuldig machen und über Schuld im Allgemeinen sprechen, spielt für den Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle. Ebenfalls lassen sich große Unterschiede in der moralischen Grundeinstellung einzelner Personen feststellen. Gefolgt wird dies von einer näheren Betrachtung der Tat und Woyzecks Schuld, sowie seiner Schuldfähigkeit, die es in Anbetracht seiner äußerlichen Umstände zu diskutieren gilt. Um am Schluss eine Analogie der Schuld in beiden Werken zu erreichen, werden die Motive, sowie die Schuld in Judith, die in enger Verbindung miteinander stehen, ebenfalls untersucht. Die Analyse endet mit einem finalen Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Schuld in beiden Werken. So wird zum einen gezeigt, wie das anthropologische Konzept der Schuld in der Literatur genutzt wird, um die Sympathie des Lesers zu steuern, auf der anderen Seite aber auch die Möglichkeit, zwei ähnliche Taten im grundverschiedenen Stil darzustellen.

2. Georg Büchners Woyzeck

2.1 Hintergründe zur Schuldfrage

Georg Büchners Woyzeck lässt sich in die Gattung Drama oder auch Tragödie einordnen. Das Stück wird in dem Buch Geschlossene und offene Form des Dramas[1] von Volker Klotz als typisches Beispiel für ein offenes Drama angeführt. Die Handlung hat keinen roten Faden, jedoch werden die Hauptmotive in jeder der Szenen wieder aufgegriffen. Im Gegensatz zum geschlossenen Drama werden keine Standesgrenzen berücksichtigt, Gespräche zwischen Angehörigen höherer und niedriger Stände finden statt. Büchner bedient sich hier einer besonderen Art des Stilmittels um die Sympathie der Zuschauer zu lenken. Während Personen des geringen Standes einen Namen erhalten (Woyzeck, Marie, Andres) und hauptsächlich Umgangssprache verwenden, dienen die sozial höher gestellten nur als Stereotypen und werden mit ihrem beruflichen Rang (Doktor, Hauptmann, Tambourmajor) angesprochen. Ebenso benutzen sie überwiegend Standardsprache und viele Fachausdrücke. Dies führt ebenfalls dazu, dass die Charaktere mit Namen mehr Tiefe erhalten, was für die Schuldfrage sehr wichtig ist.

Das Stück ist ein Vertreter des Vormärz. Wichtige Motive des Vormärz sind die Kritik an der vorherrschenden Ständegesellschaft, aber auch Literatur nicht nur zur Unterhaltung zu gebrauchen, sondern durch sie auf Probleme hinzuweisen. Da sich die damalige Literatur an die breite Masse gerichtet hat, ist auch bei Woyzeck der Protagonist, ein armer Soldat, ein Mitglied des dritten Standes. Die so entstandene Diskrepanz zwischen der klassischen Tragödie mit ihrer Fallhöhe und diesem Werk ist ein wichtiger Bestandteil für die Untersuchung der moralischen Schuld.

Ein weiterer wichtiger Punkt zur Untersuchung der Schuldfrage hängt mit der Erzählstruktur Büchners zusammen. Durch diese ist es nicht möglich ein konkretes Motiv für die Tat Woyzecks herauszustellen, es werden 3 mögliche Motive angeboten: Eifersucht, geistige Verwirrung oder das Auflehnen gegen die gesellschaftlichen Umstände. Somit gilt es zu untersuchen, ob und wie Woyzeck und die anderen Figuren sich schuldig machen.

2.2 Moralische Schuld der einzelnen Figuren

2.2.1 Marie

Die Schuld der einzelnen Figuren spielt bei Woyzeck eine große Rolle. Viele der vorkommenden Charaktere machen sich entweder moralisch oder juristisch schuldig. Jedoch geht jeder der Figuren anders mit den begangenen Missetaten um. Die moralisch schwerwiegendste Tat ist der Mord an Marie der von Woyzeck ausgeführt wird, auf diesen wird aber später ausführlicher eingegangen. Als rein moralische Schuld scheint Marie am meisten belastet zu sein. Sie betrügt ihren Freund Woyzeck mit dem Tambourmajor. Aus dieser Liebschaft entsteht auch ein Kind, welches sie aber nicht mit dem Tambourmajor aufzieht, sondern Woyzeck sagt, er wäre der Vater. Diese Last bedrückt sie sehr, was sich auf Seite 15[2] zeigt. Sie fragt Woyzeck: „Bin ich ein Mensch?“, was ihre innere Abneigung gegen ihre Taten deutlich macht. Am Ende der 4. Szene geht sie sogar noch weiter und sagt zu sich selbst: „Ich bin doch ein schlecht Mensch. Ich könnt mich erstechen.“ (vgl. S.15 Z.10f). Dies drückt den Selbsthass, den sie sich gegenüber empfindet, aus. Ebenfalls dient dieser Ausspruch zusätzlich noch als Vorausdeutung für ihr tatsächliches Schicksal. An einer weiteren Stelle zeigt sich erneut ihre Reue. Sie liest in der Bibel eine Geschichte über eine Ehebrecherin, der von Jesus vergeben wird, die aber in Zukunft nicht mehr sündigen soll. Marie wird von ihrem schlechten Gewissen getroffen und kann nicht weiter lesen. Dies zeigt sich besonders, als sich ihr uneheliches Kind an sie drückt woraufhin sie „Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz. Fort!“ (vgl. S.30 Z.22f) sagt.

Anstatt jedoch für ihre Schuld Verantwortung zu zeigen und die Wahrheit zu sagen, betrügt sie ihren Freund weiter und lügt ihn an, trifft sich mit dem Tambourmajor, nimmt Geschenke von diesem an und tanzt in der Öffentlichkeit mit ihm. Dieses Verhalten lässt einige Schlüsse über ihren Charakter zu. Sie scheint eine grundsätzlich rechtschaffende Frau zu sein, die aber in einer sozial so unzufriedenstellenden Lage ist, dass sie ihre moralischen Bedenken ignoriert und sich dazu entschließt weiter Schuld auf sich zu laden. Diese Last und ihr Gewissen scheinen ihr im Vergleich weniger wichtig zu sein, als der Gewinn, den sie in ihren Augen im Austausch erhält.

2.2.2 Der Tambourmajor

Im Gegensatz zu Marie, die aufgrund ihres Betruges wenigstens zeitweise zu leiden scheint, erkennt der Tambourmajor offensichtlich keine Fehler in seinem Handeln. Im Gegenteil, er versucht nicht, seine Taten zu verheimlichen. Als er von dem Unteroffizier auf Marie angesprochen wird, sagt er: „Teufel zum Fortpflanzen von Kürrasierregimenten und zur Zucht von Tambourmajors.“ (vgl. S.12 Z.35f). Diese Aussage zeigt, dass er keinerlei Gewissensbisse hat, da er sich auch weiterhin mit Marie trifft und ihr sogar Ohrringe schenkt. Ihr Verhältnis miteinander scheint weitreichend bekannt zu sein, was dafür sorgt, dass Woyzeck verspottet wird und das Gewissen des Tambourmajors ebenfalls unberührt lässt. Im Gegenteil, er betrinkt sich in einem Wirtshaus und bei einer anschließenden Schlägerei, bei der er eindeutig gegen Woyzeck gewinnt, sagt er zu ihm: „Soll ich dir noch so viel Atem lassen wie ein Altweiberfurz, soll ich?“ (vgl. S.29 Z.15f). Dies führt dazu, dass Woyzeck zu der psychischen Demütigung, nun auch noch physisch von dem Tambourmajor vorgeführt wird. Er trinkt gerne und viel, wie sich in Szene 15 zeigt: „(…)der Mann muss saufen, ich wollt die Welt wäre Schnaps, Schnaps“ (vgl. S.29 Z.9f). Somit scheint der Tambourmajor ein Mensch mit einem durchweg schlechten Charakter zu sein. Er ist moralisch mit sehr viel Schuld belastet, ihm scheint es aber völlig egal zu sein. Die Stereotypen die man oft mit einem Soldaten verbindet werden alle von ihm verkörpert und gelebt.

2.2.3 Der Doktor

Die nächste mit moralischer Schuld beladene Figur ist der Doktor. Er führt ein Experiment mit Woyzeck durch, bei dem er ihm eine strikte Erbsendiät verschreibt. Im Gegenzug bekommt Woyzeck Geld, welches er seiner Freundin gibt. Der Doktor nutzt somit die finanzielle Notlage und Gutgläubigkeit seines Patienten schamlos aus, um billig und einfach ein Versuchsobjekt für seine Experimente zu bekommen. Obwohl er bemerkt, dass die Erbsendiät Woyzeck körperlich schwer zusetzt, beendet der Arzt sie nicht, sondern verspricht mehr Geld um die Dauer des Experimentes zu verlängern. Zusätzlich zu seinen menschenverachtenden Experimenten, verwendet der Doktor auch eine respektlose Art und Weise mit seinen Mitmenschen umzugehen. Er behandelt sie von oben herab und hält sich für etwas Besseres. Dies zeigt sich in Szene 9, als er dem Hauptmann offensichtlich Angst macht und ihn durch den Satz „Was ist das Herr Hauptmann? das ist Hohlkopf“ (vgl. S.21 Z.33f) sogar beleidigt. Ebenfalls kann man dieses Verhaltensmuster Woyzeck gegenüber feststellen, er verhöhnt ihn und in der 10. Szene führt er ihn wie einen dressierten Affen vor. Mit dem Ausspruch „A propos, Woyzeck, beweg den Herren doch einmal die Ohren“ (vgl. S.25 Z.4f) zeigt der Doktor, dass Woyzeck nur eine Spielfigur für ihn ist, die ihm solange nutzt, wie sie tut, was er sagt. Als Woyzeck das Wackeln mit den Ohren verweigert, wird der Doktor sauer und zögert nicht ihn vor allen Leuten zu bedrohen und zu beleidigen.

Sich selber hält der Doktor anscheinend für rechtschaffen. Er sieht seinen Umgang mit Menschen nicht als zweifelhaft an, da dieser ihn auf schnellste Weise zu scheinbar wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Auf der anderen Seite bezeichnet er Woyzecks Verhalten in der 8. Szene als schlecht, als dieser in der Öffentlichkeit uriniert. Er sagt: „Woyzeck das ist schlecht, die Welt wird schlecht, sehr schlecht.“ (vgl. S.19 Z.8f). Dass er diese kleine soziale Verfehlung als schlimmer beurteilt, als sein eigenes Handeln, lässt auf einen grundsätzlich schlechten Charakter des Doktors schließen. Die Aussage „die Welt wird schlecht, sehr schlecht“ bestätigt er mit seinem eigenen Verhalten und durch seine ignorante Denkweise, bemerkt er dies nicht. Wenn seine verordnete Erbsendiät tatsächlich zu Woyzecks geistiger Verwirrung führt, der Arzt sie trotz dieses Wissens dennoch nicht beendet, kann ihm durchaus eine Teilschuld an dem Mord an Marie zugewiesen werden.[3] Der Doktor verkörpert somit den Stereotyp eines hochnäsigen Arztes, der der Meinung ist, unter dem Deckmantel der Wissenschaft könnte er sich alles erlauben. Deshalb scheint er auch kein schlechtes Gewissen zu haben, da er sich keinerlei Schuld bewusst ist.

2.2.4 Der Hauptmann

Der Charakter mit der vergleichsweise geringsten moralischen Schuld, ist der Hauptmann. Seine moralische Schuld ergibt sich nur durch seinen Umgang mit Woyzeck. So verhöhnt er ihn in einem Gespräch „O er ist dumm, ganz abscheulich dumm.“ (vgl. S.16 Z.14) und beleidigt ihn. In einem späteren Gespräch, bei dem auch der Doktor anwesend ist, verspottet der Hauptmann Woyzeck erneut und gibt ihm mit der Bemerkung „Wie is Woyzeck hat er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden? He er versteht mich doch, ein Haar von einem Menschen, vom Bart eines Sapeur, eines Unterofficier, eines – eines Tambourmajor? He Woyzeck? Aber Er hat eine brave Frau. Geht ihm nicht wie anderen.“ (vgl. S.22 Z.17f) den entscheidenden Hinweis, der Woyzeck dazu verleitet misstrauisch gegenüber Marie zu werden. Der Unterschied zwischen dem Hauptmann und den anderen Figuren besteht in seinem Umgang mit den Dingen. Er ist sehr melancholisch und sentimental, wie er selber an einigen Stellen sagt, aber er hält sich selber vor allem für einen guten Menschen. Dies sagt er ausdrücklich in Szene 5: „ich sag‘ mir immer du bist ein tugendhafter Mensch, (gerührt) ein guter Mensch, ein guter Mensch.“ (vgl. S.17 Z.6f). Wie sich in Szene 9 zeigt „Ich sehe schon die Leute mit den Zitronen in den Händen, aber sie werden sagen, er war ein guter Mensch, ein guter Mensch“ (vgl. S.21 Z.30f) ist er auch der Überzeugung, dass er sich nicht nur selbst für einen guten Menschen hält, sondern auch, dass die anderen Leute ihn so wahrnehmen. Somit kann man den Charakter des Hauptmanns nur schwer einschätzen. Er selbst hält sich für schuldlos, aber auf der anderen Seite, widerspricht er dieser These bei seinem Umgang mit anderen Leuten eindeutig.

[...]


[1] Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama . Hanser, München 1960, 14. Aufl. 1999.

[2] Büchner, Georg: Woyzeck.Reclam XL Hrsg: Heike Wirthwein, Stuttgart 2013. Im Folgenden werden Zitate mit Seitenangaben versehen

[3] Schede, Hans Georg: Lektüreschlüssel zu Georg Büchner: Woyzeck. Reclam, Stuttgart 2006. S.65

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Schuld in "Woyzeck" von Georg Büchner und "Judith" von Friedrich Hebbel
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Hauptseminar "Verbrecher Dramen"
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V377786
ISBN (eBook)
9783668561410
ISBN (Buch)
9783668561427
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Büchner, Woyzeck, Hebbel, Judith, Germanistik, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Karsten Klein (Autor), 2017, Die Schuld in "Woyzeck" von Georg Büchner und "Judith" von Friedrich Hebbel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377786

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