Wie gelingt der Ausstieg aus der Kernenergie? Ökonomische, ökologische und politische Faktoren


Hausarbeit, 2012

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zusammenfassung des Video-Vortrags: Hans Werner Sinn – 5.3.2012: Symposium „Energiewende – an die technologische Spitze oder ins wirtschaftliche Abseits?“
2.1. Wer steigt sonst noch aus?
2.2. Woher kommt der Ersatz?
2.3. Die Strompreise
2.4. Brauchen wir das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)?
2.5. Zusammenfassung

3. Zusammenfassung des Gutachtens des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft: Wege zu einer wirksamen Klimapolitik
3.1. Klimaschutz durch Wachstumsverzicht?
3.1.1. Ist das Weltsozialprodukt zu groß?
3.1.2. Sollten sich Wachstumsziele am Sozialprodukt orientieren?
3.2. Klimapolitik in der Marktwirtschaft
3.2.1. Globales Klimaabkommen
3.2.1.1. Attraktivität der Nicht-Zustimmung mindern
3.2.1.2. Emissionssteuern statt Zuteilung von Emissionsmengen
3.2.2. Imperative für die deutsche Energiepolitik
3.2.2.1. Technologieneutralität anstreben
3.2.2.2. Preissignale nutzen – Förderungen in den Markt einbinden
3.2.2.3. Verbraucherautonomie wahren und nutzen
3.2.2.4. Leakage vermeiden

4. Persönliche Stellungnahme
4.1. Allgemeine Feststellung
4.2. Eigene Stellungnahme: Ausstieg aus der Kernenergie: Pro und Kontra
4.3. Eigene Stellungnahme zur Reduktion des CO2-Ausstosses
4.4. Lösungsvorschlag: Erste Stufe: Änderung des Verbraucherverhaltens
4.5. Lösungsvorschlag: Zweite Stufe: langfristige Investition in Forschung Entwicklung

1. Einleitung

Das katastrophale Reaktorunglück im japanischen Kernkraftwerk Fukushima I im Jahr 2011 ist noch immer im Bewusstsein aller Menschen, rund um den Erdball. Dabei wurden große Mengen an Radioaktivität freigesetzt. Es wurden Nahrungsmittel, Luft, Wasser, Boden und sogar das angrenzende Meer kontaminiert, so dass dieses Gebiet unbewohnbar wurde. Nicht zuletzt wegen den verheerenden Folgen und das Leiden, welche dieses Unglück nach sich gezogen hat, ist es nach wie vor in unserem Bewusstsein, sondern eben auch, weil dadurch eine weltweit geführte Debatte über den Ausstieg aus der Kernenergie losgetreten wurde. Diese Debatte endete lediglich für Deutschland und für Belgien mit einem Ausstieg aus der Kernenergie. Deutschland will alle vorhandenen 17 Atomkraftwerke abschalten.

Die vorliegende Seminararbeit soll sich mit dem Thema: Ausstieg aus der Kernenergie beschäftigen. Hierfür werden im ersten Teil der Video-Vortrag und auch das wissenschaftliche Gutachten des Beirats zusammengefasst. Anschließend widmet sich der zweite Teil der Seminararbeit einer persönlichen Stellungnahme zu den oben diskutierten Argumenten. Hierbei soll vor allem versucht werden, die ökonomischen, ökologischen und auch politischen Fragestellungen sinnvoll miteinander in Einklang zu bringen.

2. Zusammenfassung des Video-Vortrags: Hans Werner Sinn – 5.3.2012: Symposium „Energiewende – an die technologische Spitze oder ins wirtschaftliche Abseits?“

2.1. Wer steigt sonst noch aus?

Weltweit sind 424 Atomkraftwerke[1] in Betrieb. Die USA, Frankreich, Japan und Russland sind Spitzenreiter in der Atomenergie, da sie die meisten Atomkraftwerke in Betrieb haben und fleißig weitere Atomkraftwerke planen und auch bauen. Für China gibt es so viele Vorausplanungen, dass man sagen kann, dass dort beinahe wöchentlich ein neues Atomkraftwerk errichtet wird.

Die geplanten Abschaltungen belaufen sich weltweit auf insgesamt 98 Atomkraftwerke. Daran beteiligt sind Länder, wie Russland, Südkorea, Großbritannien, Kanada, Deutschland, Belgien, Slowakei, Ungarn und Finnland. Deutschland will bis 2022 alle vorhandenen 17 Atomkraftwerke abschalten und Belgien alle 7. Dies bedeutet, dass lediglich Deutschland und Belgien vollständig aus der Kernenergie aussteigen werden. Die Schweiz plant erst in den 30er Jahren auszusteigen. Alle anderen Länder, wie die USA, China und selbst Japan wollen weiterhin auf Kernenergie setzen. Selbst Südkorea will lediglich 1 Atomkraftwerk von 21 vorhandenen abschalten.

2.2. Woher kommt der Ersatz?

Hans Werner Sinn stellt hier die sogenannte Dena-Studie vor, welche die Versorgung mit Energie auflistet und auch den geplanten Atomausstieg beinhaltet. Diese Dena-Studie ergibt bis 2022 eine Leistungslücke 18 Gigawatt. Diese Lücke kann nicht durch vorhandene Energielieferanten, wie Wasserkraftwerke oder durch erneuerbare Energien abgefangen werden. Die Konsequenz wird sein, dass der Energieverbrauch verringert werden muss. Außerdem wird es unweigerlich zu einem Preisanstieg kommen, um diese Energielücke zu schließen.

Laut Hans-Werner Sinn wird es etwa 10-20 Jahre dauern, um die Kernenergie durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Das übergeordnete Ziel, die fossilen Brennstoffe zurückzudrängen und an ihre Stelle ebenfalls erneuerbare Energien zu setzen, wird vorläufig zu den Akten gelegt werden müssen. Die CO2 Emission wird bis 2022 ebenfalls nicht reduziert werden können, da nicht alle Ziele gleichzeitig erreicht werden können. Hans-Werner Sinn schätzt die Chancen günstig ein, die Windenergie anstelle der Kernenergie zu setzen. Bevor jedoch die Kernenergie nicht ersetzt worden ist, wird die Bundesrepublik Deutschland auch nicht den Energieverbrauch durch elektrische Verkehrsmittel, wie Autos, zusätzlich an erneuerbaren Energien aufbringen können.

Hans-Werner Sinn sieht die Errichtung von Windflügelanlagen eher kritisch. Hierbei werden Naturlandschaften in Industriegebiete umgewandelt. Diese Industrielandschaften haben dann nichts mehr mit Naturschutz zu tun. Das Problem bei Windflügelanlagen ist, die unstete Versorgung mit Energie. Um die Windenergie richtig nutzen zu können, wären in Deutschland 500 Speicherkraftwerke nötig, um den Strom aufzufangen. Die Errichtung einer solch hohen Anzahl an Speicherkraftwerken wird in Deutschland, wegen Protesten in der Bevölkerung, nicht realisierbar sein. In Zukunft wird es wahrscheinlich mehr Gaskraftwerke geben, um die Zeiten abzufangen, zu denen es keinen Wind oder keine Sonneneinstrahlung gibt.

Der Nachteil ist, dass nun auch die Kosten für die Errichtung von Gastkraftwerken in den Strompreis mit einberechnet werden müssen. Diese Kosten sind mit 7 Cent pro Kilowattstunde veranschlagt, einzig für die Gaskraftwerke. Der Strom, der durch Sonnen- oder Windenergie erzeugt werden soll, wird vermutlich für 13 Cent pro Kilowattstunde angeboten werden (Herr Töpfer). Im Vergleich dazu beträgt der Großhandelspreis für Strom im Moment 5 Cent pro Kilowattstunde.

Das Hauptproblem für die Erzeugung von Strom durch Windenergie sieht Hans-Werner Sinn im enormen Platzbedarf. Um Beispielsweise das Kernkraftwerk Biblis A zu ersetzen, müssen 6800 Windkraftwerke gebaut werden. Ein Wattenmeer würde lediglich ausreichen, um die Kernenergie zu ersetzen. Wollte man die Stromversorgung für die gesamte Bundesrepublik Deutschland nur durch erneuerbare Energien sichern, so müsste man die gesamte Fläche von Baden-Württemberg komplett mit Windkraftanlagen bestücken.

Eine andere Möglichkeit wäre, sich an den Atomstrom von Frankreich und Tschechien anzuschließen. Hierfür müssten dann in Deutschland in Ost-West-Richtung Trassen errichtet werden. Hans-Werner Sinn geht davon aus, dass dies die einzige Möglichkeit sein wird, um an billigen Strom zu gelangen.

Hans-Werner Sinn nennt Kohleenergie als eine mögliche Alternative um an Strom zu gelangen. Hierfür wird Kohle aus der Erde befördert und in Strom umgewandelt. Jedoch wirkt das zurückbleibende CO2 in der Atmosphäre wie ein Treibhausgas und ist für die globale Erderwärmung verantwortlich. Aus diesem Grund soll dieses CO2 Gas abgefangen werden und anschließend soll das verflüssigte CO2 in unterirdische Gesteinsschichten injiziert werden, damit es nicht in die Atmosphäre gelangt. Dies wird auch als Sequestrierung bezeichnet. Laut Hans-Werner Sinn liegt das Problem jedoch im erhöhten Platzbedarf, da der Sauerstoff einen größeren Platzbedarf verursacht, als zur Verfügung steht. Beim Kohleabbau kann lediglich ein Platz von 1/5 geschaffen werden, jedoch fehlen 4/5 Platz. Wird beispielsweise 1m3 Anthrazit verbrannt, so entstehen 5,4m3 flüssiges CO2. Darüber hinaus kann es bei einem Leck bei der Endlagerung zu einer Gefährdung für Mensch und Umwelt kommen.

2.3. Die Strompreise

Die Strompreise werden auf jeden Fall in die Höhe schnellen. Der Strom ist bereits sehr teuer geworden. Die Fotovoltaikanlagen kosten den Staat für ganz Deutschland über 100 Mrd. Euro. Dieser Strom hat eine Umlage von 12 Mrd. Euro. Dies bedeutet, dass der Strom um 12 Mrd. Euro über dem normalen Großhandelspreis liegt. Diese 12 Mrd. Euro gehen zum Teil zu Lasten der Verbraucher, die somit mehr für den Strom zahlen müssen und zum anderen Teil gehen sie zu Lasten der Unternehmen. Hans-Werner Sinn spinnt diese Argumentation weiter und meint, dass dies in Unternehmen zur Verringerung von Lohnerhöhungen führen wird.

Hans-Werner Sinn vergleicht die Haushaltsstrompreise von 2009 zwischen Deutschland und Frankreich. In Deutschland kostet die Kilowattstunde bereits 25 Cent, in Frankreich dagegen nur 12,66 Cent, so dass der Strom in Deutschland doppelt so teuer ist. In diesen 25 Cent pro Kilowattstunde sind 13,70 Cent netto Stromkosten, 7,77 Cent Staatsanteil und 3,53 Cent EEG-Umlage vom Staatsanteil enthalten. In Frankreich beträgt der netto Strompreis 9,46 Cent. Dieser niedrige Strompreis kommt wegen dem erhöhten Atomkraftanteil in Frankreich zustande.

2.4. Brauchen wir das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)?

Hans-Werner Sinn setzt sich kritisch mit dem EEG für einen rationalen Umstieg auseinander. Seiner Meinung nach brauchen wir das EEG für einen rationalen Umstieg nicht, da es in Europa bereits den Emissionshandel gibt. Das Ziel dieses European Union Emission Trading System, kurz ETS, ist es, die Emission von Treibhausgasen zu senken und dabei die Kosten für die Volkswirtschaft so gering wie möglich zu halten. Es handelt sich hierbei um ein seit 2005 in Kraft getretenes Handelssystem, welches etwa 11000 Kraftwerke erfasst. Diese Anlagen müssen für den Kohlendioxidausstoß sogenannte Emissionszertifikate nachweisen. Derartige Emissionszertifikate wurden den Kraftwerken zur Verfügung gestellt und zugeteilt. Sind diese Zertifikate zu wenig, dann können weitere in Leipzig oder in Amsterdam erworben werden. Hans-Werner Sinn hält diesen Weg für einen ökologisch effizienten Weg.

Ein wesentlicher Vorteil besteht darin, dass die Preise für solche Emissionszertifikate überall in Europa gleich hoch sind, da die Börse einheitliche Preise schafft. Dadurch wird allen Kraftwerksbetreibern in ganz Europa ein Anreiz zur CO2 Vermeidung geschaffen. Die Grenzvermeidungskosten sind fuer alle Kraftwerksbetreiber gleich hoch. Das Gesetz des einen Preises, das Fundamentalgesetz der Marktwirtschaft, sorgt für ein Minimum an Vermeidungskosten.

Laut Hans-Werner Sinn kann alles, was der Staat noch zusätzlich an Förderung bietet, nur zu mehr Vermeidungskosten führen, den Strom also teurer machen. Hans-Werner Sinn sieht dies beim EEG gegeben. Dieses EEG regelt die Einspeisung von Strom ins Netz aus erneuerbaren Energiequellen. Außerdem wird den Erzeugern eine feste Einspeisevergütung garantiert. Das EEG macht es nochmal günstiger in die erneuerbaren Energien zu gehen. Strom wird erzeugt, der für den Staat noch teurer ist. Der Nutzen für die Umwelt ist dabei gleich null. Das EEG vertreibt somit die Emissionszertifikate aus Deutschland und führt lediglich zu einer Umverteilung der Kohlenstoffdioxidausstoßes in die anderen Länder Europas. Dies bedeutet, dass Deutschland dann zwar weniger CO2 ausstößt, aber andere Länder diese Emissionszertifikate kaufen und somit mehr CO2 ausstoßen.

Laut Hans-Werner Sinn wird durch das EEG das Aufkommen des grünen Stroms in andere EU Ländern verhindert, da der Kohlestrom billiger wird und somit der Strom aus Solaranlagen, zum Beispiel in Spanien oder aus Windanlagen in der Bretagne, nicht wettbewerbsfähig ist. Dies bedeutet also, dass das EEG der Förderung der grünen Technologien in ganz Europa nicht dienlich ist. Hans-Werner Sinn spricht sich klar gegen das EEG aus.

Auch das Argument der Markerschließung zählt für ihn nicht, um das EEG zu rechtfertigen. Seiner Meinung nach können die Unternehmen selbständig, d.h. ohne den Staat in die neuen Technologien für erneuerbare Energien investieren, wenn es sich lohnt. Hierfür brauchen die Unternehmen den Staat nicht.

2.5. Zusammenfassung

Abschließend fasst der Ökonom Hans-Werner Sinn seine acht Thesen des Vortrags zusammen, die klar gegen den Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie sprechen. Hierbei muss festgehalten werden, dass er aus der Sicht eines Ökonomen spricht, der sich der Politik nicht „verpflichtet fühlt“. Den Ausstieg aus der Atomenergie macht kein anderes Land, außer Belgien mit. Außerdem wird die Versorgungslücke noch schneller ansteigen, als bisher. Der Platzbedarf durch die Deckung des Strombedarfs mit „grünem Strom“ wäre enorm. Für die Bundesrepublik Deutschland wäre ein Bedarf von 5 Wattenmeeren nötig, um den Strombedarf der BRD zu decken. Die BRD wird es bis 2020 nicht schaffen den Kohlendioxidausstoß zu verringern, da Deutschland damit beschäftigt sein wird, den Atomstrom zu ersetzen. Den Elektroautos fehlt die Basis. Einerseits „Strom abzuschalten“ und andererseits Elektroautos zu wollen, passt laut Hans-Werner Sinn nicht zusammen. Fossile Energie ist gefährlich. Einerseits ist der Platz für die Endlagerung von CO2 nicht vorhanden und die Endlagerung ist für Umwelt und Menschen gefährlich. Außerdem wird die Energie auf jeden Fall sehr viel teurer werden. Auch die Baukosten für neue Anlagen müssen bezahlt werden. Das EEG hat keinerlei umweltpolitische Funktion. Es lässt sich nicht rechtfertigen mit dem Argument der Markterschließung, da dieses Argument für eine Marktwirtschaft nicht angemessen ist.

3. Zusammenfassung des Gutachtens des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft: Wege zu einer wirksamen Klimapolitik

Die Herausforderung für unsere Generation besteht darin, eine zu starke Erderwärmung und somit eine dramatische Veränderung des Weltklimas zu verhindern. Bereits 2010 wurde auf der Weltklimakonferenz in Cancún festgelegt, dass die Erderwärmung auf „zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll“[2]. Außerdem einigte man sich auf ein internationales Klimaschutzabkommen, mit dessen Umsetzung bereits 2020 begonnen werden soll.

Jedoch ist es eine unbestrittene Tatsache, dass die Emissionen von Treibhausgasen unvermindert ansteigen, selbst wenn sich Länder wie Deutschland oder Australien für eine Vermeidung von Treibhausgasen ausgesprochen haben. Deutschland beabsichtigt sogar die eigene Kohlenstoffdioxidausstoßung bis 2020 um 40% gegenüber 1990 zu verringern[3]. In Deutschland spricht man sogar von einer „Energiewende“.

Dass die Klimapolitik eines der schwierigsten politischen Betätigungsfelder ist, liegt darin, dass hier verschiedene Sektoren zusammenarbeiten müssen, um etwas zu erreichen. So müssen sich einerseits Unternehmen und andererseits auch die Gesellschaft daran beteiligen, um eine Verringerung des Schadstoffausstoßes zu erreichen. Außerdem ist auch die internationale Kooperation unerlässlich, da es sich hier um ein internationales und nicht um ein regional begrenzbares Problem handelt.

Das zugrundeliegende Gutachten des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gliedert sich in zwei Teile. Zunächst wird auf den Zusammenhang von Wachstum und Nachhaltigkeit eingegangen. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit Empfehlungen zur Klimapolitik. Im speziellen geht es dabei um eine Energiepolitik, welche sich am Klimaschutz ausrichtet[4]. In der vorliegenden Seminararbeit wird diese Zweiteilung ebenfalls eingehalten.

3.1. Klimaschutz durch Wachstumsverzicht?

Viele Teilnehmer der öffentlichen Debatte über die richtige Klimapolitik, so auch Tim Jackson, fordern eine Abkehr vom Ziel des Wirtschaftswachstums. Ihrer Argumentation zufolge ist die weltweite Wirtschaftstätigkeit höher als es unter Berücksichtigung von Umweltzielen optimal wäre[5]. Im folgenden Abschnitt soll diese Behauptung näher beleuchtet werden.

3.1.1. Ist das Weltsozialprodukt zu groß?

Diese Argumentation wird damit begründet, dass die Produktion von Gütern untrennbar mit der Emission von Treibhausgasen verbunden ist, welche sich wiederum schädlich auf die Umwelt und auch auf das Klima auswirken. Solange die Unternehmen für diese Emissionen nicht belangt werden, werden sie ihre Produktion weiter erhöhen, selbst wenn diese über das optimale Niveau hinausgeht.

Jedoch liegt die Schwachstelle dieses Gedankengangs darin, dass bei der Produktion nicht nur Treibhausgase verursacht werden, sondern es können auch positive externe Effekte entstehen, wie z. B. Lerneffekte. Diese Lerneffekte werden von Unternehmern unter Umständen nicht ausreichend berücksichtigt, wenn ihnen der Nutzen nicht zu Gute kommt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es bis heute nicht eindeutig geklärt ist, ob das Weltsozialprodukt größer oder niedriger ist, als das Optimale[6]. Es bleibt unklar, ob die kostenlose Nutzung der Atmosphäre – durch die kostenlose Emission von Treibhausgasen – die positiven externen Effekte, sowie die Verzerrung durch das Steuersystem kompensieren kann[7]. Es erscheint jedoch sinnvoll, eine stärkere Internalisierung von negativen externen Effekten zu fokussieren. Alle Länder sollten bei diesem Vorhaben einbezogen werden. Dies kann durch einen Emissionshandel, wie er bereits existiert, oder durch eine Emissionssteuer umgesetzt werden.

3.1.2. Sollten sich Wachstumsziele am Sozialprodukt orientieren?

Seit einiger Zeit wird die Sinnhaftigkeit von Messgrößen wie Bruttosozialprodukt (BSP) als Indiz für den Wohlstand einer Gesellschaft kritisch hinterfragt. Sowohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP), als auch das BSP können nicht wirklich als Indiz für den Wohlstand eines Landes angenommen werden, da weder eigenwirtschaftliches Tun, noch Freizeit berücksichtigt werden. Das BSP und auch das „BIP dienen dazu, die nicht eigenwirtschaftlich erbrachte Wirtschaftsleistung zu messen“[8].

Bei der kritischen Auseinandersetzung mit der Verwendung des BIP lassen sich zwei Ansätze unterscheiden.

Einerseits ist das BIP als Maß für den Wohlstand eines Landes unvollkommen, selbst wenn es nur die wirtschaftliche Leistung messen soll. Andererseits wird das BIP nach wie vor als Maß für den Wohlstand eines Landes verwendet. Aus diesem Grunde gibt es Ansätze diese beiden Konzepte zu verbessern.

3.1.2.1. Geeignetere Messgrößen für die Wirtschaftsleistung

Bei jeder wirtschaftlichen Tätigkeit fallen neben den erwünschten[9] Produkten auch unerwünschte Güter an. Dabei handelt es sich meistens um Abfälle in den unterschiedlichen Aggregatszuständen. Die Bewertung dieser Nebenprodukte stellt sich nicht ganz einfach dar, da Marktpreise fehlen. Es wäre jedoch logischerweise richtig, in das BIP auch die Schadstoffproduktion einzurechnen.[10]

In diese Richtung noch weiterführender ist das „ Green Gross Domestic Product “, kurz auch green GDP genannt. Das green GDP ist ein Index für wirtschaftliches Wachstum, welcher die negativen Folgen für die Umwelt, die bei Produktionsprozessen unweigerlich anfallen, miteinberechnet. Somit beinhaltet das green GDP den Verlust von Biotopen oder auch die Kosten welche durch Klimaveränderungen verursacht wurden. Ähnlich wie beim Nettosozialprodukt, werden auch beim green GDP die „Abnutzungskosten“ für die Umwelt berücksichtigt.

3.1.2.2. Alternative Messgrößen für die Wohlfahrt einer Gesellschaft

In der Vergangenheit gab es zahlreiche Versuche, die Berechnung[11] des Sozialprodukts weiterzuentwickeln. Als neuen Wohlfahrtsindex haben Hans Diefenbacher und Roland Zieschank 2008 den sogenannten „nationalen Wohlfahrtsindex“ entwickelt[12]. Der Kerngedanke war, dass das Bruttoinlandsprodukt oder auch das Bruttonationaleinkommen die Kosten von Umweltveränderungen – wie der Erderwärmung – nicht ausreichend berücksichtigen.[13]

Beim nationalen Wohlfahrtsindex wird das „Grundkonzept des BIP durch Korrekturfaktoren ergänzt“. Jedoch liegt ein gewichtiger Nachteil darin, dass dieser Index vor allem den persönlichen Neigungen der Entwickler entspricht und nicht objektiv genug ist.

Trotz dieser zahlreichen Bemühungen eine neue und somit bessere Messgröße für den Wohlstand eines Landes zu entwerfen, darf nicht vergessen werden, dass eine neue Messgröße nicht gleichzeitig auch einen besonneneren Umgang mit Umwelt und Klima beinhaltet. Wie bereits im Gutachten des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie[14] richtig angemerkt, ist es viel wichtiger externe Effekte zu internalisieren.

3.2. Klimapolitik in der Marktwirtschaft

Die Ursache für die zunehmende Emission von Treibhausgasen wird in einem zu niedrigen Preis für die Nutzung der Umwelt und der daraus resultierenden Schäden des Klimas gesehen. Diese negativen Folgen für die Gesellschaft entstehen vor allem bei der Nutzung fossiler Rohstoffe[15]. Damit die Politik hier regulierend eingreifen kann, muss sichergestellt werden, dass ein adäquater Preis für die Emissionen veranschlagt wird und dieser auch von allen Beteiligten bezahlt wird. Als Folge daraus werden sowohl für die Konsumenten, als auch für die Produzenten die Emissionen von Treibhausgasen in ihre künftigen Entscheidungen mit einfließen.

Hier muss noch angemerkt werden: „control of climate change is a global public good“[16]. Nationale Bemühungen können schnell im Sand verlaufen, wenn dafür in anderen Ländern vermehrt CO2 ausgestoßen wird bzw. vermehrt fossile Rohstoffe verbrannt werden. Aus diesem Grunde ist ein bindendes, umfassendes und vor allem internationales Klimaabkommen unabdingbar[17].

[...]


[1] https://www.econstor.eu/bitstream/10419/165095/1/ifosd-v65-2012-i06-p03-21.pdf

[2] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), S. 2.

[3] Vgl. ebeda, S. 2.

[4] Vgl. ebeda, S. 3.

[5] Vgl. ebeda, S. 4.

[6] Vgl. ebeda, S. 4.

[7] Vgl. ebeda, S. 5.

[8] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), S. 6.

[9] Ebeda, S. 7.

[10] Vgl. ebeda, S. 7.

[11] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), S. 8.

[12] Vgl. Diefenbacher, Hans und Roland Zieschank (2010): Wohlfahrtsmessung in Deutschland. Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex. Dessau.

[13] Vgl. Ebeda, S. 2.

[14] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), S. 8.

[15] Vgl. Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), S. 8.

[16] Karp, Larry and Jinhua Zhao (2008): A Proposal for the Design of the Successor to the Kyoto Protocol, S. 1.

[17] Vgl. Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), S. 8.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wie gelingt der Ausstieg aus der Kernenergie? Ökonomische, ökologische und politische Faktoren
Hochschule
Fachhochschule Esslingen Hochschule für Technik Esslingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V378128
ISBN (eBook)
9783668581982
ISBN (Buch)
9783668581999
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ausstieg, kernenergie, faktoren, Energiewende – an die technologische Spitze oder ins wirtschaftliche Abseits?, Hans Werner Sinn, globale Erwärmung, carbon leakage, Emissionsrechtehandel, CO2, Treibhausgas, Klima, Erneuerbare-Energien-Gesetz, EEG, Klimaschutz, Klimaabkommen, Energiepolitik, Emission, Emissionssteuern
Arbeit zitieren
Johannes Köck (Autor:in), 2012, Wie gelingt der Ausstieg aus der Kernenergie? Ökonomische, ökologische und politische Faktoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378128

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie gelingt der Ausstieg aus der Kernenergie? Ökonomische, ökologische und politische Faktoren



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden