Rekonstruktion und Wiederaufbau. Zeitgeist oder Kulturgeschichte?


Seminararbeit, 2010
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rekonstruktion im 19. Jhd
2.1. Epoche
2.2. Kathedrale in Herford
2.3. Kathedrale in Metz
2.4. Burganlage Pierrefonds

3. Rekonstruktion Ende 19. Jh. und Anfang 20. Jh
3.1. Epoche
3.2. Das Heidelberger Schloss
3.3. Campanile de San Marco in Venedig und St. Michaelis in Hamburg

4. Rekonstruktion Anfang 20. Jh. bis
4.1. Epoche
4.2. St. Servatius in Quedlinburg

5. Rekonstruktion von 1945 bis
5.1. Epoche
5.2. Dom St. Stephanus & St. Sixtus zu Halberstadt
5.3. Altstadt von Warschau
5.4. Stadtensembles

6. Rekonstruktion seit
6.1. Epoche
6.2. Frauenkirche Dresden
6.3. Neumarktbebauung in Dresden

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

In früheren Jahrtausenden und Jahrhunderten pflegten unsere Vorfahren ihr auf religiösen, ideologischen und materiellen Ursprüngen beruhendes Erbe von Generation zu Generation zu übertragen. Unser Wissen über diese Vorgänge schöpfen wir aus den Kulturen des Fernen Ostens, aus Lateinamerika und dem Islam. Für Europa seien für diese Tradition die Zünfte mit ihren wandernden Gesellen genannt.

Die Sorge um das Fortbestehen des Erbes bestand in der laufenden Erhaltung eines Bauwerkes und die Zusicherung der Funktion durch regelmäßigen Austausch verbrauchter Elemente oder dem Wiederaufbau nach der Zerstörung durch Menschenhand oder die Natur. Nicht wissenschaftlich fundierte Studien sprechen von einem Wartungsintervall von 52 Jahren bei präkolumbischen Tempel- und Palastbauten in Latein- und Südamerika.

Bei Bauten asiatischer Völker wie zum Beispiel dem Shinto Heiligtum von Ise werden alle Schreine seit ihrer Entstehung im 7. Jahrhundert in einem Turnus von 20 Jahren neu errichtet, wobei von der handwerklichen Tradition nicht abgewichen werden darf.[1]

Für die Begriffe Rekonstruktion und Wiederaufbau bestehen in der aktuellen sprachlichen Artikulation unterschiedliche Definitionen und Auffassungen. Zum einen wird mit ihnen die gesamte politische Umgestaltung, d.h. die komplexe Erneuerung und Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen nach dem Zusammenschluss der beiden deutschen Nachkriegsstaaten in Verbindung gebracht, zum anderen existiert die geschichtliche Entwicklung im Bereich von Architektur und Denkmalpflege. Hier ist die Rekonstruktion von anderen denkmalpflegerischen Maßnahmen zu unterscheiden.

„Rekonstruktion meint im heutigen Sprachgebrauch die Teilwiederherstellung oder Gesamtwiederherstellung eines stark beeinträchtigten oder zerstörten Originales, wobei schon die Übersetzung Probleme aufwirft: Wiederaufbau müßte [müsste!] an sich vorhandene Materialsubstanz verwenden. Sonst spräche man besser von einem Nachbau“[2]

Wir wollen uns hier nicht mit Wortklauberei aufhalten. Einen reinen Wiederaufbau, ausgenommen von historischen Kleinoden, wird es nicht geben. Dies lehrt uns sowohl die Geschichte als auch die Praxis. Die vorhandene Materialsubstanz für einen Wiederaufbau ist zumeist unvollständig oder in einem nicht wiederverwendungsfähigen Zustand. Deshalb wird den Wiederaufbau, in einem mehr oder weniger umfangreichen Ausmaß, eine Rekonstruktion, eine Restaurierung, eine Konservierung oder ein teilweiser Neubau begleiten.

Die folgenden Fallbeispiele der vergangenen 250 Jahre sollen die geschichtliche Entwicklung der Rekonstruktion anhand ihrer zu Grunde liegenden Motivation aus dem gesellschaftlichen und politischen Kontext heraus erläutern, ein Verständnis für die aktuelle Debatte zur sogenannten Rekonstruktionswelle schaffen und Basis für die Teilnahme an dieser Kontroverse sein.

2. Rekonstruktion im 19. Jhd

2.1. Epoche

Das „lange 19. Jahrhundert“ beginnt mit der französischen Revolution 1789 und endet mit dem Beginn des 1. Weltkrieges 1914. Es ist geprägt durch die fortschreitende Industrialisierung und die Entwicklung von Nationalstaaten als politische Institution. Das Besitz- und Bildungsbürgertum beeinflusst grundlegend Wissenschaft, Kultur und Kunst. Der Adel und die Landbevölkerung verlieren an Bedeutung. Die Industrialisierung bewirkt die Entwicklung der Arbeiterbewegung, die Landflucht und den sozialen Wandel.

Stilgeschichtlich befinden wir uns im Historismus. Im Gegensatz zu den vorangegangenen kunsthistorischen Epochen ist für den Historismus der Stilpluralismus charakteristisch. Bahnhöfe, Fabriken, Mietshäuser und repräsentative Bauten des Bürgertums wurden, die verschiedensten Stilrichtungen imitierend, errichtet. An bestehenden Gebäuden, zumeist sakralen Bauten, erfolgte eine Purifizierung.

2.2. Kathedrale in Herford

Das ausgehende 18. Jahrhundert brachte mit dem Engländer James Wyatt einen Architekten hervor, der wie kein anderer die englische Neogotik propagierte und ausführte. Der gesellschaftliche Zeitgeist dieser Epoche verlangte nach stilistischer Reinheit, nach harmonischem und frischem Aussehen, nach reinen Materialien und geometrischer Klarheit. Seine „Verbesserungen“ an den Kathedralen von Herford, Salisbury und Durham sind dem Zeitgeist des Historismus folgend, als stilbereinigende „Korrekturen“ zu bezeichnen.

2.3. Kathedrale in Metz

Dombaumeister Paul Tornow gestaltete im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts die Kathedrale in Metz neogotisch um und ließ dabei das 1764 von Jacques François Blondel erbaute Portal abreisen. Ebenso wie James Wyatt in England sah auch Paul Tornow in Frankreich seine Aufgabe in der Purifizierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Kathedrale von Metz, links vor und rechts nach der neogotischen Umgestaltung

2.4. Burganlage Pierrefonds

Viollet-le-Duc zeigte in seinen Arbeitsabläufen schon erste Züge der heutigen Denkmalauffassung. Grundlage seiner Restaurierungen war die bauforscherische Auseinandersetzung mit dem Objekt, jedoch konnte auch er nicht den Verführungen eines idealisierten Neuentwurfes, der Vervollkommnung und des „korrekten“ Architekturentwurfes widerstehen.

„Ein Bauwerk zu restaurieren bedeutet nicht, es zu unterhalten, zu reparieren oder zu erneuern, sondern es in einen Zustand der Vollständigkeit zurück zu versetzen, der so möglicherweise zu keiner Zeit existiert hat.“[3]

Die Wiederherstellung der mittelalterlichen Burgruine von Pierrefonds im dritten Viertel des 19.Jahrhunderts zeigt eine perfekt restaurierte, teilweise neugebaute und rekonstruierte Burganlage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Burganlage Pierrefonds, links vor und rechts nach der Rekonstruktion

3. Rekonstruktion Ende 19. Jh. und Anfang 20. Jh.

3.1. Epoche

Die Industrialisierung ist auf dem Höhepunkt. 1871 wird durch den Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund das Deutsche Reich gegründet.

Die Arbeiterbevölkerung entwickelt sich zu einer gesellschaftlich bedeutenden Schicht. Das steigende Interesse aller Gesellschaftsschichten an denkmalpflegerischen Fragen bewirkt die Gründung von Vereinen wie dem „Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine“. Die aus ihm im Jahre 1898 hervorgegangene „Commission für Denkmalpflege“ brachte 1899 die Zeitschrift „Die Denkmalpflege“ heraus. Am 24./25. September 1900 fand in Dresden der erste „Tag für Denkmalpflege“ mit 92 Besuchern statt. 1909 waren es bereits 500 Besucher.[4]

Die moderne Denkmalpflegedoktrin entsteht! Dehio‘ bis in die heutige Zeit beschworene Aussage: „konservieren, nicht restaurieren“[5] wird Grundlage denkmalpflegerischen Denkens und Handelns. Die Forderung nach einem wissenschaftlichen Charakter der Denkmalpflege mit dem Ziel, Denkmäler in ihrem integeren, authentischen Zustand als historische Quellen für künftige Generationen und zeitgenössische sowie zukünftige Forscher zu erhalten, wird diskutiert. Nicht die Authentizität des Denkmals sondern die Authentizität seiner materiellen Substanz bestimmt seinen Wert!

Stilgeschichtlich sind wir in der Zeit des Historismus. Umgangssprachlich werden Bauten dieser Zeit auch als Gründerzeitarchitektur bezeichnet.

3.2. Das Heidelberger Schloss

Am 15. Oktober 1880 wurde der Kölner Dom nach über 600-jähriger Bauzeit fertiggestellt. Die Realisierung eines so monumentalen Bauwerkes war Wurzel der Arroganz zeitgenössischer Architekten die nun glaubten nicht nur gotisch, sondern auch in jedem anderen Architekturstil „korrekt“ entwerfen und bauen zu können.

Das Heidelberger Residenzschloss war, wie die Stadt Heidelberg, Ende des 17. Jahrhunderts von den französischen Truppen des Sonnenkönigs Ludwig XIV. weitgehend zerstört worden.[6]

Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 entstanden erste Wiederherstellungsbestrebungen. Motiviert wurden diese zum einen durch das erstarkende Nationalbewusstsein und zum anderen durch die „[…] kreative Intelligenz […]“[7] der Architekten.

Die Argumentation der Rekonstruktionsbefürworter um Kaiser Wilhelm II. und Carl Schäfer, die die „Neugestaltung zu einem Denkmal der wiedergewonnen Macht und Größe des Vaterlands zur Pflicht des gesamten deutschen Volkes“ machten: „weil es eine dem gesamten Deutschland in der Zeit seiner tiefsten Ohnmacht zugefügte Schmach war, dass der feindliche Übermut den kunstgeschmückten Fürstensitz frevelhaft zerstören durfte.“, appellierte an das Nationalbewusstsein des deutschen Volkes.[8]

Eine im Jahre 1891 einberufene Konferenz „[…] – stellte einstimmig einen in sieben Sätzen gegliederten Beschluß [Beschluss!] auf, dessen Quintessenz war: Abweisung jedes Gedanken an Wiederherstellung heute nicht mehrvorhandener Teile, allein Erhaltung des Bestehenden.“[9] 1894 verhandelte eine aus Architekten und Bildhauern bestehende zweite Kommission erneut über die Wiederherstellung des Friedrichsbaus. Nunmehr wurde die Restaurierung der Fassade beschlossen und Oberbaurat Carl Schäfer mit der Realisierung beauftragt, wobei er unter anderem den reichen Figurenschmuck durch Kopien ersetzte und die beiden oberen Geschosse neu entwickelte.

[...]


[1] Quelle: www.univie.ac.at/rel_jap/bauten/ise_izumo.htm. Stand 20.02.2010.

[2] Fischer, Manfred F.: Rekonstruktion – Ein geschichtlicher Rückblick, in: Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz (Hrsg.): Rekonstruktion in der Denkmalpflege. Überlegungen – Definitionen – Erfahrungsberichte. Bonn 1998. Seite 7.

[3] Viollet-le-Duc, Eugène Emmanuel: Dictionaire raisonné de I’architecture française, in: Schmidt, Leo: Einführung in die Denkmalpflege – Vorabdruck. Cottbus 2008. Seite 27.

[4] Vgl. Huse, Norbert: Restaurieren oder Konservieren, in: Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmalpflege. Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten. München 2006. Seite 93.

[5] Dehio, Georg: Denkmalschutz und Denkmalpflege im neunzehnten Jahrhundert, in: Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmalpflege. Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten. München 2006. Seite 145.

[6] Vgl. Schmidt, Leo: Einführung in die Denkmalpflege – Vorabdruck. Cottbus 2008. Seiten 34-35.

[7] Schmidt, Leo: Einführung in die Denkmalpflege – Vorabdruck. Cottbus 2008. Seite 36.

[8] Vgl. Falser, Michael: Denkmalpflege der deutschen Kaiserzeit um 1900: Das Heidelberger Schloss, ›Denkmalwuth‹ und die Kontroverse zwischen Georg Dehio und Alois Riegl, in: Falser, Michael: Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland. Dresden 2008. Seite 46.

[9] Dehio, Georg: Was wird aus dem Heidelberger Schloß werden?, in: Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmalpflege. Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten. München 2006. Seiten 108-109.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rekonstruktion und Wiederaufbau. Zeitgeist oder Kulturgeschichte?
Hochschule
Brandenburgische Technische Universität Cottbus  (Studiengang Bauen & Erhalten)
Veranstaltung
Seminar "Methodische Grundlagen"
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V377924
ISBN (eBook)
9783668553217
ISBN (Buch)
9783668553224
Dateigröße
1008 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Denkmalpflege, Rekonstruktion, Kulturgeschichte, Baugeschichte, Architektur, Stilkunde
Arbeit zitieren
Holger Wehner (Autor), 2010, Rekonstruktion und Wiederaufbau. Zeitgeist oder Kulturgeschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377924

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