Untersuchung von George P. Fletcher und Klaus Mertens Überlegungen zu Gott und Loyalität

Der Glaube an Gott als Objekt der Loyalität


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ein loyales Leben führen
2.1 Was Loyalität ausmacht - der Objektbegriffs nach Royce
2.2 Gute und schlechte Objekte von Loyalität

3. Loyalität im Christentum
3.1 Drei Dimensionen von Loyalität - das Historische Selbst bei Fletcher
3.2 Die Autonomie des loyales Kritikers - über die Möglichkeit des Widerspruchs nach Klaus Mertens

4. Zusammenfassung

Anhang

1. Einleitung

Der Kirche als Institution haftet der Ruf an, in den Strukturen verstaubt und verkrustet zu sein. Ebenso wie der Armee wird den Mitgliedern der Kirche ein Kadavergehorsam vorgeworfen und die Gemeinden sehen sich mit steten Kirchenaustritten konfrontiert. Dieser anhaltende Mitgliederschwund ist bereits seit Jahrzehnten zu beobachten.

Das Streben nach Individualität, Unabhängigkeit und der Drang zur Selbstverwirklichung scheinen in einem Konflikt mit Traditionen zu stehen. Auch Glaube im religiösen Sinn ist eine Tradition. Die Religion ist mit bestimmten Werten und Normierungen verbunden, die in einer sich immer schneller entwickelnden Gesellschaft eher Konservatismus repräsentieren, währenddessen die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie das Familienbild längst im Wandel sind. Die Wissenschaft stößt in immer neue Gebiete vor und erweitert die Vorstellungen von der Welt und das Wissen über die Beschaffenheit unserer Umgebung. Leider geht mit sozialer und naturwissenschaftlicher Erkenntnis oftmals auch die Meinung einher, dass man nun wirklich keinen Nutzen mehr aus der Religion und dem Glauben an Gott ziehen könne. Gott verkommt in dieser Argumentation zu einem Fabelwesen, einem geisterhaften Hirngespinst, das uns der Autonomie berauben würde. Aus den vermeintlichen Fängen dieses deterministischen Gottes will man sich befreien. Dabei geht ein wesentlicher Inhalt von Glaube verloren. Die Werte, die wir vertreten, sind maßgeblich von der Bibel und dem Christentum beeinflusst. Durch die Auseinandersetzung mit der Schrift gelangten die Menschen zu Antworten auf moralische Fragen. Gott als Fabelwesen darzustellen zeigt eigentlich nur eine Zunahme von Unwissenheit über die Quellen unserer Werte an. Auf der anderen Seite muss die Kirche auch in der Lage sein, sich zu wandeln und zu erneuern. Es kann nicht fruchtbar sein, die Bibel aus dem Kontext einer Historisierung herauszunehmen und sowohl die Metasprache, als auch den veränderten Kontext zu ignorieren. Fundamentalisten dürfen nicht zum öffentlichen Bild des Glaubens werden. Interessanterweise geraten allerdings sowohl gläubige als auch nichtgläubige Menschen in der heutigen Zeit in moralische Konflikte, deren Auflösung im zunehmenden Maße unmöglich scheint. Royce fasst es in einem Satz sehr gut zusammen, wenn er schreibt: „Our age (…) has doubts about what is really the best plan of human life.“1 Alle moralischen Führer, Reformer und Propheten, so sagt Royce, versetzen uns in einen Zustand der Verwirrung und Verunsicherung, da sie uns in einem nicht aufgelösten Zweifel über persönliche moralische Entscheidungen belassen. Lösungsorientierte Auseinandersetzung mit moralischen Fragen findet laut Royce viel zu selten statt. Es bleibt zu oft bei theoretischen Erörterungen, die ins Leere verlaufen müssen, wenn sie keine lebensbezogenen Antworten liefern. Es fehlt ein unverfälschter moralischer Standard, der für Royce die Loyalität ist. Sie ist der Kern der Moral, allerdings bedarf es geeigneter Objekte, um eine Loyalitätsbeziehung als moralisch gut zu bewerten. Ob die Religion, der Glaube an Gott, die Liebe zu Gott ein geeignetes Objekt für Loyalität darstellen kann, versuche ich ansatzweise zu bestimmen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich keine tiefgehende theologische Analyse der Bibeltextstellen durchführen kann. Aus diesem Grund setze ich mich gezielt mit George P. Fletcher auseinander, der die Loyalität zu Gott zu erläutern versucht. Ergänzend möchte ich die Möglichkeit einer „loyalen Kritik“ bei Klaus Mertens in die Auseinandersetzung mit meiner Fragestellung einbeziehen. Warum ich Gott als Objekt von Loyalität betrachte, werde ich am Ende der Arbeit darlegen.

2. Ein loyales Leben führen

2.1 Was Loyalität ausmacht - die Betrachtung des Objektbegriffs nach Royce

Ein Mensch verhält sich nach Royce loyal, wenn er sich gegenüber dem Gegenstand, zu welchem er Loyalität beteuert, entsprechend verhält. Ein Gegenstand ist hier im Sinne von Objekt gemeint, ein Objekt, welches sowohl lebendig sein kann, also materiell oder eben nicht materiell, wie zum Beispiel ein Staat. Die willentliche und vollkommene Hingabe zu diesem Gegenstand ist eine weitere Voraussetzung für Loyalität. Sie ist für Royce unübersehbar ein Bestandteil der Gefühlswelt, was durch die Verwendung des Begriffs „devote“2 verdeutlicht wird. Gleichsam ist Loyalität mit Autonomie verbunden. Eine dritte Voraussetzung für Loyalität besteht für Royce darin, dass das Subjekt auch im Sinne des Gegenstandes handelt, und zwar in einem praktischen Sinn und mit nachhaltiger Beständigkeit. Die tatsächliche Aktivität, das Leben im Sinne des Gegenstandes zu dem man loyal ist, scheint für Royce eine besondere Rolle zu spielen. Schon zu Beginn seines Textes kritisiert er den Verbleib in der Theorie, wenn es um moralische Fragen geht und stellt die damit einhergehende Gefahr der Verwirrtheit und mangelnde Entscheidungsfähigkeit der Menschen heraus. Loyalität muss gelebt werden und der Gegenstand, zu dem man loyal ist, darf auch nicht im Sinn eines „Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiels“ nach Belieben gegen einen anderen ausgetauscht werden. Somit schließt er Impulsivität von der Loyalität aus. Das scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein, da Loyalität auch mit Gefühlen verbunden ist. Durch Ausschluss von Impulsivität betont er allerdings einen Verstandesaspekt bei der Wahl der Objekte/Gegenstände von Loyalität. Damit sind rein affektive Gefühle nicht in der Lage, Loyalität zu konstituieren.

Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Loyalität einer Selbstkontrolle bedarf. Bei der Hingabe zu einem selbstgewählten Gegenstand müssen in der Endkonsequenz natürliche Bedürfnisse oder auch Begierden zurückgestellt werden. Royce unterstreicht das mit dem Beispiel des Soldaten, der sich aus Loyalität dem Selbsterhaltungstrieb widersetzt, da er bereit ist, sein Leben für das Land zu opfern.3 Das Objekt, zu dem man loyal ist, muss geliebt werden. Es scheint unmöglich zu sein, dass man sich einer Sache vollkommen hingibt, wenn man sie nicht liebt. Das Objekt muss einen persönlichen Wert besitzen4, damit eine gefühlsmäßige Hingabe denkbar ist, bei der man sogar seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt, was im Fall des Soldaten auch bedeutet, die Loyalität zum Land über das eigene Leben zu stellen. Doch auch wenn der persönliche Wert eine große Rolle spielt, so ist Loyalität laut Royce doch gerade von privaten Begierden und Interessen abgegrenzt. „For if you are loyal, your cause is viewed by you as something outside of you.“5 Der Wert des Objektes geht über das eigene Leben hinaus. Wenn ich zu einem Objekt loyal bin, dann bin ich davon überzeugt, dass dessen Wert eine gewisse ewige Beständigkeit besitzt. Somit ist es zugleich eine sehr persönliche Loyalitätsbeziehung zu einem Objekt, als auch eine - über das rein subjektive hinausgehende - Hingabe an etwas, das man selbst bedeutsamer einschätzt als das eigene Leben6. Deshalb sind Menschen bereit, für ihre Überzeugungen zu sterben. Royce schlussfolgert daraus, dass ein Objekt von Loyalität auch andere Menschen tangiert, also eine soziale Komponente enthält7. Sowohl der persönliche Wert, als auch der impersonale, soziale Wert eines Objekts, lassen laut Royce die Deutung zu, dass das Objekt selbst eine gewisse Form von Abstraktheit im Sinne von Allgemeinheit besitzt, dabei allerdings an einem konkreten Gegenstand verdeutlicht wird. Als Beispiel hierfür beschreibt Royce das Gefühl von Liebe. Der loyale Liebende ist vordergründig der Liebe gegenüber loyal, die ihn mit einem anderen Menschen verbindet. Hier zeigt sich der soziale Aspekt von Loyalität an einer konkreten Beziehung. Die Liebe ist sein Objekt von Loyalität. Der andere Mensch, der geliebt wird, ist in diesem Fall der konkrete Gegenstand, durch den die Loyalität ausgedrückt, demonstriert und gelebt werden kann. Dabei wird deutlich, dass es einen generellen Wert des Objektes gibt. Ein loyales Leben zu führen bedeutet auch, dass man frei von Unzufriedenheit lebt. Loyalität verleiht unter diesen Gegebenheiten eine Art von Stabilität und Zentriertheit.

2.2 Gute und schlechte Objekte von Loyalität

„What does a man gain by being loyal?“8 Diese Ausgangsfrage dient Royce als Hinführung zu allgemeinen Erkenntnissen über gute und schlechte Gründe für Loyalität. Um diese erste Frage zu beantworten, versucht Royce das zu definieren, was er als eines der härtesten Probleme unseres Lebens bezeichnet.

„ What do we live for? What is our duty? What is the true ideal of life? “ 9

Wir werden geboren und bekommen zuallererst durch die Autoritäten in unserem Umfeld eine Vorstellung davon, was ein Ideal sein sollte. Autoritäten sind beispielsweise unsere Eltern, Lehrer, Spielgefährten, aber auch Kirchen oder andere Institutionen. Die moralischen Richtlinien, die uns auf diese Weise anerzogen werden, stehen, so Royce, außerhalb unseres eigenen Willens. Denn ein Mensch muss sich seiner Autonomie erst bewusst werden. Erziehung nehmen wir als Indoktrination wahr, die uns den Eindruck vermittelt, dass Moral und Gesetzmäßigkeiten unserem eigenen Willen entgegengesetzt sind. Zwar vermitteln die Autoritätsinstanzen Aspekte von „richtigem“ und „gutem“ Handeln, doch kann letztendlich nur ein behutsamer Blick auf das, was ich selber möchte eine Antwort auf moralische Fragen geben, da ich sonst nicht der Lage bin, mich einem Gegenstand gegenüber aus Überzeugung loyal zu verhalten. Royce fordert somit den Einzelnen zu einer aktiven Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Wünschen auf. Das Autonomieprinzip ist an Kant angelehnt, der, wie Royce betont, bereits darauf verwies, dass es zur Aufgabe des moralisch Handelnden gehört, sich die eigenen moralischen Grundsätze im Sinne der Vernunft zu erwerben.

Neben dem Autonomieprinzip erklärt Royce ein weiteres für unabdingbar bei der Suche nach geeigneten Objekten für Loyalität.

„ The principle is, that I can never find out what my own will is by

merely brooding over my natural desires, or by following my momentary caprices. “ 10

Für Royce stellt sich der Mensch als ein Wesen dar, das eine Art Pool aus allen Vorerfahrungen und -prägungen der Vorfahren in sich trägt. Der Mensch ist somit eine Ansammlung von Impulsen. Die „natural desires“11 sind so instinktiv und ursprünglich, dass sie das Menschsein an sich konstituieren. Zu ihnen zählen Hunger, Gehen, Sprechen, Sehen, Hören, Kämpfen oder auch Liebe.12 Diese Begierden zu befriedigen ist rein intuitiv. Es ist normal, dass man etwas essen möchte, wenn man Hunger hat, oder Wasser möchte, wenn man durstig ist. „Natural desires“ sind schon per Definition nicht konstant und auch nicht frei wählbar. Dadurch eignen sie sich nicht dazu, ein Objekt für Loyalität zu sein. Mit meinen natürlichen Begierden alleingelassen, kann ich somit nicht herausfinden, was mein tatsächlicher Wille ist (im Hinblick auf moralische Fragen).

Der Mensch befindet sich laut Royce also in einem paradoxen Zustand. Zum einen können die außerhalb von mir stehenden Autoritäten mir nicht vorgeben, was ich als meine persönliche Aufgabe ansehe. Sie können mir den Lebensplan nicht vorgeben. Andererseits kann ich aus mir selbst heraus keinen Lebensplan entwickeln, da sich die natürlichen Begierden nicht als Objekte für Loyalität eignen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es einer Einflussnahme von Außen bedarf. Der Zugang zum eigenen Lebensplan, und damit der Ausweg aus dem Paradoxon, gelingt dem Individuum durch „social training“13.

[...]


1 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, New York: The Macmillan Company 1914, S. 8

2 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 17

3 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 17

4 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 18

5 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., f.f.

6 Royce spricht davon, dass der Einzelne immer eine „impersonal and superpersonal quality“ in Bezug auf das Objekt der eigenen Loyaltät besitzt.

7 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 20

8 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 23

9 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 24

10 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 27

11 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 28

12 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., f.f.

13 Royce, Josiah: The Philosophy of Loyalty, a.a. O., S. 33

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Untersuchung von George P. Fletcher und Klaus Mertens Überlegungen zu Gott und Loyalität
Untertitel
Der Glaube an Gott als Objekt der Loyalität
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophie)
Veranstaltung
Aufbaumodul: Praktische Philosophie Systematik
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V378017
ISBN (eBook)
9783668552326
ISBN (Buch)
9783668552333
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Royce, Flechter, Mertens, Gott, Religion, Glaube, Loyalität
Arbeit zitieren
Jennifer Braune (Autor), 2016, Untersuchung von George P. Fletcher und Klaus Mertens Überlegungen zu Gott und Loyalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378017

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