Globaler und lokaler Islam. Eine Analyse der Debatte zum Verbot des muslimischen Kopftuches in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

21 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kopftuch als Symbol

3. Die Kopftuchdebatte in Deutschland – Überblick und Hintergründe

4. Theoretischer Rahmen

5. Definition der Frames in der Kopftuchdebatte

6. Auswahl der Analysematerialien und des Analysezeitraums

7. Analyse der Kopftuchdebatte in Deutschland
7.1 Analyse der Kopftuchdebatte in der Tagesschau
7.2 Analyse der Kopftuchdebatte in Spiegel Online

8. Auswertung der Analyseergebnisse zur Kopftuchdebatte

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Kopftuch war in den letzten Jahren immer wieder Thema öffentlicher und politischer Debatten. Gerade in Deutschland, mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil von mehr als 4 Millionen Menschen, wird das Thema immer wieder kontrovers diskutiert. Auch wenn bei Weitem nicht alle in Deutschland lebenden Musliminnen das Kopftuch tragen, ist es dennoch im täglichen Leben allseits präsent.

Besonders die Frage des Kopftuchs im öffentlichen Dienst war jedoch schon mehrfach im Zentrum der öffentlichen Diskussion. Zentral war hierbei die Frage, ob eine Lehrerin im Schuldienst Kopftuch tragen darf. Hierzu haben viele Bundesländer Gesetze verabschiedet, die jedoch von Gerichten auch teilweise wieder zurückgenommen wurden. Gerade mit steigenden Flüchtlingszahlen und dem Aufkommen rechtspopulistischer Parteien hat die Debatte in den letzten Jahren wieder an Fahrt aufgenommen. So titelt die AFD beispielsweise auf einem ihrer Wahlplakate zur Bundestagswahl 2017 „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Auch ein Burka-Verbot wird immer wieder ins Gespräch gebracht.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Kopftuchdebatte in Deutschland zu analysieren und herauszuarbeiten, wie das Kopftuch in der öffentlichen Debatte verstanden wird. Hierfür wird zunächst die Symbolkraft des Kopftuches beschrieben. Anschließend wird die Entwicklung der Kopftuchdebatte in Deutschland, die bereits seit fast 20 Jahren andauert, beleuchtet. Im Anschluss werden der Analysezeitraum und die Analysematerialien ausgewählt. Aufgrund der begrenzten Länge dieser Arbeit konzentriere ich mich hierbei auf die aktuelle Diskussion, die sich unter dem Einfluss der Flüchtlingskrise seit 2015 entwickelt hat. Im empirischen Teil der Arbeit werden anschließend Parteipositionen und die Darstellung des Themas in den Medien untersucht. Im anschließenden Vergleich der Positionen werden die Argumente den verschiedenen politischen Positionen zugeordnet.

2. Das Kopftuch als Symbol

Das Kopftuch hat Symbolkraft in verschiedenen Bereichen. Generell können drei verschiedene Arten erkannt werden, wie das Kopftuch als Symbol fungieren kann: als religiöses, als politisches und als feministisches Symbol.

Die wohl offensichtlichste Begründung für das Tragen des Kopftuchs ist die Religion. Diese ist allerdings unter Muslimen und Musliminnen nicht unumstritten. So trugen 2009 nur 28% der in Deutschland lebenden Musliminnen ein Kopftuch (Haug et al. 2009: 193). Dennoch ist der Grad der Gläubigkeit signifikant für das Tragen eines Kopftuches. Frauen, die sich als „nicht gläubig“ bezeichnen, tragen kein Kopftuch. Dagegen tragen 50% der stark gläubigen Musliminnen immer, meistens oder manchmal ein Kopftuch (Haug et al. 2009: 200-201). Das Gebot, ein Kopftuch zu tragen, wird im Islam aus drei Textpassagen im Koran abgeleitet. Zum einen besagen diese, dass muslimische Frauen sich nicht sexuell aufreizend gegenüber den Männern zeigen sollen. Ein zweiter Vers besagt, dass die Frauen nur durch einen hijab mit fremden Männern sprechen sollten, damit sie „rein“ bleiben. Der hijab ist heute der gängige Begriff für das Kopftuch unter Muslimen. Eine weitere Passage besagt, dass die Frauen sich das Gewand herunterziehen sollen, um vor Belästigung geschützt zu sein.

Obwohl keine dieser drei Passagen die Kopfverschleierung explizit vorschreibt, wurde sie unter vielen Islamgelehrten als Vorschrift interpretiert und ausgelegt und wird bis heute auch von vielen gläubigen Muslimen und Musliminnen so verstanden (Wielandt 2017: 1-5). Als derartig religiöses Symbol ist das Kopftuch im Sinne der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, die im Grundgesetz festgelegt wird, demnach ausdrücklich geschützt. In einer im Jahr 2006 von der Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführten Studie gaben 97% der befragten kopftuchtragenden Muslimin an, dass es die religiöse Pflicht jeder Muslimin sei, sich zu bedecken (Jessen et al. 2006: 24). Dies deckt sich mit den Ergebnissen der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, bei der ebenfalls mehr als 90% religiöse Motive für das Tragen des Kopftuches angegeben werden (Haug et al. 2009: 205). Es kann also konstatiert werden, dass die Mehrheit der Musliminnen – zumindest in Deutschland – das Kopftuch aus religiöser Überzeugung trägt.

Im Gegensatz zu der eigenen Einschätzung der Musliminnen wird das Kopftuch in der öffentlichen Debatte häufig als politisches Symbol wahrgenommen. In dieser Sichtweise wird das Kopftuch als Zeichen des patriarchalischen Gesellschaftsbildes im Islam angesehen. In dieser Argumentation der Gegner des Kopftuches wird dieses daher oft als Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Deutschlands wahrgenommen. Gerade im Hinblick auf die steigende Zahl terroristischer Übergriffe wird das Kopftuch als äußerlich wahrnehmbares Zeichen des Islams daher häufig abgelehnt. Einige Gegner argumentieren sogar, es solle ein generelles Kopftuch- und Verschleierungsverbot in der Öffentlichkeit durchgesetzt werden. Wie Jessen et al. (2006: 11) ausführen, wird die Bedeckung des Kopfes durch ein Tuch insbesondere deswegen als politisches Symbol wahrgenommen, da Verschleierung sich vor allem in Gesellschaften finden, die den Frauen eine Gleichberechtigung vorenthalten. Daher wird es als Symbol der Unterdrückung der Frauen verstanden, was mit dem westlichen Werteverständnis von Demokratie und Gleichberechtigung unvereinbar ist.

Ganz anders wird das Kopftuch wiederum von muslimischen Feministinnen verstanden. Für sie stellt es ein Symbol des Protestes und der Selbstbestimmung dar. Sie argumentieren, dass sie mit der Bedeckung dem Zwang entgehen, durch teure Kosmetika, Schmuck oder Kleidung in der Gesellschaft mithalten zu müssen. So würden diese Frauen, so die Argumentation, nicht vorrangig durch ihre Weiblichkeit, sondern durch ihre Persönlichkeit wahrgenommen – ein auch in der westlichen Welt erstrebenswertes Ideal (Jessen et al. 2006: 10). Diese Sichtweise wird auch von den kopftuchtragenden Musliminnen in Deutschland bestätigt. So gaben 43% der Befragten in einer Studie an, das Kopftuch gebe ihnen Sicherheit (Haug et al. 2009: 205).

Generell kann festgestellt werden, dass das Kopftuch Symbolkraft für die verschiedensten Bereiche hat. Je nach Sichtweise kann es so als persönliches Symbol für Religiosität oder als politisches Symbol für eine patriarchalische Gesellschaft verstanden werden. Besonders interessant ist hierbei, dass das Verständnis von kopftuchtragenden Musliminnen und öffentlicher Debatte teilweise gegensätzlich ist. So sehen Musliminnen das Kopftuch als Möglichkeit, ihre Selbstständigkeit zu bewahren und sich vor dem Schönheitswahn in der Gesellschaft zu schützen, während die öffentliche Debatte das Kopftuch häufig eher als Symbol für die Unselbstständigkeit und Unterdrückung muslimischer Frauen ansieht.

3. Die Kopftuchdebatte in Deutschland – Überblick und Hintergründe

Die Kopftuchdebatte in Deutschland begann bereits im Jahr 1998 mit dem Fall der Lehrerin Fereshta Ludin. Dieser wurde in Baden-Württemberg die Einstellung in den Schuldienst verwehrt, da sie sich weigerte, während des Unterrichts ihr Kopftuch abzulegen. Die Frau klagte dagegen und der Fall ging bis vor das Bundesverfassungsgericht. Dieses entschied im Jahr 2003, dass der Lehrerin ohne rechtliche Grundlage nicht grundsätzlich das Tragen des Kopftuches verwehrt werden dürfe. Damit wurden die Länder aufgefordert, entsprechende Regelungen zu schaffen. In den nachfolgenden Jahren hat eine Reihe von Ländern das Tragen von religiösen und weltanschaulichen Kleidungsstücken und Gegenständen an Schulen und Hochschulen per Gesetz verboten. In den Jahren 2004-2006 schufen so Baden-Württemberg, Niedersachsen, Saarland, Hessen, Bayern, Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen entsprechende Regelungen. Brandenburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein planten ebenfalls derartige Gesetze, konnten in ihren Landtagen aber keine Mehrheiten hierfür gewinnen. Lediglich fünf Länder, nämlich Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen planten kein Gesetz zum Verbot von Kopftüchern oder religiösen Symbolen an ihren Schulen.

Die Kopftuchdebatte erreichte dann einen weiteren Höhepunkt zu Beginn des Jahres 2015, als das Bundesverfassungsgericht ein weiteres Mal ein Urteil fallen musste. Geklagt hatte eine Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, die die Privilegien christlicher Symbole und Traditionen, die das Gesetz erlaubte, beanstandete, da dies nicht im Einklang mit ihrer Religionsfreiheit stünde. Das Bundesverfassungsgericht gab ihr am 27. Januar 2015 Recht und urteilte, dass diese Gesetze gegen das Verbot von Diskriminierung aus religiösen Gründen verstießen (Bundesverfassungsgericht 2015).

Neben diesen medienwirksamen Urteilen gab es eine große Zahl an weniger beachteten juristischen Auseinandersetzungen, welche nicht nur im Rahmen des Schul- oder öffentlichen Dienstes stattfanden. Beispielsweise wurde eine Verkäuferin wegen ihres Kopftuchs entlassen, klagte dagegen und gewann. Ein weiterer großer Meilenstein, der auch die europäische Dimension der Debatte verdeutlicht ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 2017, wonach Arbeitgeber unter gewissen Umständen das Tragen von Kopftüchern am Arbeitsplatz verbieten können.

Neben den politischen und juristischen Entscheidungen entwickelte sich eine hitzige öffentliche Debatte zum Thema Kopftuch und Kopftuchverbote. Von Anfang an war das Interesse an der Frage sehr groß. Da es in Deutschland einen großen muslimischen Bevölkerungsteil gibt und auch immer mehr muslimische Frauen höhere Bildungsabschlüsse erlangen, studieren und in Lehrberufe oder andere öffentliche Bereiche beruflich einsteigen, hatte dieses Thema von Anfang an einen wegweisenden Charakter.

4. Theoretischer Rahmen

Als analytischen Rahmen für meine Arbeit habe ich mich für den Framing-Ansatz entschieden. Der Framing-Ansatz ist eine beliebte Analysemethode in der Medienwissenschaft, hat seinen Ursprung jedoch auch in anderen Disziplinen wie beispielsweise der Psychologie und der Soziologie.

Die Vor- und Nachteile dieser Analysemethode sowie den Forschungsstand der Thematik, möchte ich im Folgenden darstellen. Die Stärken und Schwächen des Framing-Ansatzes werden von Urs Dahinden gemäß Reese/Ghandy und Grant (2001) folgendermaßen herausgearbeitet:

Framing ist ein integrativer Theorieansatz, der für alle Phasen des massenmedialen Kommunikationsprozesses von Bedeutung ist. Hierdurch wird der Gesamtprozess beleuchtet und Phänomene, die über die Grenzen von speziellen Disziplinen hinweg vorhanden sind, können identifiziert werden.

Einen weiteren Vorteil sehen die Autoren in der mittleren Reichweite der Theorie. Das heißt, dass das in ihnen beschriebene Grundmuster auf andere Themen transferiert werden kann. Die Framing-Theorie hat außerdem eine Relevanz für normative Fragen, beispielsweise darüber, wann die Anwendung eines bestimmten Frames gerechtfertigt ist. Eine weitere Stärke des Ansatzes wird darin gesehen, dass es sich hierbei um eine praxisrelevante Theorie handelt, die sowohl für die Kommunikations- und Medienwissenschaft als auch für PR und Journalismus relevant ist. So findet eine Integration wissenschaftlicher Theorie mit beruflicher Praxis statt (Reese et al. 2001 zitiert nach Dahinden 2006: 17-20).

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Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Globaler und lokaler Islam. Eine Analyse der Debatte zum Verbot des muslimischen Kopftuches in Deutschland
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V378081
ISBN (eBook)
9783668553262
ISBN (Buch)
9783668553279
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Kopftuch, Muslime, Debatte, Verbot
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Globaler und lokaler Islam. Eine Analyse der Debatte zum Verbot des muslimischen Kopftuches in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378081

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