Zurzeit finden im ZDF-Sendezentrum die 36. Mainzer Tage der Fernsehkritik statt. Das Thema in diesem Jahr fällt eher wirtschaftlich als inhaltlich aus: „Die Krise am Medienmarkt.“ Dieses Forum ist seit 32 Jahren ein Treffpunkt für Fernsehmacher, Produzenten, Redakteure, Medienpolitiker und Medienwissenschaftler. Das Thema Krise wurde bereits in den achtziger Jahren mit Fernsehkritik in Verbindung gebracht, da es erstaunlich oft in der Fachliteratur auftaucht. Dabei geht es vor allem um das Selbstverständnis der Fernsehkritiker, um die Erreichbarkeit der an ihr Schaffen gestellten Anforderungen. Zeigt sich diese Krise heute mehr in Form von wirtschaftlichen Konsequenzen, dem Zusammenbruch ganzer Medienkonzerne? Die Seite der Medienmacher und Medienbeobachter ist also zu einer Art Krisenstab zusammengekommen. Wie sieht es auf der Seite der Rundfunkkonsumenten aus? In einer immer komplexer werdenden TV-Landschaft, in der stets nicht nur neue Kanäle, sondern auch neue Sendungskonzepte die Eroberung des lukrativen Medienmarktes anstreben, scheint der Konsument wie ein Käufer vor einem riesigen, unübersichtlichen Warenregal. Er hat weder Qualitätssiegel, noch einen Preis-Leistungsvergleich zur Hand, um seine Wahl zu treffen. Wählt er überhaupt aus? Wenn ja, nach welchen Kriterien? Auf komplett verlorenem Posten scheint der TV-Konsument dann doch nicht zu stehen. Eine Art öffentlicher Meinungsaustausch oder Beurteilung hilft ihm bei der Orientierung. Er weiß beispielsweise, auf welchen Kanälen er eher Unterhaltungssendungen findet. Vielleicht wählt er gerade diese eine Serie aus, die er vorher noch nie gesehen hat, da er über irgendeine Quelle eine positive Beurteilung gehört, gelesen oder gesehen hat. Um diese Quelle, um die Ursache für die Herausbildung dieses öffentlichen Diskurses über das Fernsehen, um Fernsehkritik soll es in dieser Arbeit gehen. In einem ersten Teil wird die Bedeutung von Fernsehkritik untersucht. Die Fragen, wo Fernsehkritik stattfindet, in welcher Form sie auftreten kann und wie sie sich geschichtlich entwickelt hat, sollen ebenso als Basis für die systemtheoretische Betrachtung im dritten Teil dieser Arbeit dienen, wie einige Punkte zur Rolle des Fernsehkritikers, seiner Tätigkeit, beruflichen Situation und nicht zuletzt seines Selbstbildes. Im dritten Teil wird versucht, Fernsehkritik systemtheoretisch zu betrachten. Dabei ist die alles überspannende Frage, ob Fernsehkritik als eine Form der Selbstreferenz betrachtet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
II FERNSEHKRITIK
II.1 Begriffsbestimmung
II.2 Geschichtlicher Abriss
II.2.1 Entstehung in der NS-Zeit
II.2.2 Neubeginn nach dem Krieg
II.2.3 Besinnung auf gesellschaftliche Funktion
II.2.4 Krise der Fernsehkritik
II.2.5 Fernsehkritik heute
II.3 Formen
II.3.1 Vom einzelnen Werk zum Gesamtprogramm
II.3.2 Nachkritik und Vorabkritik
II.3.3 Fernsehkritik als Gesellschaftskritik
II.4 Ziele und Funktion der Kritik
II.5 Fernsehkritik als Vermarktungsinstrument
II.6 Ort der Fernsehkritik
II.6.1 Programmzeitschriften
II.6.2 Regionale Tageszeitungen
II.6.3 Überregionale Tageszeitungen und Fachzeitschriften
II.6.4 Fernsehen
II.6.5 Online-Publikationen
III. DER FERNSEHKRITIKER
IV.1 Tätigkeit
IV. 2 Berufliche Situation
IV.3 Die Rolle des Fernsehkritikers
IV.3.1 Der Fernsehkritiker und die Fernsehanstalten
IV.3.2 Der Fernsehkritiker und die Fernsehzuschauer
IV.4 Das Selbstverständnis der Fernsehkritiker
V. FERNSEHKRITIK SYSTEMTHEORETISCH BETRACHTET
V.1 Begriffsbestimmung und Einordnung
V.2 Was ist Fernsehkritik?
V.3 Fernsehkritiker als Akteure im System des Journalismus
VI. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung, historische Entwicklung und systemtheoretische Einordnung der Fernsehkritik, mit der zentralen Forschungsfrage, ob diese als eine Form der Selbstreferenz des Mediensystems betrachtet werden kann.
- Historischer Abriss und gesellschaftliche Funktionen der Fernsehkritik
- Die professionelle Rolle und das Selbstverständnis von Fernsehkritikern
- Fernsehkritik als Vermarktungsinstrument und medieninterne Kritik
- Systemtheoretische Betrachtung von Fernsehkritik nach Niklas Luhmann
- Die Fernsehkritik als Instrument der Selbstbeobachtung des Journalismus
Auszug aus dem Buch
V.3 Fernsehkritiker als Akteure im System des Journalismus
Folgt man Luhmanns Systemtheorie, sind Fernsehkritiker lediglich auf der Ebene der biologischen oder psychischen Systeme zu betrachten. Denn soziale Systeme bestehen aus Kommunikationen und nicht aus Akteuren. Einen Grund, diese Akteure theoretisch auszuklammern, sieht Stefan Weber nicht. Akteure sind Komponenten des Journalismus. (Vgl. Weber 2000, S. 49) Über funktionale Differenzierung bilden sich im System spezifische Handlungsrollen aus. Diese Ausdifferenzierung wird nötig, um immer komplexer werdende, spezifische Aufgaben zu lösen. Der Prozess der Rollenbildung geht einher mit zunehmender Professionalisierung in sozialen Systemen.
„Die Ausdifferenzierung des Berufs zeigt sich auch darin, inwieweit die Inhaber der beruflichen Handlungsrollen ein spezifisches Selbstverständnis ihrer Rolle ausbilden.“ (Blöbaum 1994, S. 158)
Mit diesem Rollenverständnis haben es die Fernsehkritiker nicht leicht. Dennoch hat sich der Beruf als eine spezielle Tätigkeit, die spezifische Fähigkeiten voraussetzt, etabliert. Da die Fernsehkritik im System des Journalismus selbst inkorporiert ist und ein System im System beschreibt, wird die Kritikerrolle „zu einer Spezialisierung im System selbst.“ (Blöbaum 1994, S. 313 ff.) Fernsehkritik ist demnach zu verstehen als institutionalisierte Selbstbeobachtung, der Fernsehkritiker als Vertreter des abstrakt gewordenen Publikums. Der Fernsehkritiker hält nicht nur Eindrücke durch Sprache fest und hilft, den Blick zu orientieren. Er trägt auch auf einer anderen Ebene zur Orientierung bei, indem er definitorisch abgrenzt und Wertungsmaßstäbe setzt, macht er das System als solches kenntlich. Hinzu kommt die bereits erwähnte selbstreferentielle Funktion auf der Ebene der Akteure:
„Man kann sich die innerbetriebliche Geräuschlosigkeit nicht laut genug vorstellen, die oft völlige Abwesenheit kollegialer Kritik auf Sendungen – ein Zustand, der der Kritik von außen eigentlich immer zu viel aufbürdet.“ (Schneider 1988, S. 143)
Diese Bürde mag so hoch erscheinen, weil es kein anderes System geben kann, das diese Funktion so übernehmen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
I EINLEITUNG: Die Einleitung führt in das Thema der Fernsehkritik im Kontext der Krise des Medienmarktes ein und formuliert die systemtheoretische Fragestellung der Arbeit.
II FERNSEHKRITIK: Dieses Kapitel definiert Fernsehkritik, beleuchtet deren Geschichte von der NS-Zeit bis heute und analysiert verschiedene Formen, Ziele sowie Veröffentlichungsorte.
III. DER FERNSEHKRITIKER: Hier werden die Tätigkeit, die berufliche Situation und die spezifische Rolle des Fernsehkritikers zwischen Fernsehanstalten und Zuschauern sowie sein Selbstverständnis untersucht.
V. FERNSEHKRITIK SYSTEMTHEORETISCH BETRACHTET: Das Kapitel bietet eine theoretische Fundierung nach Niklas Luhmann, um die Fernsehkritik als Instrument der systeminternen Selbstbeobachtung des Journalismus zu verorten.
VI. ZUSAMMENFASSUNG: Die Zusammenfassung reflektiert die Ergebnisse der Arbeit vor dem Hintergrund der zunehmenden Kommerzialisierung und der Rolle der Fernsehkritik als Orientierungshilfe.
Schlüsselwörter
Fernsehkritik, Journalismus, Systemtheorie, Selbstreferenz, Medienkritik, Fernsehkritiker, Medienwirkung, Programmzeitschriften, Massenmedium, Kommunikation, Gesellschaftskritik, Systembeobachtung, Medienethik, Publizistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rolle, Geschichte und Funktionen der Fernsehkritik im Kontext der modernen Medienlandschaft und untersucht deren systemtheoretische Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Fernsehkritik, der Rolle des Fernsehkritikers, dem Einfluss ökonomischer Interessen und der theoretischen Einordnung als Mechanismus der Selbstbeobachtung innerhalb des Journalismus-Systems.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob Fernsehkritik als eine Form der Selbstreferenz innerhalb des Mediensystems betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Analyse unter Anwendung der systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann sowie auf die Auswertung existierender Fachliteratur und empirischer Studien zum Berufsbild der Fernsehkritiker.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung, die verschiedenen Formen der Kritik, den Ort ihrer Veröffentlichung, das berufliche Rollenverständnis der Kritiker sowie eine systemtheoretische Einordnung von Fernsehkritik als Teil des journalistischen Systems.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Systemtheorie, Selbstreferenz, Fernsehkritik, Journalismus, Medienkritik und die Funktion der Selbstbeobachtung.
Wie unterscheidet sich die Vorabkritik von der Nachkritik?
Während die Nachkritik Sendungen rückblickend beurteilt und als Diskussionsgrundlage dient, fungiert die Vorabkritik oft als Ankündigung und Auswahlhilfe für den Zuschauer vor der Ausstrahlung.
Warum wird Fernsehkritik in der Arbeit als "institutionalisierte Selbstbeobachtung" bezeichnet?
In Anlehnung an die Systemtheorie dient die Kritik dem journalistischen Teilsystem dazu, sich selbst zu reflektieren, Komplexität zu reduzieren und durch Feedback-Schleifen eine Orientierung innerhalb des eigenen Systems zu ermöglichen.
Welche Rolle spielt die Ökonomie für die Fernsehkritik laut der Autorin?
Die Autorin betont, dass ökonomische Aspekte und die Bindung an Quoten zunehmend den Diskurs beeinflussen, Fernsehkritik jedoch gerade dort notwendig bleibt, wo sich Produktionen nicht allein durch diese ökonomischen Kennzahlen rechtfertigen lassen.
- Quote paper
- Franziska Moschke (Author), 2003, Fernsehkritik als Form der Selbstreferenz? Aspekte zur Fernsehberichterstattung und zur Rolle der Fernsehkritiker, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37785